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Aus der Neuen Solidarität Nr. 27/2002

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Hauptsache gesund?

Daß Menschen auf den ersten Blick vor Behinderten zurückschrecken, mag noch natürlich sein. Etwas ganz anderes aber ist es, sie möglichst schon im Mutterschoß aufzuspüren und zu eliminieren. Wenn alte Menschen in Pflegeheimen verhungern und verdursten, sich bis auf die Knochen wundliegen, wenn Kranke abgeschoben werden und, wenn ihre Leiden zuviel "kosten" und "zu lange" dauern, der Ruf nach "Euthanasie" laut wird, dann haben wir einen Punkt erreicht, der nach Umkehr schreit.

Ob akzeptiert, angenommen, verstanden oder nicht, auch Schmerz, Krankheit, Alter, vielleicht Behinderung und Tod sind und waren seit jeher Teil eines "lebensvollen Lebens".

Auch als nichtkatholischer Christ muß man in diesem Zusammenhang Papst Johannes Paul II. Hochachtung zollen, denn er gehört zu den wenigen Menschen, die ihre gravierende Krankheit nicht verstecken und auch nicht verstecken können. Aufschlußreich sind die unterschiedlichen Kommentare in der Presse, die sich über den "kranken Papst" und seine vermeintliche Amtsunfähigkeit auslassen. Selbst eher wohlmeinende Autoren (Die Welt, 5. Juni 2002, "Quo vadis, Johannes Paul?") sind in ihrer Einstellung hin und her gerissen:

"Wie lange will er die Welt noch schocken mit den Nahaufnahmen seiner zitternden Hände, den tropfenden Lippen? Wirkt seine Krankheit nicht obszön zwischen den Werbeblöcken? Doch kaum war er aus Aserbaidschan und Bulgarien zurück, verlautete aus dem Vatikan, an den Reiseplänen... für diesen Sommer habe sich nichts geändert. Ein verzehrendes Feuer des Geistes brennt in seinem siechen Körper, dessen Flackern keine Kamera der Welt ablichten kann.

Donnerstagabend weinten Menschen hemmungslos am Straßenrand, als er in der Fronleichnamsprozession völlig ungeschützt hinter der Monstranz an ihnen vorbeigeschoben wurde. Sein Ernst treibt den Menschen die Tränen in die Augen".

Doch in der gleichen Zeitung heißt es anderswo:

"Wir sehen Bilder eines alten Mannes, der nicht mehr laufen kann und kaum noch sprechen kann... Die ganze Welt kann daran teilhaben, wie die Parkinson-Krankheit diesem einst so starken Menschen zusetzt... Alter und Krankheit haben ihre eigene Würde, so sagt man. Dazu gehört freilich, daß man damit auch auf eine würdige Weise umgeht."

Mich würde interessieren, was dieser Autor unter dem Begriff "Würde" versteht. Sich unsichtbar zu machen, sich in ein Pflegeheim einweisen zu lassen, seinen Anblick Menschen "nicht mehr zuzumuten?" Bei dieser Verwendung des Begriffes "Würde" offenbart sich nicht nur Unkenntnis.

Ich scheue mich nicht zu gestehen, mitgeweint zu haben - und das sicher nicht, weil wir den Papst, der dessen wohl am wenigsten bedarf, bemitleiden. Fast jeder ist schon einmal an einer Lebenssituation verzweifelt. Doch die Bilder des "alten", ungebrochenen Mannes vermögen Menschen aller Religionszugehörigkeit die Kraft zu geben, den nächsten Schritt zu gehen und ihr Leben zum Nutzen für sich und andere weiterzugestalten.

Man spürt: Dieser Mann hat ein "lebensvolles Leben" in seiner ganzen Fülle gelebt, hat Kraft und Freude empfunden, ist dabei fremdem Schmerz nicht ausgewichen und kennt und trägt nun noch den eigenen Schmerz. Als "Leidender" (richtig verstanden) ist er jetzt noch mehr und wie kein anderer sensibilisiert für den Schmerz, die Ungerechtigkeiten der Welt, die er offenbar noch immer bis zum letzten Atemzug zu bekämpfen sucht. Paradoxerweise ist er dazu heute noch fähiger als jemals zuvor.

Die Ernsthaftigkeit, mit der der Papst seinen letzten schwierigen Lebensabschnitt trägt, bezeugt nicht nur, daß man auch die schwersten Lasten tragen kann. Sie zeigt auch, daß die Menschen heute geradezu instinktiv in der Lage sind, seinen Ernst richtig zu deuten. Wenn wir zu erkennen vermögen, daß auch in einem "siechen Körper" ein Geist wohnen kann, der in einer herkulischen Anstrengung den Rest seines Lebensweges bestimmt, und uns davon auch berühren lassen, besteht noch Anlaß zur Hoffnung.

J.D.

 

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