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Aus der Neuen Solidarität Nr. 7/2004

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Steht die Welt am Rand einer neuen Grippe-Pandemie?

Die Gefahr der in Asien ausgebrochenen Vogelgrippe liegt vor allem in einer möglichen Vermischung der Erreger von Vogel- und Menschengrippe. Daraus könnte ein neues Virus entstehen, das dann leicht von Mensch zu Mensch übertragbar wäre.


Was ist eine "Influenza"?
Für eine gesundheitliche Verteidigungsinitiative

Die Meldungen der letzten Wochen, daß sich in mehreren asiatischen Ländern zahlreiche Menschen an der "Vogelgrippe" (Geflügelpest) angesteckt haben und ein Großteil davon gestorben ist, sollte uns in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Verschiedene Umstände legen den Schluß nahe, daß aus der sich unkontrolliert ausbreitenden Geflügelpest in Asien eine neue Influenza-Pandemie verheerenden Ausmaßes unter Menschen entwickeln könnte.

Die Gefahr besteht nicht so sehr in der von den Medien hochgespielten Möglichkeit, daß einzelne Fälle von Vogelgrippe beim Menschen nach Deutschland oder Europa eingeschleppt werden. Diese ließen sich mit den verfügbaren seuchenhygienischen Maßnahmen schnell isolieren und entsprechend behandeln. Das ungleich größere Problem wäre eine Vermischung von Erregern der Vogelgrippe und der Menschengrippe, woraus ein neues gefährliches Virus entstünde, das dann leicht von Mensch zu Mensch weitergegeben werden könnte.

Um diese gesundheitliche Zeitbombe, die da zur Zeit in Asien tickt, besser zu verstehen, muß man sich kurz die bekannten Tatsachen über Vogelgrippe und Menschengrippe vor Augen führen.

Was ist eine "Influenza"?

Die Erreger der echten Grippe (Influenza) kommen nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren, besonders Vögeln und Schweinen, vor. Die echte Grippe darf keinesfalls mit einer gewöhnlichen Erkältung verwechselt werden; immerhin sind an einer "normalen" Influenzainfektion allein in Deutschland im letzten Jahr 16 000 Menschen gestorben.

Bei Vögeln ist die Influenza (Geflügelpest) seit über 100 Jahren bekannt, wobei der Erreger, ein Virus, in bisher 15 bekannten pathogenen Subtypen vorkommt. Die meisten Epidemien werden durch den Typ A und die Subtypen H5 und H7 hervorgerufen. Seit einiger Zeit ist zudem bekannt, daß die Viren der Vogelgrippe bei intensivem Kontakt mit erkrankten Tieren auch auf den Menschen übertragbar sind. Erreger der jetzt in mehreren asiatischen Ländern grassierenden Geflügelpest ist das "hochpathogene Vogelinfluenza-A-Virus" des Subtyps H5N1, das bisher nicht in der menschlichen Bevölkerung zirkulierte. Entsprechend hoch ist auch die Sterblichkeit bei den Menschen, die sich durch Kontakt mit Vogelausscheidungen infiziert haben.

Influenzaviren sind genetisch relativ instabil, da auftretende Fehler bei der Erbgut-Vermehrung nicht verläßlich korrigiert werden. Diese ständigen, gewöhnlich geringfügigen Veränderungen in der genetischen Zusammensetzung der Influenza-A-Viren werden als "Antigendrift" bezeichnet. Dieser Umstand zwingt dazu, daß bei der Herstellung des menschlichen Grippeimpfstoffs regelmäßig die aktuelle Veränderungslage der Viren berücksichtigt werden muß.

Ein zweites Merkmal der Influenza-A-Viren ist von noch größerer Bedeutung. Sämtliche Viren dieses Typs einschließlich aller Subtypen können untereinander Erbmaterial austauschen und in sich einbauen. Dieser Neuordnungsprozeß, auch als "Antigenshift" bekannt, läßt einen neuartigen, potentiell tödlichen Subtyp entstehen. Da die Bevölkerung keinen natürlichen Immunschutz gegen diesen neuen Erreger hat und bestehende Impfstoffe wirkungslos sind, haben solche plötzlichen Antigenshifts in der Vergangenheit wiederholt zu hochletalen Influenzapandemien geführt. Voraussetzung dafür ist, daß der neue Subtyp genug Genmaterial menschlicher Viren enthält, der eine leichte Übertragung von Mensch zu Mensch ermöglicht.

Die besten Bedingungen für einen solchen Antigenshift finden Viren natürlicherweise dort vor, wo Menschen in engstem Kontakt mit Geflügel und Schweinen leben und dabei grundlegende hygienische Maßnahmen vernachlässigen. Die immer stärkere Verarmung breiter Bevölkerungskreise in den Entwicklungsländern im Zuge der Globalisierung leistet einer solchen Entwicklung massiv Vorschub. Durch den intensiven Austausch von Viren verschiedener Subtypen werden Mensch und Tier dann zu wahren "Mischmaschinen" des Erbmaterials der Influenzaviren.

