Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum

Artikel als
=eMail=
weiterleiten

Aus der Neuen Solidarität Nr. 5/2003

Jetzt
Archiv-CD
bestellen!

  Physische Wirtschaft
  Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Kernenergie
  Die Kriegsfraktion
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Terror - Cui bono?
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken

Wieder Hoffnung im Kampf um die Menschenwürde

Club of Life. Sozialdemokraten, Bündnisgrüne und Union haben sich im Bundestag auf einen gemeinsamen Antrag für ein weltweites und totales Klonverbot geeinigt.


Besinnung auf unantastbare Grundwerte?
Klonen und Familie

Sprecher der Bundestagsfraktionen von Sozialdemokraten, Bündnisgrünen und Union legten am 11. Januar in Berlin einen gemeinsamen Antrag vor, der die Regierung auffordert, im Rahmen der UN-Verhandlungen aktiv auf ein umfassendes Verbot des reproduktiven und des sogenannten "therapeutischen Klonens" hinzuarbeiten. Selbst Forschungsministerin Bulmahn, die sich bislang vehement für eine andere Vorgehensweise eingesetzt hatte, begrüßte die überparteiliche Einigung. Vermutlich wird der Bundestag Mitte Februar den Antrag beschließen, der erstmals der öffentlichen Meinung im Lande Rechnung trägt.

Möglichst viele Staaten sollten für ein kompromißloses Nein zum Klonen gewonnen werden, heißt es in dem Antragsentwurf. Interessant dabei ist, daß SPD und Bündnisgrüne damit offiziell ihre bisherige Linie ändern, nachdem es zuvor gegen die Verhandlungsposition des Botschafters Pleuger in der deutschen UN-Vertretung massive Proteste gegeben hatte. Pleugers Taktieren, in der UNO zunächst nur das Kopieren von Menschen ("reproduktives Klonen") zu verbieten, um irgendwann einmal eine Mehrheit gegen das sogenannte "therapeutische Klonen" zu erreichen, war nicht nur allzu durchsichtig, sie scheiterte auch auf der ganzen Linie. Die UNO-Tagung wurde inzwischen um ein Jahr verschoben und die bislang von der Bundesregierung vehement verteidigte Verhandlungslinie Pleugers wurde nun vom Außenminister höchstpersönlich verändert.

Nun kann man über die Bedeutung und das Gewicht von UN-Beschlüssen unterschiedlicher Auffassung sein, Tatsache ist aber, Deutschland hat mit dem strengsten Embryonenschutzgesetz der Welt keineswegs seine Forschungsfreiheit aufgegeben. Und es ist ebenfalls vorstellbar, daß sich Deutschland an die Spitze einer Bewegung von Staaten setzt, die erkannt haben, daß Grundlagenforschung nur dann erfolgreich sein kann, wenn fundamentale ethische Grenzen beachtet werden. Kannibalismus ist kein Vorteil im Wettbewerb um den vielgepriesenen "Standortfaktor", dem Kanzler Schröder noch vor kurzem alles andere unterzuordnen bereit war. Und warum sollte Deutschland nicht Spitzenreiter bei der adulten Stammzellenforschung und anderen Forschungsbereichen werden? Hier eröffnen sich ohnehin weitaus vielversprechendere Möglichkeiten.

Besinnung auf unantastbare Grundwerte?

Mit der Vorlage ist der Bundestag jetzt von seiner gewöhnlichen Taktik des "kleineren Übels" offenbar einmal abgegangen. Man denke nur an die Abstimmung über den Import embryonaler Stammzellen, in deren Zusammenhang der Club of Life zwar Dutzende persönliche Briefe von Bundestagsabgeordneten erhielt, die ihre Bedenken und ihr Unbehagen über den Umgang mit embryonalen Stammzellen ausdrückten, aber dann wurde durch Abstimmungstricks im zweiten Durchgang doch die vermeintliche "Kleinere-Übel-Lösung" gewählt, die Import und Forschung an menschlichen Embryonen unter bestimmten Verrenkungsbedingungen erlaubt und damit den Sinn und Zweck des deutschen Embryonenschutzgesetz faktisch aushebelt (siehe Dr. Wolfgang Lillge, "Kleiner Tabubruch" ebnet Weg für "verbrauchende Embryonenforschung", Neue Solidarität 6/2002).

