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Aus der Neuen Solidarität Nr. 8/2003 |
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Mary Burdman besuchte im Januar zusammen mit Helga Zepp-LaRouche eine kleine AIDS-Klinik in den Slums im Osten Neu-Delhis.
Bittere Armut, die schnelle Ausbreitung von Drogen und die Massenflucht in unmenschliche "Superstädte" entwickeln sich zu einer ernsten, wachsenden Gefahr für die indische Nation. Bei einem Besuch Indiens im Januar 2003 hatte ich zusammen mit Helga Zepp-LaRouche Gelegenheit, auf Einladung Frau Doe Nairs eine kleine Klinik für AIDS-Kranke in Neu-Delhi zu besichtigen. Einige Frauen arbeiten hier freiwillig daran, den 300000 Menschen in den Slums im Osten Delhis wenigstens etwas grundlegende Gesundheitsversorgung zu bieten. In dem Stadtteil befindet sich auch eine Siedlung für Leprakranke, die aus dem ganzen Norden Indiens herkommen.
Mit der kleinen Klinik mit nur zehn Betten will man versuchen, die schnell zunehmenden HIV-Infektionen und AIDS-Erkrankungen einzudämmen. Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die verschiedene Programme beitreiben, stellten bei eher zufälligen Erhebungen fest, daß die Rate der HIV/AIDS-Infizierten in Indien höchstwahrscheinlich sehr viel höher liegt als in den Regierungsstatistiken. In einigen Gebieten sind bis zu 4% der Bevölkerung infiziert.
Die Klinik arbeitet vor allem mit den Menschen, die auf der Straße leben. Jede Woche ziehen Mitarbeiter mit Flugblättern, Puppentheater und Zaubershows los, um Erwachsene wie Kinder anzusprechen. Sie arbeiten dabei eng mit den örtlichen Priestern und Lehrern zusammen. Der Klinikarzt - einer der wenigen in Indien, der auf AIDS spezialisiert ist - hält in jedem Bezirk in kleinen, spärlich möblierten Läden wöchentliche "Sprechstunden" ab. So will man AIDS-Kranke finden, um ihnen Hilfe zukommen zu lassen, die sie sonst nie erhalten würden.
Von den 300000 Einwohnern dieses nur etwa 5-7 Quadratkilometer umfassenden Stadtteils sind mehr als zwei Drittel aus ländlichen Gebieten zugewandert. Sie kommen aus den ärmsten Teilen Indiens - Westbengalen, Bihar, Gurjarat, Orissa - und den armen ländlichen Gebieten Bangladeshs. Eine Familie in den Slums verdient etwa 2000-2500 Rupien monatlich, das sind weniger als 40 Dollar, und die Ärmsten verdienen nur hundert Dollar im ganzen Jahr.
Die Wohnungen sind im besten Fall winzige alte Häuschen ohne fließendes Wasser und Toiletten, und schlimmstenfalls improvisierte Hütten aus allem, was sich gerade findet, oder gar nur ein paar Decken, die auf dem Bürgersteig ausgebreitet werden. Wasser gibt es nur aus Pumpen am Straßenrand, und im Sommer, wenn die Temperaturen in Delhi auf 45 Grad klettern, kann die Wasserversorgung tagelang ausfallen. Öffentliche Toiletten sind selten, die Menschen müssen ihre Notdurft auf der Straße oder dem freien Feld verrichten.
Auf Neu-Delhis Märkten wird ausgezeichnetes frisches Gemüse feilgeboten, aber die Armen können sich nur einmal in der Woche Gemüse leisten. Sie leben meist von Brot und Linsen (dahl). Manche halten sich Büffel, der Milch wegen, die dann neben den zahlreichen Hunden, Schweinen, Katzen und Ziegen auf der Straße leben. Den größten Hunger müssen die Mädchen leiden, denn viele Familien haben fünf bis sechs Kinder und die Jungen essen immer zuerst - die Mädchen müssen mit dem vorlieb nehmen, was übrigbleibt.
Es gibt in Indien viele Millionen solcher Zuwanderer vom Lande, aber offenbar weiß niemand die genaue Zahl. Viele von ihnen kommen nur für einen Teil des Jahres. Die Landreform verringerte die Zahl der Grundbesitzer, und es werden weniger Landarbeiter gebraucht. Kleinbauern ohne eigenes Land können sich für einige Monate Land pachten und dort Gemüse anbauen, haben aber den Rest des Jahres über kein Einkommen. Dann schauen sie sich in den Städten oder in den besseren landwirtschaftlichen Gebieten wie dem Punjab nach Arbeit um. Haben sich diese Arbeiter in der Stadt mit AIDS infiziert, so bringen sie die Krankheit hinterher mit zurück in ihre Dörfer.
Auf dem Lande breitet sich das AIDS-Virus über infiziertes Blut und Spritzen aus, weil Ärzte, Pflegepersonal und Krankenhäuser zu schlecht informiert sind. Unter den Zuwanderern in der Stadt wird AIDS meist über sexuelle Kontakte übertragen.
