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Aus der Neuen Solidarität Nr. 20/2006

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Defizite als Kapitalgewinne:
Wie man Investitionskapital für einen Aufschwung schafft

2. Der Preis hat nichts zu sagen!a

Von Lyndon LaRouche

Diese grundlegende wirtschaftstheoretische Schrift entstand im Dezember 2005. Wir veröffentlichen sie in mehreren Teilen. Es folgt der erste Teil des 2. Kapitels.

Einleitung
1. Die Grundlage eines staatlichen Kapitalhaushalts
2. Der Preis hat nichts zu sagen!
3. Das jetzt benötigte Sofortprogramm
4. Die Biosphäre über einen langen Zeitraum


Wir brauchen einen neuen Ansatz
Freiheit und Notwendigkeit heute


Das Problem ist, daß kein heute lebender Buchhalter und nur sehr wenige unter denen, die sich Wirtschaftswissenschaftler nennen, überhaupt wissen, was eine Volkswirtschaft in wissenschaftlich zweckmäßigen Begriffen ist. Zugegeben, eine sorgfältige Finanzbuchhaltung ist nötig, aber sie hat praktisch keine unabhängige Sachkompetenz im Gebiet der Ökonomie. Mit anderen Worten, entgegen den heutigen Spielarten europäischer monetaristischer Dogmen hat Geld an sich keinerlei Einfluß auf die Bestimmung des funktionellen Maßstabs von wirtschaftlichem Wert und kann es auch nie haben. Man kann denselben Punkt auch anders ausdrücken: "Der Preis hat nichts zu sagen!"a

Um diesen Unterschied in technische Begriffen zu fassen: Reale wirtschaftliche Vorgänge sind im wesentlichen physikalische Abläufe und nicht die vermeintlichen monetären Abläufe, als die sie der Buchhalter und heutzutage leider auch die meisten Ökonomen behandeln. Diese vorherrschende Unkenntnis der eigentlichen ontologischen Beschaffenheit der Wirtschaft ist weitgehend verantwortlich dafür, daß eine fast massenselbstmörderische Torheit um sich greifen konnte, die in den meisten wichtigen Veränderungen der Wirtschaftspolitik speziell der Vereinigten Staaten in den letzten beinahe vier Jahrzehnten zum Ausdruck kam.

Die Hauptschwierigkeit besteht darin, daß der größte Teil der angewandten Wirtschaftsanalyse wie die zeitgenössische statistische Finanzanalyse von einer wissenschaftlich inkompetenten Methodik ausgeht - einer kartesischen Methode reduktionistischen Denkens - , wohingegen tatsächliche wirtschaftliche Vorgänge physikalisch und dynamisch sind, in dem Sinne, wie Leibniz diese Begriffe verstand. Da sie folglich vom Ansatz und von der Methode her anti-kartesisch sind, ist jeder Versuch, wirtschaftliche Vorgänge in den statistischen Begriffen der typischen empiristischen Praxis von heute darzustellen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Ein Beispiel: Wer diese heute leider weithin bevorzugte inkompetente Methode der statistischen Prognose übernimmt, wird versuchen, den Zeitpunkt eines bestimmten Ereignisses vorauszusagen - aber im wahren Leben machen freier Wille und andere Verwicklungen der wirtschaftlichen und damit zusammenhängenden Abläufe solche simplistischen Vorhersagen des kartesischen Typs in der Regel unmöglich. Im wahren Leben vollziehen sich die wichtigsten Arten voraussehbarer Veränderungen nicht als mechanisch vorherbestimmte Ereignisse, sondern als entscheidende Phasenwechsel in der dynamischen Konstellation eines Vorgangs, als eine qualitative Veränderung bei der Auswahl des Zieles, auf das zugestrebt wird.

Entsprechend habe ich diesen Punkt bei meinen eigenen Voraussagen wiederholt erfolgreich demonstriert; sie waren, soweit sie gehen, im Vergleich das beste Muster an Weitblick, das der Öffentlichkeit in den letzten vier Jahrzehnten zur Verfügung stand. Im wahren Leben drohen die nachäfferischen Ähnlichkeiten unter den mathematischen Vorhersagemethoden, wie sie die Hedgefonds gegenwärtig verwenden, diese alle gleichzeitig zu Fall zu bringen - was, genau wie bei den damit zusammenhängenden hypothekengestützten Wertpapierblasen, bald der Fall sein muß.