Plötzlich fehlt selbst Presseerklärungen die sonstige zähklebrige Wischiwaschi-Rhetorik, und es wird betont, daß diese überfraktionelle Einigung tatsächlich ein deutliches Signal mit Bedeutung über Deutschland hinaus setzen könne. So hieß es z.B. seitens der CDU/CSU am 14. Januar:

"Die bisherige Strategie der Bundesregierung, mit einer deutsch-französischen Initiative zunächst nur das reproduktive Klonen zu unterbinden, ist gescheitert und hat eine Einigung verzögert. Die Nachrichten über die Geburt angeblicher Klonbabys verdeutlichen jedoch die Dringlichkeit einer strikten und umfassenden Regelung. Der Bundestag muß daher jetzt seinen Willen unmißverständlich bekunden, jedes Klonen weltweit zu verbieten." Der Wille des Bundestags müsse auch international vertreten werden, man solle die Zeit bis zur nächsten UNO-Tagung nutzen, um offensiv für die deutsche Position zu werben. Und weiter:

"Es ist erfreulich, daß auch eine Initiative weniger Parlamentarier, wenn sie unverzüglich und überzeugend vorgetragen wird, die Bundesregierung zu Positionsänderungen veranlassen kann. Es bleibt zu hoffen, daß nun im zweiten Anlauf möglichst bald internationale Vereinbarungen erreicht werden, die den Irrweg des Klonens, ganz gleich mit welchen Zielen, ein für allemal beenden."

Klonen und Familie

Noch etwas sei angemerkt. Endlich und nach vielen Mühen haben selbst die einfältigsten Medienvertreter im Lande verstanden, daß es sich beim Klonen um das Herstellen menschlicher Embryonen durch Zellkernübertragung in eine entkernte Eizelle geht. Und daß es ferner beim sogenannten therapeutischen und reproduktiven Klonen prinzipiell um die gleiche Technik handelt, die sich erst später dadurch unterscheidet, daß bei der einen der Embryo durch das Entnehmen von Stammzellen abgetötet wird, bei der anderen hingegen die Entwicklung weiterliefe. Wer also die Klonierungs-Ausgangstechnik beherrscht, verfügt prinzipiell über beide Optionen.

Durch die Klon-Sekte der Raelianer aufgeschreckt, beißen sich einige Feuilletonisten nun an der Frage die Zähne aus, welche Gefühle ein geborener Klon später einmal haben müsse, wenn er feststelle, daß er keine "echte Familie" besitze. "Das Recht auf die Familie" im Sinne der Abstammung von einem Elternpaar begründe folglich ein "Nein" zum Repro-Klonen.

Damit hier kein Mißverständnis aufkommt: Die Geburt eines Klonbabys wäre tatsächlich für die Menschheitsfamilie der Ausgangspunkt einer neuen gefährlichen, ja tragischen Entwicklung, weil es in vielerlei Hinsicht eine Eskalation des Krieges gegen die Grundlagen unserer christlichen geprägten Zivilisation darstellte.

Wo aber wird das Argument behandelt, daß für die "Herstellung" eines Klons Dutzende bis Hunderte Versuche unternommen werden müssen, d.h. Aborte und genetische Schädigungen "normal" sind und als "Müll" entsorgt werden? Und warum wurde, teils von den gleichen Leuten, zuvor der sogenannte therapeutische Embryonen-Klon-Kannibalismus gefordert und schöngeredet? Auch diese Kinder haben keine "echte Familie", sind - unter dem Beifall der "Menschheitsfamilie" - getötet worden, bevor sie den Begriff überhaupt kannten.

Man darf gespannt sein, wann wer den Widerspruch entdeckt, warum und für wen Klonnachwuchs eigentlich überhaupt erstrebenswert sein sollte - in einer Welt, in der die Geburt eines Kindes eher beklagt als gefeiert wird (Stichwort angebliche "Überbevölkerung").

Noch immer ist es nur der Club of Life, der ausführlich über die Geschichte und die Absichten der Eugenik-Fanatiker berichtet hat, die heute wie damals dieselben gefährlichen Machtabsichten und dasselbe Menschenbild verfolgen. Dies übertrifft an Abgefeimtheit und Bösartigkeit so ziemlich alles, was sich selbst kühne Science-Fiction-Autoren heute vorzustellen in der Lage sind (siehe auch Jutta Dinkermann, "Gentechnik und Menschenwürde", Neue Solidarität 8/1999, Gabriele Liebig, "Rohstoff Mensch - oder "die Produktion reblausresistenter Individuen", Neue Solidarität 25/2001). Wer dies und wer die psychologische Kriegführung um die jüngsten Ankündigungen eines angeblich zu Weihnachten geborenen Klonbabys verstehen will, kommt nicht umhin, diese Arbeiten zu studieren.

