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Aus der Neuen Solidarität Nr. 29/2002 |
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Club of Life. Die Forderung von Wissenschaftlern, daß der Bundestag eine "Enquete der Heime" einrichtet, dürfte eine heilsame Diskussion anregen, wird aber nur wirklich etwas ändern, wenn der Gemeinwohlgedanke wieder in den Mittelpunkt gestellt wird.
Die Situation in vielen deutschen Alten- und Pflegeheimen hat sich über die letzten Jahre teilweise massiv verschlechtert. Zu dieser Situation hat nicht nur die wachsende Zahl alter Menschen und die gleichzeitig schwindende Bereitschaft der jungen Generation, diese zu pflegen, beigetragen. Vor allem die Wirtschaftskrise, die jahrelange Massenarbeitslosigkeit, ebenso wie die Sparpolitik und die Pflegeversicherung haben ihren Anteil an der Krise.Nach einer aktuellen Studie der gesetzlichen Pflegekassen werden in mehr als zwei Dritteln der Pflegeheime in Niedersachsen "die anerkannten Grundsätze guter Pflege nicht umgesetzt oder sie liegen nicht einmal vor".
Die Lage erfordert sofortiges Handeln. Bereits im letzten Jahr hat eine Forschungsgruppe "Menschen in Heimen" an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld mit Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Dr. Elisabeth Hopfmüller MPH und Beate Röttger-Liepmann als Sprecher eine Aufforderung an den Deutschen Bundestag gerichtet, in der nächsten Wahlperiode eine "Enquete der Heime" einzurichten. Diese Gruppe von Wissenschaftlern und Praktikern will erreichen, daß sich die Öffentlichkeit endlich mit der Situation in den Heimen beschäftigt, um die Lage dort zu verbessern. "Viele Gründe zwingen im 21. Jahrhundert das Heimsystem auf den Prüfstand, um zu klären, ob und in welchem Umfang es heute noch den Belangen der Alten, Pflegebedürftigen, geistig Behinderten, psychisch Kranken und behinderten Kindern und Jugendlichen angemessen sein kann - und überhaupt muß", heißt es in dem Aufruf.
Die Wissenschaftler ziehen das Heimsystem als solches in Zweifel und streben eine "grundsätzliche Weichenstellung" an. Die heutige "Institution Heim" sei als Versorgungstyp eine "Problemlösung des 19. Jahrhunderts". Es könne den "Ansprüchen der Individualisierung und der expandierenden Persönlichkeitsrechte der post- oder spätmodernen Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden". Daraus ergebe sich eine Doppelaufgabe: Schon jetzt real existierende Mißstände müßten pragmatisch angegangen werden; gleichzeitig gelte es, ambulante kommunale Hilfestrukturen weiterzuentwickeln und auf eine breite Basis zu stellen, um den notwendigen Halt in die Lebenswelt der Menschen zu holen.
Es wird die Frage nach der verfassungsrechtlichen Zulässigkeit von Heimen und der dort oft verletzten Menschenwürde gestellt. Der Psychiater Klaus Dörner, einer der Hauptinitiatoren der Arbeitsgemeinschaft, erklärte, daß es nicht erlaubt sei, "Menschen in Heime zu stecken, da das faktisch eine Zwangsunterbringung ist". Am liebsten würde er viele Heime abschaffen und statt dessen einen "ambulant-kommunalen Sorge-Mix" verschiedener Dienstleister schaffen.
Viele der von Dörner aufgeworfenen Probleme geben zwar die brutale Realität in vielen Heimeinrichtungen wieder, es bleibt allerdings die Frage, ob ein anderes System unter den gleichen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen tatsächlich in der Lage ist, tragfähigere und bedarfsgerechtere Strukturen und Hilfen zu schaffen. Denn Probleme und Mängel in Heimen werden nicht einfach durch deren Struktur verursacht. Die meisten Mängel in den Heimen haben vielmehr mit einem moralischen Werteverfall, mit mangelnder Finanzierung und wenig oder schlecht qualifiziertem Personal zu tun. Die gleichen Ursachen führen genauso zu Mängeln in der ambulanten Versorgung.
