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Aus der Neuen Solidarität Nr. 20/2006

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Von der Rohstoffinflation zur "großen Inflation"

Mit jedem Tag beschleunigt sich die Preissteigerung bei Rohstoffen. Dadurch wächst der Druck auf das Preisniveau insgesamt und die Inflationserwartung verstärkt sich. Die Folge: Noch mehr "Flucht in Sachwerte". Hinzu kommen Anzeichen für eine drastische Dollarabwertung.


Exponentielle Preissteigerungen
Sturm auf den Devisenmärkten

Als Lyndon LaRouche am 20. April 2006 die Preisexplosion bei Rohstoffen und Energie als die Schockfront einer hyperinflationären Dynamik bezeichnete, die nur mit der Hyperinflation des Jahres 1923 in Weimar-Deutschland zu vergleichen sei, erschien das selbst manchen, die das gegenwärtige Finanzsystem für nicht überlebensfähig halten, als "vielleicht doch etwas überzogen". Inbesondere, weil LaRouche weiter erklärte, diese exponentielle Inflationsrate werde im Herbst zu einem Systemkollaps führen, wenn es nicht bis dahin zu einer radikalen Reform des Weltfinanzsystem kommt.

Exponentielle Preissteigerungen

Was ist seit LaRouches Einschätzung und Prognose passiert? Mitte März 2006 lag der Goldpreis bei 550 Dollar, am 21. April lag er bei 635 Dollar und am 11. Mai wurden 728 Dollar erreicht. Der Goldpreis steuert auf sein bisheriges Rekordniveau von 850 Dollar in Jahre 1980 zu. Ähnliche Preissteigerungsraten wie bei Gold gelten auch für andere Edelmetalle wie Silber, Platin oder Palladium. Am 11. Mai kostete die Tonne Kupfer 8800 Dollar, Anfang April lag der Preis bei 6000 Dollar und Anfang des Jahres bei 4000 Dollar. Bei Zink, Nickel und Aluminium sind die Preissteigerungen ähnlich. An der Londoner Metallbörse (LME) lagen in der ersten Maihälfte die täglichen Preissteigerungen für Industriemetalle bei 2-5%!

Die Rohstoffspekulation wird im wesentlichen von der Liquiditätsschwemme auf den Finanzmärkten gespeist. Diese Geldschwemme ist das Ergebnis der "Greenspan-Ära", in der die Zentralbanken - insbesondere nach 2001 - eine extreme Niedrigzinspolitik gefahren haben. Das von ihnen bereitgestellte Geld floß aber nicht in Investitionen in die Realwirtschaft, sondern in die Finanz- und Rohstoffspekulation, die Immobilienblase und in immer mehr und immer teuere Firmenübernahmen.

Die Spekulanten wissen, daß die Zentralbanken in einem Dilemma gefangen sind. Zwar haben die Zentralbanken in den letzten Monaten die Zinsschraube vorsichtig angezogen und angedeutet, dies auch weiterhin zu tun, aber es scheint, daß sie bereits Angst vor der eigenen Courage bekommen haben. Die widersprüchlichen Äußerungen des neuen Federal Reserve-Chefs Ben Bernanke in den vergangen Wochen lassen darauf schließen. Deutlich höhere Zinsen würden die Immobilienblase in den USA, aber auch in vielen europäischen Ländern zum Platzen bringen - mit verheerenden Folgen für das Finanzsystem und Millionen überschuldete Haushalte. Das will man unbedingt vermeiden, aber die Inflationierung der Rohstoff- und Energiepreise drückt immer stärker das Preisniveau von Fertiggütern nach oben. Die bislang auf Vermögenswerte und Rohstoffe eingegrenzte Inflationsdynamik "bricht aus" und erfaßt immer mehr die Gesamtheit der Preise von Gütern und Dienstleistungen. Die immer deutlicher absehbare "große Inflation" verstärkt wiederum die "Flucht in Sachwerte" - ein Teufelkreis.

Sturm auf den Devisenmärkten

Die zunehmende Inflationserwartung und die "Flucht in Sachwerte" macht nun auch die Großanleger in Vermögenswerte immer nervöser, denn mit der Inflation werden Vermögenswerte buchstäblich "aufgefressen". Das gilt vor allem für die Anlagen asiatischer Großanleger - besonders der Zentralbanken Chinas, Japans und anderer südostasiatischer Staaten - in den Vereinigten Staaten. Die Asiaten finanzieren das gigantische Zahlungsbilanzdefizit der USA - mehr als 800 Milliarden Dollar allein 2005.

