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Aus der Neuen Solidarität Nr. 5/2003 |
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Von Steffen Brosig,
Direktkandidat für den niedersächsischen Landtag im Wahlkreis 37
Mit wenigen Sätzen hat Herr Scheer dann die letzten tausend Jahre menschlicher Entwicklung und Erkenntnis vom Tisch gefegt. Es sei die Nutzung fossiler Rohstoff- und Energiequellen, die letztlich am Elend dieser Welt schuld sei. Denn die zentralistische Rohstoff- und Energiegewinnung habe Monopolstellungen und Abhängigkeiten erst möglich gemacht und somit zu Krieg und Terror geführt.
Das will Herr Scheer ändern. Mit einer kompletten Neuorientierung der Volkswirtschaften. Weg von der aus den Zeiten umweltverschmutzender industrieller Entwicklung hervorgegangenen, fossil/atomar geprägten Dienstleistungsgesellschaft. Hin zu einer auf sauberen erneuerbaren Energien beruhenden Gesellschaft mit revitalisierter Landwirtschaft. Letztere soll als zeitlich unbegrenzte Quelle von Grundstoffen dienen.
Ich weiß nicht, ob das übrige Auditorium ebenfalls stutzte, aber tatsächlich: Die langfristige Quintessenz der Zukunftsvision des Herrn Scheer ist die Rückkehr von ca. 8 Millionen Deutschen1 in die landwirtschaftliche Produktion.
Dieser Umstieg sei natürlich schmerzhaft, aber aus folgenden Gründen unumgänglich:
An die Stelle der Technologien, die der Menschheit bisher das Überleben und einigen Ländern wachsenden Wohlstand sicherten, sollen Wind- und Solarenergie sowie hochgebildete Grundstofflandwirte treten, die letztlich für fast jeden Bedarf die richtigen Pflanzenstoffe liefern - inkl. natürlich unserer Lebensmittel. Die langen, teuren Transportwege entfallen durch regionale Verwertung und dezentrale Energiegewinnung. Wegen der Vielfalt der zu erzeugenden Pflanzen gibt es (wie schön) auch keine Monokulturen und keine Monopole wie bei fossilen Rohstoffen.
Kein Wort darüber, daß auch heute schon riesige Mengen landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus Südamerika nach Europa importiert werden, um hier als billiges Tierfutter zu dienen. Kein Wort darüber, daß die Lebensmittelbranche schon genauso von wenigen global players beherrscht wird wie der Ölmarkt. Kein Wort darüber, daß Milliarden Menschen keinen Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge haben und große Mengen Energie benötigt werden, um diesem Mangel abzuhelfen.
Es blieben auch andere Fragen offen:
Sind Marktmonopole und Ausbeutung der Entwicklungsländer nicht eigentlich die Folge monetärer Ökonomie und pervertierten Machtstrebens?
Wenn Herr Scheer heute die Verwundbarkeit zentralisierter fossiler Energieversorgung beklagt, ist das dann die Schuld des Energiesystems? Oder die Folge politischer Entscheidungen, die aus potentiellen Partnern bei der Schaffung neuer Technologien durch einseitiges Abwürgen jeder Entwicklung potentielle Kriegsgegner im Kampf um das schwindende Öl gemacht haben!
War nicht die Dampfmaschine potentiell viel gefährlicher als das Pferd und hat doch so viel Gutes bewirkt?
Wenn wir ganz auf des Sonnenlicht bauen, was machen wir dann in der nächsten eiszeitlichen Klimaperiode? Oder bei einer geologisch (Vulkane) oder kosmisch (Meteoriten) begründeten zeitweisen Reduzierung der Sonneneinstrahlung? Fragen über Fragen. Aber das Problem des langfristigen Überlebens der Menschheit konterte Herr Scheer mit der lapidaren Bemerkung, daß wir erst mal die nächsten 80 Jahre überleben müßten.
Das Parteiprogramm der SPD enthielt in den 50er Jahren den Passus, daß die Kernenergie der Schlüssel zur Beseitigung des Hungers in Afrika sei. Wenn nun die (auch bei Herrn Scheer notwendige) Begrünung der Wüsten durch Bewässerung mit Windenergie realisiert wird, würde es ein paar Jahre länger dauern, inklusive der täglichen Hungertoten. Aber Herr Scheer hat - bei aller Anteilnahme - beim Blick auf sein strategisches Ziel damit kein wirkliches Problem, während er sich "...zuviele Menschen durchaus als Problem..." vorstellen kann.4 Und das ist der Punkt, wo er für seine Kurzsichtigkeit m.E. eine Brille nötig hat.
Die Verkündigung der Arbeit an einem "1000000 Photovoltaik-Anlagen-Programm" (1 Mio. mal 3 kW) als Nachfolger des auslaufenden 100000 Dächer-Programmes sicherte Herrn Scheer den Beifall der anwesenden Solar-Betreiber, -Händler und -Freunde. Da fällt mir dann nichts mehr ein.
1. 10% der Beschäftigten sollen wieder im Primärsektor, also der Landwirtschaft tätig sein (sekundär = Industrie, tertiär = Dienstleistungen). Für Scheer ist der rationalisierungsbedingte Wegfall von Arbeitsplätzen im sekundären Bereich durch den tertiären Sektor aufgefangen worden, so wie vordem von primär nach sekundär. Nun müsse der Wegfall von Dienstleistungstätigkeit ebenfalls aufgefangen werden. Da es keinen 4. Sektor gibt, müsse eine Alternative her - die Revitalisierung des primären Sektors. Eine Reaktivierung des 2. Sektors auf qualitativ neuer Stufe ist für ihn offenbar unvorstellbar.
2. Zentralisierung ist seiner Ansicht nach wohl ganz schlecht, wegen der Verwundbarkeit der Zentralstelle, der Gefahr der Monopolisierung und der damit verknüpften Abhängigkeit vieler Verbraucher von wenigen Produzenten bzw. ganzer Volkswirtschaften von wenigen Rohstofflieferanten.
3. Erneuerbare Energien sind sonnengetriebene Energieformen verschiedenster Art: Wind, Sonnenlicht, Sonnenwärme, Biomasse (Holz, Pflanzenstoffe, Abfälle davon) und Wasserkraft.
4. Zugegeben, Herr Scheer sieht die Grenze zum Problem nicht schon bei 8 oder 12 Milliarden, aber prinzipiell.
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