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Aus der Neuen Solidarität Nr. 29/2005

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Börsennotstand und Bomben in der City

7.7.05: Die Anschläge in London dienten als Vorwand, den Wertpapierhandel mehrere Stunden auszusetzen und enorme Mengen Liquidität in das marode Finanzsystem zu pumpen.


Was am 7. Juli geschah

Die wichtigste Aufgabe von Zentralbanken, so die vorherrschende Sichtweise, ist die Sicherung der Geldwertstabilität. Zu diesem Zweck sollen sie die in der Realwirtschaft umlaufende Geldmenge möglichst knapp halten und sich dabei auch nicht von Regierungen hineinreden lassen. Doch was tun, wenn die Finanzmärkte aus dem Ruder laufen und nach beständig höheren Dosen an Liquiditätsinjektionen schreien, weil sie anderfalls zusammenbrächen? Die jüngere Vergangenheit beweist, daß die führenden Zentralbanken in solchen Fällen stets in großzügigster Weise bereitstanden, ihre Geldschleusen zur Rettung von Banken und spekulativen Fonds zu öffnen. Um diese Liquidität in den Finanzmärkten zu binden, müssen zugleich große Anstrengungen unternommen werden, die Realwirtschaft durch Austerität und Globalisierungsdruck zu knebeln.

Aus propagandistischen Gründen ist es natürlich sehr hilfreich, wenn sich die finanziellen Notmaßnahmen mit dem Hinweis auf externe Ereignisse rechtfertigen lassen. Ein Beispiel hierfür war die dramatische Ausweitung der den Banken im Jahre 1999 zur Verfügung gestellten Zentralbankliquidität, weil angeblich das Problem zweistelliger Jahreszahlen in älteren Computerprogrammen eine systemische Gefahr beim Übergang zum Jahr 2000 darstellte. Die amerikanische Federal Reserve stand damals bei den Vorbereitungen für den sogenannten "Y2K"-Notfall (Abkürzung für "Jahr 2000") an vorderster Front und entfachte damit ein letztes Mal die gigantische "New Economy"-Blase an den Aktienmärkten. Als im Frühjahr 2000 ein Teil dieser Liquidität abgezogen werden mußte - die "Y2K"-Schäden waren kaum der Rede wert - platzte die Blase. Auf dem Höhepunkt des schlimmsten Aktiencrashs seit der Großen Depression, allein in den USA wurden fast acht Billionen Dollar an Papierwerten vernichtet, geschah der 11. September 2001.

Erneut, aber noch in viel größerem Ausmaß als im Jahre 1999, starteten die führenden Zentralbanken eine koordinierte Aktion, um, angeblich zur Wiederherstellung der Vertrauens der durch Terrorismus verängstigten Finanzakteure, Liquidität in die Bankensysteme zu pumpen. In den Jahren 2002 und 2003 erklärten Alan Greenspan und Ben Bernanke von der Federal Reserve mehrfach öffentlich, man könne alle bisherigen Liquiditätsmaßnahmen noch in erheblichem Maße eskalieren, und zwar selbst dann, wenn man die Zinsen schon auf Null abgesenkt hat. Diesmal hieß es zur Begründung, man müsse die Gefahr einer Deflation abwenden. Im Frühjahr 2003, zeitgleich mit dem Beginn des Irakkrieges, hatte man es schließlich geschafft, den dreijährigen Kurssturz an den Aktienmärkten zu stoppen. Mit der überwiegenden Menge der hierzu bereitgestellten Liquidität waren in der Zwischenzeit neue riesige Finanzblasen bei Immobilien und Anleihen geschaffen worden.

Im Frühsommer 2005 haben sich die Dinge erneut zugespitzt. Noch arbeiten Zentralbanken und Geschäftsbanken fieberhaft an der Eindämmung der verheerendsten Hedgefonds-Krise seit dem Untergang von LTCM im Herbst 1998. Und noch viel größeres Unheil, sowohl für Finanzmärkte wie Realwirtschaften, kündigt sich auf den durch das billige Geld der Zentralbanken ins Extreme aufgepumpten Immobilienmärkten an. Betroffen sind insbesondere die USA und Großbritannien, aber auch eine ganze Reihe von Ländern auf dem europäischen Kontinent. Der Ölpreis steigt von einem Rekordhoch zum nächsten, während die Anleihemärkte einen baldigen Einbruch der Weltwirtschaft vorwegnehmen. Das heißt dann auch, daß sich die Bewertungen an den Aktienmärkten, nach zweijähriger bescheidener Erholung, nicht halten lassen.

Und wie lange werden die asiatischen Zentralbanken das 800-Milliarden-Dollar-Defizit der amerikanischen Wirtschaft finanzieren? Mit all diesen Themen beschäftigten sich am 6. Juli hinter verschlossenen Türen die Regierungschefs der G-8 in Schottland, während man nach außen hin Parolen zu Klimaschutz und Afrikahilfe abgab. Doch dann explodierten am Morgen des 7. Juli die Bomben in London.

