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Aus der Neuen Solidarität Nr. 4/2003 |
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Über wahrhafte menschliche Solidarität - Für Menschen, die uns Brücken sind
In der jetzigen Diskussion um Einschränkungen oder gar die vollständige Abschaffung der Gesetzlichen Krankenversicherung geht es um weit mehr, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Es wäre falsch, sich dem Problem ausschließlich über die Finanzierungsfrage zu nähern, denn selbst wenn diese gelöst wäre, bedeutete dies noch nicht zwangsläufig, daß damit ein dringend benötigter neuer Geist in der Begegnung zwischen Arzt und Patient, zwischen Pfleger und Gepflegtem eintritt - eine Haltung, die zudem nicht nur im Miteinander Krank/Gesund, sondern auch generell im menschlichen Zusammenleben herrschen sollte.
Dieser Tage ist viel die Rede von "der Überalterung der Bevölkerung", von den zunehmenden Kosten, die insbesondere durch Demenzerkrankungen im fortgeschrittenen Alter entstehen. Die Diskussion darüber reicht von offenen Euthanasieforderungen bis hin zum Gerede um sogenannte "teure Patienten", um einschneidende Maßnahmen in der Bevölkerung besser "verkaufen" zu können. Und tatsächlich führt die Sparpolitik bereits zu einem Massensterben alter Menschen in Alten/Pflegeheimen und zum Teil sogar in Krankenhäusern, so daß ein Vergleich zu der Politik der Nationalsozialisten nicht mehr von der Hand zu weisen ist.
Was noch vor zehn Jahren zu einem gesellschaftlichen Aufschrei, zu einer Solidarisierung gegen solch kriminelle Zustände geführt hätte, wird heute - im besten Falle - zähneknirschend akzeptiert. Woher kommt dieses jahrelange Stillhalten, obwohl es doch genügend Aktivistengruppen gibt, die nimmermüde die Öffentlichkeit über diese Mißstände informieren, aber bei den Entscheidungsträgern gegen verschlossene Türen laufen? Vielleicht daher, daß alte Menschen in der Mehrheitsmeinung wirklich "uninteressant" sind oder gar bedrohlich, weil sie "den Jungen die Rente aufessen?" Oder haben vielleicht auch die Wohlmeinenden den wirklichen "Knackpunkt" nicht erkannt, sich allzusehr auf Forderungen nach Pflegeschlüssel und Ausstattung konzentriert?
Zudem ist mit der Pflege der vielen Dementen und an Alzheimer Erkrankten kein Staat zu machen. Allein die Idee, sich selbst eines Tages in höherem Alter (mit einer recht großen Wahrscheinlichkeit) in solch einer Situation wiederzufinden, läßt - ähnlich wie bei der Beschäftigung mit dem eigenen Tode - bei vielen solche Angst aufsteigen, daß sie sich dieser Thematik instinktiv verschließen.
Und selbst bei den Profis in der Behandlung dieser Menschen lassen sich verschiedene Herangehensweisen ausmachen. Da sind solche, die eine gewisse Routine darin entwickelt haben, das Leben dieser Kranken möglichst ohne freiheitseinschränkende Maßnahmen zu "organisieren", sie so "in Schach zu halten", daß sie weder eine Gefahr für sich selbst noch für andere darstellen. Bedenklich ist, daß es bereits als erfolgreich gilt, wenn es Heimeinrichtungen unter großem persönlichen Einsatz schaffen, eine tägliche "Warm-Satt-Sauber"-Pflege durchzuführen, die Heimbewohner auch noch aus dem Bett zu holen, anzuziehen und ein kurzes persönliches Gespräch mit ihnen zu führen. Dieses absolute Pflegeminimum sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellen.
Dann gibt es andere, besser ausgestattete Einrichtungen mit mehr Personal, die den Versuch unternehmen, sich "ganzheitlich" dem alten Patienten zu nähern. Der Patient erhält eine gute Grundpflege, auch Ansprache und aktivierende Pflege - ansonsten reicht die Palette von einer sanften Führung bis hin zum "Machen lassen".
