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Aus der Neuen Solidarität Nr. 46/2003 |
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Von Helga Zepp-LaRouche
Die folgende Rede hielt die Vorsitzende des Schiller-Instituts bei der Frankfurter Sommer-Akademie im August 2003.
Über die strategische Lage werden wir später diskutieren, ich will nur die historische Situation umreißen, in der wir uns derzeit befinden. Denn ohne Zweifel bewegen wir uns auf den Dritten Weltkrieg zu, wenn es uns nicht gelingt, die Kriegsfraktion in den USA aus dem Amt zu drängen. Und dies ist keine Frage einer fernen Zukunft. Aus vielen Gesprächen mit einflußreichen Persönlichkeiten aus den verschiedensten Ländern wissen wir, wenn es uns nicht gelingt, die Weltlage schnell herumzureißen - dies betrifft die hochgefährliche Krise um Nordkorea, aber auch die Lage im Iran und, im großen Maßstab, den sich abzeichnenden Konflikt zwischen den USA einerseits und China, Indien und Rußland andererseits - kann die Lage sehr rasch außer Kontrolle geraten.
Wie konnte es dazu kommen, daß die Welt, die im vergangenen Jahrhundert zwei Weltkriege erlebte, in eine solche Krise stürzte?
Zum einen stecken wir inmitten eines Zusammenbruchs des Finanzsystems, gewissermaßen der Endphase der Globalisierung, und es wird immer deutlicher, daß das, was man die subjektive, die kulturelle Seite der Globalisierung nennen könnte, zu einer immer stärkeren Verflachung des Geistes eines großen Teiles der Bevölkerung geführt hat, gewissermaßen einer "Verdummung" des Westens. Wir befinden uns in einem Prozeß, der sich immer mehr einem neuen finsteren Zeitalter annähert, und die Qualität des Denkens, des eigenständigen Denkens, der Fähigkeit zur Kreativität, schrumpft immer mehr. Wenn man das intellektuelle und moralische Niveau der heute lebenden Bevölkerung mit dem der Menschen vergleicht, die etwa vor 200 Jahren zur Zeit der deutschen Klassik und während der amerikanischen Revolution gelebt haben, dann muß man wohl feststellen, daß die moralische Vitalität und das kognitive Vermögen abgenommen haben.
Deshalb sind wir heute mit einem entscheidenden Problem konfrontiert. Angesichts der Tatsache, daß die derzeitige Weltordnung zum Untergang verurteilt ist und es sie in ihrer heutigen Form in einigen Monaten oder Jahren nicht mehr geben wird, stehen wir vor zwei Alternativen: Die eine wäre der Absturz in ein neues finsteres Zeitalter, etwa durch einen dritten Weltkrieg - man denke nur an die ganze wahnsinnige Diskussion über einen "präventiven" Einsatz sogenannter Mininuklearbomben gegen sogenannte "Schurkenstaaten". Durch solche "Mininuklearbomben" wird die Grenze zwischen konventionellem und nuklearem Krieg auf gefährliche Weise verwischt.
Ich bin dennoch überzeugt, daß wir, so wie Leibniz es formulierte, in der "besten aller möglichen Welten" leben und daß die Konfrontation mit etwas schrecklich Bösen in den Menschen ein noch größeres Gutes hervorrufen kann. Auch wenn wir ohne Frage in einer sehr gefährlichen Situation leben, sehe ich trotzdem andererseits die Chance einer neuen Weltordnung, in der wir uns von einigen Plagen befreien können, von denen die Welt jetzt noch in Form der oligarchischen Ideologie, des Imperialismus und sogar der Gefahr eines weltweiten Faschismus heimgesucht wird.
Aber um diese zweite Alternative zu verwirklichen, müssen wir eine Renaissance-Bewegung aufbauen. Wir müssen Menschen finden, die entschlossen sind, wirklich schöpferisch zu denken. Dies ist die große Herausforderung, vor der wir als Organisation und auch alle anderen diejenigen Kräfte stehen, mit denen wir weltweit zusammenarbeiten. Wie können wir sozusagen als Katalysator eine neue Renaissance auslösen? Wie können wir erreichen, daß sich Menschen zu besseren Menschen entwickeln? Schiller hatte recht, als er angesichts der enttäuschten Hoffnungen hinsichtlich der Französischen Revolution zum Schluß kam, jeder Verbesserung in der Politik könne nur durch die Veredlung des einzelnen Menschen erreicht werden. Das ist die entscheidende Frage, können auch Erwachsene noch bessere Menschen werden? Können sie sich willentlich zu schönen Seelen entwickeln? Können sie bewußt an der Veredlung ihres Charakters arbeiten?
Ich möchte mich diesem Problem heute vor allem durch den Bezug auf diejenige Persönlichkeit und ihr Werk nähern, die LaRouche als einen der beiden wichtigsten Einflüsse auf Bernhard Riemann bezeichnete: Johann Friedrich Herbart und dessen Konzept der Gesetzmäßigkeiten des Geistes, das später bei Riemann zum Begriff der Geistesmassen führte. Ich werde dabei ausführlicher auf einige Aspekte von Herbarts Werk eingehen, weil ich der Ansicht bin, daß sie auf sinnvolle Weise die Arbeitsweise des Geistes reflektieren. Wie kann man sein Denken und Empfinden bewußt verändern? Wie kann man seine Geisteskräfte vergrößern? Was ist für die Seele oder den Geist erforderlich?
