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Aus der Neuen Solidarität Nr. 21/2006 |
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Am Vortag der Eröffnung der ILA 2006 fand am 15. Mai der "Tag der Luft- und Raumfahrt" in Wildau nahe Berlin statt.
Eigentlich ist es offensichtlich: Die geschundene, verschuldete, verarmte Region Berlin-Brandenburg wird ein Zentrum der Luft- und Raumfahrt, und in einigen Jahren werden hier produktive Vollbeschäftigung, 10% reales Wirtschaftswachstum und eine steigende Rate des wissenschaftlich-technischen Fortschritts das Bild prägen. Dies wäre tatsächlich der Fall, wenn es eine nationale Strategie für die Entwicklung der Luft- und Raumfahrt gäbe.
Denn schon heute arbeiten 16 000 Menschen in der Region Berlin-Brandenburg in dieser Branche, existieren mit der TU Berlin, der TFH Wildau, der BTU Cottbus und der Uni Potsdam international anerkannte akademische Institute, die an der Spitze der Luft- und Raumfahrtforschung stehen. In Wildau, am südlichen Berliner Stadtrand in der Nähe des Schönfelder Kreuzes, existiert die weltweit beste Testanlage für Triebwerke. Zudem kann Berlin auf eine außergewöhnliche Tradition in der Luft- und Raumfahrt zurückblicken, die mit Namen wie Otto Lilienthal, Hermann Oberth und Wernher von Braun verbunden ist.
Der diesjährige Tag der Luft- und Raumfahrt am Vorabend der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) offenbarte allerdings präzise die politischen Defizite, an denen die Zukunftsvision des Luft- und Raumfahrtzentrums Berlin-Brandenburg (und damit ganz Deutschlands) scheitern wird, wenn sich nichts ändert.
Es kamen bei der diesjährigen Tagung im Zentrum der Luft- und Raumfahrt an der TFH Wildau neben der Politik vor allem Vertreter der mittelständischen Unternehmen der Branche zu Wort. Paul Gerg von der Firma Autoflug forderte gleich zu Beginn in klaren Worten ein nationales Luftfahrtforschungsprogramm, denn ein "europäisches Programm kann niemals ein nationales ersetzen". In einer so forschungsintensiven Industrie wie der Luft- und Raumfahrt (20% aller Investitionen gehen in Forschung und Entwicklung) käme es mehr als in anderen Branchen auf ein starkes staatliches Engagement an. Deswegen sei es um so skandalöser, daß trotz aller Beteuerungen zur Lissabon-Strategie in Wahrheit die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F+E) in der Luft- und Raumfahrt in der EU seit 2000 etwa um ein Viertel gesunken seien, während sie in den USA um 40% gestiegen sind (wenn auch überwiegend auf militärischem Gebiet). In Deutschland erleben wir seit Ende der 90er Jahre sogar eine Halbierung der staatlichen F+E-Ausgaben.
Der zweite Punkt der Alarmmeldungen betraf direkt die gefährdete Rolle der KMUs (kleine und mittlere Unternehmen) in der Luft- und Raumfahrtbranche.
Prof. Schwarz von der IABG rief die Regierung offensiv dazu auf, "als Moderator bei der Rettung des Mittelstands" aufzutreten. Was sind die unmittelbar drückenden Probleme der KMUs in der Luft- und Raumfahrt? Zum einen der immense Druck der großen Unternehmen wie Airbus, die immer höhere Haftungsbedingungen bei steigendem Preisdruck verlangen. Zum anderen geht es gerade in einer hochtechnologieintensiven Branche um die notwendige langfristige Vorfinanzierung von Investitionen. Die ist aber unter Basel II und den Bedingungen einer globalen Finanzkrise nicht mehr gewährleistet.
Die Folge ist eindeutig: entweder werden die KMUs wie auch in anderen Branchen von den berüchtigten Heuschrecken geschluckt oder von den großen "Systemhäusern" wie z.B. Airbus. In diesem Zusammenhang warnte sogar die sonst eher unbedarft erscheinende Staatssekretärin aus dem Wirtschaftsministerium Dagmar Wöhrl vor einem "Know-how-Transfer ins Ausland".
Es stellt sich bei all dem natürlich eine ganz grundsätzliche Frage. In allen Hochtechnologiebereichen haben wir in Deutschland in den letzten Jahren eine gezielte, an Sabotage grenzende Blockade revolutionärer Technologien bis hin zur Vernichtung produktiver Kapazitäten erlebt - Kernenergie und Transrapid sind die landläufigen Beispiele. Im Prinzip ist es natürlich bei der Luftfahrt nicht anders. Denn wenngleich der europäische Airbus Projekt A 380 sicher eine "Erfolgsgeschichte" ist, so liegt die Zukunft in der Branche jenseits dieses eher konventionellen Flugzeugtyps.
In drei Bereichen entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit der deutschen und europäischen Luftfahrt:
Darüber hinaus wird auf lange Sicht unsere Zivilisation nur mit einem Programm zur bemannten Raumfahrt überlebensfähig sein. All diese Projekte kommen jedoch in der aktuellen Diskussion nicht vor - und wenn überhaupt, dann hinter der sprichwörtlichen "vorgehaltenen Hand". So wagte auf dem Luft- und Raumfahrttag einzig Prof. Broichhausen vom "Bauhaus Luftfahrt" den Blick in die Zukunft. Unabhängig von der gegenwärtigen spekulativ bedingten Preisexplosion beim Erdöl warnte er, daß ab 2020 die Nachfrage nach Erdöl tatsächlich das Angebot tendenziell übersteigen wird. Spätestens dann müßten eigentlich Flugzeuge mit neuen Antriebssystemen z.B. auf Wasserstoffbasis zur Verfügung stehen.
Da man mit einer Entwicklungsphase von 15-20 Jahren rechnen muß, wäre es eigentlich höchste Zeit, jetzt mit der Entwicklung zu beginnen. Wenn wir nicht weiterhin wertvolle Zeit verlieren wollen, dann sei dringendst eine strategische Partnerschaft zwischen Industrie und Politik geboten, so Prof. Broichhausen.
Wie man es auch dreht und wendet: Die neoliberale Ideologie be- und verhindert den technologischen Fortschritt und untergräbt somit unsere Existenz. Nur mit einer starken Rolle des Staates werden wir nach Jahrzehnten der technologischen Stagnation langsam wieder Tritt fassen können.
Und dann kann auch die obige Vision Berlins als Zentrum für Luft- und Raumfahrt Wirklichkeit werden. Südlich von Berlin gibt es genügend Raum für Testanlagen von Überschallflugzeugen, Raumgleitern und Raketen. Der gigantische Bereich der Produktion - vom Triebwerk, Fahrwerk, elektronischen und optischen Systemen usw. usw. - würde sich unter normalen Bedingungen um die schon existierenden Kerne in Dahlewitz, Ludwigsfelde, Wildau weiter entwickeln, aber darüber hinaus die idealen Bedingungen der Infrastrukturen und Gebäude des Flughafens Tempelhof nutzen. Die von der Büso in den Wahlkampf getragene Vision von 1 Million neuen produktiven Arbeitsplätzen für die Region Berlin-Brandenburg wäre damit mehr als realistisch.
Frank Hahn
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