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Aus der Neuen Solidarität Nr. 16/2003

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US-Angriffskrieg am Golf tritt in die nächste Phase

Mit dem Zusammenbruch des Saddam-Regimes ist der Irakkrieg keineswegs beendet, sondern nur in eine neue Phase getreten. Die US-Kriegsfraktion spricht selbst von einem "Vierten Weltkrieg". Deswegen muß alles getan werden, damit es der Weltgemeinschaft - gemeinsam mit der Opposition in den USA - gelingt, die Brandstifter von den Hebeln der Macht in Washington zu entfernen und diesen Krieg zu beenden.


Der Vierte Weltkrieg
Rumsfelds "revolutionäres" Versagen

Am 9.April geschah das, was alle Militärexperten von Anfang an für den Verlauf des Golfkriegs vorausgesagt und größtenteils für einen viel früheren Zeitpunkt erwartet hatten: Der planmäßige und koordinierte Widerstand des Saddam-Regimes gegen den mit überlegenen technischen Mitteln geführten Angriffskrieg der USA und Großbritanniens brach zusammen. Damit ist der Krieg jedoch nicht beendet, sondern in eine neue Phase getreten.

Daß die Kriegspartei in den USA nicht an ein baldiges Ende denkt, belegt die Tatsache, daß einen Tag nach dem durch umgestürzte Saddam-Statuen dokumentierten "Fall des Regimes" mehrere 9,5 Tonnen schwere "Monsterbomben" MOAB (Massive Ordinance Air Blast) in die Golfregion verlegt wurden. Die Sprengkraft dieser mit einem GPS-Navigationssystem ausgestatteten Bombe übertrifft alles, was es auf konventionellem Gebiet bisher gab, sogar die in Afghanistan eingesetzte BLU-82 (Daisy-Cutter). Die Monsterbombe erhielt von den Militärs den Kosenamen "Mutter aller Bomben". Wieso ist diese Verlegung nötig?

Um zu verstehen, warum der unter der Devise des "Regimewechsels" begonnene Krieg mit dem "Regimesturz" noch längst nicht beendet ist, sondern in eine neue, schwierige Phase tritt, muß man sich in Erinnerung rufen, welchen Krieg die Falken um Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld heute führen und in Zukunft weiterführen werden, sofern sie nicht gestoppt werden - es ist, ihren eigenen Worten zufolge, der "Vierte Weltkrieg", der natürlich nicht in Bagdad endet, auch nicht in Mossul, nicht in Damaskus und nicht in Teheran.

Der Vierte Weltkrieg

Den Begriff "Vierter Weltkrieg" prägte Elliot A. Cohen einen Monat nach dem 11.September 2001.1 Cohen sagte damals, der Begriff "Krieg gegen den Terror" sei ungenau: "Eine genaue Bezeichnung ist das Wort Vierter Weltkrieg... Die Analogie mit dem Kalten Krieg (dem Dritten Weltkrieg) legt nahe.., daß es sich dabei um eine Mischung aus kriegerischen und nichtkriegerischen Auseinandersetzungen handelt, und daß er ideologische Wurzeln hat... Der Feind in diesem Krieg ist nicht der ,Terrorismus'... sondern der militante Islam... Afghanistan ist nur eine Front des Vierten Weltkriegs, einer der Feldzüge... Irak ist offensichtlich der nächste, nicht nur weil er Al Qaida unterstützt, sondern weil er... Massenvernichtungswaffen entwickelt." Der nächste Feldzug müsse dann gegen den Iran geführt werden: "Der Sturz des ersten theokratischen revolutionären Moslemstaates und dessen Ersetzung durch eine moderate oder säkulare Regierung wäre für diesen Krieg genauso wichtig wie die Vernichtung Bin Ladens."

Cohen ist nicht irgendein akademischer Schreiber, er ist Mitglied des einflußreichen "Defense Policy Board" und arbeitete bereits vor elf Jahren zusammen mit Paul Wolfowitz unter dem damaligen Verteidigungsminister Cheney an der Planung und Auswertung des Golfkriegs von Bush senior.

Im Sommer 2002 horchte alle Welt auf, als Präsident Bush junior öffentlich bekanntgeben ließ, daß er ein Buch lese, und zwar das Buch Supreme Command von Cohen! Die These des Buches elaboriert den Ausspruch Clemenceaus: "Der Krieg ist eine viel zu wichtige Sache, als daß man sie den Generälen überlassen kann." Die New York Times vom 5.April 2003 spekuliert darüber, ob Bush das Buch auch verstanden habe, und stellt fest, daß zumindest die selbstherrliche Art und Weise, mit der Verteidigungsminister Rumsfeld sich in die militärische Detailplanung eingemischt hat, den Einfluß von Cohens Buch widerspiegele.

Genau wie der Zweite Weltkrieg mit dem Feldzug gegen Polen begann und sich dann mit den Feldzügen gegen Frankreich, England und Rußland fortsetzte, so sehen die Falken den Irakkrieg nur als ersten Feldzug des von ihnen geführten Vierten Weltkrieges. Der erste Feldzug muß, wie der ehemalige CIA-Chef James Woolsey wiederholt öffentlich erklärte, gegen die "Faschisten" der Baath-Parteien in Irak und Syrien gerichtet sein. Der zweite Feldzug wird gegen die "Islamisten der Schia" im Iran zu führen sein, und der dritte gegen die Bewegung der "Wahhabiten", deren Hochburg sich in Saudi-Arabien und (in modernerer Form) in Ägypten befinde.

