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Aus der Neuen Solidarität Nr. 37/2004

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"Götterfunken" auf Dresdener Montagsdemonstration

Die Atmosphäre war auch in Dresden voller Ungeduld, Anspannung und Frustration, die sich in wildem Gestikulieren und Zwischenrufen Luft machte. Die ersten Redner sprachen über die unglaubliche Ungerechtigkeit von Hartz IV. Die Bevölkerung müsse sich erheben und "dem Schröder zeigen, wer eigentlich das Sagen hat". Begleitet von wütenden Rufen setzte sich der Protestmarsch in Bewegung. Dann hörte der Regen auf, und man hörte nur die Schritte der Demonstranten, die durch die Straßen hallten, untermalt von einem langsamen Disco-Song aus dem Lautsprecher. Nach einer Weile begann die "Moderatorin" mit einem Bericht, der eigentlich das Übliche enthielt: Slogans wie "Weg mit Hartz IV, das Volk sind wir!" Dazu kamen gestellte Interviews mit Demonstranten.

Die Demonstration nahm ihren gewohnten Ablauf, bis plötzlich etwas Seltsames geschah: Ein Mitglied der LaRouche-Jugendbewegung (LYM) fragte, ob sie nicht irgendwas im Geiste der Montagsdemonstrationen der 89er Bewegung singen dürfe? Sie wolle das Lied "Die Gedanken sind frei!" vortragen.

Die Bel-Canto trainierte Stimme klang ungewohnt in dieser Umgebung. Zuerst nickten die Leute nur überrascht und lächelten, dann bewegten sie unbewußt ihre Lippen zum noch bekannten Text. Bald sangen einige mit, und als die letzte Strophe zu Ende ging, brachen die Demonstranten in fröhliches Lachen aus und klatschten.

Viele fragten sich offenbar, wie es sein könne, daß eine junge Dame aus Afrika dieses Lied so gut kannte und wie es komme, daß sie auf einer Art und Weise die klassische Tradition Bachs und Beethovens zum Ausdruck bringen konnte, als wäre sie eng damit vertraut. Ihre Antwort war, daß sie unter der wahren Identität Deutschlands das Land der Dichter und Denker verstehe. Deshalb müsse in diesem geschichtlichen Augenblick auch diese Krise - wobei Hartz IV nur ein Symptom der Globalisierungskrise insgesamt sei - mit diesen Eigenschaften so angegangen werden, daß die positiven Alternativen in den Vordergrund gestellt werden.

Als der Demonstrationszug sich dem Kulturpalast näherte, wo die Abschlußkundgebung stattfinden sollte, kam die Moderatorin zu dem LYM-Mitglied und fragte, ob sie nicht noch ein Lied singen wolle. Sie antwortete, sie würde das tun, wenn sie auch einen Redebeitrag machen könnte. Binnen weniger Minuten hallte "Freude schöner Götterfunken" übers Mikrofon, und das Publikum sang mit. Die, die den Text nicht kannten, standen lächelnd da und rührten sich nicht von der Stelle.

Als sie dann mit ihrer Rede anfing - die meisten wußten, daß die junge Dame aus Afrika mit der Bügerrechtsbewegung Solidarität zusammenarbeitet - und zwei andere Mitglieder massenweise BüSo-Material verteilten, hörten alle ruhig und aufmerksam zu. Sie schilderte, daß die ganze Welt auf Deutschland schaue, denn Deutschland und insbesondere Sachsen sei sozusagen die Schaubühne, auf der die Weltgeschichte bestimmt werde. Die Bewegung der Montagsdemonstrationen sei mit der Bewegung Martin Luther Kings vergleichbar und hätte das Potential, wirkliche Alternativen zum jetzigen kollabierenden Globalisierungssystem zu entwicklen und umzusetzen. Sie rief alle Anwesenden auf, darüber nachzudenken, welche Rolle sie bei der Gestaltung und Durchsetzung einer solchen Lösung spielen könnten. Mittlerweile fänden aus Solidarität - und weil die Lage bei unseren Nachbarn nicht grundsätzlich anders sei - auch in Frankreich Montagsdemonstrationen statt, die sich ebenfalls gegen den Sozialabbau richten. Hier in Deutschland läge die Lösung für die Wirtschaftsmisere in vom Staat geförderten Infrastrukturprojekten in Höhe von 230 Mrd. Euro.

Die Ideen ihres Vortrages wurden gut aufgenommen, und manche der folgenden Redner bezogen sich bewußt auf diesen ersten Beitrag. Die Organisatoren der Dresdener Montagsdemonstrationen erklärten später, sie würden es in Zukunft sehr gerne sehen, wenn dieses Mitglied der LaRouche-Jugendbwegung und möglicherweise auch einige mehr, sängen.

Portia Tarumbwe

 

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