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Aus der Neuen Solidarität Nr. 6/2004

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Europäisches Wanderlied

Ich gehe zu Fuß zum Tal hinaus,
nach Osten, ins weitere Land,
doch beiderseits von meinem Wandern
eilen die andern an mir vorbei,
nach Westen, ihr Brot zu verdienen,
den Tagelohn, das Monatsgehalt,
die Kosten für eine Bleibe.

Europas Ländereien breiten
sich wohlgefällig vor mir aus,
ich sehe Wasser-, Forst- und Landwirtschaft,
erkenne Städte, Burgen und Fabriken,
Antigone traf ich, die ging quer durch,
sie sucht und findet die Toten,
die unbestattet geblieben sind.

Mit jedem Schritt klopft sich mir ein:
Wie groß ist Europa, wo wird es enden,
das alte, das neue, das kommende?
Wo fange ich an, wo höre ich auf,
mir einen Reim darauf zu machen?
Bin ich schon müde, werde ich wach?
Träume ich von sarmatischer Zeit?

Was mich beschwert, bedrückt, beschwingt,
das ist ein Rucksack voller Wörterbücher,
das ist mein Lebensunterhalt, indem ich streune
durch hundert Sprachen in Wort und Schrift.
In Babel und New York zerfallen
die höchsten Türme dieser Welt,
in alten Geschichten bleiben sie stehn.

Reden, wandern, singen, schweigen,
der Toten gedenkend, der Lebenden auch,
innig nicht nur an Lagerfeuern:
Europa der Geschwindigkeiten.
Europa der Befindlichkeiten.
Wir liefen uns die Füße wund.
Wir sollten uns etwas erzählen.

Arnim Juhre
Wuppertal, 15. Januar 2004

 

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