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Aus der Neuen Solidarität Nr. 10/2006 |
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Von Helga Zepp-LaRouche
Die Bundesvorsitzende der Bürgerrechtsbewegung Solidarität, Helga Zepp-LaRouche, fordert in einem Flugblatt vom 23. Februar 2006 ein grundsätzliches Umdenken in der Gesundheitspolitik und ein umfassendes biologisch-medizinisches Forschungsprogramm.
Seit Anfang Februar haben 13 weitere Nationen auf drei Kontinenten den Ausbruch der Vogelgrippe mit dem hochansteckenden Erreger H5N1 gemeldet. Nach dem Fund toter Wildvögel auf Rügen und benachbarten Landkreisen auf dem Festland sind jetzt die ersten EU-weiten Fälle von infizierten Nutztieren in Österreich aufgetreten. Laut Information der WHO sind zwar insgesamt weltweit erst 170 Fälle bekannt geworden, in denen Menschen sich mit diesem Virus angesteckt haben, und es ist erst zu 92 Todesfällen gekommen, aber die Forscher berichten auch, daß das Virus durch eine Reihe von Mutationen widerstandsfähiger und gefährlicher geworden ist. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit nur eine Frage der Zeit, wann das H5N1-Virus zu einem unmittelbar von Mensch zu Mensch übertragbaren Virus mutiert und mit dem normalen Grippevirus eine Kombination eingeht.
Auch wenn niemand den genauen Zeitpunkt eines Ausbruchs vorhersagen kann, verweisen viele Experten auf deutliche Anzeichen auf eine kurz bevorstehende Pandemie. Die Regierungen sind jetzt aufgefordert, zu handeln. Die Spanische Grippe von 1918 hat 20 bis 50 Millionen Opfer gefordert. Die SARS-Epidemie von 2003 hat deutlich gemacht, daß sich heute aufgrund der Globalisierung und erheblich verstärkten Passagier- und Güterverkehrs anders als 1918 neuartige Erreger innerhalb von Tagen über die ganze Welt verbreiten können. Man muß davon ausgehen, daß das medizinische Versorgungssystem einer extremen Belastungsprobe ausgesetzt und die gesamte Volkswirtschaft in ihrer Funktionsfähigkeit getroffen würde, wenn schätzungsweise 30% der Bevölkerung und aller Beschäftigten sich infizierten.
Deshalb ist jetzt ein völliges Umdenken erforderlich, was die Frage der Kosten beim Gesundheitswesen betrifft. Die höchste Priorität muß die Rettung von Menschleben haben.
Nun erleben wir in der Bundesrepublik Deutschland eine schizophrene Situation. Auf der einen Seite existieren durchaus kompetente Notfallpläne für einen Geflügelpestausbruch, die Ansteckung mit dem Vogelgrippevirus und eine drohende Influenza-Pandemie, und die dafür eigens eingerichteten Expertengruppen orientieren sich an den Vorschlägen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Danach müßten erhebliche Investitionen in die medizinische Grundlagenforschung erfolgen, um bestehende Engpässe zu überwinden und einen möglichst raschen und vollständigen Impfschutz der Bevölkerung zu erreichen. Desgleichen müßten die Kapazitäten für die Behandlung von erkrankten Patienten unter den Bedingungen der erwarteten Pandemie massiv ausgeweitet werden.
Aber das genaue Gegenteil geschieht. Nach Angaben der WHO hat sich die Anzahl der kommunalen Krankenhäuser seit 1991 um mehr als 10% verringert. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft in Berlin schätzt, daß von den rund 2200 kommunalen Kliniken in Deutschland in den kommenden zehn Jahren weitere 15 bis 30% geschlossen werden. Ein Hauptgrund für diese Entwicklung sind die im Rahmen der Gesundheitsreform eingeführten DRGs (Diagnosis Related Groups). Damit wurde die Leistungsvergütung von Pflegesätzen auf die Zahlung von Fallpauschalen umgestellt, d.h. das Krankenhaus erhält nur ein pauschales Entgeld für eine bestimmte Behandlung, unabhängig vom tatsächlichen Behandlungsaufwand und der realen Verweildauer im Krankenhaus. Muß der Patient z.B. im Fall von Sekundärinfektionen länger im Krankenhaus bleiben, muß das Krankenhaus für die Kosten aufkommen, genau wie der niedergelassene Arzt selbst zahlen muß, wenn er die von der Krankenkasse zugelassene Budgetgrenze überschreitet.
Leidtragender dieses Kostendenkens ist in jedem Fall der Patient; wer arm ist und nicht privat zahlen kann, hat halt Pech gehabt. Dieser Trend muß sofort umgekehrt und mit dem angemessenen Aufbau neuer Kapazitäten an Pflegekapazitäten und Krankenhausbetten begonnen werden, weil Millionen von Menschen behandelt werden müssen, wenn es zu einer Pandemie kommt.
Wenn es zur Mutation des H5N1-Virus zu einem von Mensch zu Mensch übertragbaren Grippevirus kommt, bedarf es nach der Identifizierung des pandemischen Virus immer noch einer Vorlaufzeit, bis ein geeignetes Saatvirus entwickelt ist und ausreichende Mengen eines Impfstoffs produziert werden können. Bei der Impfstoffherstellung in bebrüteten Hühnereiern beträgt diese Vorlaufzeit selbst unter optimalen Bedingungen derzeit mindestens drei Monate. Daß heißt, alle notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen, was Herstellung und Verteilung betrifft, müssen jetzt abgeschlossen werden, um die Vorlaufzeit zu verkürzen, ausreichende Produktionskapazitäten aufzubauen und die baldmöglichste Versorgung mit einem wirksamen und sicheren Impfstoff sicherzustellen.
