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Aus der Neuen Solidarität Nr. 29/2002 |
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Weltfinanzkrise. Der Gesamtwert amerikanischer Aktien fiel seit März 2000 von 17 auf 10 Billionen Dollar - die gigantischste Vermögensvernichtung aller Zeiten.
Die Implosion der Papierwerte geht unvermindert weiter. Schon die Jahre 2000 und 2001 bereiteten den Aktionären in aller Welt eine Zeit des Schreckens und der immer wieder enttäuschten Hoffnung, das Schlimmste sei jetzt bald überstanden. Dann kam die erste Jahreshälfte 2002 und erwies sich für etliche führende Aktienindizes, darunter den deutschen DAX, als das schlimmste erste Halbjahr seit mindestens drei Jahrzehnten. In der ersten Juliwoche stürzten die Aktienkurse weltweit erneut in den Keller. Und das Ergebnis der zweiten Juliwoche war der dramatischste Einbruch amerikanischer Aktienwerte seit der auf den 11. September 2001 folgenden Handelswoche.
Sowohl der Standard & Poor's-Index der 500 führenden US-Unternehmen als auch der Nasdaq-Index des US-Technologiesektors ist damit auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen, noch unter das Niveau der globalen Finanzstürme vom Herbst 1998. Der S&P-500-Index ist auf dem besten Wege, das dritte Jahr in Folge zu schrumpfen, was es zuletzt vor 60 Jahren gegeben hatte: zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in den Jahren 1939 bis 1941. Der gesamte Marktwert amerikanischer Aktien fiel seit März 2000 von 17 auf 10 Billionen Dollar - die mit Abstand größte Vermögensvernichtung aller Zeiten. Beinahe jeder zweite amerikanische Privathaushalt erhält in diesen Tagen schockierende Post von seinem Investmentfonds: den persönlichen Vermögensstand am Ende des ersten Halbjahrs 2002 - verheerend, mit all den verheerenden Folgen für Altersvorsorge und sonstige Zukunftsplanungen. Der deutsche "Neue Markt" ist schon lange nur noch ein Treppenwitz. Egal ob Telekom, Biotech oder Logistik: rund 98% des Marktwertes vom Frühling 2000 haben sich in Luft aufgelöst.
Dabei ist die seit zweieinhalb Jahren anhaltende Kernschmelze an den Börsen nur eines von vielen weiteren Symptomen, die den fortschreitenden Degenerationsprozeß eines hoffnungslos überschuldeten und mit fiktiven Papierwerten vollgestopften Finanzsystems begleiten: Bankrotte immer größerer Unternehmen, Zahlungsunfähigkeiten ganzer Volkswirtschaften, permanente Massenarbeitslosigkeit in den sogenannten "Industrieländern". Die neuen wirtschaftlichen Dogmen, die im Verlaufe der letzten drei Jahrzehnte Schritt für Schritt eingeführt wurden - darunter die Abschaffung einer internationalen Währungsordnung im Jahre 1971, das Ersetzen von Produktion und Investition durch Dienstleistung und Konsum, die neoliberalen Heilslehren der 80er und 90er Jahre, zuletzt der "New Economy"-Wahnsinn - haben das System völlig an die Wand gefahren und erfordern jetzt einen radikalen "Regimewechsel".
Um den vollständigen Bankrott ihrer wirtschaftlichen Dogmen zu verschleiern, haben sich Politiker, Bankiers und Anlageberater längst angewöhnt, immer wieder neue Erklärungen anzubieten, warum mal wieder alles schiefgeht. Das Strickmuster ist stets das gleiche: Ein isoliertes Teilstück des Gesamtsystems sei aus diesem oder jenem Grund vorübergehend in Verruf geraten, heißt es, aber der Rest kerngesund, und deshalb gehe es schon bald wieder aufwärts.
Beim Aktiencrash verhält es sich nicht anders: Erst waren es nur ein paar "Übertreibungen" bei Technologieaktien, die eine ganz natürliche "Korrektur" erforderten. Dann stellte sich heraus, daß mit der amerikanischen Wunderwirtschaft irgendetwas nicht stimmte und die Unternehmen, trotz angeblich blendender Zukunftsaussichten, plötzlich nicht mehr investieren wollten. Die nächste Ausverkaufsrunde im Herbst und Winter 2000 war lediglich eine Begleiterscheinung des peinlichsten aller US-Präsidentschaftswahlkämpfe. Etwa zur gleichen Zeit wurde das Aufflammen palästinensischer Unruhen als Störfaktor für die Börsen ausgemacht. Dummerweise wollte die US-Wirtschaft auch im Jahr 2001 nicht anspringen. Aber mit ein paar Zinssenkungen - es wurden dann im Jahresverlauf sogar elf - würde sich dieses Problem schon beheben lassen.
