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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2002

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USA: Notfallversorgung kollabiert - Warnung auch für uns

Wollen wir in Deutschland die Fehler der USA wiederholen?


"Amerikanische Verhältnisse" bald auch in Deutschland

In letzter Zeit häufen sich die Berichte, daß die Versorgung von Notfallpatienten in den USA immer kritischer wird: Viele Emergency Rooms an den Krankenhäusern sind hoffnungslos überfüllt, und Krankenwagen mit Patienten in kritischem Zustand müssen umgeleitet werden.

Die Schließung des D.C. General Hospital in der Hauptstadt Washington, worüber wir im letzten Jahr ausführlich berichteten, war bereits symptomatisch für den bedenklichen Zustand der Gesundheitsversorgung in den gesamten USA. Dieses einzige öffentliche Allgemeinkrankenhaus in Washington samt seiner stark frequentierten Notaufnahme wurde kurzerhand dicht gemacht, weil die Stadtverwaltung die nötigen Subventionen nicht mehr aufbringen konnte und an seiner Stelle ein lukratives Immobilienprojekt verwirklicht werden sollte. Gerade die großen Allgemeinkrankenhäuser, an die sich die ärmeren Bevölkerungsschichten ohne oder mit unzureichender Krankenversicherung wenden können, gerieten immer stärker in den Strudel schrumpfender öffentlicher Budgets und mußten Kapazitäten abbauen.

Dabei kommt noch verschärfend hinzu, daß es in den USA kein solidarisch organisiertes Versicherungswesen und auch eine Krankenversicherungspflicht für alle Bürger gibt. Jeder entscheidet selbst, ob und wie er sich versichern will. Entsprechend unübersichtlich sind die Angebote der Leistungsträger - von teuren Privatversicherungen über betriebliche Gruppenversicherungen bis hin zu den immer dominierender werdenden "Health Maintenance Organizations" (HMO), die Gesundheitsleistungen nach strikten Wirtschaftlichkeitskriterien behandeln und Kostensenkungen rücksichtslos auf dem Rücken der Patienten durchsetzen. Und wegen der sich immer weiter öffnenden Einkommensschere können sich viele Einkommensschwache selbst diese "Billigversicherung" nicht mehr leisten. Schätzungsweise 45 Millionen Amerikaner oder 16 Prozent der Bevölkerung sind ohne jeden Versicherungsschutz.

Da es außerdem in den USA kein Hausarzt- und Ambulanzsystem wie in Deutschland gibt und die HMOs gleichzeitig ihren Versicherten zur Kostensenkung erhebliche Beschränkungen für den Arztbesuch auferlegen, bleibt für viele im Notfall nur das nächstgelegene Emergency Department, um medizinische Hilfe zu bekommen. Diese wiederum sind verpflichtet, jeden Patienten - unabhängig vom finanziellen oder vom Versichertenstatus - zu untersuchen und zu behandeln, um eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben abzuwenden. Gesetzliche Grundlage hierfür ist der "Emergency Medical Treatment and Active Labor Act" von 1986, der bestimmt, daß nirgendwo in den USA ein Notfallpatient oder eine Schwangere in den Wehen abgewiesen werden dürfen.

In diesen zentralen Notfallanlaufstellen werden mittlerweile über hundert Millionen Menschen jährlich behandelt. Doch wegen immer weiteren Kapazitätsabbaus und Stellenstreichungen kommt es jetzt immer häufiger zu langen Wartezeiten, überfüllten Wartezimmern und Abweisungen bzw. der Umleitung von Krankentransporten durch die Rettungsleitstellen. Der Kollaps der Notfallversorgung könnte bevorstehen, fürchten Experten. Der ehemalige Präsident des American College of Emergency Physicians (ACEP), Dr. Robert Schafermeyer, sprach bereits vor zwei Jahren in einem offenen Brief davon, daß die Überfüllung der Notaufnahmen und das Umdirigieren von Krankentransporten Risiken für die Patienten berge und "eine nationale Gesundheitskrise darstellt".

Einen Einblick in die Lage vieler amerikanischer Kliniken bietet ein Bericht der ACEP vom August 2002 Reaktionen auf die Überfüllung der Notfallaufnahmen. Der Bericht basiert auf einer Umfrage in den Zweigorganisationen des ACEP in allen US-Bundesstaaten. Über 85% der befragten Chapters bestätigten, daß die Überfüllung der Notfallaufnahmen ein erhebliches und sich verschärfendes Problem in ihren Bundesstaaten sei.

