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Aus der Neuen Solidarität Nr. 51/2002

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Warum impfen allein nicht hilft

Der "Welt-Impfbericht 2002" enthält erschreckende Angaben über potentiell vermeidbare Massenepidemien vor allem unter Kindern in den ärmsten Ländern der Welt. Was aber geschieht?


Geopolitische Interessen

Jedes vierte Neugeborene weltweit erhält keinen Impfschutz gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten. Wie UNICEF, WHO und die Weltbank Ende November in ihrem "Welt-Impfbericht 2002" schreiben, sterben deshalb pro Jahr mehr als 2 Millionen Kinder an vermeidbaren Infektionen. In den ärmsten Ländern der Welt raffen Krankheiten wie Masern, Tetanus, Kinderlähmung und Keuchhusten gar jedes zweite Kind in den ersten Lebensjahren dahin.

In den 70er und 80er Jahren hatte es noch große Fortschritte gegeben, so stieg beispielsweise bei der Impfung mit einer Kombi-Variante der Schutz vor Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten von 1980 bis 1990 von ca. 20% der Kinder auf knapp 75%. Seither jedoch stagniert der Wert, sofern sich nicht neben den normalen "Impfprogrammen" engagierte private Geldgeber finden, so z.B. im Bereich der Kinderlähmung (Polio) der Rotary Club. Und die Kinderlähmung ist neben den schon gänzlich ausgerotteten Pocken das beste Beispiel dafür, daß die Ausrottung von Seuchen möglich ist, sofern ein gemeinsamer politischer Wille vorhanden ist, genau dies auch zu tun.

Was die Impfdichte angeht, vertieft sich die Kluft zwischen den westlichen Industrienationen einschließlich Osteuropa und den Entwicklungsländern immer weiter. Am schlechtesten ist die Lage nach wie vor im südlichen Afrika. Dort erhalten nur die Hälfte der Kinder Impfungen gegen grundlegende Infektionskrankheiten. Teurere Impfstoffe etwa gegen Gelbsucht, Hirnhautentzündungen und Röteln sind ohnehin kaum zugänglich. Die WHO warnt zudem seit Jahren - so auch erneut in diesem Bericht - , daß eine Reihe armutsbedingter Krankheiten wieder auf dem Vormarsch seien, so etwa Tuberkulose im Zuge von HIV/AIDS und Malaria. Allein an Malaria sterben jedes Jahr eine Million Kinder und Erwachsene, doch die Entwicklung neuer Medikamentenwirkstoffe kommt nicht voran, zumindest nicht für jene Erregerstämme, die vornehmlich in armen Regionen auftreten. Ohne staatliche Förderung haben die wenigsten forschenden Pharmafirmen Interesse, Medikamente für Regionen zu entwickeln, in denen keine zahlenden "Abnehmer" zu erwarten sind.

Es ist einfach nur zynisch, wenn UNICEF, Weltbank und WHO seit kurzem zwar richtigerweise die Armut als das Grundproblem ausmachen und die Binsenweisheit verbreiten, daß Länder mit großen Krankheitslasten nur wenig in Gesundheitsmaßnahmen investieren können. Doch nicht zuletzt die Weltbank und der IWF (und damit die gesamten westlichen Regierungen) mit ihren mörderischen Kreditauflagen und Zinsbelastungen sind es, die dieses Elend erst hervorgerufen haben. In diesem Zusammenhang spricht niemand von der Notwendigkeit, funktionierende Gesundheitsdienste aufzubauen, die tatsächlich nicht nur aus Impfprogrammen bestehen müßten, sondern vor allem eine flächendeckende Infrastruktur erfordern, die dazu geeignet ist, genügend sauberes Wasser und Essen sowie hygienische Wohnverhältnisse bereitzustellen - also massiv zu investieren.

Es wird oft vergessen, daß es vor allem solche Maßnahmen waren, die früher die Lebenserwartung drastisch haben ansteigen lassen, noch weit vor den Errungenschaften der modernen Medizin. Es gibt nämlich einen entscheidenden Denkfehler, der auf dem Irrtum basiert, man könne eine Bevölkerung ausschließlich durch einzelne Maßnahmen, wie z.B. das Impfen schützen. Denn es scheint nur so, als ob andere Krankheitsentstehungsfaktoren mit dem Aufkommen von Medikamenten/Impfseren ihre Bedeutung verlören. Soziales Elend läßt sich nicht auf Dauer wegimpfen oder mit Pillen behandeln. Es kann nur im Rahmen einer großen Veränderung überwunden werden. Ansonsten rächt sich die Natur sehr schnell; gerade in geschwächten Körpern entstehen Resistenzen, neue Kombinationen alter Krankheiten und auch neue, unbehandelbare Krankheiten.

