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Aus der Neuen Solidarität Nr. 41/2003 |
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Ja ja, was wären wir moderne Menschen ohne das Fernsehen...?
Klüger!
Nicht nur, daß in den Nachrichten die interessantesten Dinge verschwiegen werden. Nicht nur, daß zu Talkshows und Debatten lauter aufgeblasene Schwätzer eingeladen werden. Nicht nur, daß man schon Kinder mit Monster, Mord und Müsliriegel malträtiert. Nicht nur, daß die sogenannte Unterhaltung öde und dämlich, also das genaue Gegenteil von unterhaltend ist.
Nein, gerade solche Sendungen, die wir uns besonders wünschen und die besonders unterhaltsam wären, müssen wir schmerzlich vermissen! Ich denke da beispielsweise an eine Serie, die die dümmsten Politikerfehler aufdeckt: Deutschland sucht den Superdepp. Statt ewig Leute zu suchen, die nicht singen können, sucht endlich mal Leute, die nicht regieren können! Und wer am besten nicht regieren kann, der ist dann der "Superdepp" und kriegt einen Bundeskanzlerjob mit oder ohne Plattenvertrag!
Der Andrang wäre sicherlich riesig, noch viel größer als beim Superstar. Denn nicht regieren kann in Deutschland schließlich fast jeder! Noch mehr als nicht singen! Man denke da nur an die Millionen, die gar nicht wählen gehen. Und dann an die Millionen, die das kleinere Übel wählen, obwohl es von Wahl zu Wahl größer wird. Und dann an die unendliche Zahl fauler Ausreden, warum man sich einen .... um das Schicksal des Landes und der Menschheit kümmert. (Ich glaube, vor '33 war die Menge an faulen Ausreden auch nicht größer.)
Na und dann unsere Berufspolitiker! Von denen hätte doch praktisch jeder eine Chance. Die haben etwas erfunden, was perfekt ins Fernsehen passen und zum Superdeppen qualifizieren würde: das "Ferndenken" und das "Fernlösen".
Der Normalverbraucher läßt sich die Meinung vom Fernsehen vorschreiben, unsere Politiker vom Ferndenker. "Ferndenken" bedeutet, daß die Politiker von vermeintlichen Experten in irgendwelchen Kommissionen für sich denken lassen, weil sie es selber nicht mehr können. In Amerika gilt das schon viel länger, weshalb es dort schon ganze "Denkfabriken" gibt. Bei uns nimmt man lieber Kommissionen - vermutlich weil die nach Veröffentlichung ihrer Vorschläge automatisch gleich wieder aufgelöst werden und also auch keines ihrer Mitglieder wegen erwiesener Unfähigkeit gefeuert werden kann.
Diese Kommissionen denken dann sozusagen in Kommission für die Politiker. Allerdings ist das, was sie sich ausdenken, meistens Blödsinn. Es ist ja auch klar, warum das so ist: Weil die Politiker nicht mehr selber denken können, wählen sie auch immer die falschen Leute als Kommissionsmitglieder aus!
Dieses "Ferndenken" führt dann in der Regel automatisch zu "Fernlösungen". Um zu erklären, was das ist, müssen wir kurz abschweifen zu einer neuen Erfindung im militärischen Bereich: den "Fernsiegen". Ein Fernsieg ist das, was uns die USA in Afghanistan und im Irak vorführen: Ein Sieg, der in der siegreichen Praxis so aussieht, daß kein Vertreter der Siegermacht im besiegten Land seines Lebens sicher ist. Der neueste Vorschlag aus Washington ist, alle US-Truppen aus Bagdad abzuziehen und in Stützpunkte fernab der letzten menschlichen Siedlung in die wüste irakische Wüste zu verfrachten. Da dies aus der Nähe betrachtet kein Mensch als Sieg bezeichnen würde, aber Bush & Co. nun mal darauf beharren, daß sie gewonnen haben, bleibt als Ausweg nur noch der Begriff des "Fernsieges": der Sieg, der nur aus der Ferne einer war. Oder vielleicht auch: der Sieg, der nur im Fernsehen einer war.
Rückwirkend betrachtet könnte man vielleicht sagen, daß auch die Rote Armee in Afghanistan sich eines jahrelangen Fernsieges erfreute, bis dieser sich schließlich in eine Nahniederlage verwandelte.
Wenn man nun diesen Begriff des "Fernsieges" auf den Bereich der Wirtschaftspolitik überträgt, erhält man jede Menge "Fernlösungen". Richtig, Sie haben es schon begriffen: Das sind Lösungen, die aus der Nähe betrachtet keine sind. Beispiele dafür sind natürlich die schon erwähnten Ferndenker und Nichtdenker in den "Kommissionen". Egal ob Hartz, Rürup, Herzog oder "Agenda" - Fernlösungen, wohin das Auge sieht. Wenn ein guter Gedanke aufkommt, steht er auf Seite 399 ganz klein ganz links unten. Ansonsten heißt es nur: sparen, sparen, sparen... So schlau wäre der Tippelbruder unter der nächsten Brücke auch gewesen, der auf seinen Aldi-Schnaps spart.
Immer mehr Leute warten jetzt mit fernsehreifen Fernlösungen auf. Beispielsweise die Herren Koch und Steinbrück mit ihrem genialen Einfall: Wir sparen! Wie neu, wie umwerfend! Wie die da wieder drauf gekommen sind? Haben Sie vielleicht den Tippelbruder gefragt?
Gibt eine Kuh zu wenig Milch, weil man sie zu wenig füttert, dann helfen weder weitere Futterkürzungen noch intensiveres und häufigeres Melken. Wären Leute wie Merkel oder Eichel Bauern, dann hätten sie jede Menge tote Kühe im Stall. Bankrotten Staaten half und hilft immer nur eines: Schuldenstreichung und gezielte Investitionen. Aber bis unsere Politiker und Medien das begreifen...
Womit wir wieder am Anfang wären. Meinen Sie nicht auch, mit ihrem Ferndenken und Fernlösen hätten einige Politiker bei Deutschland sucht den Superdepp echte Chancen?
Es grüßt wie immer,
Ihr Eulenspiegel
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