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Aus der Neuen Solidarität Nr. 27/2002

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Globales Finanzsystem am Ende
Zeit für LaRouches Lösung!

Hinter der Fassade des Geredes vom "gesunden Fundament" der Weltwirtschaft dürfte auf dem G8-Gipfel blanke Panik über die Kernschmelze auf den Finanzmärkten geherrscht haben. Die Zeit für eine grundlegende Finanzreform, für LaRouches "neues Bretton Woods", drängt.


Das ganze System ist verrottet
Letzte Stufe: Dollar-Crash

Schlußverkauf an den Aktienmärkten; Sonderangebote, soweit das Auge reicht. Aktien der Deutschen Telekom werden für 8 Euro das Stück feilgeboten, verglichen mit 105 Euro im März 2000. Mobilcom-Aktien sind schon für 6 bis 7 Euro zu haben, statt 200 Euro wie vor zwei Jahren. Fast alle Titel des Neuen Marktes, die noch im Frühjahr 2000 mit einem dreistelligen Europreis glänzten, sind inzwischen billiger als ein Pfund Tomaten. Seit dem 26. Juni gibt es einen neuen Preisschlager im Angebot: Aktien der zweitgrößten amerikanischen Telefongesellschaft WorldCom - vor ein paar Jahren 65 Dollar wert, jetzt für lumpige 9 Cents das Stück.

Trotz der Schnäppchenpreise bei Technologiepapieren fliehen Anleger weltweit aus den Aktienmärkten und suchen statt dessen ihr Heil in vermeintlich sicheren Werten wie Immobilien, Edelmetallen oder Anleihen. Allein bei den 600 größten europäischen Unternehmen implodierte der Marktwert seit Jahresbeginn um 1470 Mrd. Euro. Seit März 2000 haben sich hier bereits 3400 Mrd. Euro in Luft aufgelöst. Weitere 4600 Mrd. Dollar an Wertverlust weisen die 500 führenden US-Unternehmen auf. Die US-Technologiebörse Nasdaq fiel am 26. Juni auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren, der Nemax auf ein neues Allzeittief.

Die vordergründigen Ursachen für die nun schon seit zweieinhalb Jahren anhaltende Kernschmelze an den Aktienmärkten (einmal abgesehen von der durch "siegreiche" US-Truppen in Afghanistan" entfachten "Kabul-Rallye" im Spätherbst 2001) liegen auf der Hand: der totale Vertrauensverlust gegenüber den nun als Betrüger entlarvten Vorzeigeunternehmen der amerikanischen "New Economy"; das Ausbleiben der von Quartal zu Quartal immer wieder aufs neue versprochenen "zyklischen Erholung" der führenden Volkswirtschaften; und nicht zuletzt die Kriegsgefahr im Nahen Osten, zusammen mit den Vorbereitungen der US-Regierung für einen Angriff gegen den Irak und der zugleich geschürten Angst vor Terroranschlägen in den USA und Europa. Im Hintergrund steht der langfristige jahrzehntelange Zerfallsprozeß, den diese Zeitung immer wieder beschrieben hat.

Die letzte Ausverkaufswelle wurde am Abend des 25. Juni, kurz nach Börsenschluß an der Wall Street, ausgelöst. Erst waren es nur Gerüchte, dann bittere Wahrheit: Der amerikanische Telekomkonzern WorldCom, ein angesichts von 30 Mrd. Dollar Schulden durchaus mit Deutscher Telekom oder France Telecom vergleichbares Schwergewicht, hat über 15 Monate hinweg seine Bilanzen gefälscht und unter anderem 4 Mrd. Dollar an Umsätzen frei erfunden. Noch am gleichen Abend wurde der Finanzvorstand des Unternehmens fristlos entlassen. Um Anleger und Kreditgeber zu beschwichtigen, wurde ein Sofortprogramm zur Kosteneinsparung verkündet, einschließlich der Entlassung von 17000 Beschäftigten innerhalb der nächsten drei Tage. Aber es half alles nichts. Obwohl sich der Aktienkurs von WorldCom aufgrund von Liquiditätsproblemen ohnehin im Keller war und in den Tagen zuvor erstmals unter die Marke von einem Dollar gefallen war, brach der Kurs im elektronischen Handel binnen weniger Stunden um weitere 80% ein.

Ein Bankrott, einer der größten in der US-Geschichte, ist wohl nur noch eine Frage von Tagen. Rund 60 Banken in aller Welt, an erster Stelle wieder einmal JP Morgan Chase und Citigroup, zittern um ihre Kredite. Weil aber Kreditrisiken heutzutage immer häufiger mithilfe von Kreditderivaten vorab verkauft werden, und zwar zumeist an weltweit operierende Versicherungsunternehmen, wird munter spekuliert, welche Institute denn nun wohl die Leichen im Keller versteckt halten.

Das ganze System ist verrottet

Einzelfälle, wie der von WorldCom, bergen stets die Gefahr, daß man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Auch ohne WorldCom wäre die Zersetzung des globalen Finanzsystems weiter vorangeschritten. Denn, wie es ein führender europäischer Finanzexperte dieser Tage ausdrückte: "Das System ist verrottet bis ins Mark."

