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Aus der Neuen Solidarität Nr. 49/2002 |
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Am 24. November veröffentlichte die Tageszeitung Corriere della Sera an prominenter Stelle den folgenden Artikel über Amelia Boynton Robinsons Besuch in Italien. Der Originaltitel lautet "Von Martin Luther King bis zu den Globalisierungsgegnern - eine Frau kämpft", und der Untertitel "Amelia Robinson: So lehre ich die Jugend den gewaltlosen Widerstand".
"Es war große Angst und auch große Wut unter uns. Und mit der Angst und der Wut begann der Haß zu wachsen. Aber es gelang uns, den Haß zu besiegen. Wir konnten weiter wie eine friedliche Armee unseren politischen Kampf führen. Und mit Geduld, mit Gewaltlosigkeit siegten wir. Und glauben Sie mir, nur so kann man gewinnen, auch heute noch, überall auf der Welt."Wenn sie redet, redet die Geschichte. Die 91jährige schwarze Amerikanerin Amelia Boynton Robinson war die rechte Hand Martin Luther Kings, doch sie kämpfte schon lange für die Bürgerrechte, bevor sie den baptistisch-evangelischen Führer kennenlernte, der am 4.April 1968 in Memphis (Tennessee) ermordet wurde. "Ich habe damit angefangen", sagt Amelia Robinson, "als ich ein Kind war und meine Mutter begleitete; sie war eine politische Aktivistin und auch die erste Sekretärin der Negro Chamber of Commerce (Handelskammer der Schwarzen) in Philadelphia."
Diese große aufrechte, Ehrfurcht einflößende Persönlichkeit mit einer einfachen gehaltvollen Sprache - das siebente von zehn Kindern und Witwe dreier Ehemänner - hat diese Lehren niemals vergessen. Auch nicht bei ihrer härtesten Prüfung, dem mit Martin Luther King organisierten Marsch von Selma nach Montgomery (Alabama) am 7.März 1965. Man nannte diesen Tag den "Blutsonntag", weil die Schwarzen zusammengeschlagen, verhaftet, ermordet wurden. Arnulf Zitelman schreibt: "3400 Menschen, darunter auch Martin Luther King, wurden wegen ,ungebührlichen Verhaltens' eingesperrt. Die Polizei setzte als neue Waffe elektrische Schlagstöcke ein, um die Demonstranten auseinanderzutreiben." Amelia setzte ihr Leben ein. Zusammengeschlagen und bewußtlos überlebte sie nur, weil man sie für tot hielt, aber das Foto von ihr, ohnmächtig am Boden liegend, ging um die Welt, wie das Bild des vietnamesischen Mädchens, das nackt und frierend vor den Napalmbomben der Amerikaner flüchtet. Aber dieser Tag war keine Niederlage für Amelia Robinson und die schwarzen Amerikaner. Nach dem Blutsonntag unterzeichnete der amerikanische Präsident Lyndon Johnson das "Voting Rights Act", das Gesetz, das den Schwarzen ihr Wahlrecht garantierte.
Wenn sie sich diese Vergangenheit in Erinnerung bringt, versucht Amelia Robinson ihre Gefühle hinter einem liebenswürdigen Lächeln zu verbergen, denn die Ereignisse, die sie schildert, sind schrecklich. "Sogar achtjährige Kinder wurde ins Gefängnis geworfen, und man gab ihnen Brot mit Sand und Kaffee oder Tee mit Salz. Eine von uns wurde durch einen Schuß in den Rücken getötet. Wir stellten dann fest, daß sie von einem FBI-Agenten getötet worden war, der sie eigentlich schützen sollte." Verbrechen, die nach Rache schrien und denjenigen, die sie angeordnet und durchgeführt hatten, das erwünschte Resultat bringen würden: eine gewaltsame Reaktion der Opfer, die neue brutale Repressionen der Täter legitimieren würde. "Es war sehr schwer für uns - auch innerhalb der Bürgerrechtsbewegung - klarzumachen, daß man nicht in diese Falle gehen durfte", sagt Amelia. Es gab Momente, in denen wir, anstatt zu sprechen, einfach zusammen mit den vom Ku Klux Klan und der Polizei Gefolterten weinen und schreien wollten. "Angesichts der Mächte, die Gewalt gegen uns in Gang setzten, mußten wir all unseren Willen und Glauben mobilisieren, damit die Bewegung geschlossen am Grundsatz der Gewaltlosigkeit festhielt und wir uns selbst davon überzeugten, daß dies der richtige Weg war."