Die Behauptung jedenfalls, daß man mit dem sogenannten "therapeutischen Klonen" schwerste Krankheiten heilen könne, hat sich als reine Zukunftsmusik herausgestellt. Auch die Menschen, um deren Wohl und Wehe es ja angeblich geht - ich persönlich habe noch keinen gefunden, der so einer Kannibalen-Therapie zustimmen würde, und gelte es sein Leben - können sich des Eindrucks nicht erwehren, daß auch hier etwas nicht stimmt. Sie und ihre Angehörigen müssen Tag für Tag um vorhandene wichtige Medikamente und Hilfsmittel betteln, sich vor verkappten und offenen Euthasieangriffen zur Wehr setzen. Menschen verhungern und verdursten in Alten- und Pflegeheimen - und da soll man einem Gerhard Schröder oder anderen Polit- oder vermeintlichen Forschergrößen glauben, daß diese mit ihren Klontechniken wirklich um die Menschen bemüht sind? Schließlich gibt es schon heute unendlich viel Gutes, das getan werden könnte, ohne die sittlich-ethischen Grenzen menschlichen Zusammenlebens und der medizinischen Forschung zu verletzen!

Aber das Erfreulichste zum Schluß. Erstmals taucht in der Diskussion um die Fraktionsinitiative wieder etwas mutiger der Begriff der Menschenwürde auf, wird eingestanden, daß es Grenzen gibt, die nicht zu überschreiten sind, wird eingestanden, daß jede Form des Klonens unvereinbar mit der Menschenwürde ist. Zugegeben, bloße Hinweise auf unser Grundgesetz und auf die Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, "wo dies doch schon steht", reichen heute nicht mehr aus. Wer glaubt noch an Verbindlichkeit von Grundgesetz und Menschenrechtscharta, wo diese ständig umgangen und verletzt werden? Die Welt ist voller Scheußlichkeiten, und da soll man sich auf so altmodische Begriffe wie "Menschenwürde" berufen?

Ja, man soll. Und zwar nicht nur, indem man es nachplappert. Denn dann beraubt man sich des Verständnisses eines zugleich schwierigen und sehr einfachen Begriffes, der sich nur dem nachdenklichen Betrachter offenbart.

Dieses wirkliche Verständnis der Menschenwürde und seiner Implikationen besitzt zentrale Bedeutung. Schon bei der Abtreibungsdebatte war es extrem schwierig zu vermitteln, daß ein Embryo vom Zeitpunkt seiner Zeugung mit derselben unantastbaren Menschenwürde ausgestattet ist wie ein ausgewachsener geborener Mensch. Die Schutzfrage scheiterte bereits an der vermeintlichen Gesichtslosigkeit des Ungeborenen, wobei die Schwelle zu einer Bindung oder einem Erkennen wesentlich höher geschraubt zu sein schien als beim geborenen Menschen. Und umgekehrt liegt die Schwelle zur Tötung wesentlich niedriger, was die Abtreibungszahlen beweisen. Entsprechend spiegelte sich dies auch in der "Klondebatte" wider. "Reproduktives Klonen" hieß lange Zeit das Schreckgespenst - während die Tötung und Zerstückelung eines Embryos im Rahmen des sogenannten "therapeutischen Klonens" erst einmal einen weit untergeordneten, teilweise sogar positiven Stellenwert einnahm.

Wenn nun aber im Deutschen Bundestag und, so wie es aussieht, auch in einem wachsendem Maße in der Bevölkerung, ihren Institutionen und Entscheidungsträgern zumindest in einem zentralen Punkt die Menschenwürde zum Thema und zum Kriterium von Richtig und Falsch gemacht wird, gibt es wieder Grund zur Hoffnung.

Hoffnung, daß auch in Zukunft eine politische Mehrheit im Lande in der Lage ist, zu erkennen, daß ein ethischer Pluralismus, der unbedingte Normen nicht anerkennt, die in der "Natur des Menschseins" wurzeln, verwerflich ist.

Hoffnung, daß diese Einsicht auch auf andere Fragestellungen im Bereich des Lebensschutzes ausgeweitet wird (wie beispielsweise bei der anstehenden Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik, das Wiederaufrollen der skandalösen Abtreibungsgesetzgebung, der Euthanasiediskussion, der Brutalisierung im Gesundheitswesen).

Hoffnung, daß den Eugenikaposteln - denen man tatsächlich längst nicht nur im Bereich "Klonen" begegnet - das Handwerk gelegt wird.

J.D.

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum