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Aus der Neuen Solidarität Nr. 9/2003 |
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Tony Blair nahm Reißaus vor den Friedensdemonstranten. Sein politischer Rückhalt im Land ist jetzt ähnlich dünn wie sein Nervenkostüm.
Das Verhalten Tony Blairs in Glasgow am 15. Februar beschrieben viele in Schottland mit dem alten schottischen Wort fearts, abgeleitet vom englischen fear = Angst; es beschreibt einen Menschen, dem vor Furcht das Herz in die Hose rutscht, der feige und lächerlich wirkt. Treffender kann man es kaum bezeichnen.
Blair sollte um 14 Uhr vor Aktivisten seiner Labour Party im Schottischen Ausstellungs- und Konferenzzentrum (SECC) in Glasgow sprechen, und genau zu dem Zeitpunkt hatten die Organisatoren der Friedensdemonstration in Glasgow von der Scottish Coalition for Peace not War auf dem riesigen SECC-Parkplatz einen "Jericho-Lärm" geplant.
In Anlehnung an die Trompeten von Jericho im Alten Testament wurden alle Kundgebungsteilnehmer aufgefordert, eine Pfeife, Trommel, Hupe, ein Musikinstrument oder sonst irgendein Lärmwerkzeug mitzubringen, um Blair zum Schweigen und am besten zum Rücktritt zu bringen. Ich selbst hatte das Nebelhorn meines Bootes mitgebracht, das drei Meilen weit zu hören ist.
Als ich mit den anderen 70000 Menschen losmarschierte, konnte ich es kaum erwarten, am SECC anzukommen und mit meinem Nebelhorn ganz Glasgow wissen zu lassen, was ich von Tony Blair und George Bush halte. "Mein Gott, Söhnchen", sagte das kleine Großmütterchen neben mir gut gelaunt, "ich weiß nicht, ob du Tony Blair die Ohren wegbläst, aber mir bläst du sie garantiert weg." (Ich habe übrigens einen 76jährigen Freund aus Baltimore/USA, der jedes Jahr nach Glasgow fährt und überall die alten Mütterchen nach dem Weg fragt, nur weil er es so schön findet, daß sie alle Männer mit "mein Sohn" anreden.)
Aber Tony Blair war schon verschwunden. Der Angsthase hatte Reißaus genommen, bevor die Jäger kamen. Seine Rede war von 14 Uhr auf 10 Uhr 30 vorverlegt worden, damit er gleich wieder ins Flugzeug steigen konnte und dem Volk nicht ins Auge blicken mußte.
Vielleicht war es sogar besser so, denn seine Rede war so krass und dumm, daß es kaum zu glauben war: Kindersterblichkeit, Armut, Hunger im Irak hatten allesamt mit der amerikanischen und britischen Politik überhaupt nichts zu tun, sondern einzig und allein mit Saddams schlechter Regierung. Das enorme Ausmaß von Krebserkrankungen bei Kindern war in keiner Weise mit den vielen tausend leeren Uranhülsen verbunden, die seit dem Golfkrieg herumliegen, nur Saddam Hussein war schuld daran.
Schon der Glasgower Marsch war im Verhältnis zur Bevölkerungszahl riesig, doch der in London schlug alle Rekorde. Es war die größte Demonstration der englischen Geschichte, größer als die Wahlrechtskundgebungen im 19. Jahrhundert. Eineinhalb Millionen Menschen oder mehr versammelten sich an diesem 15. Februar 2003. Noch vier Stunden nach dem offiziellen Beginn strömten die Massen über den Startpunkt am Embankment.
Der alte Kämpfer Tony Benn nannte diesen Tag den Anfang einer neuen politischen Bewegung, deren erstes Ziel Frieden im Irak, deren eigentliche Mission aber Demokratie auf der Welt sei. Die Behauptung, das Volk sei politikmüde, ist auf jeden Fall als Märchen entlarvt. Die Menschen kamen in allen Größen, Farben und Formen. Der Holzschnitzer lief neben dem Feuerwehrmann und der Altlinke neben der piekfeinen Dame, die ihre eigene Flasche Portwein eingepackt hatte, weil sie nicht vergessen hatte, wie kalt es ihr auf dem letzten Ausflug ihres Golfclubs geworden war.
