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Aus der Neuen Solidarität Nr. 15/2003 |
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Von Andreas Ranke
Der Lyderkönig Krösus bestieg 560 v.Chr. den Thron und unterwarf die kleinasiatischen Griechenstädte sowie das Innere Kleinasiens bis zum Halys. Der delphische Orakelspruch, er werde ein großes Reich zerstören, wenn er den Halys überschritte, erfüllte sich an ihm selbst: Der Krieg gegen den Perserkönig Kyros II. endete 546 v.Chr. mit Krösus' Niederlage und Gefangennahme bei Sardes.
Am 19. März 2003 trat George W. Bush vor die Weltöffentlichkeit und erklärte, die Tage des Regimes von Saddam Hussein seien gezählt und der Ausgang des Krieges gewiß. Kurz darauf berichtete Kriegsminister Rumsfeld der erstaunten Öffentlichkeit über vielfältige Kontakte - z.B. via E-Mail - zu hochrangigen Offizieren der irakischen Armee und sogar der Republikanischen Garde. Diese Offiziere hätten signalisiert, daß sie unmittelbar nach Beginn der Kampfhandlungen zu den Amerikanern überlaufen und dem "verhaßten" Regime den Rücken kehren würden. Um noch eins draufzusetzen, gab man bekannt, einen Agenten aus dem engsten Umfeld Saddams angeworben zu haben. Dank dessen ungemein präzisen Informationen habe man erfahren, wo sich Saddam und seine Führungsclique zu einem gewissen Zeitpunkt aufhalten würden. Um das Regime zu "decapitieren", habe man diesen betreffenden Ort zur angegebenen Zeit gezielt mit Marschflugkörpern beschossen.
Dies ist jetzt zwei Wochen her; und auf den Pressekonferenzen des Pentagon hört sich das mittlerweile ganz anders an. Rumsfeld betont immer öfter, dieser tolle Plan stamme gar nicht von ihm, sondern sei die geniale Idee des Oberbefehlshabers Tommy Franks. Je weniger es funktioniert, desto weniger scheint Rumsfeld an der Planung des Krieges beteiligt gewesen zu sein.
Der amerikanische "Kriegsplan" läßt sich kaum trennen von der allgemein vorherrschenden Weltanschauung der heute tonangebenden politischen Elite in den USA, die man als "Utopisten" bezeichnen kann. Diese Leute vertreten schon seit Jahren in der Wirtschaft die Überzeugung, mittels Wertpapierspekulation oder "neuer Technologien" könne man unter Umgehung der Realwirtschaft Reichtum sozusagen aus dem Nichts schaffen. Diese Leute machten die Welt glauben, Nasdaq und Dow Jones würden immer weiter steigen und eine Art "goldenes Zeitalter" herbeiführen. Dieser Traum ist ausgeträumt.
Aber wie sollten Leute, die eine völlig wahnwitzige Wirtschaftspolitik vertreten, eine vernünftige Militärdoktrin hervorbringen? Genauso wie sie in der Wirtschaft an das Wunder der Informationsgesellschaft und der neuen Technologien glaubten, meinten sie auch, ein Krieg fände in dieser neuen Dimension statt. Der "Gott" dieser neuen Militärdoktrin ist die "Information", möglichst in Echtzeit. Mit anderen Worten: Wenn man weiß, wann und wo Saddam Hussein auf die Toilette geht, ist der Krieg schon gewonnen.
Die Grundzüge des sogenannten amerikanischen Kriegsplans basierten auf folgenden Annahmen:
Daraus folgt, daß gar kein Krieg, sondern eine "Art Polizeiaktion" mit geringen eigenen Verlusten durchgeführt würde, nach deren raschem Ende man die Erdölreserven und andere Rohstoffe übernähme.
Dies wäre der erste Streich in dem von Samuel Huntington beschriebenen "Kampf der Kulturen". Dabei würde Saudi-Arabien vermutlich als US-Stützpunkt verloren gehen, aber nun wäre ja der Irak die neue Drehscheibe einer amerikanisch beherrschten Welt und zugleich das Sprungbrett, um eventuell später gegen den Iran, China und andere Staaten vorzugehen.
Interessant ist aber auch die Frage, ob es einen irakischen Kriegsplan gab und gibt. Die Iraker analysierten ihr militärisches Debakel von 1991 und stellten logischerweise fest, daß man den Amerikanern auf keinen Fall waffentechnologisch Paroli bieten könne. Versuche, sich den Amerikanern über massierte Panzer- oder Luftangriffe entgegenzustellen, würden nur zu einer Wiederholung der Katastrophe von 1991 führen. Da die Iraker seit dem Amtsantritt von George W. Bush davon ausgehen mußten, daß Amerika wahrscheinlich gegen sie Krieg führen würde, suchten und fanden sie eine entscheidende Schwäche in der amerikanischen Militärdoktrin.