Was am 7. Juli geschah

Zunächst fielen die Aktien in London und an den übrigen europäischen Börsen ins Bodenlose. Um die Mittagszeit betrugen die Verluste im Durchschnitt 3%, was den höchsten Tagesverlust europäischer Aktien in den letzten zwei Jahren bedeutet hätte. London war noch schlimmer dran. Panikkäufe von Regierungsanleihen ließen zugleich die Anleiherenditen auf neue Rekordtiefen fallen. In Deutschland rutschten die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen auf den tiefsten Stand seit den Tagen Bismarcks vor mehr als hundert Jahren. Das britische Pfund stürzte auf ein 18-Monats-Tief gegenüber dem Dollar, der wiederum beträchtlich gegenüber Euro und Schweizer Franken verlor. Der Goldpreis zog um fünf Dollar pro Feinunze an. Auch an den Ölmärkten herrschte das Chaos. Im frühen europäischen Handel hatte der Ölpreis zunächst einen neuen Rekord von 62,10 Dollar pro Barrel erreicht, um dann plötzlich innerhalb von Minuten um fünf Dollar einzubrechen - der größte zwischenzeitliche Tagesverlust, den es in den letzten 14 Jahren gegeben hat.

Bei Finanzministerien und Zentralbanken war längst Alarm ausgerufen. Wie der Londoner Observer am 10. Juli berichtet, waren Mitglieder eines geheimen Ausschusses unter Leitung des Vizechefs der Bank von England, Andrew Large, zusammengetreten, um über Notmaßnahmen wie die Einstellung des Aktienhandels in der Londoner City zu beraten. Ohnehin war für diesen Tag eine Sitzung der Bank von England zur Zinspolitik anberaumt. Das britische Wirtschaftsforschungsinstitut CEBR gab bekannt, man erwarte wie nach dem 11. September eine außerordentliche Sitzung der Bank von England, um zwecks Krisenbewältigung die Zinsen zu senken. Zwischen den Hauptquartieren der weltweit führenden Zentralbanken liefen die Telefone heiß.

In Frankfurt erklärte der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Jean-Claude Trichet auf einer Pressekonferenz, er habe gerade mit US-Notenbankchef Alan Greenspan über die Lage auf den Finanzmärkten gesprochen und stehe auch mit dem Gouverneur der Bank von England Mervyn King in Kontakt. "Wir sind in Alarmbereitschaft, wir sind wachsam, wir beobachten alle Entwicklungen", sagte Trichet. Gegebenfalls "werden wir sofort handeln."

US-Finanzminister John Snow, der sich gerade auf dem Weg zu einer Konferenz in Nebraska befand, betonte etwas später am Tage öffentlich, er habe sich mit seinem britischen Amtskollegen Gordon Brown ausgetauscht und werde "mit weltweit führenden Finanzexperten in Kontakt bleiben." Das Finanzministerium beobachte die "globalen Märkte" aufmerksam. Snow fügte dann das in Zeiten extremer Finanzturbulenzen oft gehörte Wort hinzu, die amerikanische Wirtschaft sei gesund und unverwüstlich.

Derlei Äußerungen von Finanzministern und Zentralbankiers signalisieren den Märkten, daß man erstens schon begonnen hat, auf diskrete Weise zusätzliche Liquidität ins System zu pumpen, und notfalls auch vor extremen Maßnahmen zur Rettung des Systems nicht zurückschrecken wird. Im Falle der Londoner City konnte man es dabei allerdings nicht belassen und mußte sofort die Gesetze des Marktes aufheben.

Um 11.25 Uhr beschloß die Londoner Börse LSE, etwas zu tun, was zuvor noch nicht einmal nach dem 11. September erforderlich gewesen war. Die LSE erklärte den sogenannten "Fast Market". Hinter dieser netten Beschreibung verbirgt sich die Anweisung an sämtliche an der Londoner Börse tätigen Investmentbanken, ihre automatischen Handelsprogramme unverzüglich abzuschalten.

Haben die Kurse erst einmal gewisse Grenzen nach unten durchbrochen, so schalten diese Programme, um die Verluste der Banken zu begrenzen, auf vollständigen Ausverkauf. Das stört dann natürlich die Bemühungen offizieller Stellen, eigenes Kapital in den Markt zu leiten, bis man den Investoren eine Trendwende und eine Rückkehr des "Vertrauens in die Stabilität des Systems" vorgaukeln kann. Bis um 15.15 Uhr blieben die automatischen Handelsprogramme abgeschaltet. Trotz der Einschränkungen sprengte das Handelsvolumen am Londoner Aktienmarkt an diesem Tage alle historischen Rekorde.

Die weltweit koordinierten Aktionen von Finanzministerien und Zentralbanken seit dem 7. Juli haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Noch einmal feiern die Aktienmärkte zwei- oder dreijährige Höchststände. Noch einmal fließt neue Liquidität in amerikanische und britische Immobilien, und weiten die privaten Haushalte im gleichen Tempo ihrer Hypothekenkredite aus. Die Stabilität des System ist gesichert. Jedenfalls für die nächsten drei Tage.

Lothar Komp

 

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