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Aus der Neuen Solidarität Nr. 48/2005

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"Globale Finanzkrise bahnt sich an"

In der englischsprachigen Internetausgabe der chinesischen Tageszeitung People's Daily erschien am 22. November ein achtteiliges Interview mit Lyndon LaRouche.

Kurz nachdem US-Präsident George W. Bush seinen Staatsbesuch in Beijing beendet hatte, veröffentlichte die regierungsnahe Volkszeitung in ihrer englischen Online-Ausgabe ein langes Interview mit dem amerikanischen Ökonomen und Oppositionspolitiker Lyndon LaRouche. Der Washington Korrespondent der Zeitung, Yong Tang, hatte das Gespräch mit LaRouche bereits im Mai geführt. Die achtteilige Serie behandelt ein breites Themenspektrum: die globale Finanzkrise, LaRouches Beteiligung an inoffiziellen Verhandlungen mit der Sowjetunion über die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI), LaRouches Vorschläge zur Umrüstung der Autoindustrie, seine Inhaftierung als politischer Gefangener bis hin zur Entwicklungsstrategie der Eurasischen Landbrücke. Auf Seite 3 veröffentlichen wir Auszüge.

Jedem der acht Teile des Interviews war eine kurze Einleitung vorangestellt. Darin wird Lyndon H. LaRouche jr. als "amerikanischer Politiker und Begründer verschiedener politischer Organisationen in den USA und darüber hinaus" vorgestellt. "Seit 1980 hat sich LaRouche bei allen Präsidentschaftswahlen um die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten bemüht, auch 1992, als er im Gefängnis saß. Noch hat er bei den Wählern nur begrenzte Unterstützung gewonnen, auch wenn er bei den demokratischen Präsidentschaftsvorwahlen einige Unterstützung erhielt.

Weiter heißt es in der Einleitung: "Obgleich er keine formalen Qualifikationen besitzt, hat LaRouche ausführlich zu wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, politischen, und kulturellen Themen publiziert. Er wird oft als Extremist, Sektenführer, Kommunist, Faschist und Antisemit bezeichnet; er selbst weist alle diese Vorwürfe zurück. Von seinen Anhängern wird LaRouche als ein außergewöhnlicher Mensch angesehen, der aus politischen Gründen zu Unrecht angeklagt wurde. 1988 wurde LaRouche wegen Verschwörung, Postbetrug und Steuerhinterziehung zu einer 15jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Er setzte seine politischen Aktivitäten auch aus dem Gefängnis heraus fort. 1994 wurde er nach fünf Jahren Haft auf Bewährung entlassen."

LaRouche: Ich bin ein guter Prognostiker.

LaRouche: Es ist eine Frage der Wissenschaft. Was an den Universitäten als Wirtschaftswissenschaft gelehrt wird, und was die Studenten an den Universitäten für wahr halten, ist eigentlich Unsinn. Hinzu kommt noch, daß Menschen bei ihren Vorhersagen oft das prognostizieren, von dem sie wünschen, das es so kommen sollte, nicht das, was möglich ist. Das ist problematisch. Zunächst einmal sind viele inkompetent. Und ihr Unwissen wird dadurch noch verstärkt, daß sie über ein ausgeprägtes Wunschdenken verfügen. Der typische heutige Amerikaner denkt sehr kleingeistig. Er denkt nur, was er in der unmittelbar vor ihm liegenden Zukunft an Erfahrungen erleben kann. Er träumt davon, reich zu sein. Aber er denkt nicht an seine Enkel oder die Welt, die er hinterläßt. Wir pflegten an unsere Enkel zu denken; wir dachten zwei oder drei Generationen im voraus. Das machen wir heute nicht mehr. Daher denken die meisten nicht mehr darüber nach, eine Zukunft aufzubauen. Daher schwanken sie bei ihren Vorhersagen, sie verhalten sich wie Spieler. So sieht ihre Geisteshaltung aus.

