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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2003 |
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Strategie. Als Reaktion auf die jüngste amerikanische Nuklearstrategie hat ein neues Wettrüsten begonnen. Dabei könnten die USA durchaus den kürzeren ziehen.
Der strategische Wahnsinn der Kreise um Cheney und Rumsfeld in der Regierung Bush, wie etwa die neue Doktrin, die den "präemptiven Einsatz" von Kernwaffen gutheißt, hat in der militärischen Planung Rußlands, Chinas, Indiens und anderer Nationen weitreichende Veränderungen ausgelöst, die für die USA, aber auch den Rest der Welt, schwerwiegende negative Folgen haben könnten.
Die Antwort aus Rußland fiel am deutlichsten aus: Erstmals seit Ende des Kalten Krieges wurden Entscheidungen hinsichtlich der Entwicklung und des Einsatzes neuer Waffensysteme getroffen. In Moskau hat man erkannt, daß bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen amerikanischen Politik sogar ein größerer Krieg mit Kernwaffeneinsatz immer wahrscheinlicher wird. Entsprechend wurden die Aktivitäten des russischen Militärisch-Industriellen Komplexes im Einklang mit der Absicht, eine "asymmetrische Antwort" auf Cheneys Kriegsdrohung zu entwickeln, neu strukturiert.
Ein erstes Anzeichen dieser Wende war der Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin vor sechs Wochen im russischen Kernforschungszentrum in Sarow, der führenden russischen Kernwaffenschmiede, die zu Sowjetzeiten als Arzamas-16 bekannt war. In einer Diskussion mit führenden Wissenschaftlern des Instituts erklärte Putin am 16. August: "Die Qualität unserer Kernwaffen bildet die Grundlage für die Sicherheit Rußlands. Diese Waffen müssen den höchsten Anforderungen genügen... Ihr Institut gehört zu den einflußreichsten Zentren fortschrittlicher Wissenschaft weltweit. Hier sind die Talente und das Wissen von Generationen russischer Wissenschaftler konzentriert.... Wir brauchen das breitestmögliche Spektrum wissenschaftlicher Untersuchungen, der Experimente und der Erprobung. Derzeit steht die Vervollkommnung der Gefechtsbereitschaft der Kernwaffen - der schon entwickelten sowie derjenigen, die derzeit entwickelt werden - im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Rußland ist und bleibt eine nukleare Großmacht."
Weitere Stellungnahmen und Maßnahmen führender Vertreter des Militärs und der Forschung machen deutlich, daß Putin es ernst meint. Ein Führungsmitglied eines strategischen Instituts in Moskau erklärte gegenüber dieser Zeitung: "Vor allem als Reaktion auf die Äußerungen zur Doktrin des präemptiven Krieges von Präsident Bush im Juni 2002 und der neuen amerikanischen Doktrin der 'Nationalen Sicherheitsstrategie' ist Rußland seit einiger Zeit dazu übergegangen, seine Verteidigungsfähigkeit massiv auszuweiten. Die wesentlichen Tatsachen wurden alle in der Presse veröffentlicht, aber die Amerikaner ziehen es vor, das zu übersehen."
Der russische Experte nannte hier insbesondere die Entwicklung neuer Typen von Kernwaffen, die laufende Verbesserung der russischen Raketenmehrfachsprengköpfe und die Entwicklung extrem leiser Unterseeboote. Zudem verwies er auf die großangelegten Marine- und Luftwaffenmanöver im Fernen Osten Ende August. An diesen Übungen, die sich über das Ochotskische Meer, die Beringsee und das Japanische Meer erstreckten, nahmen die Pazifik- und Nordflotte, die strategische und taktische Luftwaffe sowie Truppen des fernöstlichen Militärdistrikts teil. Admiral Viktor Krawtschenko, der Chef des Generalstabes der russischen Kriegsmarine, bezeichnete die Manöver als "beispiellos in der Geschichte der russischen Kriegsmarine hinsichtlich des Umfangs, der Zahl der Beteiligten und der Größe des Operationsgebietes".
Leider ist auch festzustellen, daß ein neues nukleares Wettrüsten begonnen hat. In einem Interview mit der Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta anläßlich des 50. Jahrestages des ersten sowjetischen Tests einer Wasserstoffbombe erklärte der frühere Atomminister Viktor Michailow am 18. August, Rußland habe seinen Vorsprung gegenüber den USA im Bereich der Kernwaffentechnik halten können: "Verschiedene Länder wie die USA und Rußland betreiben derzeit die Entwicklung neuer Kernwaffen. Das Spektrum dieser Waffen ist außerordentlich groß. Bis 1953 lagen wir im Bereich der Kernwaffentechnik hinter den USA, aber seit 1953 und noch heute liegen sie hinter uns zurück." Michailow ist Forschungsleiter des russischen Kernforschungszentrums in Sarow.
