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Aus der Neuen Solidarität Nr. 25/2003 |
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- Club of Life-Kommentar -
von Jutta Dinkermann
Anfang Juni erstattete der Sozialverband Deutschland (SoVD) Strafanzeige gegen den katholischen Theologieprofessor Joachim Wiemeyer und den Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik Friedrich Breyer "wegen des Verdachts der Anstiftung zum Mord aus niedrigen Beweggründen", da sich die beiden gegen lebenserhaltende medizinische Leistungen für über 75jährige Patienten ausgesprochen haben.
In der Tageszeitung Die Welt fand sich am 10. Juni unter der Rubrik Kopfnoten folgende Beurteilung des mutigen politischen Vorstoßes des Vorsitzenden des Sozialverbandes Deutschlands Peter Vetter:
Ja, man muß! Und man sollte diese Strafanzeige auch flugs auf all diejenigen ausdehnen, die nicht einmal den kleinen Finger heben, um die heutigen haarsträubenden und zum Teil lebensgefährdenden Mißstände in Alten- und Pflegeheimen, im Krankenhausbereich und im ambulanten Sektor zu beseitigen, sondern diese auch noch verschärfen wollen. Wem Vetters Vorstoß zu "unangemessen" oder "politisch unkorrekt" erscheint, dem sei die Gegenfrage gestellt: "Wie sonst soll man denn Vorschläge bezeichnen, die ältere und kranke Mitbürger in den sicheren, zum Teil überaus qualvollen Tod treiben?" Und er sollte auch einmal einen Blick in die Nürnberger Statuten werfen, wo die Nichtbereitstellung oder Verweigerung einer angemessen medizinischen Versorgung schon einmal eindeutig als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet wurde.
Zu früheren Zeiten, als die Menschen sich noch nicht um das Wissen von Ursache und Wirkung und die Bedeutung ihrer eigenen Verantwortlichkeit dabei herumdrückten, wäre solch ein Vorschlag zu Recht nicht als Meinungsfreiheit, sondern als Volksverhetzung bezeichnet und strafrechtlich verfolgt worden.
Heute läuft das Spielchen etwas anders. Niemand glaube an einen Zufall, daß inmitten der heutigen Gesundheitsspardiskussion, die selbst von Ulla Schmidt als letztlich "wahlentscheidend" charakterisiert wird, solche Professoren-Vorschläge einfach so laut dahingedacht werden. Dahinter steckt das wohlüberlegte und hundertfach erprobte Kalkül, zunächst einen ungeheuerlichen Versuchsballon steigen zu lassen, um zu sehen, wie sich eine breite Öffentlichkeit empört, und anschließend schnell wieder zum Tagesgeschäft überzugehen. Doch gesagt ist gesagt, und der darauf folgende nächste (etwas weniger brutale) Vorstoß wird dann als Verbesserung gegenüber dem ursprünglichen Vorschlag gefeiert - nach dem Motto: "Weil wir dies ja alle nicht wollen, müssen wir eben das und das machen."
Und tatsächlich: Es wird immer schneller "nachgehakt", der Ton wird allerorten immer roher, schärfer und direkter. Ob in der Politik, ob in den Medien, es wird versucht, letztlich all die diversen Thesen von den (zu) teuren alten und kranken Menschen zu untermauern.
In seiner Offenheit aber wiederum erstaunlich ist der Kommentar in Die Welt am 3. Juni von Konrad Adam mit der Überschrift Die neue Utopie der Altersforschung. Dabei geht es um eine Veranstaltung der Max-Planck-Gesellschaft, auf der über die Konsequenzen der rückläufigen Bevölkerungszahlen gestritten wurde. Adam kritisiert die Referenten, die nichts dabei fänden, daß alte Menschen ihren Hobbys nachgehen und "Küsten klimatisch angenehmerer Zonen bevölkern".
Wer käme eigentlich jemals auf die Idee, dies jüngeren Menschen vorzuwerfen?
Adam schreibt: "Von so etwas berichten die Altersforscher genauso gern, wie VdK-organisierte Rentner es hören. Daß sie ihr schönes Leben auf Kosten und zu Lasten der jüngeren Generation führen, hören sie weniger gern."
