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Aus der Neuen Solidarität Nr. 47/2003

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Zwischenruf

Menschliches Leid und das Erhabene

Viele Menschen neigen dazu, Krankheit und Leid zu verdrängen, wollen es nicht sehen. Der kranke Papst macht uns vor, wie gerade die Auseinandersetzung damit stärken und trösten kann.


Die Kehrseite: Sterbehilfe
Gelebte Solidarität und Nächstenliebe

Ich bin über eine Meldung in der Tagespresse gestolpert: "EKD-Chef Huber hat Mitleid mit dem Papst". Wie jeder politisch Interessierte, der um die Rolle der Kirchen in unserem Staat und unserer Gesellschaft weiß, habe ich die kürzliche Wahl Hubers verfolgt und bin besonders an seinen ersten offiziellen Aussagen interessiert. Deshalb lese ich neugierig weiter.

Die "Befreiung des Papstes von seinem Amt" wäre nach Auffassung des neuen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und Bischof von Berlin-Brandenburg ein "Akt der Barmherzigkeit". Er sei betroffen davon, daß Johannes Paul II. "dazu verurteilt ist, auch an einer solchen Grenze seines eigenen Lebens dieses Amt noch immer wahrzunehmen", sagte Huber nach einer Meldung in Die Welt vom 10. November 2003 im Südwestrundfunk.

Ich muß unwillkürlich lachen. Mein erster Gedanke ist: Wie kann man überhaupt auf so eine Idee kommen? Sicher, Johannes Paul II. ist 83 Jahre alt, schwer krank und leidet u.a. an der Parkinson-Krankheit. Aber jeder, der ihn anschaut, ob religiös oder nicht, muß doch merken, daß ein überaus kraftvoller und liebender Geist diesen gebrechlichen Körper regiert.

Dennoch weiß ich aus Diskussionen des letzten Jahres von Menschen, die ähnliches wie Huber äußerten. Die katholische, die nichtkatholische Christenheit und sogar die atheistische Weltöffentlichkeit sind mittlerweile praktisch in zwei Lager gespalten, die ein und denselben Mann völlig unterschiedlich wahrnehmen. Waren es früher hauptsächlich die klassischen Themen wie Familienplanung und das Zölibat, mit der zuverlässig Emotionen geschürt wurden, so ist es heute die Frage, ob der so augenfällig körperlich kranke Papst sich weiterhin in der Öffentlichkeit zeigen sollte, ob er der "Öffentlichkeit zugemutet" werden dürfe und ob er "in seinem Zustand" der "Institution des Papstamtes" und dessen "Würde" noch gerecht werden könne.

Doch warum fragen die einen mit einer atemlosen, merkwürdigen Intensität, wieso der Papst keine Ruhe gibt? Warum er offenbar entschlossen ist, die ganze Menschheit daran teilhaben zu lassen, wie die Parkinson-Krankheit seinem einst so starken Körper zusetzt? Wieso erkennen sie im Papst nichts weiter als einen alten Mann, der nicht mehr laufen und kaum noch sprechen kann, der mittels einer Hebebühne aus dem Flugzeug gehoben und "wie ein Paket" auf einem Wägelchen den auf ihn wartenden Staatsoberhäuptern entgegengerollt wird?

Während die andere Gruppe - Katholiken wie Atheisten - nach einer Fernsehübertragung nicht einmal zu sagen wüßten, wie der Papst "transportiert" wurde. Wieso können sie - trotz des krankheitsbedingten Maskencharakters seine Züge - in diesem Gesicht großen Ernst und Ruhe, Frieden, Liebe und Glück wahrnehmen? Und sich der scheinbar paradoxen Erkenntnis stellen, daß dieser Mann das, was er jetzt zu sagen und zu geben hat, noch nicht besaß, als er jung und stark und gesund war?

Der Papst lehnte schon zu Beginn seiner Erkrankung alles ab, was seine Erkrankung hätte kaschieren können. Der Umgang mit seiner Erkrankung, das Zeigen von Schwäche und Krankheit war von ihm ausdrücklich als Demonstration gedacht. Er weiß um die Wirkung dieser Demonstration, denn selbst heute, da er kaum noch sprechen kann und um das Risiko weiß, sein Amt gar in Schweigen zu beenden, beteuert er, niemals werde er sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Und tatsächlich wurde seine Botschaft in den letzten Jahren immer stärker und überzeugender, je mehr ihn seine körperlichen Kräfte verließen. Niemals zuvor hat er so viele Menschen um sich versammelt und - als alter Mann - so viele Jugendliche elektrisiert.