Michailow verwies besonders auf einige revolutionäre Bereiche der Nuklearforschung, die jetzt in russischen Forschungseinrichtungen verstärkt untersucht würden und die gesamte Geometrie der Nuklearkriegsführung verändern könnten. Bisher beruhten Kernwaffen auf den beiden grundlegenden Prozessen der Kernspaltung und der Kernfusion, wobei im Falle der heute stärksten Waffe, der Wasserstoffbombe, eine herkömmliche Kernspaltungsbombe als Zünder eingesetzt wird, um die Kernverschmelzungsreaktion in Gang zu setzen.
Während des Kalten Krieges hätten Wissenschaftler auf beiden Seiten auch über alternative Konzepte nachgedacht, aber diese seien nie zu neuen Waffen weiterentwickelt worden, erklärte er weiter. Jetzt aber wurde aufgrund der Politik Cheneys eine nukleare "Pandorabüchse" geöffnet. "Ich will nur darauf hinweisen, daß Kernenergie nicht nur auf Kernspaltung oder Kernfusion beschränkt ist, sondern auch z.B. die Energie umfaßt, die bei einem Übergang im magnetischen Moment bestimmter Nukleone (Neutronen oder Protonen) entsteht."
Michailow bezieht sich hierbei auf Veränderungen in der physikalisch-geometrischen Konfiguration innerhalb eines atomaren Nukleus, der zu einem Zustand des Nukleus führen kann, der als "isomer" bezeichnet wird. Der Übergang von einem isomerischen Zustand in einen anderen kann von einer starken ultrakurzwelligen Gamma-Strahlung begleitet werden. Das eröffnet die Möglichkeit, "Gammastrahlen-Bomben" auf der Grundlage von Isomeren zu entwickeln, die ganz andere Eigenschaften als "konventionelle" Kernwaffen aufweisen.
"Das Forschungsgebiet im Bereich Kernenergie ist sehr umfangreich", fuhr Michailow fort. "Da gibt es die sogenannten 'Isomere'... Isomere kommen in der Natur in einem angeregten Zustand vor, der in einen stabilen Zustand übergehen kann. Auch das ist im Prinzip Kernenergie... Die bei der Kernfusion freiwerdende Energie ist um das Zehnmillionenfache höher als bei chemischen Reaktionen, gemessen in Kalorien, die pro Massevolumen freiwerden. Aber wer sagt uns, daß wir heute so starke Waffen brauchen? Beim Übergang von Isomeren wird Energie in einer Größenordnung frei, die die chemischer Reaktionen noch um den Faktor 1000 übersteigt."
Eine "Isomer"-Bombe besitzt nicht die starke Explosivkraft einer Atombombe, aber sie weist andere Eigenschaften auf, die militärisch potentiell von großer Bedeutung sind. Solche Waffen wären wahrscheinlich relativ klein und wiesen neuartige zerstörerische Auswirkungen auf. Zudem besäßen sie anders als herkömmliche Kernwaffen vor der Detonation keine radioaktive Strahlung und wären daher nur schwer zu entdecken. Wenn man sie etwa in superleisen, kleinen Unterseebooten einsetzte, könnten sie die herkömmlichen Abwehrmaßnahmen unterlaufen und damit die angebliche Seeüberlegenheit der USA aushebeln.
Aber die "Isomer"-Bombe ist nur eine Spielart neuartiger Waffensysteme, mit denen zu rechnen ist, wenn diese nukleare "Pandorabüchse" geöffnet wird. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel betonte Lyndon LaRouche, es gebe viele Wege, die derzeit anscheinend übermächtige militärische Überlegenheit der USA, einschließlich der scheinbar unbesiegbaren "nuklearen Triade" aus Atom-U-Booten, Raketen und Luftwaffe, zu neutralisieren. Dabei gehe es darum, diese Triade "asymmetrisch obsolet zu machen, etwa, indem man sie praktisch durch eine Kriegführung in einem technisch anderen Bereich als dem der traditionellen Kriegführung ausflankiert. Es geht dabei nicht um ein besonderes Waffensystem, sondern es kann sich auch darum handeln, daß ein potentieller Gegner eine Technologie entwickelt und verfügbar macht, an die man einfach nicht gedacht hat... Erklärt man einem großen Militärexperten, der Gegner verfüge über ein vollkommenes, ein unbesiegbares Waffensystem, lächelt der und fragt ruhig: 'So, glaubt er das?' Und auf eine bejahende Antwort entgegnet er lächelnd: 'Dann ist das genau der Weg, wie wir ihn besiegen werden.'"
Dr. Jonathan Tennenbaum
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