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Aus der Neuen Solidarität Nr. 3/2002:

Deutschlands Städte in der Schuldenfalle

Der Deutsche Städtetag schlägt Alarm

Massenarbeitslosigkeit und weltweite Rezession haben für die Kommunen in Deutschland einen Teufelskreis aus sinkenden Steuereinnahmen und steigenden (Sozial-)Ausgaben in Gang gesetzt. Notwendige öffentliche Dienstleitungen wie Krankenhäuser, Büchereien, Schwimmbäder, Kinderspielplätze, Theater werden reihenweise geschlossen, weil in den Kassen der Stadtkämmerer kein Geld mehr da ist.

Eine weitere Säule der deutschen Wirtschaft droht einzustürzen. Den wichtigsten Garanten für die Aufrechterhaltung der physischen und sozialen Infrastruktur, den Städten und Gemeinden, steht das Wasser bis zum Hals. Einige meldeten bereits "Land unter". Weitgehend unbemerkt von den überregionalen Medien vollzieht sich ein dramatischer Zusammenbruchsprozeß. Kommunale Einrichtungen wie Krankenhäuser, Büchereien, Schwimmbäder, Kinderspielplätze und Theater werden reihenweise geschlossen. Schulgebäude verfallen, weil für dringend nötige Reparaturen keine Geld da ist. Die für den Erhalt der Straßen in regelmäßigen Abständen erforderlichen Investitionen können nicht mehr getätigt werden, was dann in ein paar Jahren einen insgesamt 20mal teureren Neubau erzwingt. In anderen Ortschaften müssen sich Autofahrer auf ihrem Weg zur Arbeitsstelle lange Umwege gefallen lassen, weil baufällige Brücken nicht mehr saniert, sondern statt dessen in der Hoffnung auf bessere Zeiten einfach gesperrt werden. Jeder Bürgermeister oder Kämmerer in irgendeiner beliebigen deutschen Stadt oder Gemeinde könnte hier weitere drastische Beispiele aus den vergangenen Wochen oder Monaten anführen.

Wären die Städte und Gemeinden privatrechtliche Unternehmungen, so hätten Hunderte von ihnen, darunter fast alle Großstädte im Ruhrgebiet, längst die Zahlungsunfähigkeit erklärt und sodann Gläubigerschutz beantragt. Aber was Enron und Argentinien können, bleibt den deutschen Kommunen einstweilen verwehrt. Der Löwenanteil ihrer Ausgaben ist gesetzlich vorgeschrieben, so daß Kürzungen kaum noch möglich sind. Eine Weile konnten sie ein paar zusätzliche, aber einmalige, Einnahmen dadurch realisieren, daß sie Versorgungsbetriebe aller Art privatisierten. Im Gegenzug müssen die Kommunen dafür nun häufig Leasinggebühren an die privatisierten Unternehmen entrichten, was ihre laufenden Kosten weiter erhöht.

Weil sie andererseits auch nicht in der Lage sind, ihre langfristige Verschuldung von nunmehr 173 Milliarden DM (88 Mrd. Euro) weiter auszudehnen - das dürfen sie nach dem Gesetz nur bei nachhaltig verbesserter Einnahmesituation - verfallen unzählige Städte und Gemeinden in ihrer Not inzwischen auf eine im Grunde illegale Praxis: Sie nehmen immer mehr kurzfristige Kassenkredite auf, um damit Sozialausgaben zu tätigen oder Personalkosten zu bezahlen. Der Geschäftsführer des Deutschen Städtetags Stephan Articus bezeichnete dies jüngst als einen "außergesetzlichen Zustand". Allein im Jahre 2000, die Zahlen des Jahres 2001 liegen noch nicht vor, schnellte das Volumen ausstehender Kassenkredite der deutschen Kommunen um 20% in die Höhe, von 11,6 Milliarden DM auf 14,0 Milliarden DM. In den neuen Bundesländern betrug die Wachstumsrate sogar 51%.

Zu den wesentlichen Faktoren der katastrophalen Finanzentwicklung bei den Kommunen zählen:

Am 3. Januar faßte der Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes Roland Schäfer auf einer Pressekonferenz in Berlin die verzweifelte Situation der Kommunen zusammen. Die Finanzlage habe sich dramatisch verschlechtert. Allein durch die Steuerreform und die Erhöhung des Kindergeldes sei eine Lücke von 5,5 Milliarden Euro entstanden. Hinzu kam der "katastrophale Absturz" der Einnahmen bei der Gewerbesteuer, die im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 Milliarden Euro oder 12 Prozent zurückgingen. Insgesamt brachen die Steuereinnahmen "alarmierend" um 5,4 Prozent ein.

