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Aus der Neuen Solidarität Nr. 17/2003

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Was bedeutet "Kultur des Lebens"?

Im Wortlaut. Mit diesem Grußwort wandte sich Jutta Dinkermann vom Vorstand des Club of Life e.V. an die Mitgliederversammlung in Wiesbaden am 12. April 2003.

Ein Grußwort, das heute keinen Bezug auf den Krieg nähme, würde unserer Rolle nicht gerecht. Und während ich noch darüber nachdachte, fiel mir die päpstliche Ansprache beim Neujahrsempfang des diplomatischen Korps am 13. Januar dieses Jahres in die Hände.

Dort bezeichnete Papst Johannes Paul II., der mit Helga Zepp-LaRouche und Lyndon LaRouche der wohl derzeit international wichtigste Förderer einer "Kultur des Lebens" ist, das Recht auf Leben "als das fundamentalste Menschenrecht" und erklärte zum drohenden Irak-Krieg: "Es wird Sie nicht überraschen, daß ich... zu diesem Thema einige Forderungen äußere, die meines Erachtens erfüllt werden müssen, wenn vermieden werden soll, daß ganze Völker, ja vielleicht sogar die ganze Menschheit untergeht. - Zunächst ein ,Ja zum Leben'!... Abtreibung und Euthanasie oder das Klonen von Menschen drohen beispielsweise den Menschen auf einen simplen Gegenstand zu reduzieren... Wenn wissenschaftliche Forschungen, die sich mit dem Ursprung des Lebens befassen, jedes moralischen Kriteriums entbehren, verleugnen sie das Wesen und die Würde des Menschen. Auch Krieg greift in das menschliche Leben ein, da er Leid und Tod in sich trägt. Der Kampf für den Frieden ist immer ein Kampf für das Leben!"

Der Club of Life hat diese direkten Zusammenhänge immer wieder in den Vordergrund seiner Ausführungen und Bemühungen gestellt: Wer nicht erkennt, warum sein eigenes Leben wichtig, unantastbar und heilig ist, wird auch diese Qualität im Nächsten nicht erkennen und schätzen können.

Wer nicht mehr weiß, was Menschenwürde bedeutet und wodurch sie begründet ist, für den ist ein Mensch sehr schnell nur noch ein Tier auf zwei Beinen das - sofern erforderlich - je nach Bedarf genutzt oder auch umgebracht werden darf.

Wer als Nation im großen Stil seine eigenen Kinder mit einer Offenheit umbringt, die sogar den Nazis die Schamröte ins Gesicht getrieben hätte, der wird sich schwerlich um das Lebensrecht und die Not von Kindern in der Dritten Welt oder um eine umfassende globale Friedenspolitik kümmern.

Einem Staat, der seine Alten in Pflegeheimen buchstäblich verfaulen läßt, kann nicht zugetraut werden, Großes für die Welt leisten zu wollen oder zu können.

Ein Staat, der sich auf "Teufel komm' raus" unter das Diktat der Beitragssatzstabilität im Gesundheitswesen stellt, egal, ob und wieviel "blutige Patienten" oder Tote dies produziert, hat nicht nur, wie es so schön heißt, "das Mandat des Himmels" verloren, zu regieren, sondern auch den klaren Blick für seine Bürger, die eben keine Kostenverursacher, sondern vielmehr die kostbarste Ressource eines jeden Staates darstellen.

Dr. Lillge wird in unserem ausführlichen Rechenschaftsbericht diese Andeutungen konkretisieren - aber er wird auch berichten können, daß sich seit dem Januar 2001 eine Menge guter Dinge getan haben, die noch vor zwei Jahren undenkbar gewesen wären. Ich nenne hier nur einen überraschenden Umschwung in der Bevölkerung, in der Ärzteschaft bis hin zum Deutschen Bundestag, wo sich schon fast verloren gewähnte Schlachten plötzlich wieder zum Guten zu wenden scheinen. Eine neue Sensibilität, ein Nachdenken über das Leben und ein Nachdenken darüber, in welcher Welt wir denn nun eigentlich leben wollen, hat zweifelsohne eingesetzt. Und ich bin stolz und glücklich darüber, heute ohne Übertreibung sagen zu können, daß der Club of Life wie keine andere Institution dieses Denken in Deutschland angestoßen und zu diesem Prozeß sehr viel beigetragen hat.

Wir sind eine Institution, auf die man hört. Wir haben daran mitgewirkt, daß die bioethische Weltanschauung in diesem Land in der öffentlichen Meinung bislang einfach keinen festen Boden gewinnen konnte. Ohne uns, unsere Analysen und Intervention wären etliche andere Institutionen, Verbände und wichtige Privatpersonen weitgehend zahn- und orientierungslos gewesen.

Das ist eine große Verantwortung, der wir vor allem dadurch gerecht werden können, daß wir integraler Bestandteil einer weltweiten politischen Bewegung sind, daher nicht in die Gefahr eines Tunnelblicks verfallen und nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch wirksame politische Alternativen anbieten können.

