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Aus der Neuen Solidarität Nr. 23/2002 |
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Die beiden staatlich geförderten Hypothekenkreditriesen "Fannie Mae" (Federal National Mortgage Association) und "Freddie Mac" (Federal Home Loan Mortgage Corporation) in den USA bilden nach Ansicht des Londoner Economist gegenwärtig "die besorgniserregendsten Konzentrationen von Risiken im globalen Finanzsystem". Die dramatische Ausweitung der Aktivitäten dieser beiden Finanzinstitute bildete in den vergangenen Jahren zusammen mit den Zinssenkungen der Federal Reserve die Grundlage für den Aufbau der spekulativen Blase am US-Immobilienmarkt. Wie der Economist in seiner Ausgabe vom 18. Mai schreibt, haben Fannie Mae und Freddie Mac insgesamt ein Kreditrisikovolumen in Höhe von 2,7 Billionen Dollar angehäuft, mehr als doppelt so viel wie die Staatsverschuldung Deutschlands. Nicht weniger Besorgnis erregen die Finanzderivatkontrakte der beiden Institute. Sollte die Immobilienblase ins Rutschen kommen, könnten Millionen von Hausbesitzern zahlungsunfähig werden und damit Fannie Mae und Freddie Mac in finanzielle "Bomben" verwandeln.
Am 28. Mai verkündete der britische Mobilfunker Vodafone "überraschend gute Zahlen", die den Aktienkurs des Unternehmens sogleich in die Höhe trieben. So war der "operative Gewinn" im abgelaufenen Fiskaljahr um 44% auf 10,1 Mrd. britische Pfund angestiegen. Vodafone-Chef Sir Christopher Gent strahlte: "Ich glaube, dies sind sehr gute operative Ergebnisse." Leider war dies aber nur die halbe Wahrheit. Denn der "operative Gewinn" wurde nach dem sogenannten EBITDA-Schema (Earnings Before Interest, Tax, Depreciation and Amortization) errechnet, wobei allerlei lästige Kosten wie Zinsen, Steuern und vor allem Abschreibungen einfach unter den Tisch fallen. Dummerweise gab es für Vodafone in letzter Zeit sehr viel abzuschreiben. Schließlich wäre das vor zwei Jahren für 168 Mrd. Dollar geschluckte Unternehmen Mannesmann aus Deutschland aufgrund der anhaltenden Kernschmelze im Telekomsektor heute nur noch einen Bruchteil dieser Summe wert. Einschließlich der entsprechenden Megaabschreibungen, die auch für die nächsten Jahre vorprogrammiert sind, endete das Fiskaljahr für Vodafone mit einem Nettoverlust von 16,2 Mrd. Pfund oder 23,6 Mrd. Dollar, der größte Jahresverlust, den je ein europäisches Unternehmen hinnehmen mußte.
Rund 10000 wütende Kleinaktionäre strömten am 28. Mai in die Kölnarena zur Hauptversammlung der Deutschen Telekom und gaben ihrer Empörung über den Absturz der einstigen "Volksaktie" und der 50prozentigen Erhöhung der Vorstandsgehälter freien Lauf. Mit Sprechchören und Pfiffen wurde die Rede von Vorstandschef Ron Sommer mehrfach unterbrochen. Jella Benner-Heinacher, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sprach von einer "Ohrfeige für alle T-Aktionäre", wenn der Vorstand "in Zeiten der Cholera auch noch Kaviar bestellt". Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre bezeichnete die T-Aktie als "Investment für Masochisten." Eine sauerländische Aktionärsgruppe rief derweil: "Hi-ha-ho, Sommer ist k.o." Sommer versprach eine baldige Wende zum Besseren, indem er in den nächsten drei Jahren 30000 Arbeitsplätze einsparen will. Auch die internationalen Finanzmärkte reagierten in den folgenden Tagen mit höhnischem Gelächter: Am 30. Mai rutschte die T-Aktie auf den tiefsten Stand aller Zeiten, gerade einmal ein Neuntel des Standes vom März 2000.
Seit Anfang des Jahres stürzt ein großes europäisches Kabelfernsehunternehmen nach dem anderen in die Pleite: NTL, Flag Telecom, Kirch, UPC, Telewest and ITV. Die ausstehenden Schulden von NTL aus Großbritannien und UPC aus den Niederlanden belaufen sich allein auf rund 40 Mrd. Euro. Der sechstgrößte amerikanische Kabelbetreiber Adelphia steht mit 19 Mrd. Dollar Schulden unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Der Gründer und Vorstandschef trat bereits zurück. Aufsichtsbehörden ermitteln wegen betrügerischer Transaktionen zur Verschleierung von 2,3 Mrd. Dollar Schulden. Und seit die Betrügereien am 27. März bekannt wurden schmolz der Aktienwert des Unternehmens auf ein Zwanzigstel des damaligen Wertes zusammen.
Die zweitgrößte amerikanische Telefongesellschaft WorldCom ist noch nicht formell bankrott, konnte aber ihre Schuldendienste auf Anleihen nicht einhalten und forderte die Kreditgeber zu einer Neuverhandlung von 32 Mrd. Dollar Schulden auf. Die 25 Mrd. Dollar Schulden des Schwesterunternehmens AT&T wurden am 29. Mai von Moody's auf den Status von "beinahe Ramsch" heruntergestuft.
Beim holländisch-amerikanischen Datennetzbetreiber KPN Qwest, der in Europa ein 25000 km langes Glasfasernetz aufgebaut hat, droht ein Totalverlust aller Aktien und Anleihen. Nachdem sich die Kreditgeber weigerten, neues Geld in das Unternehmen hineinzustecken, kollabierte der Aktienkurs auf lächerliche 22 Cents und der Kurs der Anleihen auf ganze 2 Prozent des Nominalwertes. Vor zwei Jahren war KPN Qwest noch 43 Mrd. Dollar wert, am 30. Mai waren es nur noch 13 Millionen Euro, eine Implosion um den Faktor 3000. Einen Tag später folgte der formelle Bankrott.
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