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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2002 |
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Von Gabriele Liebig
Nirgends manifestiert sich der realisierte Begriff des "Gemeinwohls" für den Bürger deutlicher als in einem funktionierenden Gesundheitswesen, so wie es in unserem Land bis vor einigen Jahren existierte und mit Recht weltweit bewundert wurde. Denn Medizin ist angewandter wissenschaftlicher Fortschritt. Damit der medizinische Fortschritt im Sinne des Gemeinwohls wirksam wird, nämlich von Ärzten und Pflegekräften auch allgemein angewandt werden kann, ist die Finanzierung der medizinischen Versorgung der Bürger nach dem Solidarprinzip erforderlich, d.h. durch eine allgemeine, nicht profitorientierte Versicherung.
Diese Kombination von theoretischem medizinischen Wissen und dessen Nutzung bei der Behandlung möglichst großer Teile der Bevölkerung kennzeichnet, wie die Medizingeschichte berichtet, die Hochkulturen der Vergangenheit - ganz besonders seit der persisch-arabischen Renaissance und 400 Jahre später der europäischen Renaissance, die den Menschen in den Mittelpunkt stellte. Umgekehrt ist die Zerstörung eines funktionierenden Gesundheitswesens, auch wenn diese schrittweise unter dem Vorwand verschiedenster Sach- bzw. Sparzwänge erfolgt, ein untrügliches Zeichen für den kulturellen Niedergang der betreffenden Gesellschaft. Wenn eine oligarchische Clique auf Dauer die Oberhand über die res publica gewinnt, führt dies unweigerlich zur Zerrüttung des Gemeinwesens. Jüngstes Beispiel ist die Spekulationsorgie unter dem Banner des gemeinwohlfeindlichen Prinzips des Shareholder Value.
Der Zürcher Professor Erwin H. Ackerknecht, Verfasser einer Geschichte der Medizin (1955), unterstreicht den sozialen Charakter der Medizin und hebt hervor, "daß Krankheit mehr ist als der physiologische und psychologische Zusammenbruch eines Individuums. Mächtige soziale Faktoren bestimmten und bestimmen, ob Menschen krank werden oder nicht, und wie und mit welchen Ergebnissen sie behandelt werden. Ein Arzt kann nicht früh genug die Tatsache würdigen, daß sein Beruf Teil und Produkt der Gesellschaft ist, und daß dieser immer mit Religion, Philosophie, Wirtschaft, Politik und der ganzen menschlichen Kultur eng verbunden war und bleibt. Seine Ausbildung, seine gesellschaftliche Wertschätzung, seine Entschädigung... hängen in letzter Instanz von Orientierung und Entscheidung der Gesellschaft ab... Die medizinische Ausbildung ist erst vollständig, wenn sie dem zukünftigen Arzt auch bestimmte moralische und ethische Werte einpflanzt. Der Arzt ist schließlich auch ein Mensch, der Anspruch hat auf ein angemessenes Leben für sich und seine Familie und der gezwungen ist, in der Ausübung seines Berufes ein gesundes Gleichgewicht zwischen Aufopferung und berechtigtem Selbstinteresse zu finden. Die Versuchung, seinen Standard aus Geld- und Popularitätsgründen zu senken, ist groß... Diejenigen, die die Lehren des Hippokrates und das Leben von Männern wie Paré, Semmelweis, Lister, Pasteur oder Osler kennengelernt haben, werden darin immer fließende Quellen moralischer Stärke finden."
Ich möchte hinzufügen: Wenn es soweit kommt, daß kein "gesundes Gleichgewicht zwischen Aufopferung und berechtigtem Selbstinteresse" mehr gefunden werden kann, weil der moralische Standard mit den herrschenden "Sach- und Sparzwängen" unvereinbar ist, dann muß der gewissenhafte Arzt auch die Begrenzung der Standespolitik hinter sich lassen und als Bürger für eine grundsätzliche Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse und Ideologien kämpfen, die eine derartige Krise des Gesundheitswesens hervorgerufen haben.