Sicher, die Zeiten sind grau und ungewiß, aber noch immer und unter allen Umständen hat es Mittel und Wege gegeben, dies zu verändern. Das Potential dazu ist nicht gering. Es ist kein Zufall, daß die Mehrzahl der Deutschen gegen diesen Krieg sind, sei es auch teilweise noch eine nur unpolitische oder mehr instinktive Ablehnung. Aber freuen wir uns darüber, denn dies bedeutet erst einmal, daß sie - in welchem Ausmaß und mit welchem Grad an Verständnis auch immer - "für das Leben" sind und auch zu einem großen Teil bereit sind, dies öffentlich zu zeigen. Darauf kann man aufbauen, damit kann man arbeiten.

Freuen wir uns auch, daß trotz einer wirklich massiven Gehirnwäsche die Bevölkerung - und ginge es selbst um ihr eigenes Leben - nicht auf Kosten zerstückelter Embryonen geheilt werden will. Auch ohne genaue wissenschaftliche Kenntnisse wurde hier plötzlich verstanden, daß man menschliches Leben nicht instrumentalisieren darf und Kannibalismus kein Standortvorteil ist.

Freuen wir uns, daß es in wenigen Tagen plötzlich über alle Parteigrenzen hinweg einen wahren Aufstand im Parlament gab, um jegliche Form von Klonen abzulehnen. Daß sich auch eine Mehrheit gegen vorgeburtliche Selektion abzeichnet und es nicht mehr lange dauern kann, bis auch die skandalöse Abtreibungsgesetzgebung wieder aufgerollt wird.

Wenn ich hier von "Freuen" spreche, so meine ich nicht nur die Freude an solch isolierten Geschehnissen, sondern an deren Bedeutung für die Gesamtentwicklung. Denn ohne die Existenz der für diese Entwicklungen notwendigen zentralen Grundemotion der Menschen- und Nächstenliebe wäre all dies nicht möglich. Und es ist klar, daß sich das potentiell auch auf alle anderen Bereiche gesellschaftlichen Lebens ausdehnen kann.

Das "Ja zum Leben" ist tatsächlich Dreh- und Angelpunkt jeglicher fruchtbaren Überlegung und Aktion. Ein "Nein zum Leben" bedeutet dagegen Tod, Stillstand, Resignation, Verzweiflung, Untergang - und den Sieg der Anhänger des Club of Rome - mit allen fürchterlichen Konsequenzen.

Ein "Ja zum Leben" bedeutet dagegen Sieg über die von Frau Zepp-LaRouche beschriebenen Feinde des Lebens, die uns heute so zahlreich in der Politik und Wissenschaft begegnen, für die Menschen nur ein Stück Vieh und Länder zum ausplündern da sind.

Vorhersehbar, aber dennoch interessant ist auch die Entwicklung, daß in der Bevölkerung - natürlich auch vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise - die fast schon hysterische Sorge vor medizinischer Überversorgung ("Apparatemedizin") längst der Angst vor einer Unterversorgung gewichen ist.

Im Pflegebereich haben wir inzwischen riesengroße Mißstände, die tatsächlich nur noch als Euthanasie bezeichnet werden können. Doch ist dies in der Regel nicht die Schuld des Pflegepersonals oder der Bevölkerung. Ganze Ordner lassen sich mit Klagen über Mißstände von Angehörigen oder Pflegepersonal bei entsprechenden Institutionen füllen. Pfleger scheiden vorzeitig aus, weil sie die Mißstände nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Andere bleiben, weil sie meinen, auf diese Weise das Schlimmste noch verhüten zu können.

Ähnliches spielt sich im Krankenhaus- oder ambulanten Bereich ab. Arbeitszeiten von 80 Stunden die Woche sind kein Klacks. Das gleiche gilt für Hunderttausende unbezahlter Überstunden, die von Pflegern und Ärzten im Krankenhaus geleistet werden, um das Ganze irgendwie aufrecht zu erhalten. Hier funktioniert der alte Trick: Sobald es um Leben oder Tod geht, kann ein Arzt/Pfleger nicht einfach nach Hause gehen, wenn kein Ersatz da ist. Dennoch gibt es hier eine unglaubliche Bereitschaft, auch unter großen persönlichen Opfern für das Gemeinwohl zu arbeiten - was natürlich nicht heißt, daß der Staat das Recht hat, diese Bereitschaft frech auszunützen! Es liegt im Verantwortungsbereich der Regierung, endlich die benötigten Mittel bereitzustellen und die Vorschläge aufzugreifen, die schon lange auf dem Tisch liegen, um wieder zu Vollbeschäftigung und Wachstum zu gelangen.

Das wird eine der vordringlichen Themen sein, die in den nächsten zwei Jahren sicher unsere ganze Kraft und Aufmerksamkeit erfordern. Und auch hier gibt es inzwischen außer unseren eigenen, wichtige, mutige, in Deutschland noch nie gehörte Wortmeldungen.