Herbart lebte von 1776 bis 1841 und kam nach Jena, als Schiller auch dort war. Es ist offensichtlich, daß er durch das ganze kulturelle Klima der Klassik in Jena und Weimar stark beeinflußt wurde. Später ging er als Lehrer in die Schweiz, wo er auch mit Pestalozzi zusammentraf. 1802 habilitierte er sich in Göttingen in den Fächern Philosophie und Pädagogik und wurde 1809 als Nachfolger Kants nach Königsberg berufen, obwohl er Kant zutiefst ablehnte. 1833 kehrte er auf den Lehrstuhl für Philosophie nach Göttingen zurück. Einer der interessantesten Aspekte seiner wissenschaftlichen Arbeit war seine Psychologie. 1824 verfaßte er das Werk Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik. Die heutige Psychologie geht hingegen großenteils auf die Romantik und dort vor allem auf E.T.A. Hoffmann zurück. Freud beispielsweise erklärt an einer Stelle, seine ganze Theorie gründe sich auf die Ideen Hoffmanns.
Das Problem mit den Romantikern und Hoffmann insbesondere besteht darin, daß sie der Meinung sind, man müsse alle Phantasien einfach ausleben, alle irrationalen Wünsche einfach verwirklichen, alle Neurosen einfach pflegen und akzeptieren, ohne jegliche Beschränkung. Wenn man diese Konzeption von Psychologie mit der Herbarts vergleicht, der dagegen praktisch eine Psychologie vom Standpunkt Schillers aus entwickelt, den ich immer noch für den besten Psychologen halte, sieht man, wer die bessere Konzeption darüber hat, wie Geist und Seele zusammenarbeiten.
Herbart war nicht nur der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie, sondern auch ein begnadeter Erzieher. In einem Handbuch der Pädagogik eines Zeitgenossen, eines gewissen Dr. Schmidt, ist von zwei pädagogischen Schulen die Rede: Die eine geht von der Auffassung aus, der Lehrer sei eine Art Gärtner, der die Seele des Schülers erzieht, indem er die ursprünglichen Richtungen und Anlagen hegt und praktisch mit "Dünger und Wasser", die bereits im Keim angelegten Eigenschaften und Fertigkeiten zum Blühen bringt. Die andere Auffassung von der Rolle des Lehrers geht davon aus, daß der Lehrer die Seele des Schülers praktisch durch die Ideen, die er kommuniziert, und andere äußere Einflüsse neu schafft. Dr. Schmidt bemerkt, Herbart gehöre sicherlich in die zweite Kategorie. Denn, so fährt er fort, der Unterschied zwischen Menschen auf der einen Seite und Tieren und Pflanzen auf der anderen bestehe darin, daß Tiere und Pflanzen vollständig durch ihren physischen Körper bestimmt seien, während der Körper für den Menschen nur ein Ding sei und der Geist durch Perzeptionen und Vorstellungen geprägt werde. Daher vertritt Herbart die Auffassung, die geistige Kraft des Menschen sei ausschlaggebend, und diese Kraft könne sich nur mit dem auseinandersetzen, was sie erhält. Welche Vorstellungen man die Seele herantrage, sei deshalb so wichtig. Pädagogik sei daher Nehmen und Geben sowie die bewußte Formung und Beeinflussung der Seele des Schülers.
Riemann erklärt an verschiedenen Stellen seines Werkes, daß er der Philosophie und Psychologie Herbarts seine eigenen wesentlichen Entdeckungen verdanke. So schreibt er in seiner Habilitationsschrift von 1854, nur in den Werken von Herbart und Gauß habe er die notwendigen Vorarbeiten für seinen eigenen Begriff der Mannigfaltigkeit gefunden. In einer Anmerkung heißt es sogar, für sein Hauptwerk über die Naturgesetze habe er sich mit Newton und Euler auf der einen Seite und Herbart auf der anderen auseinandergesetzt. Und in seinem letzten Werk über die Mechanik des Ohres schreibt er, Newton und Herbart seien die wesentlichen Bezugspunkte seiner methodologischen Untersuchungen und bezeichnet sich dann als Anhänger Herbarts in Fragen der Psychologie und Metaphysik, vor allem hinsichtlich Methodologie und Ideologie.
Kant, der zu dieser Zeit einer der vorherrschenden negativen Einflüsse war, schrieb in der Kritik der reinen Vernunft:
"Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen abgezogen worden ... Denn damit gewisse Empfindungen auf etwas außer mich bezogen werden, (d.i. auf etwas in einem anderen Orte des Raumes, als darinnen ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außereinander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in verschiedenen Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumes nicht aus den Verhältnissen der äußeren Erscheinung durch Erfahrung erborgt sein, sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte Vorstellung allererst möglich.
Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren Anschauungen zum Grunde liegt ... Auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich die apodiktische Gewißheit aller geometrischen Grundsätze, und die Möglichkeit ihrer Konstruktionen a priori. Wäre nämlich diese Vorstellung des Raumes ein a posteriori erworbener Begriff, der aus der allgemeinen äußeren Erfahrung geschöpft wäre, so würden die ersten Grundsätze der mathematischen Bestimmung nichts als Wahrnehmungen sein. Sie hätten also alle Zufälligkeit der Wahrnehmung, und es wäre eben nicht notwendig, daß zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie sei, sondern die Erfahrung würde es so jederzeit lehren. Was von der Erfahrung entlehnt ist, hat auch nur komparative Allgemeinheit, nämlich durch Induktion. Man würde also nur sagen können, so viel zur Zeit noch bemerkt worden, ist kein Raum gefunden worden, der mehr als drei Abmessungen hätte."
