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Kommentar

Die Medien und der Terrorismus

Von Gabriele Liebig


Nur die Wahrheit führt weiter

Ohne die enorme Verstärkerfunktion der globalen Massenmedien hätten Terroranschläge wie der in Madrid nur verhältnismäßig geringe, lokal begrenzte Wirkung. Solche Aktionen "blinden Terrors", die nicht auf die Tötung bestimmter Personen abzielen, sondern ein möglichst großes Publikum in Angst und Schrecken setzen sollen, würden ohne diese weltweite Publizität kaum den Aufwand lohnen.

Gewiß hat jeder anständige Journalist und Reporter sich über diese indirekte Komplizenschaft der Sensationsberichterstattung schon Gedanken gemacht. Und die Grenze zur nicht mehr indirekten Komplizenschaft wird oft genug überschritten.

Dies beginnt mit der Berichterstattung über den Anschlag selbst. Fernsehteams sind in Windeseile zur Stelle, um das Ausmaß von menschlichem Leid und Zerstörung so in alle Wohnzimmer zu flimmern, "als wäre man selbst dabei gewesen". Bei dem Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 konnten die Fernsehzuschauer sogar das zweite Flugzeug in den Südturm rasen sehen.

Dann kommen die aufgeschnappten Brocken über die Täter, ob "mutmaßlich" oder "zweifelsfrei erwiesen" - dieser Unterschied spielt in der heutigen Medienberichterstattung kaum noch eine Rolle. Alles wird ungeprüft weiterverbreitet, und die dicksten Lügen machen oft die fettesten Schlagzeilen, wie man im Vorfeld des buchstäblich herbeigelogenen Irakkriegs beobachten konnte. Aus der Tatsache, daß dann keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden, haben jetzt immerhin die spanischen Wähler Konsequenzen gezogen.

Der scheidende spanische Premierminister Aznar hat angesichts des Desasters im besetzten Irak offenbar ein schlechtes Gewissen, weil er den Irakkrieg unterstützt hat. Das bewog ihn zu dem reichlich plumpen Versuch, verschiedene spanische Zeitungen und die Presseagentur EFE auf die "zweifelsfreie" Täterschaft der ETA einzuschwören. Dies war jedoch nur das kurzlebige Vorspiel zum eigentlichen ersten Akt des nun laufenden Stücks mit dem Titel "Al Qaida auf der Spur".

Darin erniedrigen sich auch sonst auf Seriosität bedachte Zeitungen auf das Niveau der Bildzeitung. Journalisten verwandeln sich in eine hungrige Meute, die jeden Köder schluckt, der zum Teil zur Irreführung der ermittelnden Behörden, zum Teil aber auch nur für den Konsum des breiten Massenpublikums ausgelegt worden sind:

Die erste "Spur" war ein gestohlener Lieferwagen, worin sich sieben Zünder fanden und daneben - passend zum gewünschten Feindbild - eine Tonkassette mit Koranversen. Dies erinnert an den 11. September 2001, als im Flughafenparkhaus in Boston ein Auto entdeckt wurde, worin sich eine Tonkassette mit Fluganleitungen auf arabisch befand sowie das Testament von Mohammed Atta. Auch Attas Paß überlebte wundersamerweise das Inferno der brennenden WTC-Türme und wurde unweit von Ground Zero aufgefunden.

Nach dem Anschlag in Madrid ging das erste Bekennerschreiben als E-Mail bei der arabischen Zeitung Al Quds Al Arabi ein, später noch einmal als Fax bei Reuters in Dubai mit dem Absender "Abu-Hafs-Al-Masri-Brigaden". Der Mann bei Al Quds, der die Botschaft erhielt, ist laut arabischen Quellen derselbe Mann, der das erste Interview mit Osama Bin Laden nach dem Anschlag von Daressalam 1998 führte. Osama Bin Laden war bekanntlich in den 80er Jahren Zahlmeister der antisowjetischen Mudschaheddin-Kämpfer in Afghanistan, die von den anglo-amerikanischen Diensten finanziert und gesteuert wurden. Bis heute dient sein Konterfei als "Feindbild". Bin Ladens dunkle Augen sind das "Mediengesicht" von Qaida und dem islamischen Terrorismus schlechthin.

Wo sind die Medien, die dieses Klischee nicht bedienen? Die einmal beim FBI nachfragen, weshalb zwar gegen Bin Laden und seine rechte Hand Ayman Al Zawahiri zwei Kriege geführt und in Afghanistan und Pakistan gerade wieder 13 000 US-Soldaten im Sucheinsatz sind, das FBI ihn aber nur wegen der Anschläge in Daressalem und Nairobi 1998 sucht - und keineswegs wegen des 11. September? Und wie es kommt, daß ausgerechnet der Bruder dieses Zawahiri vor dem letzten Kosovo-Krieg die von der US-Außenministerin gehätschelte UCK-Truppe ausgebildet hat?

