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Aus der Neuen Solidarität Nr. 35/2003 |
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Die Ungeheuerlichkeit dieser aus der Schweiz berichteten Vorgänge verschlägt einem den Atem: Älteren Menschen wird bewußt medizinische Behandlung soweit vorenthalten, bis die Verzweiflung so groß wird, daß in ihnen der Sterbewunsch entsteht. Und es sind sogar ausdrücklich medizinische Standesgesellschaften, die dieses vorantreiben. Und offenbar regt sich sogar beim medizinischen Nachwuchs kein Widerstand - er macht mit.
Welche Abgründe offenbaren sich hier? Räumen wir mit alten Illusionen und Irrtümern auf. Ein homogenes humanistisches Berufsbild des Arztes gibt es nicht mehr, zumindest nicht in der Schweiz, Belgien und Holland. Es gibt berufene Ärzte, die sich dem Leben und dessen Erhalt verpflichtet fühlen. Hier sind Bemühen, Fürsorge, Forschergeist, Humanität zu finden. Anderenfalls sind Ärzte aufgrund ihrer Möglichkeiten potentiell exakt das, was der Leibarzt Schillers und Goethes, Hufeland, schon damals schrieb: sie sind die "gefährlichsten Leute im Staat".
Die Medizingeschichte ist ein lebendiges Beispiel dafür. Wie oft wurden Eugenik-, Sterilisations- und Euthanasieprogramme von Ärzten nicht nur mitgetragen, sondern gefordert und gefördert, oder ganz einfach "nur" toleriert?
Das, was jetzt in der Schweiz geschieht, ist Faschismus. "Kostenbedingt" will sich der Staat seiner alten und kranken Bürger entledigen, und wieder einmal schreit eine organisierte Ärzteschaft "Hurra" - ganz so, wie es im Dritten Reich schon einmal geschehen ist. Damals dienten deutsche Ärzteverbände schon frühzeitig ohne Not oder Zwang Hitler ihre Unterstützung an.
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Ich bin alt.
Ich bin krank. Ihr wollt mich töten. Was habe ich getan?
Ich leide an meiner Krankheit,
Ihr seid kranker, verwirrter
Es gab Zeiten, da setzte ich
In Eure helfenden und heilenden Hände.
Die darum fochten,
Damals ward ihr lebendig, froh,
Heute warnt man mich
Ihr sagt, es gibt sie nicht mehr.
Doch meine Hoffnung
Vermag mein Schmerz,
Gibt es einen, der mich verteidigt,
Wenn nicht,
Jutta Dinkermann |
Welche Art kranker Menschen wurde im Dritten Reich vorrangig vergast? Die "Blöden", die "Schwachsinnigen", die "Krüppel", Epileptiker - allesamt in ihren Krankheitsäußerungen anders, für viele schwer zu verstehen oder anzuschauen. Zu dem Grade, wie sich der Blick auf diese Äußerlichkeiten verengt und es dem Betrachter nicht (mehr) möglich ist, dem anderen auf der Ebene einer Solidarität zu begegnen, die im tiefen Verständnis der Besonderheit des menschlichen Geschlechts wurzelt, ist die Rede von "lebensunwertem Leben" nicht mehr weit. Die oftmals einzige, sehr oft unbewußte Begründung für so ein Denken ist dann das Gefühl, selber "so nicht leben zu wollen" oder zu können. Und nicht wenige glauben ernsthaft, den Opfern mit der Tötung sogar einen Gefallen zu tun.
Man muß nicht in die Schweiz fahren, um beim Umgang einiger Ärzte mit diesen Patienten auch hierzulande ein wachsendes Desinteresse, Widerwillen und auch Ekel zu diagnostizieren. Und in Zeiten knapper Kassen kann dies offener ausgelebt werden als jemals zuvor; schließlich gibt es nun einen "offiziellen Grund", keine Zeit zu haben, nicht die nötige Diagnostik und Therapie zu veranlassen.