Noch einmal: Die kompetente Wirtschaftsprognose behandelt wirtschaftliche Vorgänge als etwas Dynamisches, wie ich es tue, nicht als etwas statistisch Systematisches. Das ist der Hauptgrund, warum die meisten meiner angeblichen Fachkonkurrenten so durchgängig versagt haben. Sie sind gescheitert, weil sie die Wirtschaft mechanisch, mit reduktionistischen Begriffen behandelten und somit nicht fähig waren, die Dynamik zu erfassen (statt der quasi kartesischen Methoden, deren Einfluß die Gefahren, die der amerikanischen Wirtschaft und Weltwirtschaft heute drohen, genährt hat).

Die richtige Aufgabe und nützliche Funktion der Finanzbuchhaltung ist jedenfalls die eines Werkzeugs für einen begrenzten Einsatz. Ordentliche Buchhaltung ist als bloß untergeordneter Aspekt administrativer Tätigkeiten zu definieren, richtig ist sie in die Rubrik "Regulierungsmaßnahmen" einzuordnen. Das Währungssystem der festen Wechselkurse, wie es im ursprünglichen Bretton-Woods-System unter der Leitung der Administration von US-Präsident Franklin Roosevelt geschaffen wurde, ist ein Beispiel für die unerläßlichen Regulierungsmaßnahmen, die über der Finanzbuchhaltung stehen und deren Ausführung bestimmen müssen. Auf solche und ähnliche Weise gilt es auch, den Gebrauch von Geld bei den täglichen Abläufen im Wirtschaftsprozeß zu regeln. Der angemessene Hauptzweck der Finanzbuchhaltung besteht darin, dazu beizutragen, eine unverzichtbare temporäre lokale Übereinstimmung bei der Umsetzung von Regulierungsmaßnahmen zu gewährleisten. Solche Regulierungsmaßnahmen zielen wiederum darauf ab, die verschiedenen Kategorien physischer Transaktionen innerhalb des Wirtschaftsprozesses so auszurichten, daß sie den beabsichtigten Auswirkungen der gesetzmäßigen wirtschaftlichen Regulierungsmaßnahmen entsprechen und nicht bloß finanzbuchhalterischen Vorgaben folgen.

Daher muß die Finanzbuchhaltung in der Praxis nicht nur äußerlich mit der realwirtschaftlichen Absicht der Regulierungspolitik der Regierung übereinstimmen; ihre Ausführung muß vom Verständnis und der Zustimmung zu dem der Absicht zugrundeliegenden Prinzip geleitet sein. Der Bürger kann zwar mit seinem Geld machen, was er will, aber mit der Einschränkung, daß dies der verfassungsmäßigen Absicht, die der gesetzmäßigen Schaffung und Zirkulation von Geld von seiten der Regierung zugrundeliegt, nicht zuwiderläuft. Die geltenden Regulierungsvorgaben dürfen nicht verletzt werden.

In der Volkswirtschaft eines modernen Nationalstaats, die frei ist von den giftigen venezianischen Wuchermethoden, darf Geld unter dem Naturrecht nur dann rechtsmäßig existieren, wenn die souveräne nationalstaatliche Republik es schafft, es besitzt und für es verantwortlich ist. Jedoch die Regierung muß darin dem ganzen Volk Rechenschaft abgeben, indem ein repräsentatives Regierungssystem sich dazu verpflichtet, alle Überlegungen dem obersten Verfassungsprinzip unterzuordnen: der Förderung des Gemeinwohls aller lebenden Generationen und deren Nachkommen.

Das Volk muß daher die politische Aufsicht über dieses Geld ausüben, und dieses Geld ist nicht das Eigentum des einzelnen Besitzers, sondern gehört der Regierung, die das ganze Volk repräsentiert. Eine kompetente Urteilsfähigkeit des Volkswillens in dieser Frage muß sich aus dem obersten Verfassungsprinzip aller neuzeitlichen europäischen souveränen Nationalstaaten definieren, der Gemeinwohlverpflichtung des souveränen Nationalstaates: ein Staat und seine Bevölkerung, die dem Gemeinwohl gegenwärtiger und zukünftiger Generationen dienen. Geld hat in einer wahren modernen Zivilisation keine legitime, naturrechtliche Existenzberechtigung außer dieser einen: wenn es von der Regierung als ein Hilfsmittel geschaffen und benutzt wird, um das Gemeinwohl gegenwärtiger und zukünftiger Generationen zu befördern.