Unterhöhlt wird unser Gesundheitswesen nicht nur durch die seit einiger Zeit schwelende und nun voll ausbrechende Wirtschaftskrise, nachdem die große Shareholder Value-Illusion kollabiert ist. Ein noch gefährlicher Faktor ist die Ideologie des Neoliberalismus.
Als einer ihrer prominentesten Vertreter, Milton Friedman, neulich seinen 90. Geburtstag feierte, brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. Juli 2002 zu seinen Ehren eine Generalattacke auf die Gemeinwohlidee. Karen Horn gab ihrem Artikel groteskerweise den Titel "Die Würde eines freien Menschen". Er spricht weitgehend für sich selbst, wir zitieren:
"'Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt!' Wer ist nicht schon einmal innerlich zusammengezuckt, wenn dieser pathetische Satz fiel, den der amerikanische Präsident John F. Kennedy einst in der Rede zu seiner Amtseinführung formuliert hat und der heute auf seinem Grabstein in Arlington prangt?
In der Einleitung zu seinem Buch Capitalism and Freedom, vor 40 Jahren erschienen und soeben wieder in der deutschen Neuauflage auf dem Markt, führt der amerikanische Nobelpreisträger Milton Friedman die Monstrosität dieser Worte vor Augen: 'Weder die eine noch die andere Hälfte des Satzes drückt die Beziehungen aus zwischen dem Bürger und seiner Regierung, die eines freien Menschen in einer freien Gesellschaft würdig sind... Die Regierung ist der Herr und der Bürger sein Schutzbefohlener.'
Ein Ansatzpunkt mag darin liegen, daß man den Menschen als unfähig zum Leben in Freiheit begreift... Dabei umfaßt Freiheit immer auch die Freiheit zum Scheitern - und zur selbstgewählten Abhängigkeit...
Nicht nur die Kirchen sehen sich gelegentlich befugt, so zu tun, als ob sie besser wüßten als der einzelne, was ihm frommt. Vor allem weltliche Gruppen erheben gern Anspruch auf höhere Ziele, denen die im Ruche des Egoismus stehende individuelle Freiheit unterzuordnen sei. Das tat auch Kennedy mit seiner kollektiv-kommuniaristischen Phrase. Friedman geißelt den zweiten Teil des Satzes dementsprechend als das Ergebnis eines organischen Zerrbildes, das den Staat - oder eine anonyme Gemeinschaft - zur Gottheit stilisiere, den Bürger hingegen zum Diener degradiere. Ausgerechnet Kennedy, der Repräsentant der freien Welt, hing einem Denken an, das allen Totalitarismen dieser Welt die Türen öffnet."
Man wende den Friedman/Hornschen Gedanken von der "Freiheit zum Scheitern" einmal auf das Gesundheitswesen an: auf den jungen, dynamischen Guido-Wähler, der es für seinen Vorteil ansah, jeden Pfennig an die Börse zu tragen, der gesetzlichen Krankenkasse den Rücken zu kehren und den allergünstigsten Vertrag mit einer privaten Krankenversicherung abzuschließen. Dann scheitert er, verliert sein Geld, seinen Job und wird ernstlich krank. Ausgerechnet für diesen Krankheitsernstfall kommt seine Billigversicherung vertragsgemäß nicht auf. Was wäre nach der Ansicht Milton Friedmans mit diesem Menschen zu tun? Was bedeutet nun in diesem Falle die "Würde eines freien Menschen"? Daß man ihm ganz neoliberal naheliegt, in Würde zu sterben?
Hier offenbart sich der Mißbrauch, den die Neoliberalen mit dem Begriff der Freiheit treiben. Und es zeigt sich auch, daß die berühmte "Eigenverantwortung", wenn sie nicht zugleich auch ein gerüttelt Maß von Verantwortung für das Ganze einschließt, bloß eine irreführende Phrase ist. Im Grunde ist der Neoliberalismus nichts anderes als die Weltanschauung des Franz Moor in Friedrich Schillers Jugendwerk Die Räuber. Franz hält sich selbst für ein großes Schwein, aber für schlau und deshalb durchaus tauglich für diese Welt:
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