Je länger die unkontrollierte Verbreitung der Geflügelpest in Asien anhält und je mehr Menschen sich mit dem Vogelgrippe-Virus infizieren, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß sich Vogel-Influenzaviren mit Menschen-Influenzaviren mischen und ein Erreger mit neuen Eigenschaften entsteht, der sich leicht von Mensch zu Mensch verbreitet und gegen den keinerlei Immunität besteht. Ein Impfstoff könnte frühestens drei bis vier Monate nach der Isolierung des neuen Virus zur Verfügung stehen - viel zu spät, um dessen pandemische Verbreitung zu verhindern.

Derzeit scheint mit herkömmlichen seuchenhygienischen Maßnahmen alles getan zu werden, was bei einem Ausbruch der Geflügelpest unternommen werden muß. Sämtliche infizierten oder bedrohten Geflügelbestände werden vernichtet, um dem Virus den Boden für seine weitere Verbreitung zu entziehen. Die Bevölkerung wird gewarnt, nicht mit infizierten Tieren und deren Ausscheidungen in Kontakt zu kommen. Und die Weltgesundheitsorganisation strebt an, besonders Tierhalter und deren Familien gegen die menschliche Influenza zu impfen, damit diese Personen so wenig wie möglich menschliche Influenzaviren in sich tragen.

Der Ausbruch der Geflügelpest im Dezember 2003 in Südkorea mit dem Subtyp H5N1 und deren rasche Ausbreitung in mehreren weiteren asiatischen Ländern ist aus mehreren Gründen besorgniserregend. H5N1 mutiert sehr rasch und hat eine ausgeprägte Neigung, Genmaterial von Viren aufzunehmen, die andere Tierarten befallen haben. Bei Menschen ruft H5N1 oft tödlich verlaufende Krankheitssituationen hervor. Und Vögel, die eine Infektion überleben, scheiden das Virus noch mindestens zehn Tage weiter aus, was die Verbreitung auf Geflügelmärkten und durch Zugvögel erleichtert.

Im historischen Rückblick kommt es etwa drei bis viermal in jedem Jahrhundert zum Ausbruch einer Influenzapandemie, wenn neue Virus-Subtypen auftauchen und leicht von Mensch zu Mensch weitergegeben werden können. Nach der großen Influenzapandemie von 1918-19 mit bis zu 50 Millionen Toten weltweit folgten weitere Pandemien 1957-58 und 1968-69.

Viele Fachleute gehen davon aus, daß heute alle Voraussetzungen für eine weitere Influenzapandemie gegeben sind. Bereits 1997 drohte eine Seuchenwelle, als in Hongkong die Vogelgrippe ausbrach. Nur die sofortige Vernichtung der gesamten Geflügelbestände Hongkongs hat damals wahrscheinlich eine neue Pandemie verhindert.

Für eine gesundheitliche Verteidigungsinitiative

Zwar gibt es derzeit noch keine Hinweise darauf, daß ein neuer gefährlicher Influenza-Subtyp entstanden ist, der von Mensch zu Mensch weitergegeben wird, doch wir sollten uns nicht auf das reine Glück verlassen, daß dieses Mal das Schlimmste noch einmal ausbleibt. Denn man muß davon ausgehen, daß eine neue Influenzapandemie unter den heutigen weltweiten Zusammenbruchsbedingungen und der damit einhergehenden Schwächung der natürlichen menschlichen Abwehrkräfte noch weitaus verheerendere Folgen hätte als der Influenza-Seuchenzug nach Ende des Ersten Weltkriegs.

Es ist höchste Zeit, daß die Menschheit vor der Gefahr nicht nur einer tödlichen Influenzapandemie, sondern vor vielen anderen schweren Seuchen und Krankheiten wirksam geschützt wird. Genau eine solche "Biologische Verteidigungsinitiative", wie sie die Bürgerrechtsbewegung Solidarität im Europawahlkampf fordert und ausführlich in einem EIRNA-Sonderbericht "Globalisierung macht krank - BSE, AIDS und die Gefahr eines biologischen Holocaust" vom März 2001 dargestellt ist, muß dazu führen, daß das riesige zerstörerische Potential einer neuen Influenzapandemie gebannt wird. Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, daß man heute zwar mit verfeinerten biotechnischen Methoden viel schneller als früher das Auftreten bestimmter Erreger erkennen kann, doch letztlich "die Natur" der Seuchenbekämpfung immer ein Schritt voraus ist. In einem großangelegten weltweiten Forschungsprogramm müssen Erkenntnisse über grundlegende Prinzipien der Lebensvorgänge im Sinne Wernadskijs und der "optischen Biophysik" gesammelt werden, die dann in Form wirksamer gesundheitlicher Schutzmaßnahmen umgesetzt werden können.

Dr. Wolfgang Lillge

 

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