Die europäischen Technologieunternehmen sind genauso bankrott wie ihre amerikanischen Konkurrenten. Wer glaubt denn allen Ernstes, Deutsche Telekom oder France Telecom würden auf Dauer ihre gigantischen Schuldenberge von jeweils 60 bis 70 Mrd. Euro refinanzieren können? Alcatel, der größte europäische Telekomausrüster, muß noch einmal 10000 Arbeitsplätze abbauen, zusätzlich zu den bereits vorher verkündeten Entlassungen von 35000 Beschäftigten. Vivendi, der zweitgrößte Medienkonzern der Welt, ist in derart großen Liquiditätsschwierigkeiten, daß er am 25. Juni ein Aktienpaket in Höhe von 1,4 Mrd. Euro vorübergehend an die Deutsche Bank verpfänden mußte. Der Aktienkurs brach daraufhin um weitere 23% auf den tiefsten Stand aller Zeiten ein. Cap Gemini, der größte europäische Computerdienstleister, gab am 27. Juni bekannt, man werde nicht mehr länger auf den "hypothetischen Aufschwung" warten und daher weitere 5500 Beschäftigte entlassen.

Letzte Stufe: Dollar-Crash

Eine weitere Spur der Verheerung könnte schon bald der Crash des US-Dollars in der Weltwirtschaft hinterlassen. Nachdem das US-Handelsministerium für den Monat April einen Anstieg des Handelsdefizits auf den neuen Rekordwert von 35,9 Mrd. Dollar verkündete, stürzte der Dollar auf den niedrigsten Stand zum Euro seit Juni 2000 und auf ein 26-Monatstief zum Schweizer Franken. In den ersten vier Monaten des Jahres erreichte das Defizit der USA im Handel mit Gütern und Dienstleistungen 130,8 Mrd. Dollar. Auf das Jahr hochgerechnet ergäbe dies 392,4 Mrd. Dollar, das höchste Defizit aller Zeiten. Die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland, die zur Finanzierung dieses Defizits notwendig sind, brachen dagegen im ersten Quartal 2002 um 55% ein.

Zu allem Überfluß hat die US-Regierung noch immer keine Einigung mit dem Kongreß über die Anhebung der staatlichen Verschuldungsgrenze von jetzt 5,95 Billionen Dollar erreicht. Wenn dies nicht in den nächsten Tagen geschieht, droht den USA die Zahlungsunfähigkeit. US-Finanzminister Paul O'Neill am 24. Juni: "Es besteht kein Zweifel, daß etwas getan werden muß. Sonst fahren wir gegen die Wand."

Finanzielle, wirtschaftliche und politische Wirren breiten sich zugleich über Lateinamerika aus. Argentinien hat längst die Zahlungsunfähigkeit erklärt. Und Brasilien, der mit Abstand größte Schuldner außerhalb der OECD-Länder, könnte schon bald folgen. Aktien, Währungen und Regierungsanleihen in der Region befinden sich im freien Fall. Anleger fordern von der brasilianischen Regierung inzwischen eine "Risikoprämie" (zusätzlicher Zinssatz verglichen mit US-Anleihen) von über 16%, nach Argentinien die höchste in der Welt, was den Bankrott des Landes noch befördert. Der Real stürzte Ende Juni auf Rekordtief. Der argentinische Peso ist seit Jahresbeginn schon um 73% gefallen und hat damit eine hyperinflationäre Spirale in Gang gesetzt. Die in Dollar gemessene Wirtschaftsleistung Argentiniens stürzte im ersten Quartal um 70% gegenüber dem Vorjahr ab. Der Zentralbankchef trat zurück.

Wer nun aber meint, die in Kanada versammelten Regierungschefs der G-8 würden sich dieser Themen annehmen und grundsätzliche Lösungen ausarbeiten, oder zumindest in Erwägung ziehen, der irrt gewaltig! Statt dessen kommen aus Calgary lediglich die üblichen Sprechblasen über die "gesunden Fundamente" und die, wie schon in den Vorjahren, immer noch "vielversprechenden Aussichten" für die Weltwirtschaft. Hinter den Kulissen werden indessen durchaus Vorbereitungen für radikale Reformen getroffen. Natürlich wollen die Regierungen nicht ihr völliges Versagen eingestehen und die von LaRouche im Rahmen eines "neuen Bretton Woods" geforderten Systemkorrekturen betreiben, die dann einen weltweiten produktiven Wiederaufbau einleiten würden. Vielmehr geht es ihnen um die Ausarbeitung von Notstandsmaßnahmen unter Bedingungen eines Krieges im Nahen Osten und der damit einhergehenden weltpolitischen Eskalation. Zwar könnte man auf diese Weise wohl kaum das "Anlegervertrauen" in den US-Dollar oder irgendwelche Telekomaktien wiederherstellen. Aber durch kriegsbedingte Regulierungen könnte durchaus ein weiterer Preisverfall gestoppt werden: etwa indem der Handel unbefristet ausgesetzt wird.

Lothar Komp

 

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