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Aus der Neuen Solidarität Nr. 51/2002

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Alle Kinder so weit wie möglich bilden!

Angelika Steinschulte kandidiert im Wahlkreis 29 (Wiesbaden Mitte) für die BüSo. Sie ist verheiratet, Mutter einer Tochter und arbeitet in der Redaktion der Neuen Solidarität.

Als Mutter einer Tochter und politisch aktive Frau liegen mir vor allem Erziehungs- und bildungspolitische Fragen am Herzen. Um die heutigen Probleme im Bereich Erziehung und Bildung lösen zu können, sind auch wirtschafts- und finanzpolitische Reformen - vor allem im internationalen Rahmen - notwendig, wie sie die BüSo seit langem vorschlägt. Nur so können wir Vollbeschäftigung erreichen und die leeren Haushaltskassen wieder füllen, damit die Sparmaßnahmen, auch im Bildungsbereich, endlich ein Ende nehmen. Damit allein ist es jedoch bei weitem nicht getan.

Was sind die Probleme? Wir haben es vor allem mit einer zunehmenden Verdummung und Verrohung zu tun: Z.B. gibt es in Deutschland zur Zeit mehr als 4Mio. sog. sekundäre Analphabeten. Deutschlehrer beklagen sich darüber, daß es in der 6.Klassenstufe des Gymnasiums Klassen gebe, in denen bis zu 30% der Kinder nicht sinnerfassend lesen könnten. Der Anteil der Kinder im Vorschulalter, die Sprachentwicklungsverzögerungen aufweisen, ist von 4% auf 25% gestiegen. Nicht intakte Familienverhältnisse und Medienkonsum beeinträchtigen die seelische und geistige Entwicklung der Kinder. Ein Großteil der Schüler - mehr als ein Drittel - verbringt mehr Zeit vor dem Fernseher und mit Computerspielen als in der Schule. Heranwachsende haben heute bis zu ihrem 18. Lebensjahr im Schnitt mehr als 20000 Morde im Fernsehen miterlebt. Sie leiden unter Bewegungsmangel, Fettleibigkeit und zunehmend unter Hyperaktivität. Seit neuestem liefern Ego-Shooter-Computerspiele wie Doom, Counterstrike oder Americas Army sogar das perfekte Simulations-Schießtraining für Kids frei Haus, das zuvor normalerweise der Ausbildung von US-Soldaten vorbehalten war. In den 90er Jahren haben kriminelle Delikte bei Kindern unter 14 Jahren auffallend zugenommen, usw., usf.

Wie kann man die Probleme lösen? Ich denke, was die Bildungsinhalte betrifft, müssen wir uns wieder mehr am Humboldtschen Bildungssystem orientieren, an seiner Idee von Bildung: Nach seinem Verständnis sollten die kulturellen Blütezeiten der Menschheit die Orientierung für die Bildung sein. Er orientierte sich an den Griechen und der sich auf sie gründenden Weimarer Klassik, was sich dann auch in seinem Schul- und Bildungsplan niederschlug. Dieser wurde zwar nur mit Abstrichen umgesetzt, und auch nur ein kleiner Teil der Kinder schloß die Schule mit dem Abitur ab - dennoch prägte er das gesamte Bildungssystem und war ausschlaggebend für Deutschlands Entwicklung zu einer führenden Industrienation, vor allem im 19. Jahrhundert. Auch heute sollten wir wie Humboldt an die besten Traditionen der Kultur und Wissenschaft anknüpfen und uns bei den Unterrichtsinhalten auf's Wesentliche beschränken. Natürlich darf der enorme naturwissenschaftlich-technische Fortschritt seit Humboldt nicht zu kurz kommen. Im Gegenteil - er muß ein Schwerpunkt der Schulbildung sein.

Interessanterweise sah Humboldts ursprünglicher Plan eine Einheitsschule vor, kein dreigliedriges Schulsystem, wie es heute in Deutschland vorherrscht. Sie bestand lediglich aus den beiden Stufen der Elementarschule und Gelehrtenschule, an die sich dann der universitäre Bildungsweg anschließen konnte. Seiner Zeit entsprechend war vorgesehen, daß die Kinder, je nach Einkommensverhältnissen der Familie, Begabung oder beabsichtigter beruflicher Bildung, die Schule früher beenden konnten, frühestens nach der Elementarschule. Die Idee war, möglichst alle Kinder so weitgehend wie möglich zu bilden. Nur so hat man später ein optimales Potential, um qualifizierte Arbeitskräfte für alle Bereiche auszubilden und das ganze Land voranzubringen.

Die gleiche Idee liegt auch dem Bildungssystem in Finnland zugrunde, dem Land, das bei der PISA-Studie am besten abgeschnitten hat. Der Grundsatz des finnischen Bildungsministers lautet: Unser höchstes Gut ist das geistige Potential der Bevölkerung, und das muß optimal ausgebildet werden. Die staatliche "Einheitsschule" wird in Finnland von fast allen Kindern besucht (95%). Dort wird versucht, alle - die leistungsstarken und die schwächeren Kinder - optimal zu fördern. Jedes Kind wird integriert, es gibt keine Sonderschulen. Der wichtigste Grundsatz der finnischen Pädagogik besagt übrigens, Kinder nicht zu beschämen. Erst ab der 6. Klasse gibt es Noten und erst ab der 10.Klasse wird aufgeteilt in Schüler, die die Hochschulreife anstreben, und solche, die die Leistungen dafür nicht bringen. Mehr als 40% der Kinder machen Abitur.

Dieses Modell können wir uns zum Vorbild nehmen. Durchaus auch so wie es ist, als Ganztagsschul-Modell, allerdings in einer Form, die es erlaubt, Kinder auch nachmittags zuhause in der Familie zu betreuen. Denn zumindest bis zum Ende der 4.Klasse ist die Betreuung am Nachmittag in einer intakten Familie einer institutionellen Betreuung vorzuziehen (auch in Finnland sind nicht alle Schulen Ganztagsschulen). Angesichts zunehmender Berufstätigkeit der Mütter und des alles dominierenden Medienkonsums, der Kinder in ihrer geistigen, seelischen und körperlichen Entwicklung stark behindern und schädigen kann, brauchen wir jedoch - so meine ich - dringend ein Ganztagsschul- und -betreuungssystem. Und wir brauchen Lehrer, die fachlich und pädagogisch so ausgebildet sind, daß sie Kindern dabei helfen können, Persönlichkeiten zu werden, die die Probleme ihrer Zeit meistern können. Dafür werde ich mich einsetzen.

 

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