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Aus der Neuen Solidarität Nr. 47/2004 |
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Tiefe Abscheu gegen diese Form der "Heuchelei" - das ist es, was man empfindet, wenn man betrachtet, wie sich die Schere zwischen offizieller, vermeintlich "christlicher" Politik und dem wirklichen Wesen des Christentums immer weiter öffnet. Während sich die einen zu Recht hierüber entsetzen, mokieren sich die anderen über die Primitivität der Amerikaner und brüsten sich mit ihrer "Aufgeklärtheit", niemals Kriege gegen das eigene Volk und die Welt "im Namen Gottes" führen zu wollen.
So "primitiv" würden wir Europäer uns niemals benehmen. Nein, wir tragen nicht mißbräuchlich den Namen Gottes auf den Lippen, wenn wir uns ans Töten machen, so "primitiv" sind wir nicht. Und wie auch? Wir haben uns ja längst von Ihm, von Seinen Geboten und Gesetzen verabschiedet. Wir haben dem Menschen jegliches höhere Zuhause und jegliche Bestimmung abgesprochen, indem wir ihn und sein Leben als isolierten Selbstzweck betrachten. Ein Leben, das der individuellen Glücksmaximierung dient und worin der "Nächste" allerhöchstens noch insofern interessant ist, als er diesem Ziel schadet oder nützt, ihm im Weg steht oder dienlich ist. Und einen pompösen Namen hat das Ganze auch: Utilitarismus.
Nein, wir sind so primitiv nicht, daß wir Unmenschlichkeit und Krieg als "gottgefällig" bezeichnen. Aber statt dessen sitzen wir einer ebenso monströsen Zweckdienlichkeitslüge auf, die nicht weniger verhängnisvoll ist. Während Gott und Seine Gebote als "veraltet" entthront wurden, wurde das Selbstbestimmungsrecht des Menschen verabsolutiert. Es wurde ein neuer Götze aufgebaut, vor dem nun die Knie gebeugt werden. Dieser Götze ist das Maß aller Dinge, in seinem Namen kann frei über das eigene und das Leben anderer Menschen bestimmt und entschieden werden. Erst durch "Mehrheitsentscheide", später aber auch gegen sie. Denn wodurch sollte im Rahmen einer Verabsolutierung des Selbstbestimmungsrechtes das "Recht des Stärkeren" auch eingeschränkt werden?
Hier also Gott (bzw. das verrückte Zerrbild des lebendigen Gottes, zu dem Bush betet), mit seinen Geboten und Gesetzen, dort der "freie Mensch". Ist das so? Ist das die Alternative? Können wir nur dieses oder jenes wählen?
Natürlich nicht; hier wie dort existiert ein grundfalsches Menschen- und Gottesbild. Im Kern gründet und begründet sich die christliche Aussage über die Unantastbarkeit und Heiligkeit menschlichen Lebens in der Gottebendbildlichkeit des Menschen, die vor allem in dem Potential seiner Vernunftbegabung wurzelt, kraft derer er die Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung verstehen und sie weiterentwickeln kann. Diese Erkenntnisfähigkeit ist gleichzeitig ein Wesenszug von Freiheit, wirklicher geistiger Freiheit - aber auch von Liebe, die aus eben dieser Erkenntnis der Schöpfung erwächst.
Zu dem Grade, wie wir im anderen und in uns selber diese Gottebenbildlichkeit, dessen Wesen und Auftrag immer besser wahrnehmen, anerkennen und auch lieben, gelangen wir zu einer neuen, höheren Ebene des Umgangs mit unserem eigenen und dem Leben anderer Menschen. Diese Ebene ist nicht (mehr) auf der bloßen - tatsächlich höchst unfreien - eigenen Bedürfnisebene angesiedelt. Sie stellt vielmehr das menschliche Leben - das eigene wie das andere - in einen größeren Rahmen, in einen größeren Lebenszusammenhang, in dem der Dienst am Nächsten kein beliebiger Akt antiquierter romantischer Gutmenschen, sondern notwendiger und direkter Gottesdienst ist.
Dieses "Lebenseinmaleins" ist Kraft der menschlichen Vernunft erkennbar und nachvollziehbar, ganz unabhängig von persönlichem Bekenntnis oder Glauben. Es ist nicht umsonst die Basis des Naturrechts, das eben diese vernunftmäßig erkennbaren, "unverfügbaren und unverhandelbaren" Elemente zu Grundsteinen und Eckpfeilern jedes zivilisierten menschlichen Zusammenlebens machte und macht. Tatsächlich sind sie bis auf den heutigen Tag die einzigen hieb- und stichfesten und unwandelbaren "Gründe", warum menschliches Leben "heilig" und "unverfügbar" ist - das andere, aber auch das eigene Leben.
An diesen Betrachtungen geht kein Weg vorbei, alles andere führt nur auf Irrwege. Und es ist äußerst gefährlich, hier auch nur eine Minute länger dem diesbezüglichen vielfältigen "Markt der Meinungen" irgendeine "demokratische" Gleichberechtigung zuzusprechen. Diese Laschheit in der Argumentation und im eigenen Denken hat uns an den Rand der Barbarei, an den Vorabend des Faschismus auch hier in Deutschland gebracht. Und fast noch schlimmer ist, daß man ihn nicht mehr als solchen erkennt, weil er im Gewande eines scheinbar demokratischen "freien und modernen" Selbstbestimmungsrechtes daherkommt.
Nur wenn wir diesen "Gesellen" stoppen und ihn entkleiden, kommt sein wahres Gesicht, kommt der Dolch zum Vorschein, den er im Verborgenen mit sich trägt. Doch nur dann! Ein gemütliches "Zusammensitzen", ein weiteres Eingehen oder Verhandeln genuin unverhandelbarer Positionen wird uns geradewegs in den modernen Faschismus hineinführen.
Warum diese lange Einleitung? Könnte man nicht "einfach" auf die Mißbrauchsgefahr hinweisen, die durch das Vorhaben des Bundesjustizministeriums entsteht? Könnte man sich nicht in Verhandlungen darüber einlassen, daß man dieses oder jenes besser oder anders formulieren könnte?
Nein, die Zeit für diese Art gefährlicher Spielchen und Orwellscher Begriffsumdeutungen muß spätestens mit der Vorlage dieses Gesetzesentwurfes beendet werden. Hier und heute muß verstanden werden, warum menschliches Leben unantastbar ist - nicht nur das der Schwachen, Ungeschützten, auch das eigene. Denn nur dann kann die nötige Ernsthaftigkeit, Energie und Emphatie aufgebracht werden, einem entstehenden Faschismus Einhalt zu gebieten - nicht nur im Bereich Euthanasie, sondern in allen Bereichen des Lebensschutzes und der sozialen Sicherungen, wo Lebensrecht und Menschenwürde derzeit auch in Deutschland akut und grundsätzlich bedroht sind. Und um nichts weniger geht es.
im Namen des Bundesvorstandes des Club of Life e.V.:
Jutta Dinkermann, Dr. med. Wolfgang Lillge
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