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Aus der Neuen Solidarität Nr. 28/2002 |
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Bürgerrechtsbewegung Solidarität. Auf einer Wahlveranstaltung der besonderen Art kamen in Berlin Vertreter verschiedenster Länder Eurasiens zusammen.
Am 29. Juni fand in Berlin eine Wahlkampfveranstaltung besonderer Art statt, dieser Stadt sicherlich würdiger, als all das, was dort in der letzten Zeit an Skandalen, Sparprogrammen und politischer Perspektivlosigkeit geboten wurde. Auf Einladung der BüSo kamen Vertreter verschiedenster Länder Eurasiens zusammen, um über den Dialog der Kulturen entlang der neuen Seidenstraße zu diskutieren. Angesichts der bewußten geopolitischen Zuspitzung des Kampfes der Kulturen und der gezielten Inszenierung und Vertiefung von Vorurteilen, kann es nur eine Antwort geben: Die Eurasische Landbrücke, die seit Jahren als einzige Perspektive für die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Kontinente steht, muß zu einen Dialog zwischen den verschiedensten Kulturen und Religionen die Brücke schlagen. Und was wäre naheliegender, als an dem kulturellen Reichtum der alten Seidenstraße anzuknüpfen?
"Die Fackel des Fortschritts gehört den Menschen aller Kulturen." Unter diesem Motto stand die Rede der BüSo-Bundesvorsitzenden und Spitzenkandidatin Helga Zepp-LaRouche. Gerade von ihren wichtigen Besuchen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Brasilien zurückgekehrt, schilderte sie sehr eindringlich den Ernst der Lage. Ob die sich dramatisch zuspitzende Lage im Nahen Osten, die sehr schnell zu einem Krieg in der gesamten Region führen könne, oder die wirtschaftliche Katastrophe in der Welt, die erneut auf dem G-8 Treffen in Kanada verleugnet wurde - als hoch verschuldetes Land mit 32 Bio. Dollar Schulden fänden die USA keine andere Antwort, als durch die koloniale Machtpolitik eines Kissinger, Brzezinski und Huntington alles unter Kontrolle halten zu wollen und weiter den Wahnsinn der "Achse des Bösen" zu schüren.
Mit Blick auf die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung erneuerte Frau Zepp-LaRouche ihren Aufruf nach einer Notkonferenz der wichtigsten Länder, auf der eine vollständige Reorganisation des Finanzsystems diskutiert werden müsse. Dabei müßten Forderungen nach festen Wechselkursen und produktiver Kreditschöpfung durch souveräne Nationen sowie die Anwendung des "Lautenbach-Planes" (produktive Kreditschöpfung unter Krisenbedingungen) berücksichtigt und der Aufbau eines dichten Geflechts an Infrastruktur als Motor für die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung in den Mittelpunkt gestellt werden, wie es das Programm der Eurasischen Landbrücke vorgesehe. Gerade die Notwendigkeit von Wasserprojekten im Nahen Osten machten die Dringlichkeit dieser Forderung deutlich.
Daß die Theorie vom Kampf der Kulturen falsch ist, bewies Frau Zepp-LaRouche sehr schön am Beispiel verschiedener Dichter und Denker: "Gerade in der islamischen Kultur findet man eine regelrechte Wechselwirkung der Kulturen. Der eigentliche Fortschritt der Menschheit ist nie aus einer Kultur heraus, sondern immer aus der Wechselwirkung verschiedener Kulturen entstanden. Aber auch die Ähnlichkeit von Ideen in den verschiedenen Kulturen ist nachweisbar, wie es der Inder Tilak am Beispiel der Astronomie beschrieben hat. In der Philosophie gibt es Parallelen im Denken von Platon und Al Farabi, wenn man z.B. an das Konzept des Philosophenkönigs denkt."
Außerdem beschrieb Frau Zepp-LaRouche den Einfluß der arabischen Welt auf die europäische Kultur: "Die Abbasiden-Dynastie sollte heute weltweit zum Modell werden, denn damals wurde alles bestehende Wissen der Weltgeschichte zusammengetragen, um darauf aufbauend etwas Neues zu entwickeln. Durch solch eine Herangehensweise wurde in der Geschichte oft das Wissen und die Kultur untergehender Reiche vor dem Verfall gerettet. Aber heute sitzt die ganze Menschheit zum ersten Mal in der Geschichte in einem Boot. Deshalb ist es um so wichtiger, die Hochphasen der Kulturen in einem weltweiten Dialog wiederzubeleben und aus diesem Reichtum zu schöpfen. Damit könnte die schönste Renaissance geschaffen werden, die es je gegeben hat."