Zu recht drängen die Autoren allerdings darauf, daß die Persönlichkeitsrechte von Heimbewohnern ernster zu nehmen seien, und fragen, ob nicht viele Bewohner nach einer bestimmten Zeit wieder zu Hause leben könnten. Das "Sorge-System" in Deutschland sehen sie vor allem durch zwei Entwicklungen bestimmt, durch den demographischen Wandel und, daraus resultierend, durch die Finanzierung. Dabei meinen sie, daß "das Gebot der Wirtschaftlichkeit strenger als früher zu beachten ist. In Zukunft stehen demnach geringere Finanzmittel einem größeren Kreis von Leistungsberechtigten gegenüber".
Offenbar gehen die Wissenschaftler davon aus, daß ambulante Hilfe auf Dauer billiger bzw. kostengünstiger ist als das Leben in einem Heim. Das mag zum derzeitigen Zeitpunkt stimmen, denn im ambulanten Bereich bekommt man heute in Stufe III oder in Ausnahmefällen Stufe IV höchstens vier Stunden pro Tag Hilfe durch einen ambulanten Pflegedienst zugestanden. Braucht man mehr Pflege, muß man den Rest der Zeit selbst bezahlen, oder man ist allein, vielleicht kümmern sich auch Freunde und Verwandte.
Aber gerade vereinsamte und psychisch kranke Menschen, die alleine in ihrer Wohnung den Anschluß an das Leben nicht (mehr) finden, versorgt von häufig unter Zeitdruck stehenden ambulanten Helfern, werden in einem ambulanten System zuwenig umsorgt. Sie wären in Heimen oder Wohngruppen besser aufgehoben. Für viele sind das auch Orte, an denen sie nicht isoliert sind und die es ihnen ermöglichen, an sinnstiftenden Aktivitäten teilzuhaben. Denn ein Heim muß nicht zwingend aus langen, tristen Korridore mit winzigen Zimmern links und rechts bestehen. Und es muß nicht mit ebenso lieblosem Personal ausgestattet sein.
Mit ein wenig Phantasie könnte ein Heim heute ganz andere Formen annehmen. Sei es in Form von gemeinschaftlichen Lebensformen, die das Miteinander von eher hilfebedürftigen und eher selbständigen Menschen ermöglichen. Oder in Form eines vernetzten Pflegezentrums, in dem es abgeschlossene Wohnungen, Gemeinschaftsräume, Tagesgruppen und ein Notrufsystem gibt. Die Pflegekräfte kommen, wenn es nötig ist. Auch könnten bestehende Heime in kleine abgeschlossene Wohngruppen unterteilt werden.
In jedem Fall sind die zur Zeit bestehenden Probleme in den Heimen ein Ausdruck unserer Gesellschaft, deren Denken nur von Geld, Karriere, Ich und Nützlichkeit bestimmt wird, in der von einem Pflegemarkt und von alten Menschen als Kostenfaktor die Rede ist. Dann geht es nicht mehr um Nächstenliebe, Sorge für den anderen, Achtung vor dem Nächsten und sich selbst, sondern nur noch um "mein Geld, mein Haus, mein Auto, mein...".
Aus all diesen Gründen wird die geforderte Bundestagsenquete sicher Diskussionen auslösen; sie wird aber fehlschlagen, wenn sie demselben Denken verhaftet bleibt, das bereits das gegenwärtige System prägt: "Alles darf nicht soviel kosten oder noch weniger." Diese Denkweise wird in dem Aufruf in keiner Weise angegriffen, sondern man unterwirft sich demselben Wirtschaftlichkeitskriterien. Auch die zugrunde liegenden Denkweisen werden nicht in Frage gestellt. Wie soll in einer Gesellschaft das Leben eines alten Menschen geachtet werden, wenn ein gerade in Entstehung befindliches zerstört werden darf, oder wenn offen über Euthanasie diskutiert wird.
Aus den genannten Gründen wird der geforderte grundlegende Wandel in der Versorgung alter Menschen nur zu gestalten sein, wenn die Idee des Gemeinwohls wieder in den Mittelpunkt der Sozialpolitik gerückt wird. Und gerade deshalb ist die Arbeit des Club of Life und der BüSo so entscheidend.
Frauke Richter
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