Wie Frau Nair uns berichtete, hat Indien kein funktionierendes nationales Gesundheitswesen. Die staatlichen Krankenhäuser sind hoffnungslos überfordert. Gerade einmal 0,001% der 1,02 Milliarden Inder haben eine Krankenversicherung; die Versicherung ist privat. Die staatlichen Krankenhäuser sollen theoretisch die Patienten kostenlos untersuchen, behandeln und ernähren, aber das gelingt oft nicht. Einige Krankenhäuser versuchen, sich des AIDS-Problems anzunehmen, aber meistens verschlingen grundlegende Behandlungen wie Operationen schon sämtliche Mittel, so daß die Behandlung von HIV/AIDS und anderen Krankheiten in den Hintergrund tritt. Die Leprasiedlungen existieren nur, weil es keine Medikamente für die Armen gibt, denn eigentlich ist die Krankheit leicht zu heilen.
Auch Rauschgift wird in Indien immer mehr zu einem Problem - bei den Armen ebenso wie bei den Wohlhabenderen. Heroin, Crack und Kokain sind leicht und billig zu haben. Oft sind die Zuwanderer die Opfer. Sie kommen aus ihren Dörfern in Neu-Delhi am Bahnhof oder Busbahnhof mit etwas Geld an, um Arbeit zu suchen, wissen aber nicht wohin. Die Drogenhändler haben sich perfekt darauf eingestellt. Sie laden die Ankömmlinge in bestimmte Herbergen in Tempeln ein, bieten ihnen kostenlos Essen und einen Schlafplatz an, um sie dann völlig auszurauben, mit billigem Heroin vollzupumpen und süchtig zu machen. Hinzu kommt, daß viele Männer, die allein in die Stadt kommen, wo die festgefügte soziale Struktur des Dorfes fehlt, sich mit Prostituierten einlassen und so mit Herpes, AIDS und anderen Krankheiten infizieren. Kehren sie dann wieder zurück in ihre Familien, stecken sie ihre Frauen an.
Mit staatlicher Finanzierung bietet die kleine AIDS-Klinik ihren Patienten Nahrung, ein paar Medikamente, einen sauberen Ort zum Leben und den Kindern der Kranken, von denen einige auch HIV-infiziert sind, etwas Bildung. Ein HIV-positives Kind überlebt in Indien ohne Hilfe vielleicht ein Jahr, doch mit Nahrung und Wohnung kann es 5-8 Jahre weiterleben.
In der Klinik werden sog. opportunistische Erkrankungen behandelt, doch keine eigentlichen Medikamente gegen Retroviren verabreicht, weil diese zu teuer sind. Am gefährlichsten sind Tbc-Infektionen. Diese Patienten müssen wegen der hohen Ansteckungsgefahr sofort in einer anderen Einrichtung isoliert werden. Neu-Delhi verfügt über keine separate zentrale Klinik für Tuberkulosekranke.
Die Klinik leistet auch soziale Arbeit. Ein junges engagiertes Mitarbeiterteam wird in der Betreuung von AIDS-Patienten ausgebildet. Junge Freiwillige aus Indien, aber auch aus Kanada und anderen Ländern arbeiten mit den Patienten. Auch die örtliche Polizei ist sehr kooperativ. Sehr wichtig ist auch, daß Vertreter von Religionsgemeinschaften kommen, um besonders den Schwerstkranken geistigen Beistand zu leisten.
Frau Nair betonte, die Religionen müßten mehr dafür tun, daß Indien diese Krise überwindet und die Gleichgültigkeit gegenüber der Zunahme von AIDS aufgibt. Indien kann auf viele große Traditionen zurückblicken: Hinduismus, Islam, Christentum und Buddhismus. In der antiken vedischen Kultur Indiens gab es keine Kasten, sondern nur Berufsstände - Priester, Krieger, Bauern etc. - , genauso wie es im Islam Mohammeds keinen "Dschihad" gab.
Bis die britischen Kolonialherren - als ihre letzte Handlung - das Land 1947 entlang der Religionszugehörigkeit der Bevölkerung in Pakistan und Indien teilten, lebten Hindus und Moslems in den Städten und Dörfern jahrhundertelang friedlich zusammen. Diese Gemeinschaftstradition ist noch immer tief verankert und sollte für eine bessere Zukunft der Nation weiter gestärkt werden. In einem Teil der Slums trafen wir moslemische und hinduistische Vertreter, unter deren Leitung die Menschen auch regelmäßig an den Festen der jeweils anderen Religion teilnehmen. Es gibt keine religiösen Konflikte. In einem anderen Teil sprachen wir mit einem Lehrerehepaar, das dort Jungen und Mädchen in Hindi, Englisch, Geschichte und Mathematik unterrichtet. Überall trafen wir viele Kinder, Indiens Zukunft.
Als Helga Zepp-LaRouche Frau Nair fragte, was sie den Menschen in den USA und Europa zu sagen hätte, antwortete sie ohne langes Nachdenken: "Wir sind alle Menschen. Wir haben uns gegenseitig entwickelt, und wir müssen füreinander Verantwortung übernehmen."
Mary Burdman
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