Hier handelt es sich nicht um eine willkürliche Bestimmung aus dem positiven Recht; Regulierung, insoweit sie mit dem grundsätzlichen Verfassungsprinzip der modernen souveränen Form des Nationalstaats übereinstimmt - dem Gemeinwohl als höchstem Prinzip der Republik, d.h. der Beförderung der allgemeinen Wohlfahrt der Lebenden und ihrer Nachkommen - , ist die charakteristische Einschränkung, die den modernen zivilisierten Nationalstaat überall und in jeder Form, bei allen nationalen Kulturen der Vergangenheit oder denen der Gegenwart, ausmacht.3

Ontologisch, als physikalische Vorgänge, müssen realwirtschaftliche Prozesse so dargestellt werden, wie Gottfried Leibniz dies tat, indem er den dynamischen Charakter der grundlegenden Prinzipien einer modernen Wissenschaft der physikalischen Ökonomie festlegte - im Gegensatz zum britischen System und Karl Marx, die ein antidynamisches, mechanistisches System des kartesischen Typs errichteten. Dynamik ist auch in dem Sinne zu verstehen, wie zum Beispiel W.I. Wernadskij 1935-36 diesen Begriff benutzte, um das allgemeine Charakteristikum lebender Vorgänge zu definieren.4 Diese ontologischen Unterscheidungen sind von ihrem Charakter her vergleichbar mit Carl F. Gauß' Entlarvung der entscheidenden wissenschaftlichen Inkompetenz von Euler und Lagrange in seiner 1799 veröffentlichten Dissertation über den später von ihm so bezeichneten "Fundamentalsatz der Algebra".5

Wir brauchen einen neuen Ansatz

Heute reicht jedoch eine Herangehensweise wie in früheren Jahrhunderten der Neuzeit nicht mehr aus. Unter den Bedingungen einer modernen Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts und darüber hinaus, mit gegenwärtig über sechs Milliarden lebenden Individuen auf diesem Planeten, und in Anbetracht der Geschwindigkeit, mit der wir zunehmend auf relativ schwache Rohstoffe als Ausgangsmaterial für die Produktion angewiesen sind, muß man Wirtschaft mit dem Maßstab betrachten, den Wernadskij für die Biosphäre und Noosphäre aufgestellt hat. Das heißt, wir müssen unter die Produktionskosten nun auch die physischen Kosten für den Erhalt eines weltweiten Potentialausgleichs der relativen Kosten der Anstrengungen des Menschen bei der Verwendung sog. "Rohstoffe" rechnen, sowie hinsichtlich der Entwicklung der wirtschaftlichen Grundinfrastruktur zur Versorgung der Besiedlung und Produktion der Bevölkerung der Nationen.

Woran sich seit Beginn der Existenz der Menschheit auf unserem Planeten nicht viel geändert hat, ist, daß das Potential für das Weiterbestehen der Gesellschaft schon immer davon abhing, das qualitative Niveau der Produktivität der ganzen menschlichen Gattung pro Kopf und km2 des gesamten Territoriums zu erhöhen. Diese Leistung setzte immer voraus, daß die Kräfte des menschlichen Geistes zum Ausdruck kamen, die es in niedrigeren Formen des Lebens, auch z.B. bei den Menschenaffen, nicht gibt: das Vermögen, ein universelles Naturprinzip zu entdecken und anzuwenden - entweder in der Form eines physikalischen Gesetzes oder als vergleichbares Prinzip klassischer Komposition in der Kunst.

Folglich ist das, was oft als "die traditionelle Lebensweise" einer Gesellschaft bezeichnet wird, per Definition eine Form von Kultur, die sich selbst zum Untergang verurteilt. Nur eine Gesellschaft, die entschlossen ist, die Produktivkraft der gesamten Bevölkerung pro Kopf auf Ordnungen höherer Prinzipien anzuheben, indem man Entdeckungen universeller Naturprinzipien anwendet, kann auf Dauer gedeihen. Die Menschheit überlebt als Gattung nur durch Fortschritte der praktischen Anwendung entdeckter universeller wissenschaftlicher Prinzipien, die die Nettoproduktivität der Arbeitskraft pro Kopf so heben, daß es gegenüber den Abnutzungskräften der geringfügigen Erschöpfung der jeweils reichsten natürlichen Rohstoffe überwiegt.

Wenn man diese Erwägung auf den gegenwärtigen und absehbaren zukünftigen Zustand der Weltgemeinschaft anwendet, sind wir genötigt, die wirtschaftliche Funktion souveräner Nationalstaaten qualitativ strenger zu beurteilen, als es frühere Abschnitte der Neuzeit zuließen.