Das ist schon eine gewagte Behauptung, daß man selbst innerhalb des euklidischen Gedankengebäudes nichts über den Raum sagen kann, da er a priori definiert ist. Offensichtlich stimmte Riemann mit keiner der Annahmen Kants überein, denn für Riemann gab es nicht nur einen Raum, sondern viele unterschiedliche Räume, von denen der euklidische Raum nur einer war. Herbart, Nachfolger Kants in Königsberg, bezeichnete Kants Ansichten einmal als "eine leere, dumme und falsche Hypothese". Für Kant seien Raum und Zeit nichts als leere Gefäße, in die die Substanzen dann ihre eigenen Perzeptionen hineinfüllen müßten.
Herbart hatte sich intensiv mit Platon, Leibniz, aber auch mit Spinoza und den Empiristen auseinandergesetzt und war überzeugt, daß Sinneswahrnehmung allein nicht ausreiche, um die Gesetze des Universums zu entdecken. Dann erhob er die kühne Forderung, man müsse die Mathematik auf die Psychologie anwenden. Er stellt dann die Frage, ob dies möglich sei, da die Mathematik ja bisher nur auf Objekte angewandt worden sei. Wie könne man geistige Prozesse messen? Eindrücke, Gefühle, Wünsche wechseln rasch, wie kann man ihre Quantität bestimmen? Kann man einen Gedanken oder Stimmungen messen? Stimmungen wechseln schneller als die Windrichtung oder das Wetter. Ist es möglich, mathematische Gesetzmäßigkeiten für diese geistigen und emotionalen Prozesse zu entdecken? Normalerweise sei man der Meinung, man könne nur das messen, was man auch berechnen könne. Deshalb meinen viele Leute, es sei unmöglich, die Mathematik auf die Psychologie anzuwenden. Aber dies, so Herbart, sei ein Fehlschluß, eine Mischung aus Denkgewohnheiten, Irrtümern und ausgesprochenen Lügen.
Bekanntlich hatte Newton sich mit seinem Ausspruch "Ich stelle keine Hypothesen auf" vehement gegen die schöpferische Hypothesenbildung ausgesprochen. Demgegenüber erklärt Herbart:
"Es ist nämlich, und beim letzten anzufangen, ganz falsch, daß man nur da rechnen könne, wo man zuvor gemessen hat. Ganz im Gegenteil! Jedes hypothetisch angenommene, ja selbst jedes anerkannt unrichtige Gesetz einer Größenverbindung läßt sich berechnen; und man muß bei tief verborgenen, aber wichtigen Gegenständen sich so lange in Hypothesen versuchen, und die Folgen, welche aus denselben fließen würden, so genau durch Rechnung untersuchen, bis man findet, welche von den verschiedenen Hypothesen mit der Erfahrung zusammentrifft. So versuchten die älteren Astronomen exzentrische Kreise, und Kepler versuchte die Ellipse, um darauf die Bewegungen der Planeten zurückzuführen, der nämlich verglich die Quadrate der Umlaufzeiten mit den Würfeln der mittleren Entfernungen, ehe er eine Übereinstimmung fand."
Und weiter heißt es in dieser nur wenige Seiten langen Rede:1
"Das Genie ist ein Planet. Es geht keine gerade Straße, sondern seine Bahn ist eine krumme Linie; auf dieser steht es zuweilen still, um rückwärts zu wandern; anfangs langsam, dann geschwind, dann wieder langsam; darauf geht es vorwärts, nun taucht es in die Strahlen der Sonne, und durchwandelt mit ihr in Gemeinschaft den Himmel; doch nur kurze Zeit, denn bald wiederum zieht es vor, in dunkler Nacht zu leuchten."
Ihr werdet später einen Film über die Bahn des Planeten Mars sehen, und es ist faszinierend, daß sie genauso aussieht - eine krumme Linie, die eine Schleife vollführt - wie Herbart es beschreibt.
Dann schreibt er:
"Das Wort Planet bezeichnet einen Irrenden, und wenn man will, mit Rücksicht auf die Träume der Astrologie einen irrenden Ritter, der recht romantische auf schreckliche oder liebliche Abenteuer ausgeht... Die irrenden Ritter sind verschwunden wie Gespenster, seitdem die Unwissenheit ist verdrängt worden von der Wissenschaft. Jetzt richten sich die Planeten nach dem Kalender; und das geht sehr natürlich zu, denn die Kalender haben gelernt, sich nach den Planeten zu richten. Gerade eben so und in demselben Sinne würde sich jetzt das Genie nach der Psychologie richten, wenn schon unserer Psychologie so viel wahre Wissenschaft zum Grunde läge, als unseren Kalendern. Soviel über das Genie, welches zwar seine Regel nicht kennt, aber darum doch nicht ableugnen darf, eine solche zu haben, denn das Nichtwissen ist kein Beweis vom Nichtsein."