Nein, wir sollten weder blauäuig sein, noch Dinge überbewerten, aber es ist sicher kein Zufall, daß all dies nun heute Hand in Hand geht: die Ablehnung des Krieges und das neue Nachdenken über den unveräußerlichen Wert des Lebens. Es liegt wirklich nur an uns, diese Chance zu nutzen - mit aller Menschenliebe, Einfallsreichtum und Kreativität, die uns zur Verfügung stehen.

Und um dies zu erfüllen, haben wir auch innerhalb des Club of Life die Weichen neu gestellt. Frau Neudecker, eine Frau der ersten Stunde, die die Gründung des Club of Life hier in Deutschland organisiert hat und die seit 20 Jahren als Vorstandsvorsitzende für uns tätig war, verläßt nun den Vorstand. Sie wird uns aber weiter im logistischen Bereich zur Verfügung stehen, wie sie mir sagte. Es ist also kein wirklicher Abschied - trotzdem danken wir ihr für ihre bisherige Vorstandsarbeit.

Wir freuen uns, daß Frau Horn-Friesecke dem Vorstand erhalten bleibt.

Mit Dr. Wolfgang Lillge haben wir nun einen neuen Vorsitzenden gewonnen, der alle Qualitäten erfüllt, die dieser Posten und die damit verbundene Verantwortung mit sich bringt: einen kühlen Kopf, Sachverstand, Kompetenz, Verläßlichkeit, Menschenliebe, Ausdauer. Dr. Lillge ist Arzt und hat jahrelang in der Redaktion der Neue Solidarität gearbeitet. Er ist Chefredakteur des Wissenschaftsmagazins Fusion, kurzum: ein Glücksfall für den Club of Life. Viele kennen ihn schon durch seine Artikel - hauptsächlich zu wissenschaftlichen Themen - aber auch durch seine bisherige Tätigkeit als "medizinischer Beirat" für den Club of Life.

Ich selber werde aus gesundheitlichen Gründen mittelfristig meine vorherige Tätigkeit nur noch in sehr geringem Ausmaße ausüben dürfen und die nächste Zeit deshalb u. a. auch dazu nutzen, Dr. Lillge auch nach außen offiziell als neuen Vorsitzenden "einzuführen". Da mein Name in der Öffentlichkeit wegen meiner jahrelangen schreibenden Tätigkeit fast ausschließlich mit dem Club of Life verknüpft wurde, wird dies ein wichtiger Schritt sein, um dafür zu sorgen, daß das mir geschenkte Vertrauen nun auch komplett - und verdient - auf Dr. Lillge ausgeweitet wird.

Für meine Person kann ich sagen, daß ich mich trotz meiner gesundheitlichen Einschränkungen weiter in der Lage sehe, meine Erfahrungen und Ideen gewinnbringend auch weiterhin in die Vorstandsarbeit einbringen.

Und da wir einmal bei der Vorstellung sind: Unabhängig vom Vorstand ist es mir eine große Freude, sagen zu dürfen, daß Frauke Richter sozusagen als Fachfrau die Berichterstattung und Bearbeitung des Bereiches Gesundheitspolitik in punkto Krankenhäuser, ambulante Versorgung und den Pflegebereich übernommen hat. Ihre Artikel können Sie nun schon seit geraumer Zeit in der Neuen Solidarität lesen und wir werden heute dazu noch ein Referat von ihr hören.

Wir haben weiter eine große Stütze in Herrn Dr. Röder gefunden, der den durch seine Rubrik Neues aus der Medizin Wissen gepaart mit Kulturoptimismus vermittelt. Und nicht zuletzt danken wir Frau Liebig, der Chefredakteurin der Neuen Solidarität, die durch ihre fundierten Kenntnisse aus dem Bereich der Gegenkultur und der Hintergründe der Gentechnik/Bioethik/Klondebatte für richtungsweisende und vielbeachtete Argumentationshilfen in der Neuen Solidarität sorgte. Und was wären wir ohne Göran Haglund, der mit viel Mühe und Liebe eine Club of Life-Homepage aufgebaut hat, die sich sehen lassen kann und immer öfter frequentiert wird? Damit verfügen wir über ein ausgezeichnetes Medium, das uns zuvor verschlossene Möglichkeiten der Information und Einflußnahme öffnet.

Zum Schluß sei noch all den hilfreichen Händen gedankt, die sich in den letzten zwei Jahren um Zutragearbeiten, aber auch um unsere arbeitsintensiven Versendungen gekümmert haben, ohne die vieles Erreichte einfach nicht möglich gewesen wäre.

Alles zusammen also beste Voraussetzungen, mutig und optimistisch voranzugehen. Gehen Sie hart in der Sache, aber wahrhaft liebevoll vor. Leben ist Prozeß, ist lernen, ist Veränderung. In jedem Menschen steckt der Keim zum Guten. Ist er verschüttet, graben Sie ihn aus, ist er verkümmert, düngen und gießen Sie ihn. Das erfordert Einfallsreichtum und Menschenliebe. Aber nur so können wir ein immer noch zaghaftes "Ja zum Leben" zu Orkanstärke anschwellen lassen.

Es grüßt Sie in großer Verbundenheit

Ihre Jutta Dinkermann

 

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