Betrachten wir beispielsweise Bevölkerungsstruktur und Lebensstandard in Asiatien, so sind wir in den exemplarischen Fällen Indiens und Chinas mit Situationen konfrontiert, wo die scheinbare Konkurrenzfähigkeit dieser Volkswirtschaften im gegenwärtigen "globalisierten" Welthandel davon abhängt, daß etwa 70% der Bevölkerung und entsprechend weite Landesteile in Not und Armut gehalten werden. Um den Lebensstandards Asiens auf ein Maß anzuheben, das für stabile Volkswirtschaften und Regierungssysteme für die nächsten beiden Generationen und danach nötig ist, brauchen wir einen radikalen Anstieg des herrschenden Lebensstandards und der realen Produktivität geben, sowohl pro Kopf als auch pro km2. Dies bedeutet unter anderem, daß der Pro-Kopf-Verbrauch sogenannter Rohstoffe wie auch die damit einhergehende Notwendigkeit sowohl extensiver wie intensiver qualitativer Verbesserungen der allgemeinen und besonderen Umwelt relativ stark steigt.

Diese unmittelbar voraussehbaren Erfordernisse bedeuten, daß weltweit die relativen Kosten für Rohstoffe stark ansteigen werden, wenn man die Rohstoffkosten zugrundelegt, die das gegenwärtig vorherrschende Niveau realer Produktivität pro Kopf und km2 definiert. Der Kostenanstieg wäre untragbar, wenn die gesellschaftlichen Kosten pro Kopf nicht durch aufeinanderfolgende Sprünge bei den angewandten wissenschaftlichen Technologien herabgedrückt werden. Will sagen, wenn diese Kosten pro Kopf nicht auf einen wesentlich geringeren Anteil als die bisher gemessenen physischen Aufwendungen pro Kopf und pro km2 gesenkt werden.

Diese Notwendigkeit erfordert eine starke Betonung auf Wirtschaftsplanung - aber das bedeutet nicht "marxistische Planwirtschaft". Zum Beispiel ist das marxistische System, wie Marx und die Marxisten allgemein selbst immer betont haben, eine Ableitung vom britischen System der politischen Ökonomie. Die Marxisten - wie im britischen System selbst - verstehen im allgemeinen nicht, welche Rate realen Profits der heutige Zustand der Weltbevölkerung erfordert.6 Sie verstehen nicht, daß es der geistige Fortschritt ist, herbeigeführt durch die subjektiven Beiträge einzelner, schöpferischer Individuen, welcher die steigenden Produktivitätsraten wissenschaftlich-technischen Fortschritts hervorruft, von denen die Erzielung einer wirklichen Gewinnspanne der Produktion abhängt. Wir müssen daher nun zu der naturwissenschaftlichen Wirtschaftswissenschaft zurückkehren, wie sie der Wissenschaftler Gottfried Leibniz definierte, die der Entwicklung des amerikanischen Systems der politischen Ökonomie des amerikanischen Finanzministers Alexander Hamilton und anderer zugrundelag.7

Freiheit und Notwendigkeit heute

Der einzelne Mensch und die Gesellschaft, der er angehört, sind auf zwei qualitativ verschiedene, doch gegenseitig von einander abhängige Weisen miteinander verbunden. Das Individuum ist durch die charakteristischen Zeitumstände und die jeweilige Entwicklungsphase einer Gesellschaft bedingt; aber die Gesellschaft ist für ihren Fortbestand auf die Entwicklung angewiesen, die ausschließlich von den völlig souveränen schöpferischen Kräften des individuellen Geistes stammt. Es sind die Kräfte, von denen fehlgeleitete moderne Mathematikern wie Euler, Lagrange und ihre Anhänger, wozu auch die radikalen Empiriker der heutigen Zeit gehören, nachdrücklich behaupteten, sie existierten überhaupt nicht. Auf diese Weise verbinden sich die Gesellschaft als Ganzes einerseits und die schöpferischen Geisteskräfte, die nicht in der Gesellschaft an sich, sondern ontologisch nur in der einzelnen Person vorhanden sind, um als verschiedene, aber gegenseitig voneinander abhängende, aufeinander wirkende Kräfte ein gemeinsames Ergebnis hervorzubringen, das man Geschichte nennt.

Der erfolgreiche Fortbestand jeglicher Kultur beruht auf den revolutionären kulturellen Veränderungen, welche nur durch die Schöpferkraft bedeutender einzelner Personen hervorgerufen werden. Durch die Übermittlung solcher kreativer Entdeckungen von ihren Entdeckern an andere Menschen - beispielsweise im unerläßlichen Maschinen- und Anlagenbau als Wissenschaftsmotor innerhalb der Luftfahrt- und Automobilindustrie - entsteht wirtschaftlicher Fortschritt. Dazu braucht man unbedingt Entdeckungen z.B. universeller Naturprinzipien sowie der strengen Formen klassischer Kunst, die auf klassischen Kompositionsprinzipien und Absichten beruhen. Solche Entdeckungen, wie sie mit den antiken Pythagoräern der griechischen Kultur in Verbindung gebracht und von ihnen verkörpert wurden, verwandeln die Gesellschaft, indem sie diese auf eine höhere Daseinsstufe heben.