Wieso eigentlich? Diese haben sowohl Beiträge gezahlt, als auch Kinder gezeugt. Nebenbei gesagt: Die zurückgehenden Kinderzahlen sind - obwohl natürlich beklagenswert - momentan kein Argument gegen die prekäre Finanzlage der sozialen Sicherungssysteme. Die Arbeitslosigkeit ist mittlerweile so hoch, daß selbst, wenn genügend Kinder geboren worden wären, diese unter der herrschenden Wirtschaftspolitik zur Zeit gar nicht in Brot und Lohn ständen. Die Lage wäre unter dem Gesichtspunkt der Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme dann womöglich noch zugespitzter als jetzt, denn der Generationenvertrag funktioniert erst bei stabilen wirtschaftlichen Vorzeichen.
Aber dem Autor (wie so vielen Gleichgesinnten) geht es offenbar gar nicht um die Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme, sondern vielmehr um "überzeugende" Vorwände, die Unbeliebten loszuwerden. Zudem tritt ein Menschenbild, das weder nach Lösungen Ausschau halten will noch dazu in der Lage wäre, zu Tage.
O-Ton Adam: "Auch in Berlin kamen die Konstruktionsmängel des deutschen Alterssicherungssystems und ihre Folgen zur Sprache. Die Wirklichkeit ist allerdings ein harter Gegner ... Zwar gaben sich die vereinigten Wissenschaftler alle Mühe, die vergeßlichen, anfälligen, umständlichen, pflegebedürftigen und demenzgeschädigten Gestalten, die da sichtbar wurden, hübsch aufzuschminken, schöner wurden sie dadurch aber nicht ... Da hatten es die alten Patriarchen besser ... Sie hatten erlebt, was das Leben zu bieten hat, und waren bereit, Abschied zu nehmen ohne Groll. Das dürfen die neuen Alten nicht, wenn sie sich an die Gerontologen und Geriater halten, werden sie auch niemals so weit kommen ... Nicht die Natur schafft die Probleme, sondern eine Wissenschaft, die sich mit dem, was da geschaffen worden ist, nicht abfinden will und glaubt, die Schöpfung verbessern zu können. Sie will nicht wahrhaben, daß die meisten Menschen das ständige Anwachsen der Lebenserwartung durchaus nicht als Geschenk, sondern als veritable Drohung empfinden. Unbeeindruckt von solchen Gefühlen sprechen die Gerontologen 'von gewonnenen Jahren' und malen einen Lebensabend an die Wand, in dem die Jungen sich darum reißen, die vielen Alten im Rollstuhl durch die Gegend zu fahren ...
Das wird natürlich nicht passieren. Die Altersforschung ist der neueste Zweig einer uralten Gattung, der Utopie. Die Decke, die den Wohlfahrtsbürgern Schutz bieten sollte gegen alles mögliche, gegen Armut und Hinfälligkeit, gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit und was weiß ich, war von Anfang an zu kurz geschnitten, und wo die Leute älter werden, da wird sie immer kürzer."
Wiederum, warum eigentlich? Die Art und Weise der Wirtschaftspolitik ist nicht gottgegeben, sondern wird durch Menschen gemacht und verantwortet. Eine entsprechende beherzte Korrektur an dieser Stelle, die Vollbeschäftigung und Wachstum nach sich zieht, läßt "die Decke" doch schon kurzfristig wieder wachsen.
Adam fährt fort: "Wenn das Angebot dauerhaft hinter der Nachfrage zurückbleibt, hilft auch die beste Marktwirtschaft nicht weiter ... Ein längeres Leben wäre nur dann ein Gewinn, wenn es mit ewiger Jugend verbunden wäre. Die Geschichte von Eos, der griechischen Göttin der Morgenröte, die für ihren geliebten Tithonos vom Göttervater Zeus die Unsterblichkeit erwirkt, aber vergessen hatte, die ewige Jugend, das eigentliche Privileg der Götter mit zu erbitten, erinnert daran. Tithonos durfte oder mußte ewig leben, nahm allerdings mit der Zeit die Gestalt einer häßlichen und ewig nörgelnden Zikade an. Die Altersforschung nennt das Fortschritt."
Schaut man sich an, wie in den letzten beiden Jahrzehnten alte und kranke Menschen in diesem Lande erniedrigt, mißhandelt und geächtet wurden, schaut man sich ferner an, wieviel Energie darauf verwendet wurde, diese möglichst schnell unter die Erde zu bringen, dann ist zweierlei klar: Es ist eben nicht nur die Finanzkrise, die Beamte und Politiker zu Mördern "am grünen Tisch" werden läßt. Es ist der Schwund jeglichen Verständnisses darüber, was der Mensch ist, und warum er in allen Stadien seiner Existenz schützenswert ist.
