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Aus der Neuen Solidarität Nr. 48/2002

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Glosse: Wer braucht hier einen Psychiater?

Berliner Krise trifft den Nerv der politischen Klasse

Neulich wurde dem amerikanischen Präsidenten empfohlen: "Bush braucht einen Psychiater, keinen Irak-Krieg" - und sofort kam einem die Berliner Version davon in den Sinn: "Finanzsenator Sarazzin braucht einen Psychiater - und keine Sparpolitik". Zwei Meldungen der letzten Woche beweisen, daß das gar nicht so weit hergeholt ist.

Die erste lautete: Sarazzin verlangt von den Bürgern rigoroses Sparen - sie sollen z.B. keine Wurst mehr essen! Einige Tage später hieß es, führende Berliner Politiker würden von depressiven Schüben erschüttert, weil sie mit der Depression der Staatsfinanzen nicht mehr fertig werden. Sie stellen plötzlich etwas fest, was der Laie längst wußte: Alle Kürzungen in den Haushalten verringern nicht etwa den Schuldenberg, sondern vergrößern ihn noch! "Wofür machen wir das eigentlich alles?", lamentierte der Geschäftsführer der SPD-Fraktion Gaebler.

Nun soll die Krise dadurch behoben werden, daß die Politiker auf Staatskosten einen Psychiater bekommen - oder, wie man in der Sprache des post-post-modernen Zeitalters diese freundlichen Herren vom anderen Ende der Couch nennt, einen Motivationstrainer.

Apropos anderes Ende bzw. anderes Ufer: Der einzige aus der Berliner Regierungsmannschaft, der sich im Moment scheinbar noch selbst therapieren bzw. motivieren kann, ist der Regierende selbst, Klaus Wowereit. Er weilte zur selben Zeit am anderen Ende der Welt, nämlich in Los Angeles; er tankte kalifornische Sonne, besuchte seinen Kollegen Thomas Gottschalk und tollte in den Requisitenkammern Hollywoods herum. Vor allem eines wurde dabei in der Heimat registriert: das Tete-a-Tete mit "Skulpturen durchtrainierter Männerleiber" und der Griff zu einer blutüberströmten Horrormaske.

Will der Finanzsenator den Berlinern nur deshalb die Wurst vom Brot nehmen, weil ihm beim Anblick Wowereits in Hollywood selber der Appetit vergangen ist? Herr Sarazzin wird ja wohl nicht allen Ernstes meinen, Wurstverzicht könne den Staatsbankrott aufhalten.

Also, liebe Berliner, seid doch bitte ein bißchen solidarischer mit unseren depressiven Politikern! Wenigstens noch ein paar Monate! Denn im nächsten Jahr wird sich alles ändern. Die Krise wird einfach verschwinden: Schulden und Depressionen werden wie weggezaubert sein! Und wer soll das erreichen? Wir ahnen es: natürlich die Motivationstrainer!

Sie raten den depressiven Politikern: "Wir müssen sachlich mit den Problemen umgehen - wie ein Chirurg, der auch nicht mit den Patienten leiden kann." Das Skalpell in der Hand der Sparpolitiker... wir denken an Shylock und das berühmte Pfund Fleisch, das dem Schuldner bei lebendigem Leib herausgeschnitten werden soll. War Wowereit deswegen so fasziniert von der blutigen Maske in Hollywood?

Im übrigen sind beim Motivationstraining studierte Linguistiker am Werk, die auch uns helfen wollen: "Gib dem Kind einen neuen Namen, der Distanz schafft, dann wirst du gesund!" Statt "Staatsbankrott" sag einfach "Eliminierung überflüssiger Bürokratien", statt "sozialem Kahlschlag" sprich von der "Chance auf Selbstverwirklichung jenseits staatlicher Bevormundung", usw.

Das größte linguistische Kunststück vollbrachte wiederum der Regierende selbst. Er weiß, daß die Depression erst dann aufhört, wenn ich als Person gar nichts mehr mit der Wirklichkeit da draußen zu tun habe - wenn ich gewissermaßen als Ich vollkommen verschwinde. Deswegen ist Wowereit immer so gut gelaunt: Er spielt nur eine Rolle. Er ist nicht Klaus Wowereit, Bürgermeister von Berlin, der mit realen Problemen zu tun hat - nein, er ist ein "Medienereignis" (wie er uns in weiser Voraussicht schon vor einem Jahr mitteilte). Er guckt sich selbst bei der Ausübung seiner Rolle zu und lacht sich kaputt darüber, daß andere zu dem Medienereignis "Herr Wowereit" sagen, als wäre es eine reale Person. Schlußfolgerung: Wenn alle Politiker schon so weit wären wie Wowi, dann wäre die Depression vorbei.

Aber, ihr Sarazzinschen und Wowereitschen Gespenster, ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, daß ihr euch einfach so aus dem Staub machen könnt, wenn die Menschen plötzlich vor den Geldautomaten stehen und statt Bargeld ihnen nur jemand die Zunge rausstreckt (vielleicht die etwas zerknautschte ehemalige Finanzsenatorin Fugmann-Hesing)? Oder wenn euer Wurstverbot aus blanker Not uns alle erfaßt? Die Handwerker, Rentner, Lehrer, Ärzte, Arbeiter, Techniker usw. werden euch schon ins reale Leben zurückholen.

Sie werden sagen: Ran an die Arbeit, es gibt einen Plan, die Stadt zu retten: Schuldenmoratorium, ordentliches Konkursverfahren, Berlin wieder zur Industriestadt machen, mit dem Aufbau in Osteuropa, Rußland und Asien verbinden - dann sind wir in ein paar Jahren aus der Krise raus! Aber dazu müßt ihr mitarbeiten - Schluß mit Vernissagen, Events, Medien, Entertainment und Reisen nach L.A.! Ganz reale Personen einer ganz realen Stadt müssen den Mummenschanz beenden, bevor wir alle den Psychiater brauchen.

fh

 

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