Doch auch hier verbirgt sich durchaus ein Problem. Ich möchte dies an einem Beispiel verdeutlichen. In einer Fachzeitschrift war kürzlich von einem renommierten Alzheimer-Wissenschaftler eine Abhandlung zu lesen, die über weite Strecken überaus lesenswert war. Von Menschenwürde war dort die Rede, die jedem Menschen selbstverständlich innewohne, sei er noch so krank oder verwirrt, und von wirklich guten Ansätzen in der Therapie.
Gleichzeitig drückte er aber eine tiefe Resignation ob der Tatsache aus, daß sich der geistige Verfall mit derzeitigen Mitteln grundsätzlich nicht aufhalten lasse. Auch die Sorge um die Sicherheit der Schutzbefohlenen in einer Welt der Kosten-Nutzen-Taschenrechnermörder war herauszulesen, was sich aber gleichwohl nicht in einer Kampfansage, sondern eher in einer anbiedernden Rückzugsstrategie äußerte.
Der Super-Gau, die Katastrophe schlechthin, die der Zusammenbruch der Hirnfähigkeiten eines Menschen nun einmal für den Betroffenen und seine Umgebung darstellt, wird hier so lange schöngeredet, bis man selbst irgendwie damit umgehen kann. Schutz für die Schutzbefohlenen scheint nur noch möglich, wenn man den Kranken auf eine Art und Weise präsentiert, daß vermeintliche Anknüpfungspunkte sichtbar werden, damit eine eher aversiv eingestellte Öffentlichkeit zumindest einmal "hinsieht" - von einer Gleichstellung zur gesunden Umgebung ganz zu schweigen. Sinngemäß wurde im erwähnten Beitrag dann tatsächlich gesagt: "Sicher, es ist schlimm. Aber es gibt doch auch gute Seiten. Immerhin hat der Patient keine Verantwortungen mehr, kann sich ungestraft und unbehelligt infantil verhalten, einfach seine Bedürfnisse ausleben und in den Tag hineinleben."
Eine Fotoausstellung illustrierte das Gesagte. Da ist u.a. eine Frau abgebildet, die die Füße auf den Tisch gelegt hat - mitten hinein in ihren gefüllten Essensteller. Gleichzeitig strahlt sie den Fotografen an. Das Zimmer ist von der Sonne durchleuchtet, offenbar herrscht ein herrlicher Tag draußen, die Frau ist angezogen, gepflegt, lebt offenbar in einem Einzelzimmer.
Was soll dieses Bild verdeutlichen? Offenbar: sie leidet keinen Mangel, sie freut sich ihrer Umgebung, ist unbekümmert wie ein Kind - besser noch, denn sie muß ja keine Strafe erwarten. Doch was hier als vermeintlich würdevolles Bild präsentiert wird, ist tatsächlich die voyeuristische Zurschaustellung eines schwerstkranken Menschen, dem wohl mit das Schlimmste widerfahren ist, was das Leben an Torturen bereithält.
Und damit ist weder dem Kranken noch der Sache gedient. Der gutgemeinte Versuch, für eine schwer verstehbare Wirklichkeit Verständnis zu erheischen, stößt beim Betrachter instinktiv auf noch größeren Widerwillen. Denn der Fotograf zeigt ja genau die irrationale Verhaltensweise, die der gesunde Betrachter erwartet und die ihm nun noch mehr Angst macht.
Auch die Wirkung auf die Forschung ist verheerend. Denn durch solche und ähnliche Denk- und Verfahrensmuster wird sie mehr und mehr ihres Dranges beraubt, ernsthaft nach tragbaren Lösungen für die kranken Menschen zu suchen. Wenn alles eigentlich gar nicht so schlimm ist, wenn eine erwachsene Frau mit Kinderspielen und Irrationalität den Rest ihres Lebens scheinbar zufrieden fristen kann, ja warum soll dann Tag und Nacht geforscht werden, als gelte es das eigene Leben? Dann kann man sich zumindest Zeit lassen - und nebenbei noch neugierige Abstecher in ethisch verwerfliche Gebiete im Rahmen der sogenannten "embryonalen Stammzelltherapie" unternehmen.
