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Aus der Neuen Solidarität Nr. 24/2003

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Neues aus der Medizin


Sehschäden können mittels PC vermindert werden
Sonnenlicht statt Laserstrahlen

Organtransplantation: keine Abstoßungsreaktion

Gedämpfte Immunabwehr verringert Abstoßungsreaktion nach Transplantation

Tomographieverfahren stellt Körperorgane dreidimensional dar

Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert Ganzkörper-Tomographen

Herzschrittmacher durch Gentherapie ersetzbar?

Blutwäsche gegen chronische Herzmuskelschwäche

Verfeinerte bildgebende Verfahren verbessern Diagnostik

Aus Hautzellen werden Nervenzellen

Künstliche Nerventransplantate an Mäusen erfolgreich getestet

Sehschäden können mittels PC vermindert werden

Am Magdeburger Institut für Medizinische Psychologie hat man eine Methode entwickelt, Menschen mit Sehstörungen - z.B. nach einem Schlaganfall - zu besserem Sehen oder Wiederherstellung der vollen Sehkraft zu verhelfen. Zunächst wird der Gesichtsfelddefekt mittels einer komplizierten Untersuchung am Computermonitor vermessen, wobei der Übergang zwischen den blinden und noch sehenden Gesichtsfeldanteilen sichtbar gemacht wird. An diesen Übergängen mit Restsehfunktion setzt das Trainingsprogramm an, das sich dann zu Hause am eigenen PC durchführen läßt. Dazu wurde ein eigenes Computerprogramm entwickelt, bei dem durch ausgesandte Lichtsignale die teilgeschädigten Sehzellen stimuliert werden und sich langsam wieder eine bessere Funktion des Sehens erzielen läßt.

Die Methode ist weltweit einzigartig. Die Diagnosestellung und das nachfolgende Übungsprogramm werden durch die Firma NovaVision AG und eine assoziierte Rehaklinik initiiert. Auch bei Kindern ist diese Methode anwendbar. Bisher wurden über 400 Patienten behandelt, bei 95% wurde eine teilweise, in einigen Fällen sogar völlige Wiederherstellung des Gesichtsfeldes erreicht.

Sonnenlicht statt Laserstrahlen

Die Laserchirurgie könnte in die Operationssäle in breiter Front Einzug halten, wenn die hierzu erforderlichen Geräte nicht so extrem teuer wären. Eine Alternative hierzu sehen israelische Forscher vom Blaustein-Institut für Wüstenforschung in der Verwendung von Sonnenlicht. Man kann Sonnenstrahlen fokussieren und mittels Fiberglasfasern in den OP lenken, wobei das Sonnenlicht an Leistung und Energiedichte den Laserstrahlen ebenbürtig ist. Die Forschungen stecken noch im Stadium umfangreicher Tierversuche.

Organtransplantation: keine Abstoßungsreaktion

Nach jeder Organtransplantation durchleben Organempfänger und das Ärzteteam, das die Transplantation durchgeführt hat, Wochen und Monate zwischen Hoffen und Bangen, denn das implantierte Organ wird vom Körper des Empfängers in der Regel keineswegs sofort geduldet. Vielmehr wird in den meisten Fällen eine Abwehrreaktion in Gang gesetzt, die es durch Medikamente, die u.U. lebenslang genommen werden müssen, zu durchbrechen und zu unterdrücken gilt. Und das wiederum ist für den Patienten mit vielerlei Nebenwirkungen verbunden.

Ein interessantes Forschungsergebnis wurde jetzt von indischen Wissenschaftlern auf dem internationalen Kongreß für Transplantationsmedizin in Miami vorgelegt, wonach der Thymusdrüse eine zentrale Rolle zukommt. Diese Drüse ist als Ort für eine "Zwangspassage" aller in Entwicklung befindlicher Abwehrzellen des Immunsystems, den T-Lymphozyten, anzusehen. Die T-Zellen lernen dort alle Eiweißkörper kennen, die in dem betreffenden menschlichen Körper vorkommen. Treffen sie später einmal auf körperfremde Eiweiße, werden diese angegriffen, was zu mancherlei Abwehrreaktionen, im Falle von Transplantationen zu Organabstoßungen, führen kann.