In zusätzlichen Schilderungen der Zustände vor Ort wird die Krise oftmals noch deutlicher als in bloßen statistischen Angaben. So wurde aus Texas gemeldet: "In allen Notfallaufnahmen hier liegen Patienten auf Tragen in den Korridoren, und Patienten, die in die Klinik aufgenommen werden, müssen stundenlang in der Notaufnahme warten, bis ein Bett frei wird... Ein kritischer Mangel an ausgebildetem und qualifiziertem Pflegepersonal hat das Problem verschärft... Ich habe Dienstzeiten in einem Krankenhaus in Montgomery erlebt, wo bis zu 16 von 24 Betten der Notaufnahme mit Patienten belegt waren, die ins Krankenhaus aufgenommen werden sollten. Die Wartezeiten verlängerten sich, so daß es passierte, daß Patienten die Notfallaufnahme verließen, ohne untersucht worden zu sein." Und aus Georgia berichtete eine Zweigstelle: "Einmal im letzten Jahr wurden Patienten sogar aus Atlanta (25 Meilen entfernt) in unser Haus umgeleitet."

"Amerikanische Verhältnisse" bald auch in Deutschland

Inzwischen scheint man auch in Deutschland hellhörig geworden zu sein, denn "amerikanische Verhältnisse" im Gesundheitswesen sind bei anhaltender Verschärfung der Finanzlage auch bei uns absehbar. So erschien im Deutschen Ärzteblatt (Heft 30 vom 26. Juli 2002) ein warnender Artikel des kalifornischen Notarztes Tareg Bey unter der Überschrift "Emergency Departments in den USA: Der Notfallversorgung droht der Kollaps". Nach einer ausführlichen Darstellung der Mißstände in den amerikanischen Notfallaufnahmen schreibt er: "Der Aspekt des sogenannten financial transfers von Patienten könnte nach der Einführung des Fallpauschalensystems auch in Deutschland zum Thema werden. Ausgehend von leidigen Erfahrungen in den USA sollte man genau beobachten, welche Krankenhäuser nach der DRG-Einführung gezielt um Kunden (Patienten) werben, die ein geringes medizinisches Risiko bergen. Zugleich besteht die Gefahr, daß zwecks Gewinnmaximierung multimorbide Patienten mit vorhersehbaren komplexen Verläufen in andere Krankenhäuser verlegt werden (patient dumping)."

Im Klartext heißt das, daß sämtliche Reformen im deutschen Gesundheitswesen, die eine höhere "ökonomische Effizienz" anstreben, die Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung herabsetzen werden. So ist tatsächlich vorprogrammiert, daß sich Krankenhäuser "Problempatienten" vom Hals halten werden, wenn sie für deren Behandlung nur nach einem festgesetzten Diagnoseschlüssel (diganosebezogene Gruppen, DRG) abrechnen können. "Konkurrenz" im Gesundheitswesen zur "Kostendämpfung", so haben wir in dieser Zeitung schon lange gewarnt, wird immer zu Lasten der Patienten gehen.

Das wichtigste dabei ist, daß letztlich mit dieser Methode gar keine Kosten gespart werden. Denn, wie Bey im Deutschen Ärzteblatt schreibt, sind in den USA die Notaufnahmen zwar "inzwischen zu ,America's safety net', zum ,Sicherheitsnetz', geworden", doch allein im Jahr 1995 wurden in den amerikanischen Krankenhäusern wegen Nichtversicherung von Patienten und Kostenabwälzung der Privatkassen "für 17,5 Milliarden US-Dollar Leistungen erbracht, die nie bezahlt wurden". Bezahlt wurden sie letztlich schon - von der Allgemeinheit.

Während die Lage des Gesundheitswesens in den USA bereits so verfahren ist, daß Überlegungen über die Einführung einer allgemeinen Versicherungspflicht (nach deutschem Vorbild) angestellt werden, läuft die Entwicklung in Deutschland selbst scheinbar ungebremst genau in die Richtung privatisierter Gesundheitsökomie, die in Amerika die jetzigen desaströsen Zustände hervorgerufen hat.

Dr. Wolfgang Lillge

 

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