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Aus der Neuen Solidarität Nr. 34/2002 |
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Bildungspolitik. Hilde Reynen-Kaiser, Bundestagskandidatin der BüSo für Düsseldorf-Süd, hält klassische Bildung und Kultur für eine Grundvoraussetzung der Demokratie. Sie schickte uns diesen erfrischenden Kommentar.
Als ich 1973 der CDU beitrat, war der Wertewandel bereits in vollem Gange (das war der Grund, warum ich Jahre später wieder austrat und Mitglied der BüSo wurde). Die Studenten gingen nicht auf die Barrikaden, sondern sie hatten es sich darauf gemütlich gemacht - getreu der Parole, daß man nicht fürs Leben oder für sich selbst lernt, sondern für die Ausbeuter. Die Studenten der Uni Bremen forderten das Kollektivexamen (später weigerte sich die noch vorhandene Industrie, Abgänger dieser Uni Bremen zu übernehmen, weil sie weder Wissen noch Kenntnisse noch Motivation besaßen); andere Studenten forderten die Gleichberechtigung der Lernenden mit den Lehrenden; Schüler wurden anhand des "kleinen roten schülerbuchs" dazu aufgefordert, das Lernen einzustellen, damit sie später nicht mehr ausgebeutet werden könnten; Sport war nur dazu da, den Körper fit zu halten, damit man für die Ausbeuter besser arbeiten kann; und Lehrlingen, die in Azubis umbenannt wurden, wurde gestattet, nicht nur die Maschinen ihres Lehrherrn zu zerstören, sondern auch seine Frau zu mißbrauchen. Und allen Menschen wurde eingetrichtert, sie sollten sich nur noch um sich selbst und ihr Ego kümmern, Spaß haben und sich der Gesellschaft verweigern. Damals kursierte der Witz: "Im wievielten Semester protestierst du?"Die sogenannte Außerparlamentarische Opposition, die APO, wurde von Brandt und Wehner in die SPD geholt, damit sie von dort aus den Marsch durch die Institutionen antreten konnte, und sie wurde willfähriger Vollstrecker des Zeitgeistes mit Rock, Drogen, Sex und Esoterik, welche "Die sanfte Verschwörung" unters Volk brachte und behauptete, daß man den ewigen Frieden gewinne, wenn man in sein Inneres blicke, sich nur noch mit sich selbst beschäftige, Spaß habe und - die Weltregierung einführe, damit es keine Kriege mehr gebe.
Und diese APO hat mit ihrem Marsch durch die Institutionen so viel Erfolg gehabt, daß sie jetzt zum Teil die Regierung bildet. Die Eltern unserer heutigen Schulkinder haben nach dem Willen der damals Agierenden in den Schulen nichts mehr gelernt - getreu dem Motto "Dumme Menschen stellen keine Fragen". Und wenn ich mir das damalige "Deutsche Lesebuch" anschaue, so graut mir noch heute davor. Wie also können die Eltern ihren Kindern helfen, wenn sie selbst nur noch die sogenannte zeitgenössische Literatur kennen wie Berthold Brecht oder Wolfgang Borchert? Wie können sie ihren Kindern die Schönheit der klassischen Kunst zeigen, wenn sie keine Ahnung davon haben? Dieser Wertewandel hat alles das zerstört, was wir nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben.
Was brachte und bringt unsere Politiker in Bund und Land dazu, so zu handeln? Meines Erachtens gibt es da mehrere Betrachtungsweisen.
Erstens: Sie haben nichts aus der Geschichte gelernt, falls sie überhaupt etwas gelernt haben. Aber: "Wer die eigene Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Wissen sie nicht, daß nur ein souveräner Nationalstaat die Menschen- und Bürgerrechte schützen kann? Daß Freihandel die Menschen arm macht? Fazit: Sie gehören nicht in die Parlamente!
Zweitens: Sie kennen die Geschichte, gehen aber um der Macht willen mit dem Zeitgeist. Sie verraten sich und uns, obwohl sie doch den Eid geschworen haben, das Wohl des deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden. Fazit: Sie begehen Hochverrat!
