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Aus der Neuen Solidarität Nr. 36/2005

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Unser Tsunami hieß Katrina

Von Lyndon LaRouche

Der amerikanische Oppositionspolitiker und frühere Präsidentschaftskandidat LaRouche veröffentlichte am 31. August die folgende Stellungnahme zur Sturmkatastrophe in den USA.


Zur gleichen Zeit, in Europa

Der Schrecken über die menschliche Katastrophe, die durch die ungeheuerliche Fahrlässigkeit der Bush/Cheney-Kabale in den Wochen vor, während und seit dem "amerikanischen Tsunami" Katrina ausgelöst wurde, entfesselt ein politisches Nachbeben, das noch weitreichendere menschliche und materielle Folgen haben wird als die Ereignisse des 11. September 2001. Die Nachbeben der nunmehr unausweichlichen Schrecken der nächsten Tage wird man an den menschlichen, physischen und politisch-psychologischen Folgen messen, und diese werden zusammengenommen größte Bedeutung für die Zukunft der amtierenden Regierung der USA und für Regierungen in aller Welt haben.

Am 2. August wurde allgemein die Warnung ausgegeben, wir müßten in unmittelbarer Zukunft an der Südküste der USA mit starken Stürmen rechnen. Diese Warnung hätte umgehend eine Anordnung des Präsidenten an Nationalgarde, Notstandsbehörde (FEMA) und andere Stellen auslösen müssen, damit diese umgehend einen Arbeitsplan für Vorsichts- und Rettungsmaßnahmen für alle offensichtlichen Eventualitäten eines Ereignisses ähnlich des Hurrikans Camille (1969, 250 Tote) erarbeiten. Wir sehen jetzt sehr deutlich, daß diese dringend notwendigen Vorbereitungen auf den Notfall nicht getroffen wurden.

Zu der Tragödie kam es vor allem deshalb, weil die Regierung Bush/Cheney bewußt zuließ, daß eine Naturkatastrophe, vor der klar gewarnt wurde, sich zur gewaltigen menschlichen Katastrophe ausweitete. Der Präsident war leider im Urlaub (was offenbar sein Dauerzustand zu sein scheint); der Vizepräsident war es leider nicht.

Das übliche Vorgehen eines Präsidenten der Vereinigten Staaten wäre gewesen, am 2. August oder am nächsten Morgen bei der morgendlichen Lagebesprechung per Präsidialanordnung einen entsprechenden Drei- oder Vier-Sterne-General an der Spitze einer erweiterten Sonderarbeitsgruppe von Pionierkorps und Nationalgarde einzusetzen. Diese hätte dann in Zusammenarbeit mit der FEMA sofort einen Einsatzplan für den schlimmsten denkbaren Fall entworfen, daß im August und September ein oder mehrere Stürme wie Camille von Florida aus die Karibikküste entlang nach Westen ziehen.

Namentlich hätte man auch den Einsatz von Blackhawk-Hubschraubern der Nationalgarde - die sich zu dem Zeitpunkt auswärts im Irak befanden - routinemäßig für solche Rettungsmaßnahmen eingeplant. Daß die betreffenden Bundesstaaten an der Karibikküste wegen der Machenschaften Cheneys und Rumsfelds eines großen Teils dieser notwendigen Mittel beraubt waren, wäre an dem Punkt - also am 2.-3. August - einer der wichtigsten unmittelbar zu berichtigenden Punkte gewesen.

Das strategische Denken der europäischen Zivilisation bei Herausforderungen dieser Art ist nicht neu. Platon erläutert in seinem Timäus treffend den Unterschied und den Zusammenhang zwischen großen Naturkatastrophen und vom Menschen verschuldeten Katastrophen. Unterscheidet man jetzt zwischen der mörderischen Auswirkung einer Naturkatastrophe und den massenmörderischen Folgen der menschlich verschuldeten Katastrophe, die durch die Fahrlässigkeit des amtierenden Präsidenten entstand, so hat die Regierung Bush/Cheney durch ihre Pflichtvergessenheit seit dem 2. August 2005 große Schuld auf sich geladen.

Als Folge dieser Pflichtvergessenheit sind jetzt in den USA - wenn nicht noch ein Wunder bei den Rettungsmaßnahmen geschieht, was derzeit unwahrscheinlich ist - durch die mittelbaren und unmittelbaren Auswirkungen in den kommenden Tagen mehr als 100 000 Menschenleben gefährdet. Das theatralische Gehabe der Regierung Bush/Cheney, während in den Straßen von New Orleans die Haie zwischen dahintreibenden Leichen herumschwimmen, wird wohl sehr wenig dazu beitragen, die menschliche Katastrophe, die sich in den unmittelbar betroffenen Gebieten entfaltet, aufzuhalten und Abhilfe zu schaffen. Bei den Rettungseinheiten, die man in den Tagen vor dem Eintreffen von Katrina hätte in Bereitschaft halten müssen, handelt es sich hauptsächlich um Einheiten der Nationalgarde, die mitsamt ihren Hubschraubern im Irak sitzen.

Aber die Schuld des auf Dauerurlaub befindlichen Geistes von Präsident Bush und der überaktiven Neigungen des Vizepräsidenten Cheney, der als Ersatz für den beurlaubten Geist des Präsidenten dient, sind nur der neuere Anteil an der gewaltigen wirtschaftlichen und menschlichen Katastrophe, die jetzt von den Küsten Alabamas, Mississippis und Louisianas nordwärts eitert. Hier wird eine ganze Region der Vereinigten Staaten zerstört, und Millionen sind betroffen.

