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Aus der Neuen Solidarität Nr. 31/2002 |
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Nach amerikanischen Großunternehmen wie WorldCom drohen nun ganz große Wallstreet-Banken abzustürzen. Nur mit einer transatlantischen Stützungsaktion der Zentralbanken und Regierungen für die Aktienmärkte an der Wall Street und in Europa konnte am 24. Juli ein Systemzusammenbruch gerade noch einmal verhindert werden.
Seit Mai diesen Jahres, und insbesondere im Juli, sind die Aktienmärkte weltweit zusammengeschmolzen. Aus der Hypernervosität und Angst auf den Finanzmärkten ist eine regelrechte Panikstimmung geworden. Dreimal - am 9., 16. und 22. Juli - beschwor Präsident Bush in öffentlichen Reden die "Vertrauenswürdigkeit" und die "starken Fundamente" der amerikanischen Wirtschaft, während er gleichzeitig versprach, hart gegen "vereinzelte" korrupte Manager vorzugehen. Aber die Aktienmärkte verfielen weiter. Auch eine "vertrauenschaffende" Erklärung des Federal-Reserve-Vorsitzenden Greenspan vor dem Bankenausschuß des US-Senats beruhigte die Gemüter nur für einen Tag. Der New Yorker Börsenchef Richard Grasso flehte am 21. Juli in der Fernsehsendung Meet the Press von NBC die Investoren an: "Bitte haben Sie Geduld. Bitte tun Sie nichts, das emotional wohltut, aber langfristig ein Fehler sein wird." Dennoch rauschten am nächsten Morgen die Kurse in die Tiefe.
Die Behauptung, die "Ursache" der immer weiter eskalierenden Finanzkrise seien die Bilanzbetrügereien hauptsächlich amerikanischer Unternehmen, geht natürlich am Kern der Sache vorbei. Der epidemische Bilanzbetrug ist nur ein Symptom, das der in den letzten drei Jahrzehnten vorherrschend gewordene Finanzkapitalismus der anglo-amerikanischen Provenienz - Stichwort "Shareholder Value" - zwangsläufig hervorgebracht hat.
Dieser Finanzkapitalismus beruht auf der systematischen Aushöhlung der produktiven Substanz der amerikanischen Volkswirtschaft (die Rüstungsindustrie ausgenommen). Mit jeden Jahr, in dem diese "Entkernung" der US-Wirtschaft voranschritt, wurde es schwieriger, die grotesk heraufmanipulierten "Unternehmensgewinne" dem Publikum weiterhin glaubhaft zu machen. Mit dem Enron-Skandal Ende 2001 begann das Gaukelspiel, zwecks der Aufblähung von "Gewinnen" Schulden und Kosten "herunterzurechnen" oder ganz zu vertuschen, endgültig zuende zu gehen.
Seitdem zeigt es sich, daß nicht etwa einige isolierte Betrüger in Vorstandsetagen am Werke sind, sondern daß alle Manager, die "erfolgreich am Markt bestehen wollen", mehr oder weniger getrickst, gelogen und betrogen haben. Und es zeigt sich, daß Wirtschaftsprüfer, Aufsichtsbehörden, Anwaltskanzleien, Parlamentarier und höchste Regierungsoffizielle munter mitgespielt haben. Peinlicherweise, aber nicht überraschend, weil sozusagen "systemimmanent", stellte sich zudem heraus, daß auch Präsident Bush und mehr noch sein Vize Dick Cheney bei ihren früheren Tätigkeiten in der "Geschäftswelt" ebenfalls der Bilanzmanipulation und ähnlich dubiosen Verhaltensweisen frönten.
Der Horrormonat Juli begann mit der Aufdeckung von Bilanzmanipulationen des Telekommunikationsriesen WorldCom, auf die am 22. Juli die Einleitung eines Insolvenzverfahrens folgte. Dann zeichneten sich ähnliche Probleme beim Medien/Internet-Giganten AOL Time Warner ab, gegen den inzwischen offiziell von der US-Finanzaufsicht SEC ermittelt wird.