Natürlich, nicht alle Ärzte sind potentielle "Euthanatiker". Die meisten von ihnen arbeiten hart, kümmern sich um ihre Patienten, sind skandalös unterbezahlt. Aber nicht wenige unter ihnen sind im Denken faul, bequem, lau und liberal (geworden) und spielen damit den Euthanasie-Ideologen in die Hände.
Wie viele fundamentale Kompromisse in Sachen Lebensrecht sind allein in den letzten Jahren von der Ärzteschaft immer wieder gemacht worden? Wie viele Zugeständnisse an den "Zeitgeist"? Wer von ihnen könnte noch klar und ableitbar erklären, warum menschliches Leben unter allen Umständen unantastbar ist und ein ganz besonderes Gut in der Schöpfung darstellt?
Doch dies ist Voraussetzung, um überhaupt Arzt sein zu können. Wenn man erfolgreich um ein Menschenleben kämpfen will, braucht es emotionale Kraft, Kreativität und Einfallsreichtum. Weiß der Arzt indes nicht, warum der Patient überhaupt gesunden bzw. weiterleben soll - wie kann er solches leisten? Wie kann er dann den Patienten "organisieren", selbst an seiner Genesung mitzuarbeiten und nicht vorzeitig aufzugeben? Wie die nötigen geistigen Hilfestellungen geben, die immer mit der Annahme und Bewältigung einer schweren Krankheit einhergehen? Wie kann er selbst sich immer wieder organisieren, seinen anspruchsvollen Dienst zu leisten? Und schließlich: Wie will er sich vor scheinbar logischen Kosten-Nutzen-Analysen schützen, wenn er gedanklich wie praktisch längst Gefangener eines reduktionistischen Menschenbildes und Systems ist?
Dies sind keine haltlosen Vorwürfe. Die Realität ist Anklage und Beweis genug. Warum hat es denn nicht längst einen Aufschrei der Empörung in Deutschland gegeben, daß alte Menschen hierzulande in einigen Pflegeheimen und Altersheimen fast verrecken und buchstäblich schlimmer als jedes Vieh gehalten werden? Daß auch die ambulante Pflege skandalös unterfinanziert ist? Und warum werden von ärztlicher Verbandsseite allenfalls halbherzige und impotente Versuche unternommen, die menschenverachtenden Auswirkungen der Kostensparprogramme im Gesundheitsweisen nicht nur aufzuzeigen und anzuprangern, sondern wirksam zu bekämpfen? Weil auch viele deutsche Ärzte längst nicht mehr Anwälte der Patienten, sondern Anwälte der Krankenkassen sind. Und alles, was kein fest gewurzeltes Fundament besitzt, wird unter dem Druck vermeintlicher "Umstände" irgendwann umfallen oder sich "arrangieren".
Das gleiche gilt für die Demokratie. Deren Belastbarkeit und philosophisches Fundament zeigt sich an der Art und Weise, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft umgeht. In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität kann man es sich leisten, vermeintlich "großmütig" kranke und lästige "Elemente" "mitzuschleppen", gerade so, wie man Tieren ein Gnadenbrot gewährt, und man sich damit auch noch brüsten kann. Doch wehe, es gibt eine Krise. Wo ein krankes oder verzerrtes Menschenbild Einzug gehalten hat, fällt die Maske schneller, als man sie aufsetzen kann. Das Fundament bricht ein, denn es war auf Sand gebaut. Und wenn es ganz schlimm kommt, reichen sich Staat und Ärzteschaft die Hand zum gemeinschaftlichem Töten - wie jetzt in der Schweiz.
Diese Entwicklung läßt keinen versöhnlichen Schluß oder Ausblick, kaum berechtigte Hoffnung zu. Wer sich jetzt nicht besinnt, gegensteuert, kämpft, dem ist nicht mehr zu helfen - weder dem Individuum, noch der Gesellschaft.
Jutta Dinkermann
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