Dieser Tage wurde Amelia Robinson neu getauft als "die Großmutter der Globalisierungsgegner" (no-globals), denn schon kurz nach der Inhaftierung von 20 Mitgliedern dieser Bewegung wollte sie in Rom sein, zusammen mit dem Vorsitzenden der internationalen Bürgerrechtsbewegung Solidarität Paolo Raimondi, dem Sprecher der "Ungehorsamen" Anubi D'Avossa, Luca Casarini und Don Vitaliano della Sala. "Nun ja, in meinem Alter ist es etwas ganz Normales, Großmutter zu sein", sagt sie amüsiert lächelnd, "aber wenn ich jetzt hier bin, liegt das daran, daß auch ich eine ,Ungehorsame' gewesen bin. Und das bin ich noch immer. Und mehr noch: Ich glaube, ich gehöre zu den ,Verschwörern', die die amerikanische Verfassung respektieren und verteidigen wollen, so wie die jungen Leute der Bewegung hier in Italien für eine gerechtere Welt und gegen den - wie Martin Luther King es nannte - ,wirtschaftlichen Holocaust' der Ärmeren und Schutzlosen kämpfen. Meiner Meinung nach tun sie das, ohne gegen die italienische Verfassung zu verstoßen; im Gegenteil, sie fordern die Verfassung ein. Zum Beispiel was den Krieg gegen den Irak angeht. Gibt es nicht einen Artikel, der besagt, daß Italien Kriege ablehnt?"
Aber was sollen wir tun, fragen sie die jungen Leuten, wenn sie bei unseren Demonstrationen Tränengas gegen uns einsetzen? "Nichts - ihr solltet höchstens Gasmasken tragen", antwortet Amelia. "Und ich sage das euch nicht nur, weil sie auch mich mit Tränengas angriffen und meine Lungen ruinierten. Sondern weil ihr den Leuten, die nicht wollen, daß ihr denkt und protestiert - so wie man nicht wollte, daß wir Schwarze denken - , kein Alibi verschaffen solltet. Laßt sie euch doch verhaften. Vielleicht zuerst in kleinen Gruppen, wie wir das taten, eine Gruppe nach der anderen, bis ihr ihre Gefängnisse füllt. Sie können nicht zehn- oder zwanzigtausend von euch einsperren. Und habt keine Angst: Jede ungerechte Verhaftung ist ein Orden. Aber hütet euch vor Infiltranten. Wenn ihr sie entdeckt, denunziert sie öffentlich." Und dann mit einem Wortspiel: "Arrests cannot arrest movements" (Verhaftungen können keine Bewegung aufhalten).
Amelia Boynton Robinsons Leben ist in dem Buch Brücke über den Jordan aufgezeichnet, aber es ist mit dieser Autobiographie nicht zu Ende. Amelia reist weiter in der Welt umher und wiederholt mit Martin Luther King: "Ich habe einen Traum." "Ja, ich habe immer noch einen Traum", sagt sie. "Den Traum, mit den anderen Menschen gemeinsam daran zu arbeiten, das Unrecht zu verringern und eine bessere Welt zu bauen. Ich weiß, manch einer lächelt über diese Worte. Aber wir müssen wieder hier anknüpfen und gegen Angst, Wut und Haß kämpfen. Kämpfen für das, woran wir glauben, denn das Leben ist uns verliehen, damit wir etwas Gutes damit anfangen."
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