Die indischen Forscher injizierten 19 Tage vor einer Nierentransplantation eine kleine Menge Gewebe aus dem Spenderorgan in die Thymusdrüse des Organempfängers. So lernte diese die neuen Eiweiße als "körpereigene" kennen. Zehn Tage vor der Transplantation wurden adulte Stammzellen aus dem Knochenmark des Organspenders dem Empfänger infundiert. Bei allen 26 auf diese Weise behandelten Patienten kam es nach der Nierentransplantation nicht zu einer Abstoßungsreaktion, nachdem man die die Immunreaktion unterdrückenden Medikamente nach drei Monaten abgesetzt hatte. Eine Abstoßungsreaktion blieb auch noch bis vier Monate nach Absetzen der Medikamente aus.

Gedämpfte Immunabwehr verringert Abstoßungsreaktion nach Transplantation

An der Berliner Charité haben Forscher in einer klinischen Studie an 20 Patienten mit Nierentransplantation neue Erkenntnisse gewonnen und Behandlungsfortschritte erzielt. Das Grundproblem bei einer Organtransplantation liegt in der Frage, ob ein Organismus das gespendete Organ akzeptiert oder abstößt. Ein neu entwickelter Wirkstoff unterdrücke nicht das Immunsystem, wie bisher üblich, sondern "modifiziere" es, wie Oberarzt Klemens Budde die Wirkung der neuen Substanz FTY beschreibt. Sie wirke hemmend auf die Funktion der aggressiven weißen Blutzellen ein, zerstöre sie aber nicht, sondern deponiere sie in der Darmwand, wo sie weiter allgemeine Abwehrfunktionen ausüben könnten. Der Nachteil der neuen Substanz: Verursachung einer Verlangsamung des Herzschlags mit dem Risiko eines Herzstillstandes.

Tomographieverfahren stellt Körperorgane dreidimensional dar

An der Kölner Universität hat Professor Klaus Meerholz vom Institut für physikalische Chemie ein Verfahren entwickelt - die Optische Kohärenz-Tomographie (OCT) - mit dessen Hilfe dreidimensionale Bilder von inneren Organen gewonnen werden können. Die Ausgangsmethode, "klassische Holographie" genannt, die bereits seit Jahren an Haut- und Augenkliniken zur Diagnostik genutzt wird, beruht auf der Verwendung von Laserstrahlen, die zweigeteilt auf einen fotografischen Film gelenkt werden. Hierbei trifft ein Teil direkt auf den Film, der andere wird auf das darzustellende Objekt gerichtet, das wiederum die auftreffenden Strahlen diffus zerstreut. Einige dieser Streustrahlenteilchen treffen den Film, werden von den direkten Laserstrahlen überlagert und bilden ein Interferenzmuster, das aus mikroskopisch sichtbaren Linien besteht. Dieses Muster enthält die gespeicherten Daten, die über Form und Tiefe des angepeilten Objektes Auskunft geben können.

Um zur OCT zu kommen, strebte Meerholz die kurzfristige Speicherfähigkeit der Daten an, die von den reflektierten Laserpartikeln abgegeben werden. Er fand sog. fotorefraktive Polymere, die gleichzeitig fotoleitfähige wie auch fotorefraktäre Eigenschaften besitzen. In hellen Zonen des Interferenzmusters werden Ladungsträger erzeugt, die durch ein elektrisches Feld in ein Raumladungsfeld umgewandelt werden. Der Brechungsindex des Polymers läßt sich auf diese Weise ändern, das geschriebene Hologramm auslesen und digitalisieren. Setzt man das Polymer einer gleichmäßigen Beleuchtung aus, verschwindet das Raumladungsfeld und die Wiederverwendbarkeit ist gesichert.

Das Infrarot-Hologramm kann in Millisekunden durchgeführt werden, wenn das Polymer zuvor mit kurzwelligem Licht bestrahlt wurde, wodurch die Ladungsträger bereits vorhanden sind; sie brauchen nur noch umverteilt zu werden. Professor Meerholz hält die Entwicklung eines Gerätes zur Anwendung in der Medizin für sinnvoll. Ein von der European Space Agency gefördertes Projekt, das sich mit Knochenuntersuchungen befaßt, ist im Gange.

Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert Ganzkörper-Tomographen

An der Berliner Charité wird ein neuartiger Ganzkörper-Magnetresonanz-Tomograph installiert, dessen Magnetfeld doppelt so stark ist wie bei den herkömmlichen Kernspintomographen. Das Auflösungsvermögen sei erheblich verbessert, unter 1 mm, das Magnetfeld könne bis 3 Tesla betragen, ein Wert, der das Magnetfeld der Erde um das eine Millionfache übersteige und mit dessen Stärke die Bildqualität wesentlich verbessert werden könne. Mit dem neuen Gerät können jetzt Ganzkörper-Magnetresonanz-Bilder in kürzester Zeit erstellt werden. Der neue Magnetresonanz-Ganzkörpertomograph ist der einzige in Europa und wird von der General Electric Medical Systems installiert.

Herzschrittmacher durch Gentherapie ersetzbar?

Der Herzrhythmus wird geregelt durch den sog. Sinusknoten, eine Ansammlung spezifischer Zellen - man könnte sie als Herzschrittmacherzellen bezeichnen - , in denen elektrische Impulse gebildet werden, welche die Muskulatur erst der Vorhöfe und dann der Herzkammern zur Kontraktion bringen. Dadurch entsteht der Blutfluß in den Adern. Bei Rhythmusstörungen des Herzens, vornehmlich mit langsamer Schlagfolge, wird heute ein elektronischer Herzschrittmacher implantiert. Dem Wissenschaftler Edoardo Marbán von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore ist es gelungen, Herzmuskelzellen in spezialisierte Herzschrittmacherzellen umzuwandeln. Nach Auffassung von Marbán geht die embryonale Fähigkeit der Herzmuskelzellen, sich in Schrittmacherzellen umzuwandeln, im Laufe des Lebens nicht verloren, sondern wird lediglich unterbunden. Hierbei sollen Kaliumkanälchen in den Herzmuskelzellen eine wichtige Rolle spielen; sie sollen die Herzmuskelzellen an der Eigenschaft, rhythmusstimulierend zu wirken, hindern.

Bei Versuchen an Meerschweinchen versuchte Marbán die Kaliumkanälchen durch Einschleusen eines speziellen Gens zu blockieren. Wenige Tage später konnte festgestellt werden, daß bei 40% der Tiere Schrittmacherimpulse und eine Beschleunigung der Herzfrequenz auftraten. An diese Testergebnisse werden die Hoffnung auf Weiterentwicklung und eine mögliche Anwendung beim Menschen in absehbarer Zeit geknüpft.

Blutwäsche gegen chronische Herzmuskelschwäche

Die chronische Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz) ist nicht so selten, wie vielleicht angenommen wird. Auch scheint eine Autoimmunaggression sie verursachen zu können. So lassen sich, wie der Zellbiologe am Berliner Max-Delbrück-Zentrum Gerd Wallukat herausfand, in einem hohen Prozentsatz der Erkrankten Antikörper nachweisen, die die eigenen Herzmuskelfasern angreifen und in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Eine Erschlaffung des Herzmuskels mit Herzerweiterung, Rückstau von Wasser in die Lunge und den Körper und Atemnot bei Belastung und schließlich auch in Ruhe sind die Folgen.

Die von Wallukat gefundenen Antikörper sind gegen die Beta-1-adrenergen-Rezeptoren im Herzmuskel gerichtet. Diese Rezeptoren sind verantwortlich für die Anpassung der Herzleistung an die jeweilige Belastung. Auf diesen Kenntnissen basiert die neue Methode mittels "Blutwäsche ", ähnlich wie bei Nierenleistungsstörungen, die aggressiven Antikörper aus dem Blut zu entfernen. In einer ersten Studie konnte bei 70% der Patienten nach der Behandlung durch die "spezifische Immunadaptation" eine deutliche Besserung der Herzleistung festgestellt werden.

Verfeinerte bildgebende Verfahren verbessern Diagnostik

Nicht nur Röntgenuntersuchungen sondern auch die Ultraschalldiagnostik ist durch dreidimensionale Verfahren bereichert worden. Nachdem die Computer- und Magnetresonanztomographie schon zum Standard röntgenologischer Diagnostik gehört, ist man mit der Positronen-Emmissions-Tomographie (PET) einen Schritt weiter: dreidimensionale Schnittbilder vom ganzen Körper lassen sich erstellen; auch Stoffwechselvorgänge werden sichtbar gemacht. Die Sichtbarmachung wird durch sog. Tracer (Trägerstoffe) ermöglicht, die mit minimalsten Dosen einer radioaktiven Substanz beladen werden, welche dann im Körper zerfallen und eine Gammastrahlung abgeben; diese ist meßbar und läßt sich zu Bildern errechnen. Je nach dem, welche Region des Körpers untersucht werden soll, werden die Tracer zurechtgebaut, also unterschiedlich für Krebsgewebe, Infarktbezirke am Herzen, Knochengewebe, ja sogar Nervengewebe.

