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Aus der Neuen Solidarität Nr. 20/2005 |
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Dutzende, wenn nicht Hunderte von mittelschweren bis großen Spekulationsfonds, sind vermutlich durch die in der Nachkriegsgeschichte beispiellose Herabstufung ausstehender Schulden von insgesamt 453 Milliarden Dollar bei General Motors und Ford in Schieflage geraten.
Panik an der Wall Street, in London und Frankfurt. Am Dienstag, den 10. Mai, stehen die führenden Bankenplätze der Welt ganz im Bann von Schreckensnachrichten, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten. Es heißt, eine Reihe großer Hedgefonds stünde unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Namen werden genannt: Highbridge Capital in den USA und GLG in London. Die spekulativen Fonds hatten in eine bestimmte Form von Finanzwetten, sogenannte Kreditderivate, investiert. In Zeiten niedriger Zinsen zählten Kreditderivate zu den wenigen Anlageformen, die üppige Gewinne versprachen. Aber infolge der Herabstufung des gesamten 453 Milliarden Dollar umfassenden Schuldenberges von General Motors und Ford auf Ramschniveau verwandelten sich dieselben Kontrakte plötzlich in finanzielle Handgranaten, die ihren Besitzer in Stücke reißen konnten. Das Wort von einem "neuen LTCM" macht die Runde.
Im Herbst 1998 mußte die New Yorker Federal Reserve über Nacht die Topmanager der 16 größten Banken der Welt zusammenrufen und zu einer sofortigen Rettungsaktion für den untergegangenen Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) veranlassen, da es andernfalls am darauffolgenden Tag weder diese Banken noch überhaupt ein Finanzsystem gegeben hätte. LTCM war es gelungen, mit 3 Milliarden Dollar an eingesammeltem Kapital 100 Milliarden Dollar an Bankkrediten hereinzuholen und damit wiederum finanzielle Wetten im Nominalvolumen von mindestens 1200 Milliarden Dollar einzugehen. Nach dem Kollaps der russischen GKO-Pyramide im August 1998 und der Zuspitzung der Finanzkrise in Asien gerieten diese Finanzwetten in Schieflage. Die Aktien der damals beteiligten Banken, darunter JP Morgan, Citigroup und die Deutsche Bank, stürzten am 10. Mai 2005 in den Keller - man hatte Angst vor einer Neuauflage der Ereignisse von 1998.
Der Auslöser für diese jüngste Eskalation der globalen, finanziellen Systemkrise ist die dramatische Entwicklung bei den hochverschuldeten US-Automobilunternehmen General Motors und Ford. Seit Anfang des Jahres hing die drohende Herabstufung ihrer Schulden auf Ramschstatus wie ein Damoklesschwert über dem weltweiten Markt für Unternehmensanleihen und andere hochverzinsliche Schuldentitel. Im Finanzestablishment war bereits die Entscheidung gefallen, General Motors solle in Kürze den Bankrott erklären und dadurch seine Pensions- und Krankenversicherungsverbindlichkeiten auf die staatlichen Rettungsfonds abwälzen. Die Automobilproduktion wäre sodann weitgehend zerschlagen worden, um insgesamt ein Maximum an finanziellen Werten aufrechtzuerhalten. Weil aber General Motors allein 293 Milliarden Dollar an Schulden aufweist, und damit gleich nach General Electric weltweit den größten privaten Schuldner außerhalb des Finanzsektors darstellt, war behutsames Vorgehen geboten.