Kommunale Infrastruktur zerfällt

Fast alle Aufgaben der Kommunen sind gesetzlich vorgeschrieben. Das einzige, was sie noch aus eigenem Ermessen kürzen können, sind die Investitionen. Folglich sind die Investitionen der Städte und Gemeinden, die zwei Drittel aller staatlichen Infrastrukturinvestitionen in Deutschland umfassen, in den vergangenen Jahren regelrecht zusammengekracht. Bereits seit 1992 sind die kommunalen Investitionen ständig geschrumpft, insgesamt um 11 Milliarden Euro. Mit 22,5 Milliarden Euro haben sie nun das niedrigste Niveau der gesamten Nachkriegszeit erreicht. In den neuen Bundesländern werden die kommunalen Investitionen im laufenden Jahr vermutlich auf 4,5 Milliarden Euro fallen, das heißt auf wenig mehr als die Hälfte des Standes des Jahres 1995.

DStGB-Präsident Schäfer beschreibt die Entwicklung treffend als "Teufelskreis": "Die Zurückhaltung bei den Investitionen verhindert einen Konjunkturaufschwung, schlechte Konjunkturaussichten führen zu pessimistischen Prognosen und damit zu weiterer Zurückhaltung bei den Investitionen."

Tatsächlich ist der Rückgang der kommunalen Investitionen gerade zum jetzigen Zeitpunkte die volkswirtschaftlich betrachtet absurdeste Entwicklung, die man sich vorstellen kann. Sie kommt einer wirtschaftspolitischen Bankrotterklärung der Bundesregierung gleich.

Zum einen ist der Nachholbedarf an kommunalen Infrastrukturinvestitionen in Deutschland riesig groß. Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) kommt hier in seiner letzten Studie für die Jahre 2000 bis 2009 auf einen Betrag von sage und schreibe 1342 Milliarden DM (686 Mrd. Euro), 929 Mrd. DM in den alten und 413 Mrd. DM in den neuen Bundesländer. Zwei Drittel dieser Summe sind allein notwendig, um die bestehende, in der Regel schon mindestens drei Jahrzehnte alte Infrastruktur einigermaßen in Schuß zu halten. Darüber hinaus gibt es gerade in den neuen Bundesländern noch immer einen sehr großen Nachholbedarf an Neuinvestitionen in grundlegende Infrastruktur aller Art.

Um den in der Difu-Studie erfaßten Investitionsbedarf bis zum Jahre 2009 zu decken, wäre eine starke Erhöhung der kommunalen Ausgaben für die Infrastruktur erforderlich: Jedes Jahr müßten 66 Milliarden DM investiert werden, fast dreimal soviel wie die tatsächlichen Investitionen im Jahre 2001 in Höhe von 23 Milliarden DM.

Zum anderen hat der Einbruch bei den Infrastrukturinvestitionen wesentlich zur Entstehung der schlimmsten Krise des deutschen Bausektors in der Nachkriegszeit beigetragen. Auf diese Weise wurden die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden weiter beeinträchtigt, ihre Sozialausgaben aber andererseits stark erhöht. In den Jahren 1995 bis 2000 ging die Zahl der Arbeitsplätze im Bauhauptgewerbe von 1,412 Millionen auf 1,050 Millionen zurück. Im letzten Jahr gingen weitere 110000 Arbeitsplätze verloren, also insgesamt 472000.

Die besonderen Erfolge der deutschen Wirtschaft in der Nachkriegszeit beruhen auf einer Reihe außergewöhnlicher Methoden und Faktoren. Dazu zählt in jedem Fall die eng mit dem lokalen Wirtschaftsgeschehen verzahnte Leistungsfähigkeit von Städten und Gemeinden. Letztere sind über Gemeindesteuern an den Gewinnen und Einkommen von Unternehmen und Haushalten beteiligt. Im Gegenzug fördern sie die Produktivität von Unternehmen und das Wohlergehen der privaten Haushalte durch die Bereitstellung einer Fülle von Dienstleistungen, von der Verkehrsinfrastruktur über diverse kulturelle Einrichtungen bis hin zur Versorgung mit Energie und Wasser. Einen Zusammenbruch dieser kommunalen Funktionen würde die deutsche Wirtschaft auf Dauer nicht überleben.

Kommunaler Investitionsbedarf in Deutschland 2000 bis 2009
(in Mrd. DM)
    Bereich ABL NBL Deutschland
    Leitungsgebundene Energieversorgung (1) 68,5 13,0 81,5
    Wasserversorgung und Umweltschutz (2) 173,1 71,8 244,9
    Verkehr (Straßen und ÖPNV) 248,2 101,8 350,0
    Soziale Infrastruktureinrichtungen (3) 193,2 58,3 251,5
    Kommunale Verwaltungsgebäude 28,6 8,1 36,7
    Kommunale Telekommunikation 9,0 1,0 10,0
    Kommunaler Wohnungsbau 32,1 61,7 93,8
    Sonstige kommunale Investitionsbereiche 116,4 85,3 201,7
    Erwerb von kommunalem Grundvermögen 60,0 12,0 72,0
    Gesamt 929,1 413,0 1342,1
    (1) Strom-, Gas- und Fernwärmeversorgung
    (2) Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Abfallwirtschaft, Altablagerungen
    (3) Schulen, Sport, Kindertagesstätten, Krankenhäuser
Quelle: Difu

 

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