Die Kombination von PET und Computertomographie ermöglicht selbst bei Bronchialkrebs die Erkennung von gesunden und befallenen Lymphknoten und lassen ihre millimetergenaue Lokalisierung zu, so Holger Amthauer, Oberarzt an der Klinik für Strahlenheilkunde der Charité in Berlin. Die dreidimensionalen Bilder werden auch zu Kontrollen nach Krebsbehandlungen benutzt und geben Einblick in deren Wirksamkeit.

Da in der Inneren Medizin die Untersuchung mittels Ultraschall nach wie vor sehr weit verbreitet und unverzichtbar ist, ist auch hier eine Weiterentwicklung zum dreidimensionalen Bild erfolgt. Nach Aussagen von Joerg Bleck, Oberarzt an der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Medizinischen Hochschule Hannover, lassen Ultraschalluntersuchungen mit Computertechnik und verbesserter Software stärkere Tiefenauflösungen zu und bringen kontrastreichere und farbige Bilder, die bei Tageslicht beurteilbar sind. Der Vorteil liegt auch darin, daß das Untersuchungsergebnis sofort vorliegt.

Aus Hautzellen werden Nervenzellen

Norwegische Wissenschaftler der Universität Oslo haben sich mit dem Problem befaßt, bereits fertig entwickelte Hautzellen zu Nervenzellen umzufunktionieren. Dies scheint ihnen im Ansatz gelungen zu sein, denn unter einer Vorbehandlung mit Extrakten aus Lymph- und Nervenzellen zeigte sich bei menschlichen Bindegewebszellen eine Entwicklungsänderung, u.a. in Richtung Nervenzellen. Diese Methode verspricht, neue Möglichkeiten für eine Geweberegeneration zu ergeben. Der Rückgriff auf fetale Stammzellen und damit Zerstörung von Leben ließe sich so vermeiden. Die Methode: Die Forscher behandelten die Ausgangsstufe der Bindegewebszellen, Fibroblasten, mit Extrakten der Vorstufen von Lymph- und Nervenzellen; zuvor waren die Zellwände durchlässiger gemacht worden. Die im Wachstum begriffenen Zellen entwickelten einige Merkmale von Lymph- und Nervenzellen, die auch über Wochen erhalten blieben. Ein Nachweis dieser angenommenen Umstrukturierungen konnte durch Gen- und Chromosomenuntersuchungen erbracht werden.

Künstliche Nerventransplantate an Mäusen erfolgreich getestet

Was an Mäusen erfolgreich erprobt wurde, soll jetzt auch am Menschen versucht werden: Periphere Nervenlähmungen durch Nerventransplantate zu beseitigen. Am Magdeburger Institut für Medizinische Neurobiologie unter Professor Gerald Wolf, zusammen mit Dr. Gerburg Keilhoff war es in Tierversuchen gelungen, selbst längere Schadstellen von peripheren Nerven mittels gezüchteten Ersatzgewebes zu überbrücken und gelähmten Körperpartien wieder zu normaler Funktion zu verhelfen. Neben "Kletterhilfen" wie Implantaten von Venen, Muskelgewebe oder Kollagenröhrchen benötigten die Forscher größere Mengen von Schwann-Zellen, die die normalen peripheren Nerven als Hülle umgeben. Diese Zellen ließen sich im Labor in größeren Mengen gut vermehren und auf einem präparierten Muskelfasergerüst als Leitlinie ansiedeln. Die in diesem gerichteten Umfeld wachsenden neuen Nervenzellen stellen die Verbindung zum geschädigten Nervenstrang her mit dem Ergebnis, daß wieder Nervenimpulse im gelähmten Organ ankommen und sich die Lähmungserscheinungen langsam verringern. Die benötigten Schwann-Zellen stammen aus dem Körper des Patienten und führen folglich nicht zu Abstoßungsreaktionen.

Dr. med. Joachim Roeder

 

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