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Aus der Neuen Solidarität Nr. 45/2003 |
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Club of Life. Zum 21. Geburtstag des Club of Life am 20. Oktober wendet sich Jutta Dinkermann mit einigen grundsätzlichen Überlegungen an die Mitglieder, die sich aus verschiedenen Diskussionen der letzten Zeit ergeben haben.
Um den Wirrnissen dieser Tage gerecht zu werden, ist nicht nur ein klarer Verstand erforderlich, sondern vor allem ein aufnahmefähiges und weites Herz. Verlieren wir uns in den einzelnen Facetten der Tagespolitik, dann gleichen wir Feuerwehrmännern, die von einem brennenden Haus zum anderen laufen und damit so beschäftigt sind, daß wir unsere eigentliche Aufgabe aus den Augen verlieren: die Aufspürung und Bekämpfung der Brandherde und der Brandstifter. Und die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas, in denen diese ungestört tätig sein können.
Werden wir dieser Aufgabe gerecht?
Wir befinden uns unzweifelhaft in sehr heftigen Auseinandersetzungen. Aber es ist ein Trugschluß zu meinen, wir müßten an überwältigend vielen Fronten kämpfen. Bevor hierdurch das lähmende Gefühl der Verzettelung aufkommt: Es ist nur eine große gemeinsame Front, die es zu sichern, auszubauen und im Auge zu behalten gilt: der Kampf für den Schutz und den Erhalt menschlichen Lebens und der Kampf für dieses Recht auf Leben und Entwicklung eines jeden Menschen. Und der Kampf gegen menschenverachtende Ideologien, die uns in immer neuen Gewändern und an unterschiedlichen Schauplätzen herausfordern.
Da gibt es eben keinen wesentlichen Unterschied, ob wir - um ein aktuelles Beispiel zu nennen - gegen die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes für Sondennahrung aus dem Hause des Finanzministeriums vorgehen, die in ihrer Bedeutung einen erneuten und so ungeheuren Anschlag auf das Leben schwerkranker Menschen darstellt, wie es sich in dieser Offenheit nicht einmal die Nazis trauten (siehe unser jüngstes Flugblatt), oder ob wir gegen die Bombenpolitik eines George W. Bush zu Felde ziehen, die in derselben menschenverachtenden Ideologie wurzelt.
Es kann schlicht nicht sein, daß die Bedeutung von katastrophalen Zuständen in unserem Gesundheitswesen, wo alte und kranke Menschen mittlerweile auf vielerlei Art vom frühzeitigen Tode bedroht sind, von einigen nur zögerlich als gesamtgesellschaftlicher Skandal gesehen wird, der sofort aufgegriffen werden muß. Daß nicht verstanden wird, daß hier die Weichen dafür gelegt werden, ob wir als Nation in die völlige Barbarei abrutschen oder nicht. Und daß diese brutale Politik aufgrund des dahinter stehenden Denkens, des Menschenbildes, natürlich auch ungeheure Wirkungen auf alle anderen Bereiche der Gesetzgebung, der Bildungspolitik, des "Wirtschaftsstandortes" hat.
Zudem: wer den Greis, den Kranken, das Ungeborene nicht schützen mag, wird der vielleicht Gründe finden, sich auch außerhalb des Landes um die Befriedung von Kriegsschauplätzen zu kümmern, um die Bekämpfung von Seuchen, von Hungersnöten?
Eindringlich warnen möchte ich daher vor dem kleinsten, oft sogar unbemerkten Anflug einer emotionalen Abstumpfung, eine Gewöhnung an Kriegsgreuel, Hungersnöte, Seuchensterben, Euthanasie, Abtreibung und alle anderen gegen das menschliche Leben gerichteten Geschehnisse und Perversitäten. Oder eine Art Abstufung, die Leid nur noch dann wahrnimmt, wenn es "knüppeldick" und unübersehbar daher kommt, oder - die pragmatische Variante - gerade in eine bestimmte politische Kampagne paßt.
Da hilft es meistens, sich vor Augen zu halten, daß sich der einzelne von solchem Leid betroffene Mensch - ebenso wie Tausende andere - nie an diesen Zustand gewöhnen wird. Und anders als wir sind diese in der Regel hilflos und brauchen unsere Unterstützung, nicht unsere Gewöhnung.
Sicher, die Aufgaben, die vor uns liegen, sind riesig, herausfordernd, oft bedrückend. Stellt man sich ihnen, ist es keine Schande, ab und zu verschnaufen zu müssen. Es hilft allerdings wenig, zu bestimmten belastenden Dingen, Situationen, Entwicklungen bewußt "Abstand" zu halten. Ist man ehrlich mit sich selbst, dann finden sich über den Tag genügend andere Gelegenheiten "abzuschalten", sich nicht mit ermüdenden unwichtigen Dingen zu belasten, so daß unter dem Strich genügend freie Energie zur Verfügung steht, sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Und dazu gehört zweifellos der Schutz menschlichen Lebens, wann und wo immer dies erforderlich ist.
Diese Art "Gegenstände" verdienen es nicht nur, sie verlangen geradezu, genauestens - und ohne Abstand - betrachtet zu werden, da sie sonst weder wirklich erfaßt, in der Bedeutung erkannt werden können, noch die Chance erhalten, unser Herz überhaupt anrühren zu können. Dies geht niemals abstrakt und nicht ohne die Bereitschaft, sich zuvor als Mensch mit den (betroffenen) Menschen zu solidarisieren. Ohne diese Bereitschaft wächst keine Kraft, bleibt die natürliche Emotion der Liebe zum Mitmenschen unterdrückt, dominieren Angst, Fluchtbereitschaft und Relativierungsmechanismen.
Es ist in diesem Zusammenhang interessant, daß die "Selbstgenügsamkeit" im christlichen Verständnis als eine schwerwiegende Sünde betrachtet wird. Wobei Selbstgenügsamkeit hier nicht im Sinne von Bescheidenheit gemeint ist, sondern als das Zurückhalten von Fähigkeiten, Wissen und Erkenntnissen, Zuwendung und Liebe zu den Mitmenschen.
Erst wenn das Herz offen ist, öffnet sich auch das Hirn, wird kreativ, sucht nach Lösungen. Und genau zu dem Grade, wie man dies zuläßt, wird die vermeintliche Last und Furcht als Engagement, spannende Herausforderung und als persönliche Bereicherung erfahren.
Ich wünsche uns für das nächste Schaffensjahr ein offenes und wachsames Herz.
Jutta Dinkermann
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