Herbart zeigt dann, daß der Mensch kein von außen fremdbestimmtes Wesen ist, sondern gerade die bewußte innere Selbstbestimmung den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnet.
"Die menschliche Seele ist kein Puppentheater; unsere Wünsche und Entschließungen sind keine Marionetten; kein Gaukler steht dahinter, sondern unser wahres eigenes Leben liegt in unserem Wollen, und dieses Leben hat seine Regel nicht außer sich, sondern in sich: es hat seine eigene, rein geistige, keineswegs aus der Körperwelt entlehnte Regel; aber diese Regel ist ihm gewiß und fest, und wegen dieser festen Bestimmtheit hat sie mit dem sonst ganz Fremdartigen, den Gesetzen des Stoßes und Drucks, immer noch mehr Ähnlichkeit, als mit den Wundern der vorgeblich unbegreiflichen Freiheit."
Aber er macht auch klar, daß die Anwendung der Mathematik auf Psychologie keineswegs eine mechanistische Konzeption der Seele voraussetzt. Also keine Angst, wenn jemand versucht, die Gesetzmäßigkeit des Denkens zu ergründen.
"Nichts wäre lächerlicher, als wenn jemand fürchten sollte, durch irgendeine Mantik von Zahlen und Buchstaben seiner Geheimnisse beraubt, oder in den verborgenen Regungen seines Herzens beschlichen oder belauscht zu werden; in dieser Hinsicht wird die gemeine Weltklugheit immer weit schlauer und furchtbarer sein als alle Mathematik und Psychologie zusammen genommen."
Dann geht er daran, die verschiedenen Aspekte des Geistes zu bestimmen:
"Es ist nun Zeit, die Größen selbst, welche sich der Berechnung darbieten, genauer anzugeben, man muß vom Einfachsten ausgehen, und beim ersten Anfang noch alle Verbindungen der Vorstellungen untereinander beiseite setzen. Alsdann bleiben nur zwei Größen, auf die man Rücksicht zu nehmen hat: die Stärke jeder einzelnen Vorstellung und der Grad der Hemmung zwischen ihnen."
Also, sagt Herbart in erster Annäherung, jede Vorstellung wirkt als Kraft und wird zugleich durch eine Hemmung blockiert.
"Hier ist schon Stoff genug für die Rechnung, um von zweien ganz allgemeinen psychologischen Phänomenen den ersten Hauptgrund zu entdecken; nämlich erstlich von dem oben erwähnten Umstande, daß die allermeisten unserer Vorstellungen in jedem bestimmten Augenblicke latent sind; und zweitens von der ebenso merkwürdigen Tatsache, daß, solange nicht physiologische Gründe den Zustand des Schlafes bewirken, niemals alle Vorstellungen zugleich latent werden, auch niemals alle bis auf eine, sondern das stets, während des leiblichen Wachsens, irgendetwas, und nie etwas ganz Einfaches, sondern etwas einigermaßen Zusammengesetztes, vorgestellt wird...
Die Rechnungen, zu welcher die Stärke jeder einzelnen Vorstellung und der Grad der Hemmungen zwischen je zweien Anlaß geben können, sind noch sehr einfach; sie werden aber schon verwickelter, wenn man nunmehr auch die dritte Größe, den Grad der Verbindung unter den Vorstellungen, in Betracht zieht. Alsdann ändern sich die früheren Resultate, und neue kommen hinzu. Überdies bietet sich jetzt noch eine vierte Größe dar, um in die Rechnung einzugehen, nämlich die Menge der verbundenen Vorstellungen. Besonders merkwürdig aber sind die längeren oder kürzeren Vorstellungsreihen, welche bei unvollkommener Verbindung dann entstehen, wann eine Vorstellung mit der anderen, die zweite mit der dritten, diese mit der vierten, und so fort, in gewissem Grade verknüpft sind, während die erste mit der dritten, die zweite mit der vierten und den folgenden, entweder gar nicht, oder doch weit schwächer verschmelzen. Solche Vorstellungsreihen sind gleichsam die Fasern oder Fibern, woraus sich größere geistige Organe zusammensetzen; und sie tragen dabei ganz bestimmte Gesetze der Reizbarkeit in sich, auf deren genaue Kenntnis in der Psychologie eigentlich alles ankommt... Sogar das räumliche und zeitliche Vorstellen hat hier, nicht aber in vermeinten Grundformen der Sinnlichkeit, seinen Sitz und Ursprung."
Hier wird eine ganze Theorie der Erinnerung, der Ideenassoziation und der Einbildungskraft begründet, und zugleich werden damit auch die Regeln der Gefühle, der Begehren und der Leidenschaften aufgestellt. Herbart erklärt sogar, die Mathematik enthülle erst die ungeheure Unwissenheit der bisherigen Psychologie. Selbst die Vorstellungen von Raum und Zeit hätten hier und nicht in der Welt der sogenannten Sinneswahrnehmung ihren Ursprung.
