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Aus der Neuen Solidarität Nr. 40/2003 |
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Der Film von Thomas Leif und Gottlob Schober, der am 7. Oktober um 22.30 Uhr in SR Südwest wiederholt wird, macht keinen einzigen Vorschlag, wie die Pflege alter, gebrechlicher Menschen zu Hause oder in Seniorenheimen verbessert werden könnte. Der zweifellos vorhandene Notstand wird vielmehr auf perfide Weise als Vorwand genutzt, um alte, pflegebedürftige Patienten in intimsten Situationen der Hilflosigkeit zu filmen: Frühmorgens dringt das Kamerateam in ein Zimmer ein, um eine Patientin schlafend zu filmen (wer sieht da wohl schön aus?). Andere alte Leute werden nackt beim Waschen gefilmt. Nicht einmal einen sterbenden Mann mit großem Dekubitus, der vor Schmerzen wimmert, verschonen die erbarmungslosen Fernsehleute. Einer vereinsamt lebenden mangelernährten alten Dame sieht die zudringliche Kamera unter Bettdecke und sogar unter den Rock. Und eine unter Ruhelosigkeit leidende, im Heim lebende Dame - man faßt es nicht - wird beim Zubettgehen gefilmt, wie sie ihr Nachthemd anzieht, sich hinlegt, dann wieder aufsteht und aus dem Zimmer flieht. Warum tut sie das wohl? Die Kamera, womöglich sogar der filmende Voyeur, stehen bei ihr im Schlafzimmer!
Wer hat die Filmerlaubnis erteilt? Haben alte Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, kein Recht mehr auf ihre Privatsphäre? Ist Artikel 1 unseres Grundgesetzes heute bereits so unterhöhlt, daß einem Menschen bei Verlust der Geschäftsfähigkeit die Menschenwürde gleich mit aberkannt wird? Denn eine solche Filmerei verletzt die Menschenwürde - die der dargestellten Menschen ebenso wie die anderer alter Menschen, die - schlaflos vielleicht und voller Sorgen - diesen Film angesehen haben und sich fragen, als wie "lebensunwert" ihr Leben von den Kosten-Nutzen-Rechnern unserer Tage eigentlich bereits eingeschätzt wird!
Als eine weißhaarige Dame ins Bild kommt, die wunderschön "An Elise" auf dem Klavier spielt, glimmt einen Augenblick lang die Hoffnung auf, nun käme vielleicht die positive Wendung in diesem tendenziösen Dokumentarfilm. Aber nein, man wird sogleich belehrt, daß diese Dame, welche früher einmal Konzertpianistin war, die meisten Stücke längst vergessen habe, und daß ihre gewandte Art, sich im Gespräch auszudrücken, nur noch aus gewohnten "Versatzstücken" der Konversation bestehe. Wer soll hier entmutigt werden: das Pflegepersonal, die alten Zuschauer oder beide?
Warum soll die hochbetagte Künstlerin, obwohl sie sich nicht mehr allein versorgen kann, sich nicht daran freuen, was sie noch kann - nämlich Klavierspielen - , anstatt sich darüber zu grämen, was sie nicht mehr kann? Warum wird jeder als "verwirrt" abgestempelt, der nicht mehr allezeit zweckgerichtet im Hier und Jetzt redet und handelt, sondern bisweilen halb träumend (manchmal auch in Worten) dem vergangenen Leben nachhängt? Warum wird abnehmendes Leben als furchtbar, häßlich und großes Unglück hingestellt - dabei geht es doch eines Tages uns allen so, wenn wir nicht vorher eines plötzlichen Todes sterben?
Wenn schon Patientenverfügungen eingeführt werden, dann sollte man sich damit auch das "sozialverträgliche Frühableben" verbitten können, außerdem Kameras im Schlaf- und Badezimmer, und statt dessen den Wunsch formulieren: Laßt mich bitte mein Leben zu Ende leben, auch wenn ich dabei Hilfe brauche!
Gabriele Liebig
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