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Aus der Neuen Solidarität Nr. 17/2003

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Wurden Bagdads Museen im Auftrag von US-Händlern geplündert?

Die Plünderung und Zerstörung der weltweit einzigartigen Museen und Bibliotheken ist kultureller Völkermord. Warum ließen die US-Truppen die systematischen Plünderungen zu, obwohl amerikanische Archäologen das Pentagon seit Monaten davor warnten?


Wie und warum?
Rumsfeld stellt sich dumm

Wer sind die Gangster?

Als am 19. März die ersten Bomben auf Bagdad fielen, dachten viele Iraker: "Es ist nicht das erste Mal, daß die Barbaren bei uns einfallen." Der Vergleich ist nicht metaphorisch, sondern historisch absolut treffend, denn die alliierten Soldaten, vor allem die Amerikaner, sahen bei planmäßiger Plünderung und Zerstörung tatenlos zu.

Aber es gibt einen auffälligen Unterschied: Als im Herbst 1257 die Mongolen unter Dschingis Khans Enkel Hulagu das Abassiden-Kalifat überrannten und die Hauptstadt Bagdad plünderten und niederbrannten - nur zwei Gebäude, der Palast und die Universität Mistansirija, blieben erhalten - , da taten sie es aus Unwissenheit und Haß. Heute dagegen handelten die Amerikaner bewußt, als sie zuließen, daß die kulturellen Einrichtungen geplündert und unschätzbare Kunstwerke und Zeugnisse einer jahrtausendealten Geschichte gestohlen wurden. Die unmittelbaren Nutznießer sind vermutlich Kunstsammler und Händler, die an dem Beutegut Milliardensummen verdienen werden. Aber die eigentliche Absicht dahinter ist, die Geschichte und damit die historische Identität eines ganzen Volkes, einer Kulturnation zu vernichten. Es ist kultureller Völkermord.

Nach drei Wochen praktisch unaufhörlicher Luftangriffe marschierten US-Streitkräfte am 9.April in die irakische Hauptstadt ein. Schon am nächsten Tag wurde Bagdads Nationalmuseum geplündert, und das gleiche Schicksal erlitten in den folgenden Tagen die Nationalbibliothek und das Nationalarchiv, die Koran-Bibliothek des Religionsministeriums sowie das Museum und die Universitätsbibliothek in Mossul.

Der Verlust für den Irak, das irakische Volk und die Menschheit ist unermeßlich. Das Bagdader Museum beherbergte die weltgrößte Sammlung mesopotamischer Kunst und dokumentierte eine einzigartige geschlossene Spanne der Zivilisationsgeschichte von den Sumerern über die Akkader, Assyrer und Babylonier bis hin zur islamischen Zeit. Die Archäologin Roberta Venco von der Universität Turin drückte es so aus: "Man kann unmöglich die Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens erforschen, ohne dieses Museum besucht zu haben."

Beim zweiten Golfkrieg 1990-91 hatte man das Museum geschlossen und die größten Schätze ausgelagert. Damals wurden 4000 Ausstellungsstücke aus Museen des Landes gestohlen. Zehn Jahre lang blieb das Museum in Bagdad aus Sorge vor Diebstählen geschlossen. In dieser Zeit gelang es, einen Großteil der vermißten Kunstschätze wieder aufzutreiben, und sie wurden an einem zentralen Ort sicher gelagert. Am 18.April 2000 wurde das Museum mit 10000 Ausstellungsstücken wiedereröffnet. Heute, drei Jahre später, ist es völlig verwüstet.

Zu den einzigartigen Stücken gehörten parthische Skulpturen aus Hatra aus dem 2.Jahrhundert v.Chr., Schmuck aus den Königsgräbern von Ur aus dem 2.Jahrtausend v.Chr., goldene Artefakte aus den Gräbern der assyrischen Königinnen in Nimrud, eines der ältesten Exemplare des Koran, Steintafeln mit den Gesetzen Hammurabis und 30-40000 Tontafeln mit Cuneiform-Inschriften, darunter die ältesten Schrifttafeln der Welt aus dem 3.Jahrtausend v.Chr. Weiterhin zylindrische Siegel, die frühesten mathematischen Tafeln aus Tell Harmal, eine Harfe aus massivem Gold aus der Sumererzeit (3360-2000 v.Chr.), 4000 Jahre alte sumerische Skulpturen, frühzeitliche Steinzeichnungen, Elfenbeinfiguren, Friese mit Abbildungen von Soldaten und die Aufzeichnungen und Sammlungen aller archäologischen Expeditionen im Irak seit den 30er Jahren.