Aber wir müssen etwas noch sehr viel Grundsätzlicheres tun. Wir brauchen auf internationaler Ebene eine "Biologische Verteidigungsinitiative", d.h. ein umfassendes und tiefgehendes Crash-Programm zur Erforschung aller Krankheiten und Seuchen. Denn die WHO warnte schon kurz nach der Jahrhundertwende, daß nur noch ein Zeitfenster von etwa zehn Jahren bestünde, bevor aufgrund einer Kombination von alten und neuen Pandemien ein biologischer Holocaust drohe. Über die Hälfte dieses Zeitraums ist bereits verstrichen. Doch auch die WHO hat es bisher unterlassen, einen adäquaten Vorschlag zu machen, wie ein solches Szenario verhindert werden kann.
Wir brauchen ein biologisches Forschungsprogramm, das nicht von Symptomen und Kostendenken, sondern von der grundsätzlichen Frage ausgeht, was "Leben" überhaupt ist und wie es auf die bestmögliche Weise erhalten und gefördert werden kann. Dabei müssen wir von der ganzheitlichen Konzeption des Universums im Sinne des russischen Wissenschaftlers Wladimir Wernadskij ausgehen und den Zusammenhang von Bio- und Noosphäre untersuchen. Nur wenn wir von einer völlig neuen Fragestellung über das Leben ausgehen, können wir die notwendigen konzeptionellen Durchbrüche bei der Bekämpfung solcher Krankheiten wie AIDS, Krebs, MS und anderen Krankheiten erreichen, die heute als unheilbar oder relativ unheilbar gelten.
Dazu müssen wir völlig umdenken. Denn die drohende Influenza-Pandemie ist nur ein Symptom einer Fehlentwicklung, die schon vor rund 40 Jahren eingesetzt hat. Denn schon in den 60er Jahren wurden die Weichen systematisch in die falsche Richtung gestellt, weg von einer an Produktion und wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt orientierten Gesellschaft hin zu Spekulation und der Utopie einer nachindustriellen Dienstleistungsgesellschaft. Diese Fehlentwicklung hat in der Globalisierung und ihrer hemmungslosen Profitmaximierung ihren Höhe- bzw. Tiefpunkt gefunden. Pandemien gab es zwar vorher auch schon, aber nicht die den Pandemieverlauf beschleunigende und verschärfende Massennutztierhaltung und den Massentransport über viele Grenzen hinweg, wie es heute der Fall ist.
Dieser Paradigmenwandel in die falsche Richtung hat uns heute an einen Punkt gebracht, der mit dem Absturz der Menschheit in ein "dunkles Zeitalter" im 14. Jh. verglichen werden kann. Damals traf der Zusammenbruch der Bankhäuser Bardi und Peruzzi mit der Schwarzen Pest zusammen. Heute befindet sich das mit der Globalisierung verknüpfte Finanzsystem in der Endphase seines Zusammenbruchs und droht zu einem ähnlichen finsteren Zeitalter zu führen.
Aber noch ist es, hoffentlich, nicht zu spät. Wenn wir jetzt den politischen Willen mobilisieren und die notwendigen Crash-Programme verwirklichen, d.h. alle erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen, um das Leben und die Gesundheit der Menschheit zu verteidigen, gibt es eine berechtigte Hoffnung, daß wir die Krise überwinden bzw. minimieren können. Wir müssen den Menschen und das Gemeinwohl, nicht den Profit, in den Mittelpunkt von Wirtschaft, Politik und Forschung stellen, und dafür die erforderlichen finanziellen und personellen Mittel zur Verfügung stellen. Da nicht erwartet werden kann, daß die Privatfirmen und Banken dies tun werden, kann diese Initiative nur von den Regierungen ausgehen.
Die Errichtung eines neuen weltweiten Finanz- und Währungssystems, eines Neuen Bretton Woods, bildet die einzige Alternative zu völligem Chaos. Eine Notkonferenz auf der Ebene von Staats- und Regierungschefs (ähnlich wie 1944 unter dem Vorsitz von US-Präsident Franklin D. Roosevelt) muß eine Reorganisation des Weltfinanzsystems beschließen und Vereinbarungen über eine neue Finanzarchitektur treffen, die Kredite für die Realwirtschaft und die Belange des Gemeinwohls zur Verfügung stellt. Für eine solche Reorganisation setzt sich Lyndon LaRouche seit vielen Jahren ein, und in vielen Nationen der Welt gibt es dafür Unterstützung unter Parlamentariern und anderen Institutionen.
In dem Gedicht Belsazar von Heinrich Heine, dessen Tod sich in diesem Jahr zum 150. Male jährt, erscheint nach der Blasphemie des babylonischen Königs eine unheilverkündende Flammenschrift, das seither berüchtigte "Menetekel", an der Wand. Die Vogelgrippe ist ein solches Menetekel für uns. Aber wir brauchen keine Magier, um sie zu deuten. Wir müssen nur handeln.
Es geht nicht darum, Panik zu schüren, es geht auch nicht darum, ob die Fußballweltmeisterschaft stattfinden soll oder nicht, sondern darum, ob wir als menschliche Gattung in der Lage sind, notwendige Korrekturen unserer Politik und unseres Denkens und Handelns rechtzeitig vorzunehmen, wenn unsere Existenz von großen Gefahren bedroht ist.
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