Daß kein Wissenschaftler, kein Mensch jemals zufrieden in den Tag hinein leben kann, solange andere seiner Fähigkeiten bedürfen - dies ist ein Gedanke menschlicher Solidarität, der dagegen nur noch selten angedacht oder verstanden wird.
Einer ähnlichen Dynamik begegnet man derzeit vermehrt in den Medien, wenn es um die "Rechte" behinderter Menschen geht. Auch hier hilft die von den Behindertenverbänden offenbar angestrebte "Gleichmachungspolitik" nicht weiter; ganz sicher läßt sich damit kein Bollwerk gegen die vielfältigen Angriffe auf ihr Lebensrecht erreichen. Behinderte Menschen sind aufgrund ihrer Erkrankung in vielen Bereichen anders als gesunde Menschen, haben demzufolge andere Bedürfnisse, die sie lieber offensiv einklagen sollten, anstatt zu versuchen, sich in der Menge zu verstecken, damit niemand sie sieht. Dies funktioniert ohnehin nicht. Ein Gang zum Arzt - und sie sind je nach Behinderung und Sicht sofort als "nur" teure oder gar "unnütze Existenzen" ausgemacht.
Ich möchte aber auf das Problem des Umganges mit Demenzkranken zurückkommen. Versetzen wir uns dazu einmal in die Lage eines Menschen, dem mit 65 Jahren gesagt wird, er sei an Alzheimer erkrankt und sein Gehirn werde langsam, aber stetig seine Fähigkeiten verlieren. Noch weiß er vielleicht nicht viel damit anzufangen, sind es nur die Angehörigen, die Veränderungen in seinem Wesen, seiner Denk-, seiner Konzentrationsfähigkeit beobachtet haben. Ob und inwieweit er nun im späteren Verlauf bewußt miterlebt, wie sich seine Fähigkeiten zurückbilden, sein Selbst verändert, oder sich dies seinem Bewußtsein bereits entzieht - es ist der wohl schlimmste Teil dieses Martyriums für sich und seine Angehörigen. Diese haben nun jemanden vor sich, der auf den ersten Blick nur noch in seiner körperlichen Erscheinung der ist, den sie als Ehemann oder Vater kannten, der eine lebendige Biographie hat, im Leben vielen Menschen viel bedeutete, der geschaffen und aufgebaut hat. Den sie liebten und der sie nun vielleicht noch nicht einmal wiedererkennt. - Gibt es hier überhaupt Trost und wenn ja, welchen?
Wenden wir uns nun dem diagnostizierenden Arzt zu. Er wird sich nie daran gewöhnen, Patienten eine so schwerwiegende Diagnose mitzuteilen. Wie soll er auch trösten? Daß es Mittel gibt, die das Geschehen über kurze Zeit aufhalten oder verlangsamen? Dies ist bestenfalls ein Strohhalm. Daß die Forschung vielleicht eines fernen Tages etwas dagegen tun könnte? Das ist zu ungewiß, um sich anhaltend daran zu klammern. Das erste Gespräch wird nicht beruhigen, kann es nicht.
Aber in der Folge, wenn die vorläufige Unausweichlichkeit vom Patienten mehr und mehr wahrgenommen wird, wenn die Panik wächst, könnte es zu folgendem Gespräch mit Patient, Arzt und Angehörigen kommen.
Patient: Mein Leben ist zerstört. Niemand kann mir helfen. Ich habe furchtbare Angst davor, nicht mehr denken zu können, niemanden mehr zu erkennen, zum Gespött der Leute, zum Wickelkind zu werden. Lieber bringe ich mich vorher um.