Drittens: Sie lassen sich erpressen, weil sie Angst haben, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Kennedy, Martin Luther King, Herrhausen, Rohwedder usw. Es gibt Leute in Amerika, die sind auf diese Art von Erpressung spezialisiert, wie z.B. Sir Henry Kissinger, der für die Oligarchie der Anglo-Amerikaner und von der englischen Königin geadelt wurde, weil er "uns treffliche Dienste leistete". Fazit: Sie sind feige und verkaufen ihr Seelenheil!
Viertens: Sie haben ihre Überzeugung "verkauft", sie haben sich "verkauft" aus lauter Egoismus und Eigennutz. Man kann es bald nicht mehr an seinen zwei Händen abzählen, wer inzwischen alles wegen Korruption und Käuflichkeit zurückgetreten ist - oder auch nicht. Fazit: Die Politiker sind unglaubwürdig!
Die Politikverdrossenheit der Bürger wird immer größer; auch die Rechtslastigkeit nimmt in beängstigendem Maße zu. Da die Leute nicht mehr gelernt haben nachzudenken, sind es natürlich die anderen, die schuld an der Misere sind.
Wir brauchen viel, viel Zeit, um über die letzten, unseligen 30 Jahre aufzuklären und diese schändliche und korrupte Politik zu korrigieren. Und wir müssen bei der Bildungspolitik beginnen - also bei den Kindern. Das heißt natürlich, daß wir uns um die Kinder kümmern, mit ihnen diskutieren, ihre Fragen richtig beantworten, viel Zeit mit ihnen verbringen, praktisch den Lehrstoff der Schule mit ihnen nochmals durchgehen und notfalls sogar die Lehrer korrigieren, die ja auch nichts anderes gelernt haben und vielfach unschuldig sind an ihren eigenen Unzulänglichkeiten. Sie sind ja genauso frustriert wie die Kinder und die Eltern - und ist nicht auch das gewollt?
Kurz: Wir müssen handeln. Die Kinder brauchen Ideale - und Idole. Führen wir sie an die Klassik heran, geben wir ihnen geistige Nahrung, damit sie wieder eine Basis haben, worauf sie aufbauen können. Wir dürfen ihnen diese Dinge nicht vorenthalten. Besser ein Klavier als Pokémon! Ich habe deshalb einen Kinder- und Jugendchor gegründet.
Mit dem Thema der klassischen Bildung habe ich auf der Straße meine Unterschriften gesammelt und damit viel Zuspruch gefunden. Mit diesem Thema vertiefe ich auch die Gespräche mit den Wählern und ernte nur Zustimmung.
Zum Abschluß will ich den Lesern einen Text nicht vorenthalten, den auch die sogenannten Reformer vor 30 Jahren gekannt haben müssen, um ihre Wünsche und Ziele bewußt durchzusetzen. Ich fand ihn in Platons (427-347 v.Chr.) Schrift Politeia. Er lautet wie folgt:
Wenn sich die Kinder wie Erwachsene aufspielen, recht selbständig und unabhängig erscheinen wollen und weder Scham noch Ehrfurcht vor ihren Eltern mehr haben; wenn sich die Väter dagegen wie Buben benehmen, weil sie sich vor ihren Söhnen fürchten; wenn Lehrer und Erzieher vor ihren Schülern zittern und sie umschmeicheln, damit sie ihnen nicht über die Nase fahren; wenn die jungen Leute sich die Rolle der Alten anmaßen und sich in Wort und Tat gegen sie stellen, während sich ergraute Männer in Gesellschaft junger Burschen so läppisch und albern wie diese benehmen, um nur nicht als spießerisch verschrien zu werden; wenn sich das Verhalten der Weiber und Männer zueinander zu übergroßer Freiheit und Gleichheit entwickelt; wenn die Bürger des Staates in ihrem Streben nach persönlicher Freiheit so überempfindlich werden, daß sie keine Autorität mehr anerkennen wollen und daher auch die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze verachten; dann erzeugen diese zügellosen Freiheiten proletarische Krankheitskeime, die den freien Staat aus der Demokratie geradewegs in die Tyrannei treiben. Diese Krankheitskeime werden von einem Pack von Müßiggängern und Lebensverschwendern gebildet, der massenhaftere Teil unter diesen stellt die Anführer, der schwache Teil die Mitläufer. Allzugroße Freiheit schlägt offenbar in nichts anderes als in große Knechtschaft um, beim Individuum ebenso wie beim Staat.
Hilde Reynen-Kaiser,
BüSo-Bundestagskandidatin für Düsseldorf-Süd
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