Dann kam der 11. September und machte die Dinge besonders einfach: Die amerikanische Wirtschaft und die Weltwirtschaft standen unmittelbar vor einer fulminanten Erholung, hätten da nicht in letzter Minute ein paar islamische Terroristen dazwischengefunkt. Aber die Atempause war kurz. Dank "siegreicher" US-Truppen in Afghanistan wurden "Anlegervertrauen" und "Verbrauchervertrauen" wiederhergestellt, und die Börsen konnten sich bis Dezember 2001 wieder ein bißchen erholen. Doch dann kam Enron: die größte amerikanische Unternehmenspleite aller Zeiten und der Beginn der Bilanzfälschungsskandale. Zwischenzeitlich wurde Argentinien zahlungsunfähig, Brasilien geriet auf die schiefe Bahn, die Türkei wurde noch einmal durch neue IWF-Kredite "gerettet".
Weitere Megabankrotte in den USA folgten, Megabetrügereien flogen auf: Andersen Consulting, Global Crossing, Adelphia Communications, Tyco International, Reliant, Dynegy, Halliburton, Xerox, WorldCom, Imclone Systems, QWest Communications, jetzt die Pharmariesen Merck und Bristol-Myers. Alle haben sie gelogen und betrogen, um ihren Aktienkurs in die Höhe zu treiben. Weil man die These von einigen wenigen "Einzeltätern" inzwischen nicht mehr aufrechterhalten kann, wird nun folgende Botschaft unters Volk gestreut: Ja, es gibt sie, die Betrüger in den Vorstandsetagen, die aus persönlicher Raffgier die Bilanzen fälschten und die damit, nachdem alles aufgeflogen ist, den Kollaps des Aktienkurses und den Verlust Zehntausender Arbeitsplätze zu verantworten haben. Denen wird die Bush-Administration aber nun das Handwerk legen und damit eine "neue Ethik" ins amerikanische Unternehmertum einziehen lassen. Schließlich, so George W. Bush, gebe es "keinen Reichtum ohne Charakter".
Diesmal krümmten sich aber selbst die Börsenhändler vor Hohngelächter. Der Präsident hatte noch nicht ausgesprochen, da schossen die Kurse bereits in die Tiefe, so rasant wie schon lange nicht mehr. Nicht ganz unwesentlich war dabei sicherlich die Tatsache, daß eine ernstlich verschärfte Strafverfolgung finanzieller Schummeleien gerade für ein paar prominente Politiker im Weißen Haus höchst unangenehm sein könnte: Der Präsident konnte im Jahre 1990 seine Aktien von Harken Energy im Werte von einer Million Dollar noch gerade rechtzeitig abstoßen, bevor der von seinem Vater geführte Krieg gegen den Irak die Aktien zum Einsturz brachte. Insidertrading? Bushs Vizepräsident Dick Cheney war Mitte der 90er Jahre Chef von Halliburton - just zu jener Zeit, als das Unternehmen begann, seine Bilanzen zu frisieren.
Kreative Buchführung - von ganz legalen Methoden bis hin zu kriminellen Machenschaften - war ein wesentlicher Bestandteil der "New Economy"-Euphorie. Aber es wird doch wohl niemand ernsthaft glauben, die Megabankrotte und Aktiencrashs würden aufhören, wenn sämtliche Topmanager plötzlich die biblischen Zehn Gebote einhielten.
Auch in unseren Landen wird nach Einzeltätern und untergeordneten Kausalitäten Ausschau gehalten, um weiterhin die Augen vor dem Bankrott des Gesamtsystems verschließen zu können. So will der Kanzler drei Millionen geschröpfte Aktionäre der Deutschen Telekom - der Aktienwert des Unternehmens ist um 280 Milliarden Euro eingebrochen - noch vor den Wahlen gnädig stimmen, indem er Vorstandschef Ron Sommer als Urheber allen Übels in die Wüste schickt.
Dabei hat Ron Sommer genau das getan, was sowohl die jetzige wie die vorherige Regierung von ihm erwarteten. Er verwandelte ein ehemaliges Staatsunternehmen durch aggressive Aufkäufe im Ausland in einen "globalen Spieler" auf dem Telekommarkt - koste es, was es wolle. Auf diese Weise sollte Deutschland dem "Erfolgsmodell" der USA nacheifern und endlich eine angelsächsische "Aktienkultur" erhalten. So wurden am Ende 65 Milliarden Euro an Schulden aufgehäuft, wobei der Marktwert der eingekauften Beteiligungen inzwischen gegen Null tendiert.
Niemand wird Ron Sommer eine Träne nachweinen. Aber sein Rausschmiß sollte auch mit Konsequenzen für seine politischen Komplizen verbunden sein: beispielsweise der Verhängung einer vierjährigen Sperre - bzw. "Denkpause" - für Wirtschaftspolitiker sämtlicher Parteien der jetzigen wie der vorherigen Koalition, und zwar wegen des hinreichend erwiesenen Tatbestandes himmelschreiender Unfähigkeit und zur Abwendung weiterer gemeingefährlicher Folgen.
Lothar Komp
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