Nur die entsprechend entwickelten Erkenntniskräfte im menschlichen Individuum können den Vorgang der Entdeckung eines universellen Naturgesetzes experimentell nachweisbarer Art - ein Prinzip des Universums - finden und nachvollziehen. In der Anwendung dieser Entdeckungen, und nur darin, zeigt sich der Unterschied zwischen dem menschlichen Individuum und den Tieren; nur wenn der Mensch diese Prinzipien entdeckt und benutzt, erhebt er sich kulturell - oder wem das lieber ist, wirtschaftlich - über den Zustand von Schweinen und Affen.

Die Menschheit, wie sie sich in der Zugehörigkeit zur Gesellschaft äußert, ist davon abhängig, das relative Niveau der Anwendung der vorhandenen Entdeckungen universeller Naturprinzipien heben; aber eine Gesellschaft kann nur dann in zivilisierter Form bestehen, wenn sie sich die zusätzlichen Entdeckungen universeller physikalischer und künstlerischer Prinzipien zunutzemacht, die ausschließlich von den souveränen Kräften des individuellen menschlichen Geistes hervorgerufen werden können.8

Die wahrhaft wissenschaftliche und klassisch-künstlerische Methode der Entdeckung neuer Prinzipien beschreibt und bezeichnet auch die Führungsqualitäten einzelner in der Staatskunst; auf demselben Prinzip der Schöpferkraft, das von den griechischen Pythagoräern, Platon und anderen Antireduktionisten bewiesen wurde, beruht der Fortschritt der Menschheit und wird es als universelles Prinzip auch immer tun.9

Die Vorstellung einer souveränen, nationalen verfassungsrechtlichen Ordnung, die sich vom Naturrecht ableitet, muß auf dieser universellen Ordnung natürlicher Unterscheidungen beruhen, die im ganzen das universelle Naturrecht bildet. Die Vorstellung dieses Verhältnisses wird entsprechend zusammengefaßt in dem Ausdruck Agape aus dem klassischen Griechisch in Platons Staat, das ebenfalls als Prinzip des Agape im 1. Korintherbrief 13 des christlichen Apostels Paulus erscheint. Im modernen europäischen Naturrecht nennt man es das Prinzip des Gemeinwohls, auf dem seit der Concordantia catholica und De docta ignorantia des Nikolaus von Kues die Existenz des souveränen Nationalstaats beruht. Nach diesem Grundsatz entstanden die ersten modernen Nationalstaaten, die Commonwealth- oder Gemeinwohlgesellschaften von Frankreich unter Ludwig XI. und England unter Heinrich VII. Und auf diesem Prinzip des universellen Naturrechts beruht auch die ganze amerikanische Verfassung, zusammengefaßt in der Präambel im Prinzip des Gemeinwohls unter der Bezeichnung general welfare.

Obwohl dieses Prinzip uralt ist, beinhaltet es gewisse universelle, aber derzeit wenig bekannte wissenschaftliche Prinzipien, die von Bedeutung sind, wenn wir jetzt diese Reihe funktioneller Beziehungen, wie sie das Gemeinwohlprinzip des Naturrechts definiert, in moderner Form anwenden wollen. Dies habe ich in früheren Schriften zusammengefaßt und erörtert. Um keinen intelligenten Leser links liegen zu lassen, fasse ich hier die wesentlichen Konzeptionen zusammen.

Die von W.I. Wernadskij vorgestellten Entdeckungen teilen das uns Erdenmenschen bekannte physische Universum in drei voneinander unabhängige, aber in Wechselbeziehung stehende Prinzipien auf. Dafür stehen, in aufsteigender Rangordnung: erstens der experimentelle Bereich nichtlebender Vorgänge; zweitens der Bereich der nichtmenschlichen lebenden Prozesse, die Biosphäre; und drittens der Bereich der höheren lebenden Prozesse, den er als Noosphäre bezeichnete. Die Biosphäre verbraucht Material, das sie aus dem auswählt, was die experimentelle Methode als nichtlebenden Bereich definiert, schafft jedoch nichtlebende fossile Überreste, die sich vom Produkt nichtlebender Prozesse qualitativ unterscheiden. Die Noosphäre - das Wirken der menschlichen Erkenntnis - verwendet Materialien der Biosphäre und Überreste des vor-biologischen Bereichs, erzeugt jedoch eigene fossile Hinterlassenschaften, die sich von den fossilen Resten der Biosphäre qualitativ, wirkungsmäßig unterscheiden. Im Verhältnis der drei Bereiche untereinander nimmt der prozentuale Anteil der Biosphäre an der Erdmasse zu, und die Noosphäre wächst im Verhältnis zum nichtlebenden Bereich und zur Biosphäre.

