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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2002 |
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Melanie Gatzke, BüSo-Direktkandidatin im Wahlkreis München-Ost, Erzieherin, 58 Jahre. Sie war viele Jahre in pädagogischen Einrichtungen tätig, machte Familienpausen, war Hausfrau und zog vier Kinder groß; zur Zeit arbeitet sie als Erzieherin in einem Betriebskindergarten in München.
Bildung und Erziehung im Kindergarten ist enorm wichtig, denn gerade in diesem Alter werden Kinder entscheidend geprägt. Vieles, was hier versäumt wird, läßt sich später nur schwer nachholen. Doch wie sehen unsere Kindergärten aus? Viele Kindergärten sind lediglich Betreuungseinrichtungen. Aber Betreuung ist etwas anderes als Bildung.Seit der PISA-Studie wird viel über Bildung diskutiert. Man hat viel vor, aber umgesetzt wird vieles nicht, jedenfalls nicht in geeigneter und ausreichender Form. Viel Zeit vergeht damit, die Kinder zu versorgen und gut zu betreuen, zu besprechen, was man tun will, doch die Umsetzung bleibt häufig auf der Strecke. Vorhandene Rahmenbedingungen und Strukturen behindern oft eine gewünschte und gezielte Förderung. Es werden Konzepte entworfen mit schönen Formulierungen und Zielsetzungen, doch die Verwirklichung im Kindergartenalltag findet nur begrenzt statt.
Immer mehr Kinder brauchen Therapie: Sprachtherapie, Spieltherapie, Ergotherapie, Psychotherapie. Was ist also los im Kindergarten? Wo bleibt die Normalität? 18% aller Kinder im Kindergartenalter sind heute in ihrer Entwicklung gefährdet - das sollte uns allen zu denken geben. Viele Kinder sind 7-8 Std. im Kindergarten, d.h. offensichtlich wird die jetzige Kindergartenpädagogik den Kindern nicht gerecht.
Viele Kinder sind in der Sprachentwicklung weit zurück. Wortschatz, Satzbildung, Begriffe, Sprachverständnis und die Fähigkeit, sich auszudrücken, lassen große Defizite erkennen. Daraus kann man schließen, daß nicht nur die Eltern zu wenig mit den Kindern sprechen, sondern daß auch in Kinderkrippe und Kindergarten keine zufriedenstellende Spracherziehung stattfindet. Viele Erzieher verfügen auch nicht über eine zusätzliche Qualifikation und haben daher nicht die erforderlichen fachlichen Kenntnisse zur intensiveren Sprachförderung.
Sport hat ebenfalls keinen großen Stellenwert, jedenfalls erlebe ich das häufig. Daß sich die Kinder viel und frei bewegen, ersetzt nicht eine gezielte Bewegungserziehung und Sport, bei dem viele Fähigkeiten vermittelt werden.
Auch in allen anderen Bereichen - Kultur, musische Erziehung - fehlt die ausreichende Förderung. Verständigung mit anderen Völkern erfolgt auch über Kultur, und die Kultur der Völker besteht nicht nur aus unterschiedlichen Speisen.
Der Kindergarten, wie er heute gestaltet ist, wird den heutigen Anforderungen nicht gerecht. Es fehlt eine klare Orientierung. Jeder Erzieher hat seine eigene Vorstellung und danach arbeitet er. Es gibt zwar gemeinsam formulierte Lernziele, nur darunter versteht jeder etwas anderes.
Der Kindergarten hat nach meiner Meinung sehr wohl die Aufgabe, die Kinder so zu fördern, daß sie die Schulreife erreichen. Wir haben veränderte Familienstrukturen, die Mutter ist meistens nicht mehr zu Hause, und am Abend können die Eltern nicht mehr den Tag nachholen. Wenn sich bei den Kindern Entwicklungsrückstände zeigen, wird alles auf die Eltern abgewälzt. Auch das ist zu einfach. Sicher kommen viele Eltern ihren Aufgaben nicht genügend nach, aber das Kind hält sich immerhin 7 Stunden am Tag im Kindergarten auf - eine lange Zeit, in der man es fördern kann. Kindergärten müssen Bildungseinrichtungen werden, die den Anforderungen unserer Zeit entsprechen.
Erzieher sein, heißt nicht nur, die Kinder versorgen, sondern auch erziehen, bilden und fördern. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die das im erforderlichen Umfang ermöglichen. Es müssen wieder klare Ziele da sein. Wir brauchen Vorschulerziehung, in der die Kinder auf die Schule vorbereitet werden. Was heute an Vorschulerziehung geschieht, reicht nicht aus.
Zusammenfassend möchte ich betonen: Das Kleinkindalter ist eine ganz entscheidende Lebensphase, hier wird das Kind entscheidend geprägt. Was da versäumt wird an Entwicklung in allen Bereichen, kann die Schule nur noch mühsam aufholen. Die Ausbildung der Erzieher muß auch den neuen Anforderungen entsprechen und verbessert werden. Wir brauchen Erzieher mit zusätzlichen Qualifikationen in den Bereichen Sprachförderung, Sport und Vorschule, da in diesen Bereichen die Defizite beachtlich sind.
Den Kindergarten wieder als Bildungseinrichtung zu sehen, ist erforderlich. Das muß nicht mehr Geld kosten, nur ein Umdenken. Was wir nicht brauchen, sind Computer im Kindergarten: gemeinsames Spielen und Sprechen ist wichtiger, und Raum für Kreativität und Entfaltung aller Kräfte und Fähigkeiten!
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