Nicht die Prominenten oder Politiker machten den Marsch historisch, sondern die Abertausende, die jeder ihren Beitrag leisten wollten. Sehr viele demonstrierten zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Massen liefen über den Trafalgar Square und füllten den Piccadilly Square als lebendiger menschlicher Verkehrsstau. "Wie schön ist es doch, einmal durch diese Stadt zu laufen, ohne daß einen Autoabgase stören", scherzte Bürgermeister Ken Livingstone.
Tony Blair hat sich offenbar entschlossen, in dieser Sache seine ganze politische Zukunft zu riskieren.
Es ist ziemlich sicher, daß Großbritannien im Ernstfall Teil einer "Koalition der Willigen" sein wird, die unter Führung der USA den Irak "gewaltsam entwaffnen" soll. Blair war die treibende Kraft hinter dem Plan gewesen, Aktionen gegen den Irak über die UN zu organisieren. Er war es auch im wesentlichen gewesen, der die USA von der Resolution 1441 überzeugte, die dem Irak mit "ernsten Konsequenzen" droht, wenn dieser nicht den Wünschen der UN entspreche.
Viele auf der Welt glauben, daß ein Angriff auf den Irak wenig mit der Bekämpfung des Terrorismus zu tun hätte und dafür um so mehr mit dem Geldbeutel reicher Ölhändler. Auf jeden Fall aber ist die überwältigende Mehrheit überzeugt, daß die Beweise viel zu dünn sind, um in unserem Namen Raketen abzufeuern und irakische Zivilisten und Soldaten zu töten. Die "Dossiers" der Downing Street sind inzwischen eine weltweite Lachnummer (neue Einzelheiten dazu in dieser Ausgabe).
Die Wähler haben es endgültig satt, daß Blair sie immer wieder auffordert, ihm zu vertrauen, egal was geschieht. Die Proteste zeigen, daß die Briten der Regierung nicht mehr glauben, sie wollen nicht mehr, daß sie beansprucht, im Namen des Volkes zu handeln. Die Kluft zwischen all denen, die sich verkauft fühlen, weil niemand ihre Stimme hört, und einer Regierung, die sich gegenüber ihren Wählern taub stellt, ist einfach zu groß geworden.
Blairs Probleme im In- und Ausland häufen sich derart, daß man fast schon Wetten darauf abschließen könnte, was zuerst kommt: der politische Kollaps oder der nervliche. Als Ersatz für die streikenden Feuerwehren muß das Militär beträchtliche Mittel bereitstellen. Die Green Goddess-Feuerspritzen der Armee stammen aus den 50er Jahren, und ihre Wirksamkeit ist entsprechend. Vor zwei Wochen war in Glasgow ein großes Feuer ausgebrochen, das diese "Grünen Göttinnen" nicht unter Kontrolle bringen konnten. Ein Feuerwehrmann sagte mir hinterher: "Die Soldaten hätten mehr erreicht, wenn sie ins Feuer gepinkelt hätten."
Vincent Miles, der seit 30 Jahren Mitglied der Labour Party ist, sagte nach Blairs Auftritt und fluchtartiger Abreise vom SECC: "Blair wird die Partei zerreißen." Tony Blair sollte noch einmal gut nachdenken. Er steht kurz davor, als Premierminister noch unbeliebter zu werden als Margaret Thatcher. Irgendwann wird er wieder ein einfacher Privatmann sein. Und dann könnte ihn jemand wegen Kriegsverbrechen anklagen - ähnlich wie es im Zusammenhang mit dem Kosovo jetzt schon der Fall ist. Über Tony ziehen sich dunkle Wolken zusammen.
Alan Clayton
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