Dieser Aspekt ist besonders interessant. Lyndon LaRouche hat in seinem Papier über den "komplexen Bereich" erklärt, es gebe eine Geometrie des "Sensoriums", der Sinneswahrnehmung, und eine davon unterschiedene Geometrie der universell beweisbaren Prinzipien des Universums. Letztere bildeten die reale Welt - und diese beiden Geometrien stehen in Wechselwirkung zueinander. Herbart sagt nun, es gebe keine Sinneswahrnehmung, die zu einem Verständnis von Raum und Zeit führe. Vielmehr sei es die Idee im Geiste, die einem einen Begriff von Raum und Zeit vermittele, d.h. die Idee, die wir im Geist über den Raum entwickeln, bestimmt die Vorstellung, mit der wir den Raum in der Welt der Sinne erfassen.
Was nun diese "Vorstellungsreihen" angeht, schreibt Herbart weiter:
"In Ansehung schon gebildeter Vorstellungsreihen entstehen ferner neue Quantitätsbestimmungen daraus, ob dieselben von irgendeinem Reize in einem oder mehreren Punkten zugleich getroffen werden; desgleichen, ob sie sich mehr oder minder in einem Zustand der Evolution oder Involution finden; weiter, ob aus diesen Reihen, die ich vorher Fasern oder Fibern nannte, schon größere oder kleinere Gewebe gebildet haben, und wie diese Gewebe konstruiert sind; ein Gegenstand, der zwar bei verschiedenen Menschen, wegen der gemeinschaftlichen Sinnenwelt, in der wir leben, und auf deren Veranlassung eben so wohl verknüpfen als erzeugen, größtenteils gleichartig sein muß, doch so, daß bedeutende Modifikationen eintreten, die von dem geistigen Rhythmus jedes Individuums, zufolge seines Nervenbaus und seiner ganzen leiblichen Konstitution, abhängen; und andere Modifikationen, welche der Erfahrungskreis und die Gewöhnungen des Individuums bestimmen, und welche man durch Erziehung und Unterricht suchen kann zweckmäßig einzurichten."
Gewisse Muster des Denkens können sich also ähneln, weil verschiedene Menschen eine gemeinsame Sinnenwelt haben, aber da der Mensch nicht das Produkt der Erfahrung ist, wird die eigentliche Humanität durch Ideen gebildet.
Herbart schreibt dazu:
"[Viele Psychologen können] aus Unkunde in der Mathematik und der davon abhängenden Mechanik des Geistes die Wege nicht erraten, auf welchen die allmähliche Veredelung des menschlichen Geistes fortschreitet. So viel indessen läßt sich leicht bemerken, daß in dem Geiste nicht alle Vorstellungen gleichmäßig verbunden, und daß sie in sehr verschiedenem Grade beweglich sind; daß sie ähnlich den höheren und niedrigeren Wolkenschichten in der Atmosphäre, in verschiedenen Richtungen teils langsam, teils schneller und flüchtiger umherschweben; daß eben deshalb unter diesen verschiedenen Vorstellungsmassen, bei ihrem mannigfaltigen Zusammentreffen, sich größtenteils dieselben Verhältnisse wiederholen müssen, die zwischen neuen Anschauungen und älteren dadurch reproduzierten Vorstellungen sich erzeugen; daß es folglich nicht bloß eine äußere Perzeption, sondern auch ein inneres Vernehmen oder eine Vernunft geben müsse, bei welcher das, was man Überlegen oder Schließen nennt, nur nach vergrößertem Maßstabe denselben Prozeß wiederholt, der schon beim Zueignen sinnlicher Empfindungen durch Anschauung und Urteil vollzogen wird ...
Die höheren Tätigkeiten des Geistes können unmöglich nach ihren wahren Gründen und Gesetzen erforscht werden, so lange man die niedrigeren noch nicht kennt, denen sie ähnlich, und von denen sie abhängig sind; wiewohl man nun die mathematische Betrachtung schwerlich jemals bis in die obersten Regionen des vernünftigen Denkens und Wollen, fortführen wird, so ist dasselbe dennoch als Grundlage der Erkenntnis auch dieser höheren Gegenstände ganz unentbehrlich, damit wir ... wenigstens die Lücken unseres Wissens, so wie es bisher geschieht, mit groben Irrtümern ausfüllen, und durch unnützen Zank von Parteien, die alle gleich Unrecht haben, uns am Ende die Philosophie selbst verleiden...
Es ist nicht bloß möglich, sondern notwendig, daß Mathematik auf Psychologie angewendet werde; der Grund dieser Notwendigkeit liegt, mit einem Worte, darin, daß sonst dasjenige schlechterdings nicht erreicht kann werden, was durch alle Spekulation am Ende gesucht wird; und das ist - Überzeugung. Die Notwendigkeit aber, daß wir den Weg zur festen Überzeugung endlich einschlagen, ist desto dringender, je größer täglich die Gefahr wird, daß die Philosophie in Deutschland bald in denselben Zustand gerate, in welchem sie sich längst in Frankreich und England befinden."
Hier bezieht sich Herbart offensichtlich auf die englische und französische "mechanische Aufklärung", die Empiristen und Positivisten, mit ihrer ausschließlich auf die Welt der sinnlichen Erfahrung gegründeten Vorstellung, daß jede Meinung genauso gut ist wie die andere, und damit verschwindet natürlich die Möglichkeit, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.
Er fährt fort:
"Es gehört mit zu der großen Verblendung der meisten heutigen Philosophen Deutschlands, daß sie diese Gefahr nicht sehen. Verstünden sie Mathematik (dazu gehört aber mehr, als einige geometrische Elemente und allenfalls quadratische Gleichungen...), verstünden sie, sage ich, Mathematik, so würden sie wissen, daß ein unbestimmtes Reden, wobei jeder das Seinige denkt, und welches eine täglich wachsende Spaltung der Meinungen erzeugt."