Ähnlich wie die Wehrmacht bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges von der Unmöglichkeit überzeugt war, daß der Dechriffiermechanismus der Enigma je geknackt werden könnte, glauben die Amerikaner felsenfest, daß die von ihnen gewonnenen Informationen immer richtig seien. Man mußte von irakischer Seite nur die amerikanischen Vorurteile immer wieder bestätigen - siehe oben - und natürlich jede Menge E-Mails und andere Informationen über den nahen Zusammenbruch des Regimes durchsickern lassen, um die "Utopisten" in den USA darin zu bestärken, sie könnten diesen Krieg mit einer geringen Mannschaftsstärke gewinnen. So schaffte die irakische Seite sich gleich von Beginn des Kriegs an einen Großteil der potentiellen Angreifer vom Hals.
Die zweite irakische Feststellung besagte: Einen High-Tech-Krieg kann man nur mit Low-Tech und durch Ausflankieren in der geographischen Tiefe gewinnen. Die irakische Taktik mußte also bei zwei zu erwartenden alliierten Angriffskeilen, von denen der eine den Euphrat und der andere den Tigris entlang marschieren sollte, auf folgende Elemente der Abwehr setzen: Der eine Keil muß so lange wie möglich aufgehalten werden, die andere Angriffsspitze muß, so weit es geht, im Vormarsch beschleunigt werden. Das erklärt auch, warum die Iraker - für die Amerikaner ein Zeichen besonderer Dummheit - sogar eine Brücke über den Euphrat intakt ließen.
Der Flügel über den Euphrat kam in wenigen Tagen mehr als 400 Kilometer weit voran. Bei einer Gesamtzahl von Soldaten aller Waffengattungen von 300000 Mann bleiben höchstens 50000 Mann eigentliche Kampftruppen am Boden übrig, wenn man Marine, Luftwaffen und Logistik abrechnet. Das wiederum bedeutet, daß ein so schneller Vorstoß bei einer so geringen Zahl an Kampftruppen, die zudem noch durch sogenannte Widerstandsnester gebunden sind, den Irakern enorme Möglichkeiten eines geschickt geführten Kleinkrieges eröffnet. Dabei kann man mit kleinen, unabhängig operierenden und leicht bewaffneten Einheiten große Unruhe und hohe Verluste beim Gegner erzielen. Der schnelle Vormarsch machte den Alliierten aber überhaupt keine Sorgen, weil man ähnlich wie Hitler beim Feldzug gegen die Sowjetunion annahm, man brauchte nur einmal fest gegen die Tür zu treten, und das ganze Haus bräche zusammen.
Das dritte taktische Ziel der Iraker muß sein, die Frontlinien sich so ineinander verzahnen zu lassen, daß für Luft- oder Artillerieunterstützung keine Möglichkeit mehr besteht - wegen der Gefahr von "friendly fire".
In dieser Situation zeigen sich natürlich die eklatanten Schwächen in der Moral und Ausbildung der amerikanischen Infanterie. Wenn amerikanische Soldaten in Interviews erklären, sie täten das, wofür sie bezahlt würden, reicht das vielleicht für einen Söldner, aber bei weitem nicht für eine republikanische Armee, die "Werte" verteidigen will.
Ein viertes Kalkül auf irakischer Seite besteht wohl darin - und das ist Saddam Hussein ohne weiteres zuzutrauen - , unter Inkaufnahme möglichst hoher Verluste unter der eigenen Zivilbevölkerung möglichst hohe Verluste bei den Alliierten zu erreichen. Damit will man die ohnehin geschwächte "Moral" der amerikanischen Heimatfront - viele Amerikaner sind ohnehin gegen diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg - zum Kippen bringen.
Man merkt natürlich jetzt schon auf alliierter Seite, in welche Lage man sich begeben hat. Doch damit wächst zugleich die Gefahr, daß die Oberste Heeresleitung in Washington völlig durchdrehen könnte. Schon jetzt wird Syrien und dem Iran gedroht und werden Nuklearschläge in Erwägung gezogen.
Dieser Krieg ist für die Amerikaner nur dann militärisch zu gewinnen, wenn sie bereit sind, Zehntausende oder sogar Hunderttausende Iraker zu töten sowie alle Bündnissysteme und internationale Verhaltensnormen aufzugeben und durch ein primitives Faustrecht zu ersetzen. Erinnert sei hier nur an Pforzheim, das im Februar 1945 vernichtet wurde, um den Infanterieangriff amerikanischer Truppen zu unterstützen. Dabei kam die Hälfte der Zivilbevölkerung, rund 18000 Menschen, um.
Als 1956 die Franzosen, Briten und Israelis Ägypten angriffen, um die Verstaatlichung des Suezkanals rückgängig zu machen, war es Eisenhower und Chruschtschow zu verdanken, daß sie mit dem nötigen Druck den Krieg beendeten und damals die Welt vor einer großen Gefahr retteten. Leider ist heute das Regime in Washington Teil des Problems.
Aber auch aus amerikanischer Sicht muß dieser Krieg sofort beendet werden, denn die USA selbst können letztlich nur als Verlierer aus diesem Krieg hervorgehen.
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