Bild brachte am 17. März auf Seite 1 das Photo der "Todesweste eines Selbstmordbombers", die in Istanbul bei einer Razzia gefunden worden sei: Nagelneu, besetzt mit verdrahteten Bomben und gefertigt aus Stoff im Leopardenlook. Welch ein grotesker Einfall!

Fragwürdig ist aber auch jene Spur, die inzwischen zur Verhaftung einer Gruppe von Marokkanern führte: Einer der Attentäter von Madrid hatte in einem nicht explodierten Sprengstoffpaket sein Handy vergessen! Normalerweise betrachten auch Kriminalbeamte von mittlerer Intelligenz Indizien, auf die der Täter seine Visitenkarte geklebt hat, mit Skepsis. Man wird sehen, wie es in Spanien weitergeht. Für die Presse aber ist bereits klar: "Es war Al Qaida!"

Nur die Wahrheit führt weiter

Man wird den Terrorismus nur dann wirksam eindämmen können, wenn man sich nicht in das Spiel derer, die solche Aktionen inszenieren, einspannen läßt, sondern willens ist, den wahren Drahtziehern auf die Spur zu kommen. Das gilt für die ermittelnden Staatsbeamten ebenso wie für die Nachforschungen ehrlicher Journalisten.

Zunächst muß klar unterschieden werden zwischen dem "Fußvolk" des Terrorismus - gewaltbereite radikale Gruppen mit linker oder rechter, ethnischer oder ideologischer, islamischer, jüdischer und (wenn Mel Gibsons Film erst einmal die gewünschte Wirkung zeitigt) christlicher Ausrichtung - , und den Kreisen, die sich ihrer bei Bedarf bedienen.

Auf einer zweiten Ebene ist zu unterscheiden zwischen den diese Gruppen infiltrierenden Agenten verschiedener Geheimdienste, und solchen Agenten, die solche Gruppen aktiv manipulieren, steuern und zu Verbrechen anstiften.

Die entscheidende Frage ist jedoch die nach jener höheren Befehlsebene der großen, strategisch bedeutenden Terroranschläge, wie sie bei den Ermittlungen in Italien über die Attentate im Zuge der "Strategie der Spannung" der 70er und 80er Jahre teilweise zutage kam (siehe Artikel in dieser Ausgabe). Wer ist das heute? Wer brauchte den 11. September? Wer brauchte die Anschläge vom 11. März? Wer will einen "hundertjährigen Krieg" herbeibomben lassen? Wer braucht den Ausnahmezustand? Was ist überhaupt der größere wirtschaftlich-strategische Kontext der neuen "Strategie der Spannung" heute?

Das sind die Fragen, die sich die Ermittler in Madrid und Sicherheitsexperten überall heute stellen müssen. Wenn sie mit Wahrhaftigkeit zu Werke gehen, werden sie feststellen, daß nicht Al Qaida uns bedroht, sondern das zerfallende Weltfinanzsystem. Die Zusammenbruchskrise des Systems wirft nämlich die Machtfrage auf, wer für die Verluste dieser Krise bezahlen soll: die Finanzinteressen, welche die Krise verursacht haben, oder die Bevölkerung?

Im ersten Fall erfordert das eine internationale Konferenz der Staats- und Regierungschefs zur Neuordnung des Finanzsystems, wie der amerikanische Oppositionspolitiker und demokratische Präsidentschaftskandidat LaRouche seit langem gefordert hat; im zweiten Fall bedeutet es die brutale Eintreibung unbezahlbarer Schulden auf Kosten der Menschen, eine beispiellose Senkung des Lebensstandards, die unter normalen demokratischen Verhältnissen nicht durchzusetzen ist. Die Parallele zu 1933 liegt auf der Hand, als Hjalmar Schacht Hitler zur Macht verhalf, um seine Politik durchzusetzen.

Wer sich gegen eine vernünftige Neuordnung des Finanzsystems im Interesse aller Nationen stemmt und statt dessen für die Schachtsche Option brutaler Notstandsregime eintritt, der teilt zumindest das eigentliche Motiv hinter der gegenwärtigen Terrorkampagne. Und wer volksverhetzerisch das "Islamistenfeindbild" schürt, macht sich verdächtig, in der neuen Strategie der Spannung selbst eine unrühmliche Rolle zu spielen.

 

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