Gut unterrichtete Kreise berichten, daß zu diesem Zweck eine koordinierte Aktion gestartet wurde, bei der die Federal Reserve, die Bush-Administration, die führenden Ratingagenturen sowie private Finanzkreise in enger Abstimmung vorgehen. Zunächst wurde der Investor Kirk Kerkorian ins Feld geführt, um mit seiner Ankündigung, General Motors teilweise aufzukaufen, ein positives Stimmungsumfeld zu schaffen. Tatsächlich schossen die GM-Aktien daraufhin innerhalb weniger Tage um 18% in die Höhe. Standard & Poor's konnte sodann den nächsten Akt des Dramas einleiten: Am 5. Mai wurden sämtliche Schulden von General Motors von BBB auf BB abgewertet. Mit diesen "Ratings" wird die Kreditwürdigkeit von Schuldnern eingeschätzt. Die besten Schuldner erhalten ein "Triple-A", das heißt AAA, dann folgen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C, DDD, DD und D. Jede dieser Kategorien, abgesehen von Triple-A, wird nochmals in drei Stufen aufgespalten, z.B. BBB in BBB+, BBB und BBB-. Die magische Grenze wird zwischen Triple-B und Double-B gezogen. Ein Unternehmen, das ein Rating mit drei B's besitzt, gehört gerade noch zur Kategorie "investment-grade." Sind es nur noch zwei Bs, dann spricht man von "junk" bzw. Ramsch.
Überraschenderweise verbannte Standard & Poor's am 5. Mai zugleich auch Ford Motor mit 161 Mrd. Dollar an ausstehenden Anleihen und Krediten ins Reich der Ramschschuldner. Damit hat sich das Gesamtvolumen an zweifelhaften Unternehmensschulden in den USA schlagartig verdoppelt. Der größte private Schuldner, der vor dem 5. Mai jemals auf Ramsch abgestuft wurde, war vor drei Jahren das kollabierte US-Telekomunternehmen WorldCom mit 30 Mrd. Dollar. Bei Enron waren lediglich 14 Mrd. Dollar im Spiel.
An den Anleihemärkten ging der 5. Mai als "Schwarzer Donnerstag" ein. Die Risikoaufschläge für die ausstehenden Anleihen von GM, Ford, aber auch von anderen hochverschuldeten Unternehmen rund um den Globus, schossen rasant in die Höhe. Die Aktienkurse gingen in den Keller. Dennoch hielten sich die Verluste in Grenzen. Denn, wie gesagt, man hatte vorgesorgt. Die kapitalstärksten Investmentfonds der Welt, darunter zahlreiche Rentenfonds, haben sich in ihren Statuten verpflichtet, keinerlei Ramschpapiere in ihrem Portfolio zu halten. Aber die Entscheidung von Standard & Poor's bezüglich GM und Ford gilt erst dann als verbindlich, wenn eine zweite führende Ratingagentur, das heißt Moody's in den USA oder Fitch in Großbritannien, diese Einstufung bestätigt. Bei der amerikanischen Investmentbank Lehman Brother's wurden im April eigens für die bevorstehende Herabstufung von GM die Vorschriften in dieser Hinsicht präzisiert. Die große Verkaufswelle an den Anleihemärkten hat also noch gar nicht stattgefunden. Sie wurde aber nur für kurze Zeit aufgeschoben. Immerhin werden die GM-Anleihen an den Märkten schon jetzt mit Risikoaufschlägen gehandelt, die sonst nur Unternehmen mit einem Rating von CCC oder schlechter erdulden müssen.
Bis zum 10. Mai glaubten die Strippenzieher hinter den Kulissen, sie hätten die Lage einigermaßen im Griff. Doch es gibt einen Bereich des Finanzsystems, den weder die Ratingagenturen noch die offenen oder verdeckten Liquiditätsoperationen der Federal Reserve unmittelbar steuern können: Finanzderivate. Während sämtliche volkswirtschaftlichen Aktivitäten der Welt, Industrieproduktion und Dienstleistungen eingeschlossen, pro Jahr lediglich 40 Billionen Dollar an Einkommen generieren, werden zur gleichen Zeit spekulative Finanztransaktionen in Höhe von 2 Billiarden Dollar (eine "2" mit 15 Nullen) umgesetzt. Allein für die an den Börsen gehandelten Finanzderivate beziffert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) den Jahresumsatz auf rund 800 Billionen Dollar. Die außerbörslichen ("OTC") Derivate - dies sind private Finanzwetten zwischen zwei Parteien ohne Einschaltung und Kenntnisnahme irgendeiner Börse oder Aufsichtsbehörde - sind hierbei gar nicht eingerechnet. Die BIZ schätzt das ausstehende Volumen dieser OTC-Derivate auf 220 Billionen Dollar, kann aber über den Umsatz mit OTC-Derivaten nichts aussagen.