Das heißt, daß die Biosphäre das Wirken eines Prinzips widerspiegelt, das in den Vorgängen aus dem nichtlebenden Bereich nicht vorkommt. Nur Leben kann Leben erzeugen. Die Noosphäre spiegelt das Wirken eines Prinzips wider, das sonst nicht in der Biosphäre existiert, das Prinzip der individuellen menschlichen Erkenntnis. Dieses Prinzip individuellen menschlichen Wirkens, das sich in der Entdeckung eines experimentell beweisbaren universellen Naturprinzips ausdrückt, ist die Eigenschaft, die die menschliche Gattung grundsätzlich von niedrigeren Lebensformen unterscheidet. So wie nur das Leben Leben hervorbringen kann, so kann auch nur die Erkenntniskraft, ein Prinzip, das anders ist als das übrige Leben, Erkenntnis schaffen. Dies schließt ein, daß schon ein einziges kurzes Zusammenwirken jedes dieser zwei Grundprinzipien ausreichte, den entsprechenden Entwicklungsvorgang in Bewegung zu setzen.

Diese drei Prinzipien wirken dynamisch aufeinander ein, sind aber nichtsdestoweniger jeweils verschieden und von ihrem Wesen her voneinander unabhängig.

Diese drei entdeckten universellen Naturprinzipien, so wie Keplers einzigartige Entdeckung der allgemeinen Gravitation, sind in ihrer Wirkung im Universum bewiesen. Daraus wissen wir, wie es auch Albert Einstein tat: Weil das Universum das Prinzip der Schöpfung verkörpert, ist es mathematisch endlich und nicht durch Grenzen außerhalb seiner selbst beschränkt. Um Einsteins Satz umzuformulieren, wie ich es für die Wirtschaftswissenschaft getan habe: das Universum ist endlich und durch sich selbst begrenzt, quasi durch die Persönlichkeit eines universellen Schöpfers, dessen willentliche Schöpfung das Universum abgrenzt. Diese willentliche Schöpfung kann der einzelne Mensch nachahmen.10 Wir finden hier also wieder die Idee, daß der Mensch als Ebenbild des Schöpfers geschaffen wurde.

Daraus ergibt sich das Prinzip der fortdauernden Wirksamkeit der schöpferischen Kräfte des Schöpfers, wie Philo von Alexandria dies gegenüber den Aristotelikern seiner Zeit klargestellt hat. Ein kundiger Rabbi würde es vielleicht so ausdrücken, ähnlich wie Philo von Alexandria es damals gesagt haben mag: Gott wird den Messias senden, wenn Er sich dazu entscheidet, und nicht weil irgendein armer ignoranter Bursche mit irgendeinem Stück Papier in der Hand ankommt und ruft: "Ich habe einen Vertrag mit Gott!" So viel dazu, was sich solche bedauernswerten Leute als vorherbestimmten Zeitplan der Geschichte vorstellen. Man sollte hinzufügen, daß die meiste Arbeit, die ignorante Menschen vom Schöpfer verlangen, Arbeiten sind, mit denen der Schöpfer uns beauftragt hat.

Ein Wort zu den bedauernswerten Leutchen, die mit wirrem Gesichtsausdruck herumrennen: "Ich habe eine Garantie, Jesus wird meine Hypothek bezahlen!" Sie wären besser beraten, sich einmal zu überlegen, was Gott von ihnen erwartet, wenn sie auf Seine Gnade hoffen. Es ist an der Zeit, daß diese Jammerlappen endlich einmal erwachsen werden und ihre Verantwortung für das Wohlergehen der Menschheit und unseres Planeten erfüllen. Wie das Evangelium vorschreibt: Diese Heulsusen sollen endlich einmal zeigen, was sie in der Hinsicht mit den ihnen geliehenen Talenten vollbracht haben!

Da ein solches offenbares Verhältnis zwischen den schöpferischen Kräften und Pflichten der Menschheit und dem Schöpfer ontologisch gesichert existiert, könnte man ontologisch von einer "vierten Dimension" sprechen, über den nichtlebenden Bereich, die Biosphäre und die Noosphäre hinaus. Nachdem soviel gesagt ist, überlassen wir die weitere Darlegung des Gedankenganges zu diesem "vierten Bereich" den Theologen (den großartigen Theologen Platon eingeschlossen) und wenden unsere Aufmerksamkeit hier den relevanten, darin eingeschlossenen Prinzipien der Ökonomie zu.