Diese Ängste asiatischer Großanleger werden dadurch verschärft, daß es in den USA einflußreiche politische und finanzielle Kräfte gibt, die die Chance wittern, im Umfeld weltweiter Inflation die gigantische Außenschuld der USA "wegzuinflationieren". Konkret hieße das, den Dollar drastisch abzuwerten.

Das Stichwort dazu gab letzte Woche Martin Feldstein in einem Beitrag des Wall Street Journal, in dem er einen "konkurrenzfähigen" Wechselkurs des Dollar verlangte. Feldstein war als Nachfolger Greenspans im Gespräch und wird als möglicher Nachfolger des gegenwärtigen US-Finanzministers John Snow genannt. Feldstein argumentiert, daß dem amerikanischen Handels- und Zahlungsbilanzdefizit nur durch eine drastische Dollarabwertung begegnet werden kann, die Importe entsprechend verteuert und die US-Exporte billiger und international konkurrenzfähiger mache. Er verweist auf die Dollarabwertung von 40% in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Der besondere Clou seiner Argumentation ist, daß eine Dollarabwertung zusätzlich die US-Außenschuld reduziert, denn diese Verschuldung an Ausländer besteht nicht in Fremdwährungen, sondern in US-Dollar. Bei anderen Ländern bedeutet die Abwertung der eigenen Währung, die Erhöhung der Außenschulden, die ja mit den Fremdwährungen der Kreditgeber bedient werden müssen.

Man kann sich leicht vorstellen, was eine 40prozentige Abwertung ihrer Währungsreserven - ganz überwiegend US-Dollars - für die asiatischen Staaten bedeutet. Und diese Dollarwährungsreserven sind überwiegend in den US-Finanzmärkten angelegt. Auch wenn man hier betonen muß, daß über eine Dollarabwertung in den USA noch keine Entscheidung gefallen ist, so ist schon die Debatte darüber - selbst wenn sie meist noch hinter den Kulissen stattfindet - Anlaß genug, daß nicht nur in Asien die Alarmglocken läuten.

Dies ist auch der Hintergrund für die scharfen Auseinandersetzungen auf der Jahrestagung der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) im indischen Hyderabad Anfang Mai. Offensichtlich auf Feldsteins Artikel im Wall Street Journal Bezug nehmend, empörte sich der chinesische stellv. Finanzminister Yong Li über "Gerüchte", daß der US-Dollar um 25% abgewertet werden solle. Wenn es dazu käme, werde das "schockierende Konsequenzen" haben. Ähnlich äußerte sich der japanische Finanzminister Tanigaki, der meinte, drastische "Wechselkursveränderungen" würden einen "Schlag für die Weltfinanzmärkte" bedeuten. Und am 12. Mai sagte er, Japan befinde sich "im Alarmzustand" bezüglich "rasanter Veränderungen" auf den Devisenmärkten. In den vergangenen sechs Wochen wurde der Dollar gegenüber dem Yen bereits um 5% abgewertet. Anfang April stand der Euro/Dollar-Wechselkurs noch bei 1,20, jetzt steht er bei 1,29.

In diesem Zusammenhang muß auch erwähnt werden, daß der russische Präsident Putin am 10. Mai ankündigte, am 1. Juli werde der Rubel konvertibel gemacht werden, damit russische Rohstoff- und Energieexporte in Rubel und nicht in Fremdwährungen - sprich Dollar - abgewickelt werden können. Auch andere ölexportierende Länder - im arabischen Raum und der Iran - wollen ihre Energieexporte nicht länger nur in US-Dollar abwickeln.

Martin Wolf von der Financial Times, der bei der Tagung der Asiatischen Entwicklungsbank in Hyderabad anwesend war, fühlte sich dort an die "verheerenden Folgen" der Zerstörung des Bretton-Woods-Weltwährungssystems 1971 erinnert. Da hat er recht: Das Post-Bretton-Woods-Weltfinanzsystem der letzten 35 Jahre fällt in der Tat auseinander. In dessen Rahmen führt jedes Manöver, ein schwerwiegendes Problem anzugehen, nur dazu, daß andere schwerwiegende Probleme nur noch weiter verschärft werden. Das Problem sind nicht die Probleme im System, sondern das System selbst. Es führt eben kein Weg an LaRouches Ansatz eines Neuen Bretton Woods vorbei.

Michael Liebig

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Hyperinflation wie in Weimar 1923 - Neue Solidarität Nr. 18/2006
"Die Weltfinanzkrise ist lösbar" - Neue Solidarität Nr. 19/2006

 

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