Wieviele und welche Kunstschätze gestohlen wurden, weiß man noch nicht und wird es vermutlich auch nie genau wissen, weil viele Objekte - vor allem die zahllosen Tontafeln - noch nicht erfaßt und katalogisiert waren, weil es wegen der Sanktionen an Mitteln und Personal mangelte. Der Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz sagte in einem Gespräch mit der Neuen Solidarität, neben den Kunstobjekten seien auch Computer und Archive zerstört worden. Selbst wenn die gestohlenen Objekte wieder herbeigeschafft würden, könnte man sie also nicht mehr alle historisch nach Fundort, Periode usw. einordnen. Erst dieser historische Zusammenhang mache den unermeßlichen Wert einer solchen Sammlung aus, weniger die einzelnen Fundstücke an sich. Sollte das "Zentralverzeichnis", ein detailliertes, historisch geordnetes Verzeichnis aller Stücke, verloren gegangen sein, wäre dies ein unersetzlicher Verlust. Man könne dann nur noch versuchen, das Zentralverzeichnis teilweise aus anderen vorhandenen Katalogen zu rekonstruieren.

Die Verluste im Nationalmuseum sind die größte Tragödie, aber nicht die einzige. Nationalbibliothek und Nationalarchiv, die am 14.April geplündert und niedergebrannt wurden, enthielten neben einer umfassenden Sammlung historischer Dokumente aus osmanischer Zeit - darunter die Königsarchive des Irak - auch zeitgenössische Dokumente über den irakisch-iranischen Krieg 1980-88 sowie ein Archiv arabischer Zeitungen seit 1900 auf Mikrofilm.

Wie und warum?

Wie konnte so etwas Ungeheuerliches geschehen? Die Antwort ist ebenso einfach wie niederschmetternd: Das marodierende amerikanische Heer ließ es ganz bewußt zu. Sie wollten es. Dutzende Augenzeugenberichte beweisen, daß die Plünderungen unter den Augen amerikanischer Soldaten geschahen - obwohl man sie immer wieder aufforderte, Einhalt zu gebieten.

Wie die New York Times berichtete, hielt der Archäologe Raid Abdul Ridhar Muhammed am 10.April Plünderer auf, weil ihm fünf Marines-Soldaten folgten und sie mit Warnschüssen vertrieben - aber eine halbe Stunde später kamen die Plünderer wieder und konnten ihr Unwesen ungehindert treiben, weil sich die US-Armee zu helfen weigerte.

Robert Fisk vom britischen Independent berichtete am 14.April: "Als ich in Sichtweite der Koran-Bibliothek kam, schlugen die Flammen schon 30 Meter hoch aus den Fenstern. Ich rannte zum Büro der Besatzungsmacht, dem Büro der US-Marines für Zivilangelegenheiten. Ein Offizier rief einem Kollegen zu: ,Der Kerl hier sagt, irgendeine biblische Bibliothek brennt.' Ich gab ihnen den Ort auf dem Stadtplan an, den genauen Namen - auf englisch und arabisch - , ich sagte, man könne den Rauch schon vier Kilometer weit sehen und könne in fünf Minuten hinfahren. Eine halbe Stunde später war kein einziger Amerikaner weit und breit zu sehen - und die Flammen schlugen 60 Meter hoch."

Am 15.April sagte der Director of Antiquities Donny George in CNN, am 12.April sei er zusammen mit dem Vorsitzenden des Staatlichen Kulturrats zum Hauptquartier der US-Marines im Hotel Palestine gegangen. "Wir warteten vier Stunden, bis wir einen Oberst trafen. Er versprach an jenem Tag, er werde gepanzerte Fahrzeuge schicken, um das zu schützen, was vom Museum noch übrig war. Aber bis jetzt ist nichts angekommen." Später habe Außenminister Colin Powell erklärt, man werde das Museum schützen. "Aber es ist immer noch niemand hier."

