|
|
|
|
|
| Kernthemen | Suchen | Abonnieren | Leserforum |
|
Aus der Neuen Solidarität Nr. 27/2003 |
|
|
|
Auf dem 110. Deutschen Ärztetag wurde die verschleierte Rationierung gesundheitlicher Leistungen durch die geplante rot-schwarze Gesundheitsreform kritisiert.
Mit dem vorliegendem Entwurf zu einem Gesundheitssystem-Modernisierungsgesetz werde die Rationierung von medizinischen Leistungen verschleiert. "Alle wichtigen Regelungen, die der Gesetz-Entwurf vorsieht, sind dem Ziel der geplanten Rationierung untergeordnet", sagte der Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe auf dem 106. Deutschen Ärztetag und fügte hinzu: "Alle Macht den Kassen - das kann doch nicht das Ziel einer Gesundheitsreform sein, die den Patienten in den Mittelpunkt stellen will", meinte Hoppe.
In die Diskussion um eine neue Gesundheitsreform kehrt Leben ein. Nun ist bereits eine Zusammenarbeit von Union und Koalition in dieser Frage möglich. Die Unterschiede zwischen beiden Parteien sind denn auch nicht so groß. Bei beiden steht das Sparen an erster Stelle. Der CDU-Bundesvorstand beschloß sogar einen Katalog zur Sanierung der gesetzlichen Krankenkassen, wonach durch Herausnahme zahlreicher Leistungen (Zahnersatz, gesamte Zahnbehandlung, private Unfallversicherung, Krankengeld) bis zum Jahr 2010 insgesamt 53 Milliarden Euro eingespart werden sollen.
Dabei ist es schon verwunderlich, daß gerade der Mann, der noch vor ein paar Jahren den Untergang unseres Gesundheitswesens mitgestaltete, nun als Verhandlungsführer der Union mit der Regierungskoalition antreten will. Die Rede ist von Horst Seehofer. Und gerade Seehofer hatte vorgeschlagen, generell zehn Prozent der Behandlungskosten den Patienten aufzubürden.
Eine wirkliche Gesundheitsreform, die den Namen auch verdient, muß die Punkte beinhalten, die die Delegierten auf dem 106. Deutschen Ärztetag ansprachen, so wie eine Stärkung der Palliativmedizin. "Auch unheilbar kranke Menschen können ihr Leben bis zuletzt als lebenswert empfinden, wenn sie professionell betreut werden, Zuwendungen erfahren und nicht alleine gelassen werden. Durch eine gute Kontrolle der körperlichen Symptome fassen viele Menschen in solch auswegloser Lage neuen Lebensmut und Kraft zum Weiterleben."
Unter dem Eindruck der Euthanasie-Gesetzgebung in den Niederlanden und Belgien zeigt eine Stärkung und Förderung der Palliativmedizin und Schmerztherapie, daß die dadurch gewonnenen Erfahrungen in Deutschland und in anderen Ländern den Patienten Geborgenheit und Hilfe bietet und neue Maßstäbe in der Betreuung und Versorgung schwerstkranker Patienten setzt. Im Studium findet diese Richtung der ärztlichen Tätigkeit leider immer noch zuwenig Beachtung.
Darüber hinaus bekräftigten die Delegierten ihre Ablehnung der aktiven Sterbehilfe und Hilfe zur Selbsttötung, die sie als unethisch und unärztlich betrachten. Dr. Ursula Auerswald, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, machte in ihrer Rede darauf aufmerksam, daß es in Deutschland sowohl in der Bevölkerung als auch innerhalb der Ärzteschaft eine Tendenz gibt, aktiver Sterbehilfe zuzustimmen, häufig aus Unkenntnis der Möglichkeiten der Palliativmedizin.
Der Ärztetag kritisierte aber vor allem, daß das neue Vergütungssystem nach diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) die Palliativmedizin in den Krankenhäusern nicht sachgerecht abbilden könne und den Betrieb von Palliativstationen gefährde. Um die hohe Versorgungsqualität Schwerkranker und Sterbender zu erhalten, forderte der Ärztetag, die DRG-Systematik für den stationären Bereich zu ändern oder eine Sonderregelung für die angemessene Finanzierung der Palliativmedizin am Krankenhaus zu finden. "Die Behandlung und Betreuung von todkranken Menschen muß frei sein von ökonomischen Erwägungen. Diese Menschen brauchen unser ganzes ärztliches Können, unsere Zuwendung und Menschlichkeit", betonte Frau Auerswald.