Arzt: Wenn ich jetzt sagte, ich verstehe Sie, antworteten Sie mir zu recht: "Das können Sie gar nicht wirklich, weil Sie nicht in meiner Haut stecken." Aber es gibt so etwas wie Empathie, das Bemühen um ein Verstehen. Wir können Ihnen medizinisch noch nicht wirklich helfen.
Ich weiß, daß das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, für Sie - wenn überhaupt - nur ein theoretischer Trost - sein kann. Viel eher werden Sie denken, daß ich schließlich gut reden habe. Aber so brutal es auch klingt - ich habe Ihnen nichts anderes anzubieten als dieses: Sie sind nicht alleingelassen, denn ich bin hier, Ihre Familie ist hier. Wir alle leihen Ihnen heute und alle Tage, in denen Sie uns etwas zu sagen wünschen, unser Ohr. Ich will Sie besser verstehen und werde mir das, was Sie mir von Ihrer Biographie anvertrauen wollen, merken. Ihre Familie will alles wissen, was Sie vielleicht noch nie ausgesprochen haben, aber für sie wichtig ist. Wir alle möchten Sie nun, da es noch geht, so gründlich kennenlernen, daß wir Ihnen eines Tages unsere Gedanken leihen können. Daß, wenn wir gefragt werden, Ihre Stimme aus uns spricht. Wir wollen ab heute an einem symbolischen Tau stricken, an dem Sie sich und wir uns, so lange es eben geht, zueinander hinüberhangeln können.
Für blinde Menschen gibt es Blindenhunde, für Gelähmte Rollstühle. Es gibt viele Hilfsmittel, um ausgefallene Körperfunktionen zu ersetzen oder deren Auswirkungen zu lindern. Das ist kein wirklich guter Vergleich, ich weiß es. Aber es ist vielleicht ein Bild, mit dem Sie etwas anfangen können. Wir sind Ihr geistiger Blindenhund, Ihr Rollstuhl. Wenn Ihre Identität schwindet, leihen wir Ihnen Teile von unserer - und unsere Identität wird um die Ihre wachsen.
Sie sind als Mensch unveränderbar Teil der Menschheit, ihrer Geschichte und auch der Zukunft; Sie haben Kinder erzeugt und erzogen, haben Beiträge für die kommende Generation geleistet - und dies wird sich auch durch Ihre Krankheit nicht ändern. Niemand kann Ihnen dies wegnehmen.
Unsere Geschicke als Menschen sind nicht nur dadurch verwoben, daß wir irgendwann Ihre Angelegenheiten regeln müssen. Wir Menschen sind alle in einem sehr umfassenden Sinne miteinander verwoben, verbunden, weil uns die Fürsorge für die Geschicke dieser Erde und ihre Bewohner übertragen wurde und sich unser Menschsein erst in der Realisierung dieser Aufgabe voll entfalten kann. Sie sind daher ebenso verantwortlich für mich wie ich für Sie oder wir beide für alle anderen Menschen. Sie sind krank, ich bin dazu da, sie zu unterstützen. Sie müssen mich lehren, wie man das am besten macht, zu Ihrem Wohle und dem anderer Patienten.
Aber mehr noch: An dem Umgang mit den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft wird sich nichts weniger als das Schicksal dieser Nation entscheiden. Fällt sie in die absolute Brutalität zurück? Oder versteht sie endlich die Rolle des Menschen in der Schöpfung, die staatstragende, zentrale Rolle der Caritas?
Wir werden Sie in dieser Zeit, in der ein Leben immer weniger gilt, keinem uns fremden Menschen anvertrauen. Wir werden einen Kokon um Sie bilden, Sie beschützen, unterstützen und erst dann in die Obhut eines Heimes oder Krankenhauses entlassen, wenn wir zuversichtlich wissen, daß dort Menschen sind, die wie wir denken. Gleichzeitig werden wir mit aller Kraft versuchen, die politischen und ideologischen Mißstände, die zu Ihrer Gefährdung geführt haben, zu beseitigen.