Doch wogegen oder auf was ist diese Demonstration gerichtet? Geht es darum, seine Stellung als Papst gewissermaßen "auszunutzen", um die Menschen zu zwingen, sich Leid um des Leides willen anzusehen? Will er etwa so die selbstverständliche Botschaft verkaufen, daß Leid zum Leben gehört? Die Gegenfrage schafft Klarheit: Kann denn die bloße Zurschaustellung von Leid sozusagen automatisch dazu führen, daß der Betrachter das ihn so ängstigende künftig angstfrei betrachtet? Die Alltagserfahrung lehrt uns: natürlich nicht. Bei der nächsten Gelegenheit wird er die Flucht ergreifen.

Zudem: warum sollte ausgerechnet der Papst um sein persönliches Leid solch ein Aufhebens machen wollen? Ausgerechnet er, der einfach auf den Leidensweg Christi verweist, wann immer er dazu gedrängt wird, "kürzer zu treten". Und verweist er selbst nicht unermüdlich auf den ganzen Ozean von Tragik, von dem wir umgeben sind, und daß dieser ja nicht nur aus körperlicher Krankheit besteht? Hunger, Unterentwicklung, Kriege - dies ist der Stoff, aus dem andere furchtbare Qualen, tägliches Leid entstehen.

Aber er mahnt auch, daß die Konfrontation mit diesen Herausforderungen nicht in ausreichendem Maße ernstgenommen und angenommen wird.

Woran liegt das? Sicher nicht, weil wir uns in einem Universum der Unfähigen oder Unwilligen befänden, sondern weil blanke Angst eben Flucht oder Lähmung bewirkt, ein Weglaufen bzw. festgewurzeltes Stehenbleiben und angstvolles Starren auf eine Situation, der man sich nicht gewachsen glaubt. Als Ausweichmanöver wird die qualvolle Situation oder das Problem ganz oder teilweise ausblendet oder verdrängt. Und wenn dies nicht geht oder ungenügenden "Erfolg" hat, wird zum Teil gar das "Wegsperren" oder gar die Abschaffung des "Leidträgers" verlangt.

Die Kehrseite: Sterbehilfe

Wir beobachten dies in klassischer Form in der sogenannten Sterbehilfe-Debatte. Der Rationalisierungsprozeß, der dem zugrunde legt, bleibt den Menschen oft verborgen. Sie meinen tatsächlich, aus "Mitleid" mit dem Leidenden zu handeln, wenn sie den "Gnadentod" fordern, während es in Wirklichkeit meistens Projektion und Selbstmitleid sind, da die Konfrontation mit dem Leidenden fundamentalste Lebensfragen weckt und Verdrängtes (wie z.B. das Wissen um die eigene Sterblichkeit) wieder zutage fördert. Und dies um so mehr, je stärker es vorher gelang, all das mit Ablenkung und Konsumgütern zuzuschütten.

In gewisser Weise liegt hier einer von mehreren Schlüsseln zum Verständnis der oben beschriebenen Spaltung der Gesellschaft.

Nun geht es denjenigen, die den körperlichen Verfall des Papstes nicht weiterhin durch das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit beleuchtet sehen wollen, ja nicht darum, den Papst körperlich zu "euthanasieren". Doch immerhin darum, ihn zumindest im Vatikan wegzusperren. Hier laufen die Rationalisierungen etwas anders, sind aber doch der genannten Sterbehilfedebatte auffallend ähnlich. "Ein hinfälliger Papst verliert seine Würde", heißt es da, oder in der anderen Variante, wie bei Huber, wird es als "Akt der Barmherzigkeit" hingestellt, den Papst zu "befreien". Wieder haben wir es mit der "Würdediskussion" zu tun, wieder wird als "Akt der Barmherzigkeit" gefordert, was einen von der "Herausforderung" befreit, das Paradox, das Große in diesem Manne und die Lebenslust, die gerade trotz schwerer Krankheit überall hervorlugt, zu verstehen.

Da ist etwas an diesem Mann, das man sich in Wahrheit selbst nicht vorstellen kann, zu leisten, zu sein, durchzustehen. Wollte man es, so müßte man auch hier mit liebgewordenen Oberflächlichkeiten brechen, sich dem Wesentlichen, wie etwa der Sinnfrage des Lebens, zuwenden. Und schon deshalb können Menschen, die ängstlich an dieser Stelle verharren, ihre Rationalisierungsmechanismen auch hier nicht wahrhaben wollen, in ihrer angstvollen, letztlich impotenten und unerlösten Panik im Papst nur den "alten, kranken Mann" wahrnehmen, der vermeintlich würdelos hin- und hertransportiert wird. Ebenso, wie sie auch bei einem verzweifelten kranken, leidenden Menschen, der (noch) keine Antworten kennt, nur die Defizite, das Leid und die Behinderung anstarren.

