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Aus der Neuen Solidarität Nr. 10/2006 |
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Die Ereignisse in Island zeigen ein weiteres Mal die Anfälligkeit des weltweiten Finanzsystems, das auf den ständigen Zufluß von Finanzmitteln angewiesen ist.
Island, 21. und 22. Februar 2006. Eine der vielen Blasen des Weltfinanzsystems platzt mit großem Getöse. Innerhalb von zwei Tagen bricht die isländische Krone um fast 10% ein, die isländische Börse fällt um mehr als 5% und die Risikoprämien auf Anleihen isländischer Banken und Unternehmen schießen in die Höhe. Schockwellen breiten sich über den ganzen Globus aus. Der brasilianische Real verliert zwischenzeitlich 3% seines Wertes. Schwere Einbußen erleben zugleich die türkische Lira, der südafrikanische Rand, der mexikanische Peso und die indonesische Rupie. Mehrere Stunden lang werden Regierungsanleihen und andere Wertpapiere dieser Länder panikartig verkauft.
Denn genau wie in Island haben spekulative Investoren in allen diesen Ländern neue Finanzblasen gezüchtet, die nur durch den beständigen Zustrom internationaler Liquidität aufrechterhalten werden können. Die hierfür erforderliche Liquidität liefern letztendlich die führenden Zentralbanken, die damit seit geraumer Zeit ihre jeweiligen Bankensysteme überfluten. Andernfalls wäre das globale System längst in sich zusammengebrochen.
Ein spezieller Mechanismus, der hierbei von Finanzinvestoren im großen Stile eingesetzt wird, ist der sog. "Carry Trade". Eine direkte deutsche Übersetzung dafür gibt es nicht, aber gelegentlich spricht man von "Leihegeschäften". Gemeint ist folgendes: Eine Bank nimmt Schulden in einer Währung auf, die zur Zeit mit sehr geringen Zinsen belastet ist. Zum Beispiel könnte sich die Bank im japanischen Interbankenmarkt zu Zinsen von beinahe Null% mit Yen eindecken. Das Geld wird sodann am Devisenmarkt in eine Hochzinswährung eingetauscht und dann in entsprechende Anleihen investiert. In Island lockte etwa ein Leitzins von mehr als 10%. Nach einem Jahr kann man die Anleihe verkaufen, den Erlös von isländischen Kronen in Yen umtauschen und damit die Yen-Schulden begleichen. Es verbleibt ein Gewinn von 10% - sofern nichts Ungewöhnliches passiert. Im Falle der isländischen Variante haben die internationalen Carry-Trade-Investoren an zwei Tagen im Februar wegen des Absturzes der isländischen Krone ihren gesamten Jahresgewinn eingebüßt.
Der unmittelbare Auslöser für den "Island-Crash" war die Entscheidung der britischen Ratingagentur Fitch, ihren Ausblick für das isländische Rating von stabil auf negativ zu stellen. Damit wird eine baldige Abstufung angekündigt. Begründungen für diesen Schritt lassen sich leicht finden. Man muß sich eher fragen, warum die Ratingagenturen bislang über die dortigen Blasenbildungen den Mantel des Schweigens gelegt hatten. Denn Island war in den vergangenen Jahren in eine Art Offshore-Zentrum, vergleichbar mit den berüchtigten Cayman Islands oder Bahamas, verwandelt worden.
Hohe Zinsen und finanzielle Deregulierung ließen u.a. durch den internationalen "Carry Trade" reichlich heißes Geld nach Island strömen. Damit wurden dann Aktien- und Immobilienwerte aufgepumpt. Über den "Vermögenseffekt", d.h. die Illusion des schnellen Reichtums durch ansteigende Papierbewertungen, wurde damit ein kreditfinanzierter Konsumrausch entfacht, der wiederum ein im Verhältnis zur Wirtschaft riesiges Außenhandelsdefizit erzeugte. Ähnliche Zusammenhänge sind ja aus den Blasenwirtschaften der USA, Großbritanniens oder auch Spaniens hinlänglich bekannt.
Im Jahre 2005 war das isländische Zahlungsbilanzdefizit auf den absurden Wert von 15% des isländischen Bruttoinlandsprodukt angestiegen. Die Aktienkurse waren seit Sommer 2003 um 282% in die Höhe geschossen, und im gleichen Zeitraum verdoppelten sich die Immobilienpreise in Reykjavik. Nominell isländische Banken und Fonds gingen mit dem in Island angehäuftem Kapital überall in Nordeuropa auf Einkaufstour und übernahmen dabei vor allem Banken und Handelsketten.
Auf den ersten Blick sieht der "Carry Trade" wie eine moderne Version des "Goldesels" aus alten deutschen Märchen aus. Es wird Reichtum aus dem Nichts erzeugt - eine tolle Sache. Aber auch die Gewinne aus dem Carry Trade sind nicht umsonst und nicht unbegrenzt vermehrbar. Denn den höheren Zinsen im Anlageland stehen im allgemeinen auch höhere Risiken gegenüber, vor allem das Risiko des Absturzes der dortigen Währung. Genau wie bei Finanzderivaten und Hedgefonds geht es also auch hier um eine erhoffte Erhöhung des Gewinns durch Steigerung des Risikos. Zudem sind die historisch niedrigen Zinsen in den Kreditaufnahmeländern des "Carry Trade" Ausdruck einer künstlichen Liquiditätsschwemme der jeweiligen Zentralbanken. Und auch dies wird nicht ohne Folgen bleiben. Auf Dauer muß das ganze Spiel zusammenbrechen.