Aktienunternehmen gleichen einem Spieltisch. Es sind keine wirklichen Unternehmen. Sie verfolgen kein zielgerichtetes Geschäft. Früher besaß jemand ein Unternehmen. Dieses Unternehmen hatte sich spezialisiert. Die Unternehmer wollten, daß dieses Geschäft erfolgreich ist und über Generationen hin überleben kann. Aber bei den Aktienunternehmen investieren manche nur für einen oder zwei Tage. Man geht keine wirklich langfristigen Verpflichtungen mehr ein...

LaRouche: Nein, denn ich verstehe etwas von der Weltwirtschaft. Meine Vorhersagen bezogen die Fehler ein, die von den jeweiligen Regierungen oder Behörden begangen worden waren. Eigentlich habe ich gar nicht so viel vorhergesagt. Ich habe lediglich vorhergesagt, was die Folgen ihrer Fehler wären. Und da mir ihre Fehler klar waren, verstand ich auch die Folgen dieser Fehler.

LaRouche: Eigentlich habe ich das bereits 1983 getan.

LaRouche: Ich war damals an Hintergrundgesprächen für Präsident Reagan beteiligt. Ich hatte darüber nachgedacht, wie man das Problem der Langstreckenraketen lösen und eine neue Verteidigungspolitik einschlagen könnte. Und ich war der Ansicht, unter Breschnew könnte dies möglich sein. Wenn die USA ein bestimmtes Angebot machten, könnte die Sowjetunion das akzeptieren. Dieses Angebot sah vor, anstelle der großen Zahl von Raketen ein Verteidigungssystem zu entwickeln, mit dem wir einen Angriff ballistischer Kernwaffen abwehren könnten. Wenn es zu einer Zusammenarbeit käme, könnten wir auch die Technologie weitergeben und diese auch in anderen Bereichen als dem militärischen einsetzen. Ich ging davon aus, daß sich in der Sowjetunion eine binnenwirtschaftliche Krise anbahnte.

LaRouche: Die sowjetische Wirtschaft war in bezug auf militärische Belange sehr erfolgreich, weil sie Wissenschaft einsetzte. Aber die zivile sowjetische Wirtschaft war eine Katastrophe, weil sie eben auf Wissenschaft verzichtete. In der Sowjetunion war es in der Regel so, wenn man eine neue Werkzeugmaschine einführen wollte, würden sie nicht die neue, sondern lieber die alte einsetzen. Es gab einen inneren Widerstand gegen technischen Fortschritt. Und die sowjetische Verwaltung in der Industrie war sehr dumm und extrem bürokratisch.

Wenn es der Sowjetunion gelungen wäre, die wirtschaftliche Entwicklung der zivilen Wirtschaft anzuregen, dann hätte dies mit dem Einsatz wissenschaftlichen Fortschritts wie im Bereich des Militärs durchaus zum Erfolg führen können. Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den USA hätte das funktioniert. Wir hätten Nationen über die Zusammenarbeit im Rahmen dieses Konzepts - technischer Fortschritt, der allen zur Verfügung steht, als Antrieb zur Verbesserung der Wirtschaft - einander näherbringen können...

Dafür hatte ich mich eingesetzt. Präsident Reagan war an meinem Konzept interessiert. Über mich liefen dann Hintergrundgespräche mit der sowjetischen Regierung. Ich war als Privatperson tätig, aber in beiden Richtungen. Ich traf mich mit sowjetischen Vertretern und dann mit amerikanischen Vertretern, und wir tauschten unsere Gedanken aus. Es ging dabei darum, auszuloten, ob eine Vereinbarung möglich sei.

In den Jahren 1982 und 1983 führte ich Gespräche mit Vertretern der sowjetischen Regierung. Und eines Tages sagten sie zu mir: "Andropow hat abgelehnt." Ich entgegnete ihnen daraufhin, wenn die Sowjetunion an ihrer gegenwärtigen Militärpolitik festhalte, werde das Sowjetsystem aus wirtschaftlichen Gründen innerhalb von fünf Jahren zusammenbrechen...

LaRouche: Dieser Zusammenbruch vollzieht sich bereits. Das ganze System ist seit 1971/72 verrückt. Der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt hatte das Bretton-Woods-System aufgebaut. Es handelte sich um ein System fester Wechselkurse auf Goldreservebasis. Trotz verschiedener Sabotageversuche funktionierte dieses System. Auf ihm beruhte der Wirtschaftsaufschwung in den USA und Europa in der Nachkriegszeit. Und das wurde zerstört.