Die eben skizzierten Erwägungen ergeben eine Übereinstimmung zwischen den Begriffen der menschlichen Freiheit und der Wahrheit. Wahrheit zeichnet sich dadurch aus, daß sie nur dann existiert, wenn sie sich genauso ausdrückt, wie die Experimentalphysik ein im Versuch beweisbares universelles Naturprinzip definiert. Dem begegnet man wie in den Naturwissenschaften auch in den klassischen Formen künstlerischer Komposition. Der Akt der Entdeckung eines universell gültigen Naturprinzips drückt beispielhaft aus, was das Wort "Wahrheit" bedeuten sollte.

Anders ausgedrückt, die experimentelle Entdeckung eines wirksamen universellen Naturprinzips ist das Musterbeispiel für die Definition dessen, was Wahrheit ist. Die Erklärung, man meine etwas ehrlich, rechtfertigt keine Lüge, auch wenn sie noch so verbreitet ist. Die Anwendung nachgewiesener Entdeckungen von Prinzipien - wie bei der durch Wissenschaft vorangetriebenen Entwicklung der produktiven Arbeitskraft - veranschaulicht, was es heißt, sich der Wahrheit gemäß zu verhalten. Dieses Prinzip der Wahrhaftigkeit zurückzuweisen oder ihm auszuweichen, wie es die Existentialisten Theodor Adorno und Hannah Arendt taten, ist ein Werk von Lügnern.

Jede kompetente Wirtschaftswissenschaft muß daher den Schwerpunkt auf revolutionäre Verbesserungen der angewandten Prinzipien legen und alle anderen Tätigkeiten in diesem Zusammenhang als zweitrangige Ableitungen ansehen, nicht als bestimmende Eigenschaften der fraglichen Volkswirtschaft. Ansonsten wäre Wirtschaftswissenschaft bloß ein weiteres Studienfach im Gebiet der Tierökologie. In der Tat ist das Problem, daß bei dem heute vorherrschenden wissenschaftlichen Analphabetismus stillschweigend davon ausgegangen wird - auch der typische heutige Buchhalter wird das tun - , Wirtschaft sei nur eine Variante der tierischen Verhaltensforschung.

Dagegen gingen meine eigenen Entdeckungen auf dem Gebiet der Leibnizschen naturwissenschaftlichen Wirtschaftswissenschaft davon aus, sowohl die euklidische Geometrie als auch die verwandten Lehren der kartesischen Mathematik für die Physik abzulehnen. Ich gründete meine Arbeit auf die Erkenntnis, daß meine eigenen Entdeckungen im Lehrgebäude der angewandten Naturwissenschaft mit dem Werk Bernhard Riemanns zusammenfielen.

Die Menschheit ist eine Gattung, die sich willentlich selbst entwickelt; man könnte sie auch als eine Gattung beschreiben, die durch die Kraft ihres kognitiven Willens eine qualitative evolutionäre Aufwärtsentwicklung durchläuft, indem sie ständig neue universelle Naturprinzipien entdeckt und anwendet. Durch diese Prinzipien stützt sich die potentielle Fähigkeit der Menschheit, so zu leben, wie es ihrer Natur entspricht, praktisch darauf, daß sie willentlich eine immer höhere Gattung wird.

Diese Sicht, daß der Mensch willentlich eine höhere Evolution seiner Gattung herbeiführen kann, können wir heute in der Geschichte der europäischen Zivilisation zurückverfolgen bis ins antike Griechenland von Thales, der Pythagoräer, Solon von Athen, Sokrates und Platon. Allerdings beruht die Methode der naturwissenschaftlichen Untersuchung, mit der diese Vorfahren ihre dauerhaften Beiträge zum menschlichen Wissen schufen, nur auf dem, was man Sphärik nennt - nicht auf der vergleichsweise heruntergekommenen Form, die man Euklidische Geometrie nennt.

Diese Methode der Sphärik, die das Prinzip der schöpferischen Entdeckung universeller Prinzipien unmittelbar anspricht, geht zurück auf die antiken ägyptischen Vorfahren jener Griechen, die diese Methode ausgehend von der Erkundung des astrophysikalischen Bereichs entwickelten. Das Prinzip, das in der Sphärik zum Ausdruck kommt - das einzigartige souveräne Prinzip der Schöpferkraft des einzelnen oder was die Pythagoräer und Platon als dynamis (Kräfte) definierten - , ist schon immer die Natur der menschlichen Gattung gewesen, die sie von den Tieren unterscheidet. Doch dieses Prinzip und seine Anwendung bewußt zu erkennen, ist erst eine spätere Entdeckung unserer Gattung, irgendwann in einer uralten Epoche vor unserer Zeitrechnung.