Genau diese Situation kennzeichnet heute die Politik in Deutschland, wo es nicht möglich scheint, in irgendeiner Frage einen Konsens zu finden. Weil alle Meinungen irgendwie gleichberechtigt zu sein scheinen, verästelt sich die Zerrissenheit immer mehr. Wenn alles richtig ist, ist alles falsch. Man findet kaum zwei Menschen, die in einem Punkt übereinstimmen.
Worin liegt nun aber die Gewißheit der Mathematik, fragt Herbart:
"Jetzt muß ich bestimmter angeben, worin der Grund liege, daß nicht bloß die Mathematik Überzeugung in sich trägt, sondern sie auch auf die Gegenstände überträgt, auf die sie angewendet wird...
Aber es gibt ja Rechnungsproben! Es gibt auf dem Boden der Mathematik zu jedem Punkte hundert verschiedene Wege; und wenn man auf allen hundert Wegen genau dasselbe findet, so überzeugt man sich, den rechten Punkt getroffen zu haben. Eine Rechnung ohne Kontrolle ist so viel wie gar keine ... Nicht bloß die Schlüsse müssen sich gegenseitig, ungezwungen und ohne den leisesten Verdacht der Erschleichung bestätigen: sondern bei allem, was von Erfahrung ausgeht, oder über Erfahrung urteilt, muß die Erfahrung selbst... das Resultat der Spekulation genau, und nicht bloß obenhin bekräftigen."
Schließlich faßt er noch einmal die seiner Meinung nach meßbaren geistigen Kategorien zusammen:
"Damit dies klar werde, bitte ich die Erinnerung zurückzurufen an diejenigen Größen, welche die Psychologie der Rechnung darbietet. Es waren: Stärke der Vorstellung, Hemmungsgrad, Innigkeit der Verbindung, Menge der Verbundenen, Länge der Vorstellungsreihen, Reizbarkeit derselben an verschiedenen Punkten, das Mehr oder Weniger der Involution oder Evolution, der Verwebung oder Isolierung, - und, was bei aller geistigen Bewegung sich von selbst versteht, die Geschwindigkeit oder Langsamkeit in der Veränderung der wechselnden Zustände."
In allen diesen Überlegungen geht es letztlich nicht um den Inhalt, sondern um die Gesetzmäßigkeit, mit der die Vernunft diese Ideen hervorbringt und die Regeln des Denkprozesses. Aber Herbart sagt auch, Selbstbeobachtung sei die erste Grundlage psychologischer Untersuchungen. Die Kapazität des Geistes beziehe sich auf die Kraft wie die Möglichkeit zur Realität.
Bei einem Magneten spricht man nicht von der Fähigkeit des Magneten, sondern von seiner Stärke, mit der er Eisen anzieht und sich nach Norden ausrichtet. Im gleichen Sinne wirken die menschliche Vorstellungskraft, das Denken oder die Urteilskraft als aktive Kräfte und sind nicht nur Fähigkeiten. Wäre unsere Vernunft nur eine Fähigkeit, besäßen wir kein reales Selbst. Der Mensch schläft und ist wach. Und im wachen Zustand wirken in ihm Ideen, Erinnerungen und Begriffe. Daher sollten wir nicht von der Fähigkeit der Seele, sondern von der Kraft oder dem Vermögen der Seele sprechen.
Es bleibt noch die Frage, warum diese Kräfte nicht gleichzeitig und gleich stark wirken? Die empirische Psychologie hat dafür keine Erklärung, aber Herbart meint, diese Kräfte müssen existieren, denn sonst wäre die Psychologie keine Wissenschaft. Je mehr wir über bestimmte Dinge wissen, desto mehr gewinnen unsere Ideen, die sich auf diese Ding beziehen, und unsere Fähigkeiten an Aktivität. Wer in bezug auf die Mathematik große Vorstellungskraft besitzt, dessen Erinnerung und Verständnis wird in diesem Bereich auch groß sein. Das gleiche gilt etwa auch für die Dichtkunst und das Militärwesen.
Wenn jemand also sagt, ein andere verfüge über viel Wissen und Phantasie, ist die Frage, wofür - für Musik oder für Buchhaltung? Man solle sich z.B. einen Arbeiter vorstellen, der einen Stoff, ein Material in der Hand habe. Man kann sich jetzt dasselbe Material in der Hand eines anderen Arbeiter vorstellen, oder die leere Hand des Arbeiters. Aber wie verhält es sich mit der Beziehung des geistigen Stoffes zum Geist? Wie verhält es sich mit Farbe oder Schmerz, wenn niemand sie empfindet? Herbart ist der Ansicht, das psychologische Material sei nicht selbsterhaltend und existiere nicht außerhalb des Geistes. Das Material und die Kraft sind eins. Es gebe keine Fähigkeit der Seele, die dafür vorherbestimmt sei, Stoffliches zu erhalten. Vor der Sinneswahrnehmung gebe es keine Sinnlichkeit. Es gebe Sinnesorgane, aber keine Sinneswahrnehmung. Und keine Vernunft vor den Begriffen. Die in uns wirkende Kraft sind die Ideen selbst. Kein Mensch besitzt größere Geisteskraft als die seiner Ideen.