Daß die Amerikaner bewußt so handelten und nicht etwa aus Unfähigkeit, zeigt sich daran, wie schnell und wirksam die US-Truppen die über tausend irakischen Erdölfelder besetzten. Auch das Ölministerium in Bagdad und in Kirkuk und das Innenministerium wurden sofort abgesichert. Alle anderen 35 Ministerien in Bagdad sowie verschiedene Botschaften wurden völlig ausgeraubt und teilweise in Brand gesetzt.

Es besteht auch kein Zweifel daran, daß die Plünderung des Nationalmuseums und anderer Einrichtungen professionell organisiert war. Arabische Fernsehsender zeigten, wie Plündererbanden mit Lastwagen bei den Gebäuden vorfahren und einfallen. Donny George sagte Reportern, hinterher habe man Glasschneider gefunden, die es im Irak sonst nicht gibt. Weiter sagte er: "Einer der gestohlenen Gegenstände ist eine 7000 Jahre alte Bronzebüste. Sie wiegt mehrere hundert Kilogramm und wurde aus dem zweiten Stockwerk weggeschafft." Das waren keine chaotischen Plünderer, sondern Berufsverbrecher.

Und sie wußten offensichtlich sehr genau, was sie stehlen sollten. Das Museum stellte auch viele Kopien von Stücken aus, deren Originale im Britischen Museum, Louvre usw. stehen. Von diesen Kopien wurde keine einzige gestohlen, nur die kostbaren Originale! Es gibt sogar Berichte, wonach "eine New Yorker Kunstorganisation" erst vor sehr kurzer Zeit einen Katalog angefertigt hat.

Auf einem Dringlichkeitstreffen der UNESCO am 17.April in Paris, wo man erste Einschätzungen des Schadens vornahm, sagte der Vorsitzende der Amerikanischen Vereinigung für Forschungen in Bagdad, Prof. McGuire Gibson von der Universität Chikago: "Es sieht so aus, als seien einige der Plünderungen bewußt geplant gewesen. Sie hatten Tresorschlüssel und konnten wichtiges mesopotamisches Material aus den Tresoren wegschaffen." Er sei sich ziemlich sicher, daß dies vom Ausland aus organisiert wurde.

Rumsfeld stellt sich dumm

Von Reportern auf die Plünderungen angesprochen, wischte US-Verteidigungsminister Rumsfeld das einfach beiseite: So etwas geschehe nun einmal, wenn ein Regime zusammenbreche, und es werde bald nachlassen. Aber etwas kann mit seiner Argumentation nicht stimmen.

Wie die Washington Post am 14. April berichtete, gingen Pentagonplaner sehr wohl davon aus, daß es nach Saddam Husseins Sturz zu einer Periode von Chaos und Gesetzlosigkeit kommen würde, trotzdem habe Rumsfeld entschieden, nur leichte, mobile Truppen zu entsenden, die damit nicht fertigwerden können. Wenn Rumsfeld mit Plünderungen rechnen mußte, warum tat er nichts, um sie zu verhindern?

Das US-Verteidigungsministerium wurde schon lange vor dem Krieg genau über Ort und Wert der irakischen Altertümer unterrichtet. Als der Krieg näherrückte, setzten sich zahlreiche Archäologen und Kunsthistoriker für den Schutz dieses einzigartigen Kulturerbes ein. Prof. McGuire Gibson etwa sprach dreimal mit Kollegen persönlich im Pentagon vor.

Gibson warnte am 21.März in einem Artikel im Wissenschaftsmagazin Science vor der Gefährdung der Kulturgüter. Er berichtete dort über eine Initiative des Archäologischen Instituts Amerikas (AIA) und der Amerikanischen Vereinigung für Forschungen in Bagdad, die seit Monaten Angaben über Standorte archäologischer Stätten zusammentrugen und dem Pentagon übermittelten, um die Bedeutung des Irak als Weltkulturerbe deutlich zu machen. Die Liste umfaßte mehr als 4000 Stätten. Auch auf den dringenden sofortigen Schutz des Nationalmuseums wurde hingewiesen. "Drei Wachen und ein Panzer würden ausreichen", sagte AIA-Direktor Waldbaum.