Das Verhältnis der Menschheit zum Universum, wie ich es hier anhand der Konzepte des nichtlebenden Bereichs, der Biosphäre, und der Noosphäre dargestellt habe, macht das Wesen der Wirtschaftswissenschaft als Naturwissenschaft aus. Ein solches Verständnis dieser Wissenschaft ist jetzt unabdingbar, um die Praxis der Nationen und Völker für die jetzt unmittelbar vor uns liegenden Generationen zu gestalten.

wird fortgesetzt


Anmerkungen

a Anm. des Übersetzers: Die englische Kapitelüberschrift The Price Is Never Right!, wörtlich "Der Preis hat nie recht!", ist ein Wortspiel mit dem Titel der Fernsehsendung The Price is Right, in Deutschland Der Preis ist heiß.

3. Der neuzeitliche souveräne Nationalstaat, wie er in Platons Staat und im Werk Dante Alighieris vorgedacht wurde, wurde zum ersten Mal unter dem Einfluß der europäischen Renaissance des 15. Jahrhunderts verwirklicht; dabei spielten vor allem die Werke von Nikolaus von Cusa Concordantia Catholica und De Docta Ignorantia eine maßgebende Rolle; die ersten wahren modernen Nationalstaaten entstanden als sog. Commonwealth oder "Gemeinwohlgesellschaften" unter Ludwig XI. in Frankreich und Heinrich VII. in England.

4. Siehe Lyndon LaRouche, "Vernadsky and Dirichlet's Principle", EIR, 3.6.2005 sowie "LaRouche Dialogue with Youth: The Principle of ,Power'," EIR, 23.12.2005 (dt. Übers. in Vorbereitung).

5. Ibid.

6. Karl Marx kannte das Amerikanische System der politischen Ökonomie, vor allem das Werk von Friedrich List und Henry Carey, aber er wurde immer wieder von Friedrich Engels dazu getrieben, das Amerikanische System auf ziemlich grobe Art anzugreifen und so zu tun, als sei das britische System praktisch die einzige "wissenschaftliche" Grundlage volkswirtschaftlichen Denkens.

7. Zum Beispiel erklärt Karl Marx im 1. Band seines Kapitals, er lasse die Bedeutung der technologischen Zusammensetzung des Kapitals außer acht. Die Preis- und Werttheorien, die dabei herauskamen, daß Marx sich von der entsprechenden falschen Grundannahme der britischen Haileybury-Schule irreleiten ließ, liefern einen Schlüssel zum Verständnis der langwelligen Zusammenbruchstendenzen des sowjetischen Systems. Dieses paßte sich seit Chruschtschow den ideologischen Trends an, die von Orten wie der Cambridge Schule um die Anhänger Bertrand Russells ausstrahlte. Nur in der Rüstung und verwandten naturwissenschaftlichen Bereichen mißachtete das sowjetische System diese naive Sicht, wonach der lächerliche Adam Smith als wissenschaftlicher Geist galt.

8. In der Musik verkörpert die klassische Tradition - von Pythagoras und der Florentiner Definition, Ausbildung und Verwendung der menschlichen Belcanto-Singstimme über das Erbe der Kontrapunktik J.S. Bachs, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schumann bis Verdi und Brahms - die antiromantische und antimodernistische Methode der Komposition und Interpretation, die den Maßstab für künstlerische Komposition in allen plastischen und nichtplastischen Künsten liefert. Der entscheidende Unterschied liegt in den Ideen, die genau wie universelle Naturprinzipien keine Objekte unmittelbarer Sinneswahrnehmung sind, die aber wie das von Johannes Kepler entdeckte Gravitationsgesetz das, was sich als transzendentale Anordnung von Wirkungen beobachten läßt, in eine Ordnung bringen - etwa wie Bachs kontrapunktische Methode in Chorwerken.

9. Lyndon LaRouche, "The Principle of ,Power'", EIR, 23.12.2005, passim.

10. Dieses Konzept eines durch sich selbst begrenzten Universums, selbstbegrenzt durch ein Prinzip der Kreativität, ist in naturwissenschaftlichen Begriffen faßbar, jedoch nur vom Standpunkt Riemanns und seines Dirichlet-Prinzips. Siehe LaRouche, "Das Prinzip der Kraft", passim.

 

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