Im Anschluß an die Rede gab es eine lebhafte Diskussion mit den verschiedensten Fragen. Welche Lehren man zum Beispiel aus der Zeit nach dem Zusammenbruch der ehemaligen DDR ziehen müsse und ob man den Kapitalismus überhaupt bekämpfen könne. Wie es zu verhindern sei, daß selbst beim Bau der Eurasischen Landbrücke das bankrotte System unter anderem Deckmantel wiederkehre. Oder die Frage, ob es richtig sei, nur zurückzusehen in die Vergangenheit und ob man nicht auch Rockmusik und Techno als Kunst anerkennen müsse.
Dem setzte Frau Zepp-LaRouche entgegen, daß der Pessimismus und Egoismus der heutigen Bevölkerung sehr deutlich zum Ausdruck bringe, daß mit unserer heutigen Kultur etwas grundsätzlich nicht stimme.
Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde die BüSo in für heutige Verhältnisse äußerst ungewöhnlicher Weise im Wahlkampf unterstützt. Es waren nämlich verschiedenste Vertreter Eurasiens auf dem Podium versammelt, um gemeinsam mit der BüSo wieder Vielfalt und inhaltliche Tiefe in die politischen Diskussionen zu bringen. Mit ihren Beiträgen wurde der Dialog der Kulturen zur lebendigen Erfahrung. Dr. Nasser Ahmed aus Palästina; Dr. Fekadu Bekele, Entwicklungsökonom aus Äthiopien; Dr. Firus Ahmedov Bachor, Vorsitzender der Deutsch-Tadschikischen Gesellschaft in Berlin und Prof. Dr. Aslam Syed aus Pakistan (Universität Islamabad), z.Zt. Gastprofessor in Berlin, kamen nun zu Wort.
Wie ein roter Faden zog sich durch alle Reden die Forderung nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit und nach der Bekämpfung der Armut. Gleichzeitig gab es die vielfältigsten Beispiele dafür, wie die Kulturen weitergegeben wurden, sich vermischten und vor allem sich gegenseitig befruchteten. Dadurch entstand ein schönes Bild des Zusammenhanges der verschiedenen Zivilisationen. Dr. Bekele wies darauf hin, wer den afrikanischen Einfluß auf die europäische Kultur leugne, solle sich mit den ägyptischen Wurzeln der griechischen Kultur beschäftigen, wie sie sich beispielsweise in den Ideen von Thales, Pythagoras und Platon widerspiegelten. Der senegalesische Gelehrte Ante Diop habe diesen Zusammenhang in außergewöhnlicher Weise herausgearbeitet. Aber es stelle sich natürlich die berechtigte Frage, warum Europa und nicht Afrika diese Ideen aufgriff. Es müsse dringend eine afrikanische Renaissance auf der Basis der klassischen Bildung geben, um das Zeitalter der Ausbeutung und der Armut zu beenden.
Firus Ahmedov Bachor aus Tadschikistan nannte als leuchtendes Beispiel für den Dialog der Kulturen eine der schönsten Städte der Welt: Samarkand. Auf griechisch Marakanda genannt, war es später vom 6.-8.Jahrhundert ein Ort der künstlerischen und philosophischen Begegnung zwischen christlichen, persischen, griechischen, indischen und chinesischen Einflüssen. Im benachbarten Buchara wurde der große arabische Philosoph Ibn Sina geboren, in dessen Person sich die Begegnung der Kulturen verwirklichte. Seine wissenschaftlichen Werke schrieb Ibn Sina in der arabischen, die Poesie in der persischen Sprache. Bachor wies darauf hin, daß Ibn Sina so zum Vorbild des großen persischen Dichters Omar Chajjam wurde.
Das war eine wunderbare Überleitung zu der Darbietung einer Gruppe von persisch-deutschen Schauspielern. Marjam Azemoun und ihre Freunde ließen vor den Ohren der Gäste Höhepunkte persischer Dichtkunst lebendig werden, indem sie Gedichte von Chajjam und Saadi auf deutsch und farsi rezitierten. Dabei wurden sie auf einem alten persischen Instrument begleitet.
Als weiteres wichtiges Beispiel für den Dialog der Kulturen beschrieb Dr. Ahmed die Überlieferung der Ideen der griechischen Antike über die islamische Kultur in Andalusien. Aber die Ideen wurden nicht nur überliefert und damit vor dem Untergang gerettet, sondern in die eigenen Kulturen eingeflochten und weiterentwickelt.
Eine andere beeindruckende Entwicklung ereignete sich in einem kleinem Gebiet in Nordpakistan, wo es zu einer Synthese aus vier großen Kulturen und Religionen kam. Prof. Syed zeigte, wie dort die griechische, indische, iranische und buddhistische Kultur aufeinandertrafen. Dabei kam es nicht, wie so oft, zu einer strikten Trennung der Kulturen, sondern es erwuchs eine ganz neue, eigene Kultur, Gantarra-Kultur genannt, die sich dann entlang der Seidenstraße von Islamabad nach Sinkiang ausbreitete. Die Götter all dieser Kulturen waren als Statuen in Höhlen aufgestellt, so daß die Händler auf der alten Seidenstraße gemeinsam zu ihnen beten konnten.