Doch zum Ende der dritten Juliwoche zeichnete sich noch weit schlimmeres Ungemach ab. Am 22. Juli sickerte aus dem Untersuchungsausschuß des US-Senats durch, daß zwei der größten Wallstreet-Banken - J.P. Morgan-Chase und Citigroup - aktiv an Bilanzmanipulationen des inzwischen bankrotten Enron-Konzerns beteiligt waren. Durch spezielle Verrechnungsfahren wurden hochverzinsliche Kredite der beiden Großbanken an Enron so "getürkt", daß sie in den Büchern von Enron als "Guthaben" erscheinen konnten.
Aber das war nur der Anfang. Zwischen dem 22. und 24. Juli schossen in den internationalen Finanzzentren Gerüchte ins Kraut, daß J.P. Morgen-Chase und/oder Citigroup in ernsten Liquiditätsschwierigkeiten steckten. Dabei wurde darauf verwiesen, daß alleine J.P. Morgan-Chase auf ausstehenden Derivatkontrakten in der phantastischen Größenordnung von 29 Billionen Dollar sitzt. Angeblich hätten am Wochenende des 20./21. Juli Gespräche zwischen Vertretern führender Wallstreet-Banken, der Federal Reserve und dem US-Schatzamt stattgefunden. Merkwürdigerweise hatte wenige Tage zuvor Robert Rubin - Vorstandsmitglied bei Citigroup und ehemaliger US-Finanzminister - seinen Rückzug aus der Bank angekündigt. Bezüglich J.P. Morgan-Chase zirkulierten Gerüchte über ein "internes Papier" dieser Bank, in dem es angeblich hieß, es könnte eine Lage auftreten, die eine "Unterstützung" der Bank durch die Federal Reserve und die US-Regierung erforderlich machen könnte.
Am 21. Juli erklärte der japanische Finanzminister Shiokawa in aller Öffentlichkeit, die amerikanische Regierung müsse "etwas für die Aktienmärkte tun". Eine solche höchst undiplomatische Aufforderung, das berühmt-berüchtigte "Crash-Verhinderungs-Team" von amerikanischer Regierung und Notenbank zu aktivieren, deutete darauf hin, daß im US-Finanzsystem eine Gefahr für das gesamte Weltfinanzsystem aufgetaucht war. In der Tat, den Zusammenbruch selbst eines der größten amerikanischen Unternehmen könnte das Weltfinanzsystem gerade noch verkraften. Wenn aber eine der ganz großen Wallstreet-Banken vom Kaliber der J.P.Morgan-Chase oder Citigroup untergehen sollte, dann ist eine systemische Kettenreaktion, die zum Zusammenbruch der Weltfinanzsystem führen würde, vorprogrammiert.
Am 23. Juli und am Morgen des 24. Juli verdichteten sich die Gerüchte über den bevorstehenden Zusammenbruch einer großem Wallstreet-Bank immer mehr. Und parallel dazu steigerten sich die Panikverkäufe von Aktien international immer weiter. Gleichzeitig wurde berichtet, J.P. Morgan-Chase habe eine Telefonkonferenz mit führenden internationalen Banken geführt, um sie zu überzeugen, daß bei J.P. Morgan-Chase "alles in Ordnung sei".
Am frühen Nachmittag des 24. Juli war der deutsche Dax-Index um 7% gefallen. Der Dow Jones-Index in New York eröffnete mit einem Verlust von 200 Punkten. Aber dann geschah etwas sehr Merkwürdiges: Der Dax in Frankfurt machte in wenigen Stunden 10% gut und gewann 3% gegenüber dem Vortag. Noch toller ging es in New York zu. Der Dow Jones gewann fast 500 Punkte oder 6,35% bis Handelsschluß. Irgendeine handfeste Begründung für den mirakulösen Stimmungsumschwung und den folgenden Kaufrausch gab es nicht. Nebulös verwiesen die Finanzmedien auf die Ankündigung der US-Regierung, Finanzminister O'Neill werde vorläufig keine Auslandsreisen mehr unternehmen, und es habe eine "außerordentliche Sitzung" bei der Federal Reserve gegeben.