Island war hierfür nur das erste Warnsignal. Mit großem Schrecken beobachten die internationalen "Carry Trader" derzeit vor allem die Entwicklung in Japan, zum Teil auch in Europa. Denn die Ära der extrem niedrigen Zinsen scheint sich ihrem Ende zu nähern. Nach dem Kollaps einer gigantischen Immobilien- und Aktienblase zu Beginn des Jahres 1990 drohte das gesamte japanische Bankensystem, damals das größte der Welt, unter einem Berg fauler Schulden (umgerechnet ein bis zwei Billionen Dollar) unterzugehen. Also druckte die Bank von Japan Geld und übergab es den Banken zum Nulltarif. Seit dem Frühjahr 2001 hat sich die Bank von Japan öffentlich verpflichtet, im Interbankenhandel stets eine Überschußliquidität in Höhe von rund 300 Mrd. Dollar aufzubauen, so daß der dortige Zinssatz stets bei null Prozent verbleibt. Die offizielle Begründung ist der Kampf gegen Deflation, d.h. seit Jahren rückläufige Preise nicht nur bei Immobilien.
Doch jetzt ändert sich etwas. Im Januar 2006 war die Inflationsrate in Japan so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. Die Bank von Japan kündigte nun an, ihre Nullzinspolitik schon bald aufzugeben, möglicherweise bereits beim nächsten Treffen zur Geldpolitik am 8. März. Bislang hatte die japanische Regierung, die auf einem im Vergleich zu Deutschland sehr viel größeren Schuldenberg sitzt, vor den Folgen einer Abkehr von Nullzinsen gewarnt. Aber jüngste Äußerungen von Regierungschef Koizumi deuten darauf hin, daß man einer solchen Entscheidung nicht mehr länger im Wege stehen werde. Auch in der Eurozone steigen die Zinsen langsam an. Damit wird dem internationalen "Carry Trade" die Basis entzogen. Unzählige Finanzblasen stehen damit vor dem Platzen.
Dies betrifft sowohl die Regierungaanleihen von Hochzinsländern, den sog. "Emerging Markets", als auch Unternehmensanleihen in den USA und Europa, sowie die hypothekengesicherten Anleihen von Anbietern wie Fannie Mae und Freddie Mac, die zur Zeit noch die diversen Hauspreisblasen stützen.
Ein Anzeichen für die Aufregung im Finanzestablishment ist der Beitrag von Ambrose Evans-Pritchard im Londoner Daily Telegraph vom 24. Februar mit der Überschrift "Der weltweite Kreditozean trocknet aus". Dort heißt es: "Einer nach dem andern drehen die Eurozone, die Schweden, die Schweizer und jetzt sogar die Japaner den Hahn des ultrabilligen Kredits zu, der das globale System im letzten Jahr durchspülte und den alternden Wertpapierboom am Leben hielt. Der ,Carry Trade' - wie man ihn nennt - ist für Banken und Hedgefonds eine beinahe grenzenlose Geldmaschine. Sie können annähernd zinslos in Japan oder zu 1% in der Schweiz Geld leihen, um es an irgendeinem Ort der Welt, der höhere Renditen bietet, seien es argentinische Staatsanleihen oder amerikanische Hypothekenpapiere, weiterzuverleihen."
Pritchard zitiert David Bloom von der Bank HSBC, jeder Markt der Welt sei inzwischen vom "Carry Trade" befallen. Und dies werde im Laufe des Jahres "ein böses Ende nehmen."
Der britische Finanzanalyst Stephen Lewis kommentierte: "Es gibt mehrere hundert Milliarden Dollar an Positionen im Carry Trade, die man abwickeln wird, sobald sie unprofitabel werden." Sobald die Bank von Japan die Zinsen anhebt, werden wir "einige spektakuläre Auswirkungen" sehen. "Die Welt hat so etwas noch nie durchgemacht, daher ist das Risiko von Fehlern hoch."
Lyndon LaRouche erklärte dazu: "Der Yen-Carry-Trade steckt in großen Nöten. Allein die Tatsache, daß der Daily Telegraph diese Dinge aufbringt, bedeutet, daß der Carry Trade kurz davor steht, ins Gras zu beißen. Island und andere Länder werden bankrott gehen. Aber der Multiplikatoreffekt des Platzens des Carry Trade bedeutet, daß die Krise in einer Größenordnung zuschlagen wird, die weit über jede einzelne Nation oder Währung hinausgeht. Sie wird das ganze Nach-Bretton-Woods-System der freien Wechselkurse zum Einsturz bringen." Und er fügte hinzu: "Soll es ruhig kommen. Das System ist ohnehin todgeweiht, und wir wissen, was zu tun ist, um ein neues, stabiles Finanzsystem zu schaffen, das auf den Prinzipien von Franklin Roosevelts ursprünglichem Bretton Woods-System beruht. Ich stehe bereit mit einem Rezept, wie man diese Krise löst. Und Sie?"
Lothar Komp
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Lesen Sie hierzu bitte auch:
Was ist eine hyperinflationäre Stoßwelle? Ungehaltene Nachrede auf Alan Greenspan |
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