Wenn verschiedene Vertreter der Bush-Regierung, allen voran Verteidigungsminister Rumsfeld, schon seit Tagen Syrien und den Iran als Unterstützer und Waffenlieferanten des Irak brandmarken, dann handelt es sich dabei nicht um diplomatische "Ausrutscher", sondern entspricht genau der Logik des Vierten Weltkriegs. Entsprechend dieser Logik wird in Kürze zu erwarten sein, daß z.B. in den Medien angebliche CIA-Erkenntnisse auftauchen, wonach die im Irak vermuteten Massenvernichtungswaffen Saddams angeblich nach Syrien geschafft worden seien oder der Iran ein Atomwaffenprogramm betreibe.

Die Frage nach dem Ende des Krieges ist also die Frage danach, wann und wie es gelingt, diese Fraktion der Falken aus der US-Regierung zu entfernen.

Rumsfelds "revolutionäres" Versagen

Da die USA, anders als noch im Vietnamkrieg, keine Wehrpflichtarmee besitzen, wird der Niedergang der "Falken" stärker vom Widerstand der Militärs abhängen als vom Widerstand der Bevölkerung. Aber beides ist nötig. Insbesondere im Militär wird sich der bereits merkliche Widerstand mit der nun erfolgenden Auswertung der militärischen Operationen im Irak deutlich verstärken.

Allen Jubelbildern zum Trotz ist die tatsächliche militärische Bilanz von Rumsfelds "Rally nach Bagdad" katastrophal. Die öffentliche Meinung mag durch Bilder von "eingebetteten" Journalisten manipuliert werden, aber kompetente militärische Beobachter stellen bereits jetzt das Scheitern der wesentlichen Aspekte der "revolutionären" Kriegsführung dar, die Rumsfeld im Irak unbedingt unter Beweis stellen wollte.

Es war bei diesem Angriffskrieg im Irak nie die Frage, ob der mit modernsten Waffensystemen hochgerüstete Gigant USA den Sieg über den militärischen Zwerg Irak erringen werde - über einen Zwerg, den man bereits vor elf Jahren vernichtend geschlagen hatte und der aufgrund eines Waffenembargos sein seit Jahrzehnten veraltetes Gerät kaum warten konnte, der den Großteil seiner schweren Artillerie - die Samoud-Raketen - vor Kampfbeginn unter UN-Aufsicht vernichtet hatte, dessen Luftabwehr bereits vor Beginn der Kampfhandlungen zerstört und dessen Bevölkerung durch eine jahrelange Wirtschaftsblockade ausgehungert war. Die Frage war nur, wie schnell und wie verlustlos die von den Falken selbst als "Spaziergang" bezeichnete Operation beendet werden könnte.

Kernpunkt der "Revolution militärischer Angelegenheiten" (RMA), die Rumsfeld gegen die "alten" Militärs durchsetzte, ist der Enthauptungsschlag gegen die feindliche Führung, mit dem der Krieg auch tatsächlich begonnen wurde. Es war ein offensichtlicher Fehlschlag.

Der zweite Schwerpunkt dieser Revolution ist die Dominanz der Luftwaffe. Trotz nicht vorhandener Luftwaffe des Gegners, völliger Luftüberlegenheit und fehlender Luftabwehr war die mangelnde Luftunterstützung der US-Bodentruppen - nicht nur während der Sandstürme - unübersehbar, so daß dieses Thema sogar in den US-Medien diskutiert wurde.

Ein weiteres Glanzstück der RMA ist die "just in time"-Logistik, die Rumsfeld durchsetzte. Dadurch sollten Kosten gespart werden. Die genaueren Analysen werden in der nächsten Zukunft belegen, wieviele amerikanische Soldaten diese Kostenersparnis mit ihrem Blut bezahlten.

Russische Militärspezialisten, die die Ereignisse im Irak aufmerksam verfolgten, legten bereits am 3.April 20032 folgende Einschätzung vor: "Bei der Analyse der Bodenoperationen kamen die Militärexperten zu dem Schluß, daß die Wüstenlandschaft und die daraus folgende Unmöglichkeit für die Iraker, außerhalb von Städten und Dörfern zu kämpfen, den Koalitionsstreitkräften einen strategischen Vorteil verschaffte. Die völlige Luftüberlegenheit erlaubte es, die irakischen Stellungen und deren Waffen auf größte Entfernungen, d.h. von außerhalb der Reichweite irakischer Waffen her, mit Lenkwaffen anzugreifen. Den Irakern standen solche Lenkwaffen nicht zur Verfügung.

Der Kriegsverlauf und die von der Koalition verwendete Taktik zeigt den [russischen] Militärexperten, daß diese Taktik weit entfernt ist von den Realitäten des modernen Krieges und einzig gegen einen technologisch sehr viel schwächeren Feind möglich ist. Eine derartige Taktik ist im europäischen Kriegstheater mit seinen Wäldern und Bergen unvorstellbar. Angesichts einer möglichen zukünftigen militärischen Auseinandersetzung der USA mit Nordkorea sind sich die Experten sicher, daß die USA - ohne den Einsatz von Atomwaffen - auf der koreanischen Halbinsel nicht auf einen Sieg hoffen können."

Die russischen Militärs sind also von Rumsfelds militärischer "Revolution" nicht besonders beeindruckt. Wenn das amerikanische Militär ähnliche Schlüsse ziehen wird, dann könnte in Washington bald eine wirkliche Revolution, und zwar nicht nur in militärischen Angelegenheiten stattfinden, die diesen Vierten Weltkrieg beenden wird.

Ralf Schauerhammer


Anmerkungen

1. Siehe Eliot Cohen: "World War IV - Let's call this conflict what it is" vom 20.10.2001 auf der online-Seite "Opinion Journal" von The Wall Street Journal.

2. Siehe Internet-Zeitung iraqwar.ru

 

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