Zuverlässige Finanzanalysten gaben EIR eine andere Deutung der Ereignisse des 24. Juli: Eine der großen Wallstreet-Banken stand tatsächlich vor der Illiquidät und drohte eine weltweite Paniklawine loszutreten. Deshalb sei nicht nur das amerikanische "Crash-Verhinderungs-Team" in Aktion getreten, um Aktienkäufe an der Wall Street zu tätigen, sondern parallele Aktienkäufe seien von europäischen Notenbanken in Gang gesetzt worden. Unter den Verantwortlichen in Regierungen, Zentralbanken und privaten Finanzinstitutionen habe Übereinstimmung über die akut drohende Gefahr geherrscht, daß das Weltfinanzsystem einstürzen könne.
Hat diese "Feuerwehraktion", die mit ähnlichen Aktionen nach dem Zusammenbruch des LTCM-Hedge Fonds im Herbst 1998 oder nach dem 9. September 2001 zu vergleichen wäre, irgendeine nachhaltige Veränderung der verzweifelten Lage im internationalen Finanzsystem bewirkt? Die Antwort lautet natürlich: Nein! Weder ist der vielbeschworenen "umfassenden Vertrauenskrise" der Anleger dadurch beizukommen, daß an ein paar - oder auch ein paar mehr - Betrüger-Bossen ein Exempel statuiert wird, noch können internationale "Feuerwehraktionen" wie die am 24. Juli mehr erreichen als bestenfalls einige Tage trügerischer Ruhe. Nein, das System des anglo-amerikanischen Finanzkapitalismus muß dahingehend strukturell umgekrempelt werden, daß sozial abgesicherter, realwirtschaftlicher Entwicklung uneingeschränkt der Vorrang gegeben wird.
Es gibt nicht viele, die klare Vorstellungen darüber haben, wie eine solche Anti-Krisenstrategie - vergleichbar Präsident Franklin Delano Roovevelts Vorgehen in den 30er Jahren - auszusehen hätte. An Lyndon LaRouche kommt man in dieser Existenzfrage - nicht nur für die Vereinigten Staaten - nicht vorbei. Am 21. Juli kündigte LaRouche an, daß er auf der Konferenz "Der zweite Hoover ist da! - Der globale Finanzkrach des Jahres 2002" sprechen wird. Die Konferenz wird vom 31. August/1. September bei Washington stattfinden. LaRouche schrieb, er werde zu Beginn der Konferenz vier Kernpunkte darlegen:
1. Der "größte amerikanische Finanzkrach seit einem Jahrhundert" sei "keine Überraschung für denkfähige Erwachsene" in Amerika, Europa und Asien, "unter denen meine langfristigen Prognosen seit mehr als 30 Jahren zirkuliert und immer hitziger diskutiert wurden".
2. "Was war die Ursache der von den Massenmedien angeführten Massenhysterie, welche Menschen dazu brachte, ihre Ersparnisse in ein System zu investieren, selbst noch nachdem sie gewarnt wurden, daß dieses System einstürzen werde - wie dies jetzt auch geschieht?"
3. "Wenn das einzige Vorbild für den Ausweg aus einer neuen 'Hoover-Depression' ein neuer 'Franklin-Roosevelt-Aufschwung' ist, warum verweigern führende Leute und andere, die es auch besser wissen müßten, immer noch Schritte zu einer Wiederbelebung der von Roosevelt eingeleiteten Maßnahmen, mit denen Nord- und Südamerika und das Nachkriegseuropa nach Depression und Krieg in den Jahren 1933-1964 vor dem Indochinakrieg wieder aufgebaut wurden?"
4. "Da in dieser Krise sofort, unter der gegenwärtigen Präsidentschaft [Bush] gehandelt werden muß, was kann und muß man tun, um das amerikanische Parteiensystem zu reorganisieren, damit die politischen Gewohnheiten, die die USA in den letzten Jahrzehnten - Schritt für Schritt, eine Wahl nach der anderen - den Weg hinunter in die gegenwärtige Katastrophe irreleiteten, überwunden werden können?"
Michael Liebig
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