Riemann greift diese Ideen in seinen Schriften über Psychologie und Metaphysik auf; in beiden Bereichen sieht er sich als Anhänger Herbarts. Mit jedem Denkakt trete etwas dauerndes und substantielles zur Seele hinzu, das er als "Geistesmassen" bezeichnet. Alles Denken sei daher der Aufbau neuer Geistesmassen. Diese Geistesmassen erscheinen als Ideen. Aufgrund ihrer inneren Unterschiedlichkeit weisen sie unterschiedliche Qualitäten auf. Sie verbinden sich miteinander und verschmelzen. Sie verstärken sich gegenseitig und vermischen sich teilweise mit "älteren" Geistesmassen. Das Wesen und die Kraft dieser Verbindungen habe Herbart in der Vergangenheit nur teilweise erkannt, schreibt Riemann, er wolle dieses Konzept jetzt vollenden. Die Seele sieht er als eine kompakte Mannigfaltigkeit verbundener Geistesmassen, die ständig durch das Hinzukommen neuer Geistesmassen vergrößert werde. Geistesmassen seien unvergänglich. Die relative Kraft dieser Verbindungen verändere sich durch das Hinzukommen neuer Geistesmassen. Geistesmassen benötigen keinen materiellen Träger. Und sie wirken nicht ständig auf die Welt der Erscheinungen. Sie sind nicht mit materiellen Dingen verbunden und sind daher nicht im Raum angesiedelt. Aber jede neu hinzukommende Geistesmasse und die Verbindung der Geistesmassen hat eine materielle Grundlage nötig.
Daher vollziehe sich alles Denken in einem besonderen Raum. Jede neue Geistesmasse schwinge mit allen verbundenen Geistesmassen und zwar um so stärker, je geringer die Unterschiede ihrer Qualität seien. Und diese Resonanz beziehe sich nicht nur auf die unmittelbar verbundenen, sondern auch auf Geistesmassen, die in früheren Denkprozessen miteinander verbunden wurden. Es gibt also Wechselwirkungen zwischen gleichzeitig im Entstehen begriffenen Geistesmassen, zwischen diesen und früher entstandenen und indirekt mit allen Geistesmassen. Je weiter sie voneinander entfernt sind, desto schwächer sind sie. Und ihre Resonanz ist um so größer, je wesensverwandter sie sind.
Riemann schlägt vor, diese Gesetze der geistigen Entwicklung, die man aus innere Erkenntnis gewonnen habe, auch zur Erklärung der menschlichen Existenz und der geschichtlichen Entwicklung einzusetzen. Um das Leben unserer Seele zu erklären, müssen wir annehmen, daß die Geistesmassen, die bei unseren Nervenprozessen entstehen, auch weiterhin als Teil unserer Seele existieren und ihre innere Verbindung erhalten bleibt. Veränderungen geschehen nur, wenn neue Geistesmassen hinzukommen. Daraus ergibt sich, daß die Geistesmassen als "organisches Sein" der Seele, auch nach dem Tode erhalten bleiben.
Es ist bemerkenswert, daß dieses Argument für die Unsterblichkeit der Seele dem ähnelt, welches Nikolaus von Kues Jahrhunderte zuvor entwickelte. Nikolaus schrieb, die Wissenschaften würden von der Seele erschaffen und verdankten ihre Existenz in einem solche Maße der Seele, daß sie ohne die Seele nicht existierten. Und da die Wissenschaften - Musik, Geometrie, Geschichte u.a. - unsterblich seien, belege dies die Unsterblichkeit der Seele, die sie geschaffen habe.
Herbarts und Riemanns Darlegungen über die Mannigfaltigkeit des Denkprozesses bilden einen wichtigen Aspekt des Arguments dafür, daß die Gesetze des Makrokosmos, des Universums als ganzem, und der Mikrokosmos den gleichen Prinzipien folgen. Und hier liegt auch der Grund, warum eine immaterielle Idee auf das physische Universum wirken kann, eben weil sie den gleichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Dies entspricht auch dem Konzept der Monade bei Leibniz.
Das Wachstum der Geistesmassen nimmt nicht ab, sobald sie einmal entstanden sind. Der einzige Wandel besteht im Hinzukommen neuer Geistesmassen. Daher ist übrigens Wernadskij auch so optimistisch, daß der Einfluß der Noosphäre auf die Biosphäre immer zunehmen wird, denn die Geistesmassen wachsen immer.
Herbart hatte ja nicht nur erklärt, ein Genie ähnele einem Planeten - sondern es sei ein Planet. Man denke an Schillers Konzept des Genies und sein Ideal vom Menschen, der "schönen Seele", für die Freiheit und Notwendigkeit, Leidenschaft und Pflicht zusammenfallen. Nur die "schöne Seele" kann seiner Ansicht nach auch ein Genie sein. Und ein Genie vermag es, die Gesetzmäßigkeiten auf gesetzmäßige Weise zu ändern. Ein Genie fügt der Entwicklung des Universums neue Geistesmassen hinzu, indem er wahre Hypothesen aufstellt. Und diese Hypothesenbildung wird nur aufgrund der Fähigkeit des Geistes möglich, Metaphern hervorzubringen - und nur Metaphern können die Geisteskraft erhöhen.
