|
Aus der Neuen Solidarität Nr. 10/2006
| |
Rußland konsolidiert Auto- und Luftfahrtindustrie
Rußlands Präsident Wladimir Putin hat am 22. Februar die Zusammenfassung des russischen Flugzeugbaus in einem einzigen Konzern angekündigt. Zweck der Maßnahme sei es, "das wissenschaftliche und industrielle Potential des russischen Flugzeugbaus zu erhalten und die Sicherheits- und Verteidigungskapazitäten des Landes zu sichern".
Gemäß Putins Dekret werden mindestens 75 % der Vereinigten Flugzeugbau-Gesellschaft (UABC) beim russischen Staat verbleiben. Zum neuen Konzern werden die Unternehmen MiG, Tupolew, Suchoy, Irkutsk, Iljuschin und Jakowlew gehören. Laut Nowosti wird die UABC sich mit "der Herstellung, der Entwicklung und dem Verkauf von militärischen und nichtmilitärischen Passagier-, Transport- und unbemannten Flugzeugen" befassen.
Schon im vergangenen Jahr hatte die Rüstungsexportbehörde Rosoboronexport die Wolga-Autowerke (VAZ) übernommen. Nun ist davon die Rede, VAZ mit den Automobilgiganten der Sowjetära - den Gorkiy-Autowerken (GAZ) in Nischnij-Nowgorod und den Kama-Autowerken (KamAZ) - unter dem Dach einer einzigen staatlichen Holdinggesellschaft zu vereinigen.
Allerdings geht es in beiden Bereichen nicht nur um das richtige Ziel, die produktiven Kapazitäten der alten rüstungsrelevanten Betriebe zu erhalten, sondern auch um die Positionierung auf dem Weltmarkt. Wie Putin bei einer Pressekonferenz am 31. Januar erklärte, hat Rußland inzwischen Abkommen mit sechs großen ausländischen Autobauern geschlossen, die in Rußland Fahrzeuge oder Teile produzieren wollen. Mit weiteren 19 werde verhandelt. Zumindest ein Teil der Produktion ist zwar für den russischen Markt bestimmt, aber im wesentlichen handelt es sich um Produktionsauslagerung, die Rußlands billige Arbeitskraft nutzt. Boris Kagarlitskij vom Institut für Globalisierungsstudien kommentierte am 9. Februar in der Moscow Times: "Ein Land ohne entwickelten Industriesektor kann sich den Luxus spezialisierter Forschung und Entwicklung nicht leisten. Es braucht keine eigenen Pläne zu entwerfen. Auch die vielgepriesene neue Automobilholding wird kaum mehr tun als Fahrzeuge zu montieren, die im Ausland entworfen wurden."
Boeing und Airbus haben ein Auge auf die billige Ingenieursarbeitskraft der russischen Luftfahrtindustrie geworfen. Die Financial Times zitierte am 21. Februar Airbus-Vizepräsident Axel Krein, sein Konzern wünsche eine "Ehe" mit dem neuen russischen Unternehmen - "eine lebenslange 25-Mrd.-Dollar-Partnerschaft zur Entwicklung eines neuen Flugzeugs". Gleichzeitig werben Airbus und Boeing bei der russischen nationalen Fluglinie Aeroflot mit Angeboten für die Lieferung von Langstreckenflugzeugen. Die New York Times verwies am 22. Februar in einem Feature über die UABC auf den Aspekt des Outsourcing: "Boeings Entwicklungszentrum in Moskau, das 1998 mit einem Dutzend Ingenieuren anfing, die im Rahmen eines Kooperationsabkommens mit Iljuschin angeheuert wurden, beschäftigt heute mehr als 1 200 Russen. Rund 300 russische Ingenieure entwickeln Teile für die Boeing 787." Auch Airbus wolle auf "russisches Ingenieurstalent für die Entwicklung künftiger Flugzeuge" zurückgreifen.
ddp/rbd