LaRouche: 1964 traten die USA in den Indochinakrieg ein. Das war der erste schwere Fehler. Die USA bewegten sich wirtschaftlich gesehen 1964-65 in die falsche Richtung. Um 1967 war es offenkundig, daß wir in bezug auf Technologie eine Wende vollzogen hatten. Mit der Entscheidung Nixons zum Währungssystem bildete sich 1971/72 ein neues Währungssystem, das von Anfang an ein Fehlschlag war. Aufgrund unserer früheren langfristigen Investitionen in die Infrastruktur und andere Bereiche verfügten wir in der amerikanischen Wirtschaft über ein hohes Maß an Technologie und Wirtschaftskraft.

Aber heute sind wir Amerikaner ausgelaugt. Unsere Infrastruktur wurde nicht erneuert, ebensowenig unsere Kraftwerke. Unser Eisenbahnnetz ist praktisch tot. Unsere Wirtschaft ist in weiten Teilen nicht lebensfähig. Unsere Bevölkerung besitzt nicht mehr die hohe Qualifikation wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Sie hat sie verloren. Aus diesem Grund brechen wir zusammen. Wir sind eine "verlorene" Nation. Wir haben versagt. Europa hat im allgemeinen versagt. Die Weltwirtschaft ist gescheitert. Wir sitzen auf einem Riesenberg von Schulden, die wir niemals zurückzahlen können...

LaRouche: Die ganze Welt bräche zusammen, wenn die USA kollabieren. Nehmen wir China: In welchem Maße hängt China wirtschaftlich vom Export ab? Was geschähe, wenn der amerikanische Markt zusammenbräche?

LaRouche: China hält große Dollardevisenreserven. Diese Dollarwerte könnten innerhalb kurzer Zeit die Hälfte ihres Wertes verlieren. Auch Japan hält viele Dollars. Diese Dollars könnten wertlos werden, in dem Sinne, daß man nichts mehr mit ihnen anfangen kann. Südkorea hat ähnliche Probleme. In ganz Südostasien sieht es ähnlich aus.

LaRouche: Es wäre schlimmer als die Krise der 30er Jahre.

LaRouche: Genau...

LaRouche: Wenn die Regierungen ihrer Verantwortung gerecht werden und den Willen aufbringen und das Geldproblem den Regierungen unterstellt wird, werden wir überleben.

LaRouche: Wir müssen zum amerikanischen System anstelle des britischen Systems zurückgehen. Mein Vorschlag entspricht im Kern dem, was Roosevelt Ende des Zweiten Weltkrieges tat. Damals verfügten die USA als einziges Land über eine stabile Währung. Wir benutzten den US-Dollar innerhalb des Bretton Woods-Systems dazu, ein System fester Wechselkurse weltweit einzurichten. Und unter diesem System fester Wechselkurse kam es in Europa und andere Teilen der Welt zu einem umfassenden Wiederaufbau mit einem starken Wirtschaftswachstum in dieser Zeit...

LaRouche: Das Management der Automobilindustrie ist wahnsinnig. Wir produzieren zu viele Autos.

LaRouche: Noch schlimmer als das: Um zu viele Autos zu produzieren, haben wir ein völlig verrücktes Raten- und Rabattsystem eingeführt. Diejenigen, die an der Spitze der Automobilindustrie stehen, sind verrückt und absolut unfähig. Sie sind nur an Gewinnen interessiert. Aber der Schlüssel liegt in Europa und den USA insbesondere in einem Bereich der Wirtschaft, den man als Werkzeugmaschinen- oder Maschinenbau bezeichnet. Das sind Leute, die Maschinen entwickeln, die Maschinen bauen. Auch in Japan gibt es einen solchen Maschinenbausektor... Dieser Bereich spielt bei der Entwicklung einer modernen Volkswirtschaft eine zentrale Rolle. In ihm ist nur ein geringer Anteil der gesamten Arbeitskraft beschäftigt, aber das sind die Arbeitskräfte, die die Wirtschaft tatsächlich weiterentwickeln.