Gelebte Solidarität und Nächstenliebe

Es muß nicht gleich die Wahrnehmung des "göttlichen Funken" sein, der jedem Menschen, selbst in schwerer Krankheit innewohnt. Das ist auch für Christen nicht auf Anhieb und jederzeit in der Praxis nachvollziehbar. Wie auch der Begriff "menschliche Solidarität" solange ein abstrakter Begriff bleibt, bis diese vom Einzelnen erfahren oder gegeben wird. Für den Beginn reicht ein "bloßes" pragmatisches Erkennen, daß ein hilfebedürftiger Mitmensch von meiner konkreten Hilfsbereitschaft abhängig ist. Sei es anfangs auch "nur" Pflichtgefühl - in der Ausführung der Hilfe gesellt sich eher dazu, was, steril in Gedankenspielen durchexerziert, unmöglich scheint: dieses um die Emotion der Nächstenliebe zu bereichern und erweitern. Diese Emotion, wie die Liebe generell, ist nichts, was eigens gelernt werden müßte, sondern ursprünglich jedem Menschen innewohnt. Man kann sich das leicht anhand der Kindes- und der Partnerliebe verdeutlichen. Wenn Kind oder geliebter Partner bedroht sind, muß man sich normalerweise nicht dazu zwingen, dazubleiben und Hilfe zu leisten, sondern tut, geleitet von dieser Emotion, meistens genau das Richtige.

Ist daher also das Weiterwandern - das Überkommen der ersten Fluchtreaktion auf menschliches Leid - nicht eine normale, gesunde menschliche Reaktion? Zudem eine Reaktion, die nicht nur ein Verbleiben beim anderen, sondern gewissermaßen auch ein ausgesöhntes "Bleiben" bei sich selbst ermöglicht? Wenn ich fortlaufe, wird mich die Angst und mein (wenn auch nur unterbewußtes und instinktives) Wissen um eine dem Menschen ungemäße Handlung verfolgen.

Bleibe ich, wird die Angst vielleicht nicht geringer sein, aber nur bei genauer Betrachtung der Umstände besteht überhaupt die Chance, daß diese Angst mich als Menschen nicht komplett "lahmlegt". Auch der andere hat schließlich Angst, vielleicht Todesangst, weiß vielleicht ebensowenig Antworten auf das "Warum" oder "Was kommt nach meinem Tod?" wie ich selber. Aber ich werde feststellen, daß dessen und meine Gefühle und Fragen so unterschiedlich nicht sind. Und wenn ich es wage, mich darauf einzulassen, schweift mein Blick von bloßen Krankheitsäußerungen immer mehr ab - und auf den Menschen zu. Indem ich den Menschen immer weniger auf seine Krankheit reduziere, erkenne ich das gemeinsame Bindeglied zwischen diesem und mir selbst: das Menschsein. Und damit ist die grundsätzliche Verständigungsebene etabliert, hergestellt, auf der sich auf beiden Seiten überhaupt weiteres entwickeln kann.

Und dann wird es wirklich spannend: Es ist gleichzeitig eine uralte Erfahrung wie auch Herausforderung an alle Menschen, aber insbesondere auch das Wesen des Christentums, daß menschliches Leid prinzipiell wandelbar und sogar nach der transzendentalen Ebene hin auflösbar ist, was sich dort in dem Kreuzestod und der Wiederauferstehung Christi manifestiert. Der Papst predigt diese Botschaft nicht nur unermüdlich, er ist selbst zum glaubhaften wandelnden Zeichen dieser Botschaft geworden - einer Botschaft, die ebenso wenig in diese Zeit zu passen scheint, wie sie es zu Lebzeiten Christi war. Damals erwartete man den König der Juden, der mit Glanz und Glorie einziehen und prachtvoll regieren sollte. Heute sorgt man sich, daß ein immer hinfälliger werdender Papst "irgendwann seine Würde verliert". Daß die Pharisäer damals in dem Leben Christi keinerlei "königliche" Würde zu erkennen vermochten, führte letztlich zu dessen Todesurteil. Und auch der Papst muß seine Leute immer öfter ermahnen, daß die Ausübung seiner Mission nicht von "Fotogenität" abhängt, gar nicht abhängen darf, um glaubhaft zu sein.