Sie können sich vorzeitig aus dem Leben verabschieden - wer wollte darüber richten. Doch dann verpassen Sie vielleicht eine der zentralsten Aufgaben in Ihrem Leben mit einer ungeheuren Signalwirkung für andere: Ihr Vertrauen - gerade in dieser Zeit - in andere Menschen zu setzen. Kein blindes ungerechtfertigtes Vertrauen, sondern das Vertrauen in die Solidaritäts- und Fürsorgekraft von uns - und damit prinzipiell in die der Menschheit. Sie sprechen damit das Beste in den Mitmenschen an, was dem Nutzen derer Menschlichkeit dient, und was diese wiederum an andere Menschen weitergeben können. Auch wenn Ihnen heute noch nicht geholfen werden kann: Nur Ihr Vertrauen und das Ihrer Leidensgenossen in die Fähigkeiten der noch wenigen wirklichen Wissenschaftler können diese inspirieren, endlich gangbare Lösungswege gegen diese Krankheit zu entwickeln.
Nicht theoretisch, nur praktisch, in Situationen wie diesen wird aufgebaut, wachsen Fähigkeiten und Bindungen, der Glaube an sich und die Fähigkeiten der eigenen Gattung.
Ja, die Krankheit wird bei Ihnen noch ihr so grausames Zerstörungswerk anrichten. Doch zu keinem Zeitpunkt wird sie den Sieg über unseren Pakt, den Menschheitspakt der Solidarität und Liebe oder den Sieg über Sie und Ihre Würde davontragen. Denn erstens ist diese von Natur aus mitgegeben und nicht an einen bestimmten körperlichen oder geistigen Zustand oder bestimmte Fähigkeiten gebunden. Und solange und genau in dem Maße, wie sich der Mensch in einem umfassenden Sinne als Teil der ganzen Schöpfung versteht und es ihm eine Herzensangelegenheit ist, seine Fähigkeiten zum Wohle aller solidarisch zu entfalten, besitzen wir die uns verliehene Macht über die Natur - selbst wenn Sie, wenn wir diese Schlacht noch verlieren.
Du kannst nicht gehen? Ich leihe Dir meine Beine und trage Dich.
Du kannst nicht sehen? Ich erzähle Dir, was ich sehe, bis Du jede Blume in dem Frühlingsgarten vor Deinem Haus erkennst.
Du hast keine Arme? Laß mich Deine Gedanken wissen, ich schreibe sie für Dich auf.
Du fühlst Dich allein? Ich schlage für Dich die Brücke ins Leben.
Deine Gedanken sind verworren und verirrt? Ich leihe Dir mein Ohr und mein Herz. Laß sie uns gemeinsam sortieren.
Du meinst, Du fällst allen zur Last? Was soll das für eine Last sein, die einen Menschen seiner Aufgabe nachgehen läßt, menschlich zu sein, die dabei hilft, ein Menschenleben auch unter schlimmsten Umständen zu vollenden?
Du findest Dich nicht wieder? Ich erzähle Dir aus Deinem Leben, aus Deiner Vergangenheit, zeige Dir Fotos, bis Du den Anknüpfungspunkt wieder findest. Vielleicht weckt in Dir eine geliebte Musik Emotionen, Erinnerungen, die Dich auf Deiner Wanderung im Niemandsland trösten und begleiten?
Du brauchst hundertfache Bestätigung? Wenn es Dir Beruhigung, Hilfe und Trost schafft, werde ich Dir jeden Tag tausendmal aufs Neue versichern: Du bist und bleibst vor der Geschichte und in der Wahrnehmung von mir und deinen Freunden immer Du selbst. Und Du hast eine Biographie, die nicht mit dem Tage der Krankheit endet.
Du weißt nicht mehr, wer ich bin? Ich weiß aber, wer Du bist und vielleicht kann Dir meine streichelnde Hand erzählen, daß ich hier bin und daß ich weiß, wer Du bist.