Es ist schrecklich, was man alles hätte verhindern können - selbst noch in der Zeit, die Präsident George Bush junior zur Verfügung stand, seit Katrina von der Südspitze Floridas auszog - , aber dahinter stecken Jahrzehnte grober Fahrlässigkeit amerikanischer und anderer Regierungen. Hinter dieser Fahrlässigkeit steckte vor allem der kulturelle Wertewandel in den USA - weg von der stärksten Realwirtschaft der Welt, hin zu dem gegenwärtigen Zustand einer Nation voller Baracken mit sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen und riesiger Spielkasinos dort, wo sich einstmals ein wesentlicher Teil der früher größten agro-industriellen Macht befand. Im Zuge dieses jahrzehntelangen Wandels ab etwa 1967-68 von einer an Produktion ausgerichteten Wirtschaft zu einer sog. "Dienstleistungswirtschaft" ließen wir zu, daß das produktive wirtschaftliche und soziale Leben, das der Maßstab für die Anwendung unseres Verfassungszieles der Förderung des Gemeinwohls des amerikanischen Volkes und seiner Nachfahren war, nach und nach zerstört wurde.

In unserer Begeisterung für immer billigere Arbeit und immer niedrigere Steuern haben wir über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren die Fabriken, Farmen und Infrastruktur Amerikas systematisch zugrundegerichtet. Man sieht die Dritte Welt-artigen Zustände im Umfeld der Glücksspieloasen in Louisiana und anderen einst stolzen Bundesstaaten. Das Endergebnis dieser langen systematischen Vernachlässigung ist, daß ein Camille-ähnliches Naturereignis eine ganze Region der USA entlang der Karibikküste in ein Bild verwandeln konnte, das dem gleicht, was der mörderische Tsunami an den Küsten von Indonesien, Thailand, Sri Lanka, Bangladesch und Indien angerichtet hat. Diese Veränderungen der letzten gut drei Jahrzehnte trafen dann mit einer Fahrlässigkeit der Regierung Bush/Cheney zusammen, deren Ausmaß Grund zu einer Amtsenthebung sein kann. Diese Fahrlässigkeit wird nun Folgen haben, die, soweit es jetzt absehbar ist, schlimmer sein werden als die des 11. September 2001.

Wie Platon gesagt hätte: Es stand zu dem Zeitpunkt nicht in der Macht des Menschen, die Naturkatastrophe zu verhindern. Aber das unnatürliche Verhalten der Führung in Person des Präsidenten und seines "Möchtegern-Managers", des Vizepräsidenten, löste die größere Katastrophe aus.

Zur gleichen Zeit, in Europa

Wenn man die Ereignisse der letzten Tage in Amerika mit den gewöhnlichen Folgen ähnlicher Katastrophen in Asien vergleicht, wird man daran erinnert, welchen Vorsprung die neuzeitliche europäische Zivilisation beispielsweise gegenüber Asien gewonnen hat, weil sich die souveräne, nationalstaatliche Republik auf dem Gemeinwohl als oberstes Rechtsprinzip gründet. So steht es im obersten Gesetz unserer Republik, der Präambel der Verfassung der USA: Das Grundprinzip ist, das Gemeinwohl für uns und für unsere Nachkommen zu fördern. Das gleiche Prinzip ist, wenn auch mit geringerer Autorität, insbesondere seit dem Westfälischen Frieden von 1648 in allen guten Nationen des neuzeitlichen Europa verbreitet.

Dieses naturrechtliche Prinzip, das oft auch christlich begründet wird, ist das höchste Recht, dem alle Regierungen und Völker folgen müssen. Es war das Geheimnis hinter allen wirtschaftlichen und anderen Erfolgen bei der Verbesserung der Lebensbedingungen und der Vergrößerung der Freiheit der Menschen in der europäischen Zivilisation und anderswo, dort wo man etwa unter Juden und Moslems, wie unter Christen, dem gleichen Prinzip gefolgt ist.

Heute beansprucht das Gesetz der Habgier, das manchmal als "Shareholder Value" bezeichnet wird, den obersten Platz. Es hat die amerikanische Verfassung systematisch ausgehöhlt und verdrängt das traditionelle US-amerikanische Recht durch die Lockesche Rechtslehre, wie sie in der Präambel der Verfassung der Verschwörung der Sklavenhalter, der Konföderierten Staaten, niedergelegt ist.

Gegenwärtig - in den Wahlkämpfen und politischen Schlachten in Deutschland und anderen Teilen Europas wie in den USA selbst - ist dieses große moralische Prinzip, auf dem alle großen Fortschritte der modernen europäischen Zivilisation bei Menschenrechten und Wohlstand beruhen, in großer Gefahr. Es droht das Gesetz des Dschungels, wie wir es in den schlimmsten Fällen in Staaten in Asien und Afrika am Werke sehen und wie es in Mittel- und Südamerika um sich greift. Dieser Raubtierinstinkt, das Gesetz des Dschungels in Wirtschaft und Gesellschaft, ist Herz und Seele der Regierung Bush/Cheney und war dies schon lange, bevor Bush 2005 versuchte, das auf das christliche Gemeinwohlprinzip gestützte Rentensystem auszurauben. Diese Grundhaltung Bushs steckt hinter der katastrophalen Fahrlässigkeit, mit der Bush/Cheney die bloße Naturkatastrophe des Wirbelsturms Katrina durch eine menschliche Katastrophe vielfach verschlimmert haben.

Diese Moral, die sich in der gräßlichen Fahrlässigkeit des Bush/Cheney-Teams widerspiegelt, bringt die ganze Menschheit in Gefahr, nun da bald die größte Finanzkrise der Neuzeit über Amerika und die Welt hereinbrechen wird.

 

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