Es war bekanntermaßen aber nicht die Errichtung des erwarteten prachtvollen Königreiches, sondern die Annahme und machtvolle Wandlung von Leid und Schwäche, die das Christentum über das vor Macht und Kraft strotzende römische Weltreich triumphieren ließ. Und heute? Ist nicht der körperlich so schwache Papst vom moralischen Standpunkt aus der respektierteste, mächtigste Mann der Welt? Warum also fordern selbst Katholiken, ihn aufgrund des Alters und einer sichtbaren Krankheit aus der Öffentlichkeit zurückzudrängen? Wann, an welchem Punkt des Lebens und Leidens Christi hätten diese Menschen wohl wegen "Würdelosigkeit" und als "Akt der Barmherzigkeit" die "Befreiung" Christi von seiner Passion gefordert? Sicher lange vor der eigentlichen Kreuzigung.

Fraglos hätte damit schmerzhafteste Folter verhindert werden können. Aber es hätte auch den Siegeszug des Christentums und die wichtige Erkenntnis verhindert, daß menschliches Leid jemals auf einer weitaus höheren Ebene auflösbar - und damit prinzipiell auch überhaupt anschaubar und ertragbar wurde. Und daß Menschen nicht resigniert unter dem Kreuz (auch ihres Lebens) stehenbleiben (müssen), sondern aufgerufen sind, das Spannungsfeld zwischen prinzipieller Gottesebenbildlichkeit und sterblichem Menschsein in seiner ganzen Dimension, all seinen Problemen, aber auch Möglichkeiten zu erkennen und anzunehmen.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zulassen: Leid an sich ist nichts, was irgendwie automatisch veredelt. Oft kann es Menschen auf die grausamste Art und Weise - und ohne, daß diese dem selbst irgend etwas entgegensetzten könnten - zerstören. Hier kann nur gelebte menschliche Solidarität lindern, helfen und beistehen. Andererseits kann ein schwerer Krankheitszustand oder Schicksalsschlag, der einen von allen Ablenkungsmanövern und Oberflächlichkeiten fernhält, geradezu dazu zwingen, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Und dies kann, wider Erwarten eben auch eine ganz andere Richtung nehmen als schiere Verzweiflung. Wenn man den Papst anschaut, hat man den lebendigen Beweis vor Augen - und dazu braucht er tatsächlich keiner Worte mehr - daß Leid und Schwäche auch geradezu ins Leben führen können. Voraussetzung aber ist, sich zu trauen, genau dann hinzusehen und weiter zu wandern, wenn man eigentlich die Augen verschließen und auf der Stelle kehrtmachen möchte.

Die Rolle, die der Papst dabei spielt, den Menschen Mut zu machen, genau diesen Weg zu gehen, ist für mich einer der entscheidenden Ecksteine, die es heute braucht, um diese arme kranke und zerrüttete Welt neu zu bauen. Denn wie sonst, wenn nicht durch die bewußte und emotional gestützte Akzeptanz, Leid, wo immer es einem begegnet, nicht zu verdrängen, sondern anzuschauen, können Mißstände überhaupt als solche erkannt werden? Wie sonst kann die nötige Ausdauer mobilisiert werden?

Und wenn man den Wert und die Besonderheit (eigenen) menschlichen Lebens einmal erkannt hat - wird man sich dann - je mehr, je leidenschaftlicher - nicht auch um das anderer Menschen kümmern wollen, wann und wodurch immer es angegriffen wird? Nicht umsonst beläßt es der Papst nicht bei Versprechungen auf ein besseres Leben im Jenseits. Er fordert nicht nur, er kämpft für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, den Kampf gegen Armut und Krankheiten, die optimale Versorgung kranker Menschen.

Ich bin keine Katholikin, und auch der Club of Life ist nicht konfessionsgebunden. Trotzdem meine ich, niemand hat das universell gültige, naturrechtliche Prinzip des Christentums und das Wesen und die Bedürfnisse und Probleme der Menschheit so gut heraus gearbeitet wie er. Dieses tiefe Verständnis prägt sein von Krankheit, aber eben auch von Leben und Liebe gezeichnetes Gesicht. Und es zeigt, daß sich zumindest der Versuch lohnt, sich nicht von äußeren Umständen erschlagen, nicht von Krankheit und Leid überwältigen und übernehmen zu lassen. Und beides andererseits - noch ein vermeintliches Paradox - doch anzunehmen und womöglich zu transformieren.

Jutta Dinkermann

 

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