Die AIA erinnerte auch in einer von allen wichtigen archäologischen Instituten unterschriebenen Stellungnahme an die Verpflichtung der Haager Konvention von 1954 zum Schutz von Kulturgütern bei bewaffneten Konflikten. Gibson und seine Kollegen erhielten vom Pentagon die Zusicherung, Museen und historische Stätten würden geschützt.

Wer sind die Gangster?

Aber offensichtlich hörte das Pentagon in Wirklichkeit auf völlig entgegengesetzte Interessen. Während Gibson und andere für den Schutz der irakischen Kulturgüter kämpften, warb eine Organisation von Kunstsammlern für die Lockerung der strengen Ausfuhrbestimmungen für irakische Kulturgüter. Der Sunday Herald berichtete am 6.April unter der Überschrift "USA werden Pläne zur Plünderung irakischer Altertümer vorgeworfen" über die Machenschaften dieser Gruppe, des Amerikanischen Rats für Kulturpolitik (ACCP).

Vor dem Krieg besuchten ACCP-Vertreter das Verteidigungs- und das Außenministerium. ACCP-Schatzmeister William Pearlstein warb Ende 2002 dafür, daß eine Nachkriegsregierung im Irak die strikten Besitz- und Exportbeschränkungen für Kulturgüter aufhebt. Außerdem sollte die US-Regierung das Gesetz über Kulturbesitz (Cultural Property Implementation Act) abschaffen, damit andere Länder den Import von Kulturgütern in die USA nicht so leicht verhindern könnten.

Dies ließ bei Archäologen die Alarmglocken läuten. Der Cambridge-Professor Lord Renfrew of Kaimsthorn erklärte: "Die Gesetze des Iraks über Altertümer schützen den Irak. Das letzte, was wir jetzt brauchen, ist, daß sich eine mit Händlern verbundene amerikanische Gruppe einmischt. Eine Änderung der Gesetze wäre ungeheuerlich." Die AIA-Präsidentin Patty Gerstenblith sagte, die irakischen Gesetze stammten aus der Zeit vor Saddam Hussein und seien sehr gut. Die Sammler des ACCP wollten sich über Gesetzesänderungen die Schätze Mesopotamiens aneignen. Leider stünden deren Chancen nicht schlecht, denn es seien zwar nur etwa 50 Personen, aber sie hätten Einfluß in Washington.

Wer sind diese "50 einflußreichen Leute"? Leiter und Mitbegründer des ACCP ist Ashton Hawkins, früher Rechtsberater und Vizepräsident des New Yorker Metropolitan Museum und derzeit Rechtsberater der New Gallery, eines neuen Museums in New York. Der ACCP umfaßt vor allem Sammler und Anwälte mit "anrüchigen Erfahrungen bei der Sammlung wertvoller Kunstwerke, angeblich auch Nazi-Beutekunst", schreibt der Sunday Herald. Einer davon ist der bekannte New Yorker Antiquitätenhändler Frederick Schulz, der zu fast drei Jahren Haft verurteilt wurde, weil er einen aus Ägypten herausgeschmuggelten Pharaonenkopf für 1,2 Mio. Dollar verkauft hatte.

Nach einem Bericht des Boston Globe vom 13.Februar 1998 organisierte Hawkins ein Treffen mit diesem (später inhaftierten) Schulz und anderen, um dem Finanzier Michael Steinhardt aus rechtlichen Schwierigkeiten zu helfen. Leser dieser Zeitung kennen Steinhardt als Geldgeber des Demokratischen Führungsrates DLC, der Kriegsfraktion in der Demokratischen Partei der USA. Steinhardt hatte illegal antikes Kulturgut erworben, das aus Italien herausgeschmuggelt worden war. Der Händler hatte die Dokumente gefälscht. Hawkins war Steinhardt verpflichtet, weil dieser dem Metropolitan Museum große Summen gespendet hatte, und er setzte durch, daß die Vereinigung der Direktoren von Kunstmuseen sich vor Gericht für Steinhardt verwandte.

Vor dem Hintergrund der professionellen Plünderungen im Irak macht das eifrige Werben für die Lockerung der Ausfuhrgesetze für Kulturgüter aus dem Nachkriegsirak den ACCP verdächtig. Wollte jemand die nationale kulturelle Identität des Iraks zerstören und sich gleichzeitig noch persönlich daran bereichern?

Muriel Mirak-Weißbach

 

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