Der gleiche Denkfehler hatte die Medizin schon einmal im späten 19.Jahrhundert erfaßt. Der Arzt wurde mehr und mehr zum reinen Experten für technologische Problemlösungen und zog sich - einer Logik der Machbarkeit folgend - zunehmend aus den Bereichen Politik, Ethik und Religion zurück. Es war zwar auch die Zeit großer Entdeckungen und Leistungen auf medizinischem Gebiet, aber mit dem Glauben, allein durch das Auffinden der Erreger Krankheiten grundsätzlich beherrschbar zu machen, wurde einer reduktionistischen Sicht in der Medizin der Weg bereitet, mit deren Folgen wir heute noch immer zu kämpfen haben. Die einmal verbreitete Ansicht, die Medizin müsse, um "ihre große Aufgabe zu erfüllen", in das "große politische soziale Leben eingreifen", wurde immer weiter in den Hintergrund gedrängt.

Geopolitische Interessen

Aber was verbirgt sich eigentlich hinter der plötzlichen Sorge um offenbar aus dem Ruder laufende Epidemien? Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang ein Bericht des National Intelligence Council (NIC), eines Gremiums, das für die US-Regierung Studien zu bevölkerungspolitischen, strategischen und geheimdienstlichen Themen erstellt. Demnach wird die Zahl der HIV-Infizierten bis zum Jahre 2010 vor allem in Rußland, China, Indien, Äthiopien und Nigeria "dramatisch" ansteigen. Die genannten fünf Länder erscheinen für die internationale Politik, sprich für amerikanische Interessen, aus verschiedenen Gründen entscheidend. Sie stellen zusammen 40% der Weltbevölkerung, haben in ihren Regionen eine "stabilisierende Rolle" und befinden sich in einem Anfangsstadium der HIV/AIDS-Epidemie. Beklagt wird, daß die genannten Länder allesamt dem Thema nicht die nötige Aufmerksamkeit gewidmet hätten. Dies liege daran, daß Kosten für Behandlung und Aufklärung "aus anderen wichtigen Bereichen" abgezogen werden mußten. Vor allem den beiden afrikanischen Staaten drohten durch AIDS Schwierigkeiten, da dort auch die politische und wirtschaftliche Elite betroffen sein werde.

Um nur bei Äthiopien zu bleiben: Das Land ist auf dem geopolitischen Schachbrett mit Blick auf das Nilwasser bzw. den drohenden Krieg in der Golfregion sehr interessant. Gleichzeitig weiß kaum noch jemand, daß Äthiopien einst der "Wasserturm Afrikas" genannt wurde - jetzt aber Millionen von Menschen aufgrund einer Dürre der Hungertod droht. Dieselben Auftraggeber, die nun Studien über die Verbreitung von AIDS anstellen lassen, haben an der Verelendung ganzer afrikanischer Landstriche mitgewirkt!

Was immer die internationalen Organisationen im Einzelfall zu ihren Warnungen und Aufrufen bewegen mag, ob sie vielleicht meinen, mit bestimmten Maßnahmen hier oder dort verhindern zu können, daß Krankheiten nicht nach Europa oder die USA übergreifen, oder ob sie lediglich vor der Welt das Gesicht wahren wollen, im Sinne von "Wir tun doch etwas", während das große und stille Morden durch Armut, Unterentwicklung, Hunger und Seuchen weitergeht. Trotzdem wirkt bei jedem dieser Programme - und sei es noch so klein und unbedeutend - eines mit: die Hoffnung auf eine bessere Welt, in der vor Krankheiten geschützte Kinder spielen, lernen und aufwachsen können.

Wer einmal erlebt hat, mit welcher Begeisterungsfähigkeit und unbegrenztem Einsatzwillen in nur wenigen Tagen von freiwilligen Einheimischen und unter größten logistischen Anstrengungen Hunderttausende Kinder in einer ganzen Region durchgeimpft wurden, der bekommt einen Eindruck von der prinzipiellen Möglichkeit des Wandels - und vor allem von dem von der Menschenliebe gespeisten Willen dieser Menschen, diesen Wandel eines Tages herbeizuführen.

J.D.

 

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