Das, was Adam hier so offen ausspricht, der Ekel vor dem "schwachen" alten und kranken Menschen, die Bejahung des Lebens nur bei "ewiger" Jugend und Kraft ist zugleich eine der Haupttriebfedern, warum tatsächlich immer mehr alte und kranke Menschen vorzeitig aus dem Leben scheiden wollen. In so einer politischen und gesellschaftlichen Situation muß niemand mehr aus der Gesellschaft ausgestoßen werden - er ist es bereits. Gibt es für denjenigen dann noch Gründe, schwierige Krankheitssituationen zu meistern? Für wen oder was denn? Für Leute, die einen ohnehin eklig finden, ressourcenfressend, längst unter die Erde gehörend, die schon in sich selbst das Wertvolle, das sie als Menschen adelt und ausmacht kaum noch orten können - und erst recht nicht mehr im gebrechlichen Gegenüber? Und selbst wenn man es schafft, seine Würde vor diesen Einflüssen abzuschirmen: Finden sich überhaupt noch Helfer, die überhaupt willens wären, einen dabei zu unterstützen? Wohl nur gegen Geld.
Bewegt man sich auf dieser Ebene des "Zusammenlebens", dann werden "demenzgeschädigte Gestalten" nur so lange geduldet, wie sie niemanden stören. Spätestens wenn der Staat, die Krankenkasse, andere Institutionen ins Spiel kommen, wenn Finanzkrisen drohen oder stattfinden, bricht diese Duldung zusammen. Dann gibt es vermeintlich Wichtigeres zu unterstützen oder zu finanzieren, dann wird der Wert menschlichen Lebens antast- und abwägbar.
Umgekehrt leiden aber auch die jungen und gesunden Menschen: Ihre auf Spekulation und Wucher aufgebaute Sicherheitsscheinwelt kann jederzeit zusammenstürzen - und ist es ja auch bereits zu einem großen Teil. Sie wähnen sich frei, doch sie sind so unfrei wie nur irgendwer. Das bloße Auftreten von Cellulite, eine mißlungene Diät, die Streichung des Urlaubsgeldes, der Schaden am schönen neuen Wagen kann schon in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise führen, da sie es nie geschafft haben, ihrem Leben eine tiefere Mission zu geben, die nicht von bloßen Oberflächlichkeiten geprägt ist und die nicht von Alter und grauen Haaren, von Behinderung oder von der Meinung anderer über sie abhängig ist.
Sie haben gelernt, in einer darwinistisch geprägten Gesellschaft "stark" sein zu müssen. Und sie haben gelernt, daß derjenige, der schwach auf dem Boden liegt, nichts Besseres verdient hat, als getreten oder weggeschafft zu werden.
Aber ist wirklich derjenige "stark", der sich hier "stark" wähnt, und derjenige tatsächlich "schwach" und wertlos, der so offenbar unterlegen ist? Oder gibt es eine Brücke, oder gar ein Zusammentreffen zwischen beiden auf einer viel höheren Ebene, auf der sich dieser ganze Unsinn in Luft auflöst? Warum sollten sich der alte oder der junge Mensch, der kranke oder der gesunde Mensch überhaupt auf das von den Politikern und Medien geschürte Gegeneinander-Ausspielen einlassen, wenn dabei nur alle Beteiligten unglücklich sind und doch nur verlieren können. Was liegt näher, als nach eben dieser Brücke, dieser höheren Ebene Ausschau zu halten, um sich gegenseitig die Hand zu reichen?
Ich habe schwerkranke, oder einfach "nur" unter Schicksalsschlägen zusammengesackte Menschen kennengelernt, die all ihren Mut, ihre Kraft und Zuversicht aufbringen mußten, um nur zu einer einzigen weiteren Stunde ihres Lebens Ja zu sagen. Und doch erschienen sie mir wie Helden. Sie wußten mir nicht einmal zu sagen, ob am Abend ihre Kraft dazu noch einmal ausreichen würde, doch für den Augenblick, für ganze unendlich schwierige 60 Minuten hielten sie durch. Dann begannen die Entscheidung und das Kräftesammeln von neuem. Und in den meisten Fällen ging es ihnen nicht "nur" um das Ja zum persönlichen Weiterleben. Sie wußten, daß andere, die so etwas sehen, dann vielleicht ihre eigene Ernsthaftigkeit, mit dem Geschenk des Lebens umzugehen, überdenken.