Auch in den USA gibt es eine kleine Gruppe Menschen, die ein völlig neues Produkt innerhalb eines Jahres entwickeln können. Und zwar alles, einschließlich der Werkzeuge, der Maschinen und aller anderen Aspekte der Entwicklung des neuen Produkts. Diese verhältnismäßig kleine Zahl von Maschinenbau- und Werkzeugmaschinenbauspezialisten bilden die Grundlage der Entwicklung der gesamten Arbeitskraft in dieser Industrie. Der amerikanische Werkzeugmaschinen- und Maschinenbau hat zwei Schwerpunkte; der eine betrifft den Rüstungssektor, das sind im wesentlichen Unternehmen wie Boeing, die über die notwendigen Werkzeugmaschinen- und Maschinenbaukapazitäten für die Luftfahrtindustrie verfügen. Der zivile Bereich dieser Industrie ist praktisch tot.

Wenn wir die Automobilindustrie verlieren, was sich jetzt anbahnt, verfügen wir praktisch über keinen Maschinenbausektor mehr. Und wenn wir keinen Maschinenbausektor mehr haben, ist auch unsere Wirtschaft am Ende. Und das gleiche gilt auch für Europa, aber ebenso für ein Entwicklungsland wie China. Für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung Chinas besitzt der Maschinenbau- und Werkzeugmaschinenbausektor entscheidende Bedeutung. In ihm wird wissenschaftlicher Fortschritt in der Entwicklung neuer Maschinen und neuer Produkte umgesetzt. Der Maschinenbau ist die Grundlage für Industrie und Produktivität. Ohne diesen strategischen Faktor des Maschinen- und Werkzeugmaschinenbaus kann man keine sich selbst tragende Wirtschaft aufbauen.

LaRouche: In China kann man nicht überall zehnspurige Autobahnen errichten, weil es die geographischen Verhältnisse nicht zulassen. China muß in dieser Hinsicht klüger als die USA sein. Unser Land ist so groß und deshalb haben wir große Autobahnen. Wir haben viel Land an große Autobahnsysteme verschwendet. Daß jeder ein Auto besitzt und den ganzen Tag damit herumfährt, ist kein gutes Konzept für China. Dort braucht man große öffentliche Personenverkehrssysteme und eine Städteplanung, die von vornherein die Notwendigkeit für all den Autoverkehr ausschließt.

Das war Sun Jat-sen klar, als er das Eisenbahnsystem Chinas konzipierte. Die heutige chinesische Regierung setzt Teile des Konzepts Sun Jat-sens für die Entwicklung Chinas um. China muß ein Massenverkehrssystem entwickeln, das im wesentlichen ein Schienensystem sein muß. Die Städte müssen so gestaltet sein, daß die Menschen einfach von einem Ort an den anderen gelangen können, um ihrer normalen täglichen Tätigkeit nachzugehen. Die tägliche lange Fahrt auf Autobahnen muß ihnen erspart bleiben...

LaRouche: Das ist eine Geschichte für sich. Meine Ehefrau ist eine deutsche Journalistin. Wir sind seit 1979 verheiratet. Sie ist schon verschiedene Male nach China gereist. Sie hat sich als eine der ersten für das Konzept der Eurasischen Landbrücke eingesetzt. Als ich im Gefängnis war, haben wir beide uns für dieses Konzept der Landbrücke eingesetzt. Die chinesische Regierung und einige Russen und andere waren damals sehr an diesem Konzept interessiert.

Sie war 1971 drei Monate lang als erste europäische Journalistin in der Zeit der Kulturrevolution in China. Damals hat sie verschiedene Teile des Landes besucht. Und aus dieser Zeit rührt auch ihr großes Interesse an China her.

LaRouche: Sie wäre begeistert und ich auch... China ist ein sehr wichtiges Land, auch für mich. Wenn ich vom Eurasischen Dreieck und der Beziehung Deutschlands dazu spreche, geht es um die Zukunft der Menschheit. Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab. Die Menschheit hat eine lange Geschichte. Und das Problem der Herausforderung der asiatischen Kultur ist noch nicht gelöst. Wir müssen es schaffen, das Prinzip der Gleichheit in die eurasische Kultur zu tragen.

 

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