Durch eine Aufhebung der strikten Trennung zwischen stationärer und ambulanter Behandlung könnte man die Versorgungskette für die Menschen mit schweren und unheilbaren Erkrankungen entscheidend verbessern. "Durch die Einbindung ambulanter Palliativdienste als Unterstützungssysteme für niedergelassene Ärzte, Pflege- und Hospizdienste könnten, statt wie bisher nur 30 Prozent, in Zukunft ca. 60 bis 80 Prozent aller Krebspatienten bis zum Tod gut versorgt zu Hause leben", erläuterte Dr. Thomas Schindler, Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, vor dem Ärztetag.
Weiter hatte man verabschiedet, daß der Schutz der Bevölkerung im Katastrophenfall gewährleistet bleiben muß, denn "die vom Gesetzgeber vorgenommene Trennung der Zuständigkeiten im Katastrophenschutz zwischen Bund und Ländern produziert gefährliche Brüche für den Schutz und die Versorgung der Bevölkerung".
Eine weitere Forderung war die internationale Ächtung des Klonens von Menschen. Die Delegierten begrüßten die Ablehnung des reproduktiven und des sogenannten therapeutischen Klonens durch den Deutschen Bundestag und das Europäische Parlament und forderten die Bundesregierung und die Europäische Kommission auf, diese Ablehnung nicht weiter zu unterlaufen, zu relativieren oder in Frage zu stellen.
Die Verwaltungsarbeit in den Krankenhäusern ist in den letzten Jahren ständig gewachsen. Die dafür benötigte Zeit fehle aber für menschliche Zuwendung. Eine neue Untersuchung des Deutschen Krankenhausinstituts ergab, daß sich der durchschnittliche Dokumentationsaufwand in der Chirurgie auf 2 Stunden 42 Minuten je Arzt und Arbeitstag beläuft. In der Inneren Medizin liegt er sogar schon bei 3 Stunden 15 Minuten. "Dadurch wird das Arzt-Patienten-Verhältnis schwer belastet, die Grundlage für den Heilerfolg erschüttert und die Berufszufriedenheit von Ärzten vermindert." Der Ärztetag appellierte deshalb in einem Beschluß an Gesetzgeber und Kostenträger, den Dokumentations- und Verwaltungsaufwand zu beschränken.
Die Zahlungsmoral der gesetzlichen Krankenversicherung bei Krankenhausleistungen hat sich in den letzten Monaten drastisch verschlechtert. Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) zeigt, daß fast Dreiviertel der 325 befragten Kliniken nicht fristgerecht bezahlt wurden; fast ein Drittel klagte über eine teilweise oder gar komplette Zahlungsverweigerung. Daher forderten die Delegierten die Aufsichtsbehörden und das Bundesgesundheitsministerium auf, "ihre Kontrollfunktion gegenüber den Kostenträgern effizienter auszuüben und diese ungesetzlichen Zahlungspraktiken der Krankenkassen umgehend abzustellen."
Es gibt also genug Probleme, die zu lösen wären. Nur rennen unsere Politiker und deren sogenannte Experten leider der Illusion nach, daß sich die großen Probleme durch Sparen lösen ließen. Doch mit Sparen läßt sich keines der Probleme lösen. Statt dessen werden die Probleme immer größer, und der Staat beginnt unmenschliche Züge anzunehmen. Wie soll man einen Staat nennen, in dem offen darüber diskutiert wird, alte Menschen ab 75 ihrem Schicksal zu überlassen? Da sind dem Staat plötzlich bestimmte Menschen zu teuer, zu alt, zu krank. Hatten wir eine solche Situation nicht vor 70 Jahren schon einmal?
Frauke Richter
|
|
| Kernthemen | Suchen | Abonnieren | Leserforum |