Ebenso werden Menschen bei einer Beerdigung bis in ihr Mark erschüttert, weil sie an die Wahrheit, die Bedeutung und die Weisheit der Sprüche "Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben" und "Bedenke Mensch, daß du sterblich bist, auf daß du lebst" gemahnt werden.
Gerade das auch noch so limitierte "Ja zum Weitermachen" ist immer auch ein direkter Appell an die anderen und wohl einer der dringendsten und bewegendsten Anrufe aus der Schwäche eines Lebens heraus, gerade auch am Krankenbett:
Ich weiß, dieses "Ja zum Weitermachen" klingt für gesunde Menschen unbestimmt. Was weitermachen? "Einfach" weiterleben? Aber ist Leben nicht doch das größte Geschenk mit unendlichen Möglichkeiten? Charakterisiert das wohlüberlegte, aber auch das jedem Menschen eingepflanzte instinktive "Ja zum Leben" in Zeiten der Todesnot oder arger Bedrängnis nicht immer wieder den notwendigen Beginn, den ersten Schritt des Nachdenkens mit der sich daran anschließenden Tat? Und die Wahrhaftigkeit in dem Versuch, seine Aufgabe zu entdecken und - so gut man es eben vermag - auszufüllen?
Ob man dabei jung oder alt, häßlich oder schön, krank oder gesund ist, dies ist nicht das Kriterium, einen Menschen zu beurteilen. Auch Schwäche und Stärke verlieren hier ihre Bedeutung.
Der "Schwache", der sich auf dem eingeschlagenen Pfade dennoch weiter bemüht, ist womöglich stärker als der Starke, der ohne jedes Hindernis fröhlich pfeifend voranschreitet. Wichtig ist, daß das gemeinsame Bindeglied in alledem die Idee der menschlichen Familie ist, in der dem Schwachen selbstverständlich auf- und weitergeholfen wird wo der eine auf den anderen aufpaßt und ihn auch ohne Überheblichkeit immer wieder dort abholt, wo dieser sich gerade befindet. Und in der allen die uneingeschränkte Achtung sicher ist, selbst wenn einzelne kein Scherflein mehr beitragen können oder je konnten. Nicht, weil sich gerade mal neue "Mehrheiten" darauf geeinigt haben, es zur Abwechslung einmal auf diese neue Weise auszuprobieren, sondern, weil es eine schlichte und ewig gültige Wahrheit ist, daß Menschen dadurch verbunden sind, daß sie Gottes Kinder und in seiner Ebenbildlichkeit erschaffen worden sind. Daß sie mit der Aufgabe in diese Welt geschickt wurden, das Potential ihres Menschseins anzuerkennen, zu veredeln und zum eigenen und fremden Nutzen einzusetzen.
In dieser Idee von einer menschlichen Familie steht allen Menschen das Ideal einer Zukunft vor Augen, einer Zukunft, an der jeder nach seinen Fähigkeiten - und sei es selbst nur in begleitenden Gedanken - mitbauen kann und muß. Nur so lassen sich die einzelnen Schicksale, seien sie auch noch so schwer, nach einer auch individuell wahrhaft ruhestiftenden Vision wie Sicherheit hin auflösen. Dann ist kein Leben jemals "wertlos" oder "überaltert" und Begriffe wie "stark" oder "schwach", "jung" oder "alt", "krank" oder "gesund" lösen sich auf zugunsten der gemeinsamen prinzipiellen Großartigkeit, Mensch zu sein. Und der "Schwache" muß nicht an der im Einzelfall durchaus möglichen unüberwindbaren Differenz zwischen Ideal und eigenem Vermögen zerbrechen.
Nur in der Wärme und dem Aufgehobensein in dieser dann tatsächlich unverbrüchlichen Solidarität wird es verläßlich keine Wertabstufungen einzelnen menschlichen Lebens geben. Oberflächlichkeiten geraten in den Hintergrund und plötzlich wird die Schönheit auch eines alten oder kranken Gesichtes erkennbar. Und nur in der Wärme und in dem Aufgehobensein in dieser unverbrüchlichen Solidarität sollte ein Leben begonnen und kann es in Ruhe beendet werden, und zwischendurch kann hier auch neue Kraft geschöpft werden. Und nur hier entstehen für alle Probleme wahrhaft menschliche und kreative Lösungen.
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