Vorhin sprachen wir von der Idee, daß im Geist zwei Kräfte wirken: die Kraft und die Hemmung. Was ist nun eine solche Hemmung, ein solcher Block? LaRouche verfaßte 1978 eine schöne Schrift mit dem Titel "Warum die Poesie beginnen muß, die Mathematik und Physik überflüssig zu machen". Dort kommt er auf diese innere Hemmung zu sprechen, die Gesetzmäßigkeiten des Vorbewußten zu meistern. Wobei dieses Vorbewußte den Bereich geistiger Fähigkeiten und Tätigkeit umfaßt, der bewußt gemacht werden muß, wenn man einer neuen Metapher einen Namen geben will. Dabei muß man im Geist sozusagen einen Sprung machen, und dann verhält der Geist sich "transfinit". Dies ermöglicht überhaupt erst die Kommunikation wahrer Ideen zwischen Menschen. LaRouche hat die Erfahrung dieses Moments, wenn etwas Vorbewußtes plötzlich bewußt wird, mit dem Gefühl verglichen, das man hat, wenn man sagt: "Es liegt mir auf der Zunge, es fällt mir jeden Augenblick ein".
Diese Art des bewußten Denkens ist nur möglich, wenn man sich selbst als historisches Individuum sieht. Denn nur wenn man seine Identität auf der Ebene des Erhabenen ansiedelt ist man zu solchem Denken fähig, weil man sein Denken an universelle Prinzipien knüpft, die sich außerhalb des Bereichs der sinnlichen Wahrnehmung befinden. Wenn man dagegen eine Identität besitzt, die sich an hedonistischen, materialistischen oder auch partikularistischen Prinzipien orientiert, wenn man sich praktisch aus seinem Eigeninteresse heraus als in Konkurrenz zu allen anderen Menschen stehend ansieht, bleibt einem dieses Denken verschlossen. Ohne diesen welthistorischen Standpunkt kommt es zu einer Fixierung auf eine reine Selbstbetrachtung, und damit blockiert man die eigenen Denkprozesse, was wiederum zu Neurosen führt.
Die Bedeutung von Poesie und Musik liegt darin, daß sie uns in die Lage versetzen, die vorbewußten Prozesse des Geistes mit den vorbewußten Prozessen anderer Menschen zu kommunizieren. Wobei das Ziel darin besteht, diese vorbewußten Prozesse ins Bewußtsein zu rücken. Schiller behandelt dieses Thema begrifflich etwas anders in seinen Ästhetischen Briefen. Dort sagt er angesichts der schrecklichen Folgen der Französischen Revolution sei die Entwicklung des Empfindungsvermögens die wichtigste Aufgabe seiner Zeit. Und das gilt für uns heute um so mehr. Denn der Grund für die schreckliche moralische Verfassung vieler Menschen heute ist ein mangelhaft ausgebildetes Empfindungsvermögen. Sie sind geistig und emotional geblockt.
Diese Entwicklung des Empfindungsvermögens ist heute absolut dringend notwendig, um die Kraft der Seele zu entwickeln. Dies kann, so Schiller in seinen Briefen, nur durch große Kunst und über die Entwicklung des Stoff- und des Formtriebes geschehen. Denn der Stofftrieb ermöglicht es uns, quantitativ immer größere Mengen an Perzeptionen aus der materiellen Welt aufzunehmen. Und der Formtrieb versetzt uns in die Lage, diese Fülle an Perzeptionen gedanklich zu verarbeiten. Aber, so fährt Schiller fort, die einzige wirklich menschliche Verhaltensweise ist der Spieltrieb, der uns ermöglicht, in Metaphern zu denken und Hypothesen zu entwickeln, und so etwas Neues hinzuzufügen, was über die Welt der sinnlichen Erfahrung hinausgeht.
Ich finde es faszinierend, daß in der heutigen indischen Philosophie die Auffassung vertreten wird, der Westen sei deshalb in Schwierigkeiten, weil das westliche Denken ausschließlich auf dem Grundsatz des "parvrtti" (Handeln bezogen auf die materielle Welt) beruhe, was im weitesten Sinne dem Stofftrieb bei Schiller entspricht. Es fehle aber vollkommen an "nirvtti", an innerer spiritueller Entwicklung, was durchaus etwas mit dem zu tun hat, was Schiller als "Empfindungsvermögen" bezeichnet.
Da der Westen im wesentlichen vom Empirismus und Materialismus beherrscht wird, muß man der indischen Kritik leider durchaus zustimmen. Weil es aber eben auch diese andere Tradition von Schiller, von Nikolaus von Kues, Leibniz u.a. gibt, bin ich der Überzeugung, daß wir uns heute mit diesen Fragen intensiv auseinandersetzen können, um unsere Seele bewußt zu entwickeln, unsere Geistesmassen zu vergrößern und unsere Gefühle zu erziehen.
Anmerkung
1. Alle Herbart-Zitate sind der Rede "Über die Möglichkeit und Notwendigkeit, Mathematik auf Psychologie anzuwenden" (vorgelesen in der Königlichen deutschen Gesellschaft am 18.4.1822) entnommen. Erschienen in Johann Friedrich Herbart, Kleinere Abhandlungen zur Psychologie, Nachdruck der Ausgaben 1811-1840, Amsterdam, 1969.
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