Du meinst, Du handelst wirr und unwürdig? Du weißt es nicht mehr, aber die Würde ist Dir von der Natur mitgegeben. Niemand kann sie Dir rauben, unter keinen Umständen. Ich sehe sie immer deutlicher, je mehr ich mich Dir widme.
Es geht zu Ende. Meine Hand signalisiert: Ich bin da, ein Mensch ist da. Wir beide, mein Freund, haben das, wovor Du am meisten Angst hattest, verhindert. Wir haben Dir gesagt, Du würdest immer Mensch bleiben. Und Du bist Mensch geblieben - wie ich. Ich konnte Dir leihen und geben, was Du benötigt hast. Und Du hast uns gegeben, was wir brauchten: Dein Vertrauen in die menschliche Solidarität und Fürsorge, in die Möglichkeiten dieser Welt, einer besseren Welt.
Ich denke, daß diese naturrechtliche Herangehensweise an zwischenmenschliche Beziehungen aller Art eine ganz andere, neue Sicht der Dinge auf gesunde wie auf kranke Menschen erlaubt. Für den kranken Menschen ist die unbedingte Zusicherung und das Vertrauen darin, daß der/die andere(n) Helfer seine Menschenwürde selbst in einem hilflosen Zustand zu erkennen vermögen, absolut zentral. Er darf niemals befürchten müssen, daß seine Schwächen, daß gar sein geistiger Verfall mit der Situation von Kindern verglichen, heruntergespielt oder gar idealisiert wird. Welcher Mensch würde sich so etwas wünschen wollen?
Das (zeitweise) Ausgegrenztsein von der Lebenswirklichkeit, die Angst, sich selbst nicht mehr ernstnehmen zu können und von der Umgebung nicht mehr ernstgenommen zu werden, das ist es doch, was Krankheit generell, das Schicksal von Demenzpatienten aber insbesondere so außerordentlich schwierig macht. Eingesperrt im Spiegelsaal der Ich-AG spiegeln sie immer nur sich selbst, was jedoch ihrer wahren menschlichen Bestimmung diametral entgegensteht und einen ungeheuren Horror auslöst. Solange es aber andere Menschen gibt, die den Kranken einfach nicht aus der Menschheitsfamilie entlassen, für ihn unermüdlich die Brücke ins Leben schlagen, die dieser ja aus eigener Kraft nicht mehr bauen kann, ist er weder allein noch abgekoppelt.
Dies erfordert natürlich viel Nach- und Umdenken, Bereitschaft und Leidenschaft - wie immer, wenn es darum geht, als wahrhafter und damit solidarischer Mensch nach außen und innen zu wirken. Vor allem aber erfordert es die Bereitschaft, im Großen, im Makrokosmos zu denken, ohne dabei den Mikrokosmos und dessen Würde und Bedeutung beim Bau der Menschheitsgeschichte aus den Augen zu verlieren. In diesem Denken, in dieser Akzeptanz des Wesens von menschlichem Leben und dessen Aufgabe hat, ja muß immer auch der kranke Mensch seinen Platz haben. Hier ist er nicht verloren, sondern aufgehoben. Es wird ihn nicht immer trösten können, und es kann sein, daß er diesen Weg nicht zu Ende gehen mag. Aber er wird ihn eher zu Ende gehen, je intensiver er sich aufgehoben, akzeptiert und integriert weiß.
Bei dieser Sicht von menschlicher Solidarität, die sozusagen hingebungsvoll in alle Himmelsrichtungen gelebt wird, ist selbstverständlich kein Platz mehr für Diskussionen über Krankenkassen-Beitragspunkte, wären kriminelle Zustände in Heimen einfach undenkbar. Das Nachdenken darüber, was eine vom vielen Pseudogebrauch befreite und ihrer wahren Bedeutung zugeführte gelebte menschliche Solidarität auch über den Bereich der Gesundheitspolitik hinaus bedeuten könnte, möchte ich nun dem Leser überlassen.
Jutta Dinkermann
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