Prof. Syed entlarvte damit die Huntingtonsche These vom Kampf der Kulturen: "Zivilisationen kollidieren eigentlich nicht. Sie neigen zu gegenseitiger Umarmung und Austausch. Grenzen und Absperrungen sind schnell überwunden, denn Zivilisationen reisen sehr schnell und sehr weit. Aber da, wo heute in Afghanistan amerikanische Bomben fallen, aus dieser Region, aus diesen Städten kamen einstmals große Dichter. Man möchte meinen, die Flammen des Krieges sollen alles zerstören, was schön ist und was wir lieben. Insofern müssen wir uns die Frage stellen, ob - selbst wenn die These vom 11. September wahr wäre - wir wirklich nur noch Krieg als Antwort kennen? Ob wir so wenige Ideen besitzen, wie die Tiere, die keine Vernunft kennen und mit Hörnern gegeneinander kämpfen? Sollen wir wirklich akzeptieren, daß die Menschheit an einem Punkt steht, wo es nur noch den Krieg als Alternative gibt?"
Im Anschluß an die Reden gab es eine intensive Debatte über den 11. September, die Rolle Scharons und es wurde immer wieder eine ernsthafte Besorgnis über die bestehende Situation zum Ausdruck gebracht.
Als besonderer Gast sprach Amelia Boynton Robinson, die als amerikanische Bürgerrechtlerin ihr ganzes Leben dem Dialog der Kulturen und dem Dialog der Menschen untereinander gewidmet hat. Sie warnte sehr eindringlich, es sei fünf vor 12 und jeder müsse vorbereitet sein, mit dazu beizutragen, daß unsere Zivilisation überlebt.
Vieles heute erinnere sie an die 20er Jahre, als der Aktienmarkt kollabierte, viele Reiche Selbstmord begingen, die Armen verhungerten, die Farmer alles verloren, die Arbeitslosigkeit stieg etc. Sie beschrieb wie diese Krise von F.D. Roosevelt gelöst wurde und wie er zum Beispiel Erziehung für die Minderheiten zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte der USA einführte. Das sei vor 70 Jahren gewesen. Die USA seien dabei wirtschaftlich und moralisch aufgeblüht. Aber dann kamen die Rassisten wieder und bauten Hürden auf, so daß die Schwarzen nicht wählen konnten. Leider wurden viele dieser Rassisten gewählt und sie setzten zunehmend eine Politik der Rassentrennung und der Diskriminierung der Schwarzen durch. 35 Jahre habe sie für die Unabhängigkeit der Schwarzen gekämpft und sei dabei selbst zur Zielscheibe geworden.
Heute sei erneut der Punkt erreicht, wo man gemeinsam gegen Rassismus und Ungerechtigkeit angehen müsse. Heute ist vielleicht mein Land betroffen, aber morgen kann es schon deines sein, sagte Amelia Boynton Robinson. Der Dialog der Kulturen solle dazu führen, daß wir eine Geisteshaltung entwickeln, wo der andere zum Bruder wird, egal wo er lebt.
Als eine passende Untermalung des Gesagten zogen sich künstlerische Beiträge verschiedener Kulturkreise durchs Programm. Neben den vorher erwähnten persischen Beiträgen gab es das "Lied ohne Worte" von Mendelssohn-Bartholdy für Cello (J.-S. Tremblay) und Klavier (B. Brenner), Volkslieder von J. Brahms und Spirituals aus Amerika (J. Tremblay). Wie an diesem Tag Politik, Wirtschaft, Kultur, Musik und Poesie zu einer Einheit verschmolzen und jeden der Anwesenden begeisterten, so müssen wir mit diesen Ideen den Wahlkampf bestimmen. Mit diesen besonderen Beiträgen wurde ein politisches Niveau gesetzt, das für viele heute undenkbar ist. Aber genau dahin müssen wir Politik wieder bringen.
Zum Schluß möchte ich in eigenen Worten den Vers von Scheich Saadi wiedergeben, der über dem Eingang der UNO steht: Wenn mein Auge verletzt ist, weint mein Mund. Wenn mein Finger krank ist, habe ich Tränen im Auge. So wie der Körper also eins ist, so ist es auch die Menschheit. Deshalb dürfen wir nicht zulassen, daß die Einheit zerstört und das Leid von Teilen der Menschheit nicht mehr wahrgenommen wird.
Katharina Pagel
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