Der gegenwärtig am schnellsten wachsende Derivatmarkt sind Kreditderivate. Dabei handelt es sich um hochkomplexe Finanzinstrumente unterschiedlichster Art. Letztlich geht es aber immer um das gleiche Prinzip: Zwei Parteien wetten gegeneinander, ob eine Gruppe von Schuldnern ihren Verpflichtungen nachkommt oder nicht. Auch eine Herauf- oder Herabstufung der unterliegenden Kredite hat Einfluß auf den Ausgang der Wette. Eine besondere Form von Kreditderivaten sind CDO's ("collateralized debt obligations"). Eine Bank verkauft an Investoren Schuldentitel, die jeweils durch ein Bündel ausstehender Kredite der Bank an zahlreiche Unternehmen gedeckt sind. In vielen solcher Bündel, die von Hedgefonds gekauft wurden, waren Schulden von General Motors und Ford eingestreut. Der US-Spekulationsfonds Highbridge Capital soll Marktberichten zufolge dadurch innerhalb weniger Tage rund eine Milliarde Dollar an Verlusten eingestrichen haben.
Und die Deutsche Bank gehört zu den Geldgebern von Highbridge Capital. Am 11. Mai sah sich der Finanzvorstand der Deutschen Bank, Clemens Boersig, genötigt, auf einer Konferenz in New York zu erklären, die Deutsche Bank unterhalte keine direkten Beziehungen zu Hedgefonds. Überhaupt seien die Verbindlichkeiten der Bank vollständig abgesichert. Man verfolge eine "konservative" Geschäftsstrategie und gehe bei der Auswahl von Partnern nach "sehr strikten Kriterien" vor. Doch jedermann weiß, daß die Deutsche Bank unter Vorstandschef Josef Ackermann zuletzt nur deshalb eine sagenhafte Rendite von 30 Prozent erzielen konnte, weil sie durchaus eng mit Hedgefonds kooperiert und zum Teil selbst wie ein Hedgefonds agiert. Die "konservative" Strategie hat die Deutsche Bank jedenfalls nicht davon abgehalten, inzwischen ein Riesenrad von Finanzderivaten im Nominalvolumen von 17 Billionen Euro zu unterhalten - das ist zehnmal so viel wie die gesamte Staatsverschuldung Deutschlands.
Highbridge Capital und GLG sind nur zwei Hedgefonds, die mehr oder weniger zufällig in die Schlagzeilen gerieten. Dutzende, wenn nicht Hunderte von mittelschweren bis großen Spekulationsfonds, sind vermutlich durch die in der Nachkriegsgeschichte beispiellose Herabstufung von 453 Milliarden Dollar an ausstehenden Schulden in Schieflage geraten. Dabei ist der Vergleich mit LTCM im Grunde irreführend, da verharmlosend. Sowohl die Anzahl wie das Kapital von Hedgefonds ist heute rund zehnmal so groß wie im Herbst 1998. Und die Verquickungen zwischen diesen Fonds und den führenden Banken der Welt ist heute enger als jemals zuvor. Man wird in den kommenden Wochen noch viele Dementis von großen Banken vernehmen. Sie werden sich verzweifelt bemühen, die Leichen in ihren Kellern verborgen zu halten. Doch der Gestank drängt zur Oberfläche.
Lothar Komp
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